Aus den zahlreichen Bildern, die vom Konsistorium der vergangenen zwei Tage veröffentlicht wurden, seien zwei herausgegriffen, weil sie auf jeweils eigene Weise emblematisch sind: eines, das uns sehr gefällt, und eines, das uns weniger gefällt.
Der kniende Kardinal
Ersteres zeigt Ernest Kardinal Simoni. Ein Mann, der Weltpriester wurde, weil ihm die Kommunisten den Eintritt in den Franziskanerorden verwehrten. Schon als Novize erlebte er, wie das Kloster in Troshan gestürmt, alle Franziskaner getötet und die Novizen vertrieben wurden. Geheim zum Priester geweiht, wurde er vom Terrorregime ausgeforscht und zum Tode verurteilt. Von 1963 bis 1981 Jahre mußte er 18 Jahre in Gefangenschaft verbringen. Nach seiner Freilassung mußte er als Kanalarbeiter arbeiten, wirkte aber erneut auch als Untergrundpriester. Albanien blieb noch weit über den Fall der Berliner Mauer hinaus ein stalinistisches Gefängnis – bis Dezember 1990.
Kardinal Simoni, heute 97 Jahre alt, blieb bei der Messe, die Leo XIV. anläßlich des Konsistoriums im Petersdom zelebrierte, während der Wandlung knien. Der Papst hatte die Kardinäle zur Konzelebration eingeladen – eine Praxis, die in dieser Form bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil unbekannt war und im überlieferten Römischen Ritus bis heute fremd bleibt.
Papst Franziskus versuchte, die Konzelebration durchzusetzen, und ergriff dafür zahlreiche Maßnahmen, vor allem in der Priesterausbildung, aber auch durch die neue Hausordnung des Petersdoms. Die genauen Beweggründe von Kardinal Simonis Handeln sind nicht bekannt. Seine Haltung setzte jedoch einen bemerkenswerten optischen Kontrapunkt.

Die Kardinäle im Sitzkreis
Das zweite Bild zeigt die Kardinäle, wie sie, nach der Konsistoriumseröffnung im Neuen Synodensaal, in der große Audienzhalle Paolo VI an runden Tischen sitzen und Arbeitsgruppen bilden. Dieser Anblick erinnert unmittelbar an den synodalen Prozeß, den Papst Franziskus initiierte. Und daran soll er auch erinnern. Jemand führt ja Regie. Die Kardinäle haben sich ja nicht selbst so plaziert.
Der „synodale Weg“ – in deutscher wie in römischer Ausprägung – gehört zu den Seltsamkeiten jüngerer Kirchengeschichte. Der Anblick der Kardinäle im Sitzkreis wirkt befremdlich, fast entfremdend.
Trotz jahrelanger Beobachtung kirchlicher Ereignisse, besonders der römischen, irritieren diese Tische, weil sich Sinn und Nutzen des synodalen Weges nicht erschließen. Viele in der Kirche verstehen diese Entwicklung nicht mehr. Liegt es an den Beobachtern – oder daran, daß mit diesen strukturellen Eingriffen die Kirche auf falsche Wege gelenkt, falsch abgebogen wurde?
Die Idee dazu stammt aus der schwerkranken deutschen Kirche, weshalb per se schon kaum Gutes zu erwarten war. Franziskus, in seinem Pontifikat stark abhängig von progressiven deutschen Unterstützern, mußte die Idee übernehmen, um nicht die Kontrolle über seine einflußreichen Förderer zu verlieren. Inhaltlich geschah es nicht gegen seinen Willen, wenngleich es ihm mißfiel, das Tempo von den Teutonen diktiert zu bekommen.
Nun zeigt uns Leo XIV. dasselbe Bild – diesmal nicht in der Besetzung einer ominösen „Synode“, sondern eines Konsistoriums. Woran sollen wir uns hier gewöhnen? Die Vorgehensweise ist programmatisch und nicht zufällig. Leo XIV. kündigte an, an der von Bergoglio erfundenen „Kirchenversammlung“ festzuhalten. Nichts und niemand hätte ihn dazu zwingen können; er hätte die Idee seines argentinischen Vorgängers still und leise in den Nebeln der Geschichte verschwinden lassen können. Niemand hätte jenseits bestimmter interner Kreise je noch danach gefragt.
Leo XIV. setzt den Weg aber fort – aus freien Stücken – und macht sich damit zum Nachlaßverwalter Bergoglios. Genau dies hatte der Argentinier beabsichtigt und dafür zwölf Jahre lang das Kardinalskollegium umgebaut und aufgebläht, um sich einen Nachfolger zu sichern, der die von ihm angestoßenen „Prozesse“ fortsetzt. Genau das tut Leo XIV. Er wird es vielleicht etwas freundlicher tun, aber die Richtung korrigieren will er offenbar nicht.
Und damit auch ein Wort zum Stuhl- oder Sitzkreis. Die damit verbundene gruppendynamische Methode ist keine neutrale Technik, sondern ideologisch geprägt. Ihr liegt ein egalitäres, dialogisches Menschenbild zugrunde. Nicht nur Statusunterschiede sollen nivelliert werden, sondern auch Wissen, Erkenntnis und Verantwortung.
Diese Methode war von Anfang an politisch und ideologisch aufgeladen. Zentrale Figur ist Kurt Lewin, Begründer der Gruppendynamik, der als Jude nach 1933 das Deutsche Reich wegen der Nationalsozialisten verließ und in den USA eine Methode entwickelte. Zugleich arbeitete er im Zuge des Krieges und der Nachkriegszeit für US-Regierungsprogramme, darunter das OSS, den Vorläufer der CIA.
Die USA waren an einer „Umerziehung“ der Deutschen interessiert. Die Gruppendynamik galt als ein geeignetes Instrument dafür. In dem von den Alliierten besetzten und im westlichen Teil von den USA gelenkten Nachkriegsdeutschland wurde diese Methode von verschiedenen Kräften implementiert. Die zentrale Rolle dabei spielten zwei Institutionen:
- das Tavistock Institute in London, hervorgegangen aus der britischen Militärpsychiatrie und ein zentraler Baustein im US-dominierten transatlantischen Netzwerk zur Kontrolle und Angleichung Europas an die USA,
- die aus dem US-Exil in das besetzte Deutschland rücküberführte marxistische Frankfurter Schule. Das Detail, daß diese Schule aus den USA zurückgekehrt war, wurde im oft hitzigen Nachkriegsdiskurs von nicht-linker Seite oft übersehen. Die Kontrollausübung der USA war engmaschiger als von vielen gedacht.
Beide Institutionen erhielten offiziell keine direkten Finanzierungen durch die US-Regierung, beide Institutionen wurden jedoch von der Rockefeller Foundation finanziert.
Lewin, der 1947 in den USA verstirbt, hatte wohl persönliche Kontakte zu Marxisten, war aber selbst nie in diesen Kreisen aktiv. Die Vertreter der Frankfurter Schule erkannten in Lewins Methode jedoch ein probates Instrument zur Verbreitung und Durchsetzung ihrer „demokratischen“ und „emanzipatorischen“ Ideen, die wesentlich in der 68er Revolte mündeten.
Das Ziel beider Hauptakteure ist die soziale Konditionierung.

In die katholische Kirche gelangte diese Umerziehungsmethode durch Trainingsprogramme für Führungskräfte ab den 1950er Jahren, insbesondere im katholischen Bildungsbereich der Bundesrepublik Deutschland. Auch im kirchlichen Raum erfolgte das Eindringen von zwei Seiten und jeweils verdeckt: zum einen scheinbar „neutral“ durch Weiterbildungen auf Grundlage sogenannter moderner pädagogischer und psychologischer Methoden „auf dem neuesten Stand“, zum anderen durch eine ideologische Affinität zum linken Spektrum.
Ab Mitte der 1960er Jahre wurden diese Methoden zunehmend breiter in der Pastoralausbildung eingesetzt und gelangten so über die theologischen Fakultäten und kirchlichen Akademien direkt in die Laienausbildung. Dies geschah wohl weniger durch äußeren Druck oder aus ideologischen oder gar geopolitischen Überlegungen heraus, sondern vielmehr als Ausdruck eines bereits weit verbreiteten gesellschaftlichen Trends, den Teile der Kirche übernommen hatten. Ein „Kollateralschaden“ des Kalten Krieges?
Die Auswirkungen blieben auch innerhalb der Kirche nicht aus. Das Umerziehungsprogramm war anti-autoritär und anti-hierarchisch und traf damit Kirche und kirchliche Gesellschaft mit weit größerer Wucht als Staat und Zivilgesellschaft. Der Schaden, der dadurch in der Kirche angerichtet wurde, ist enorm. Das Bild der an Tischen im Kreis sitzenden und in Arbeitsgruppen aufgesplitterten Kardinäle ruft dies in Erinnerung.
Bilder haben einen Zweck, und jemand verfolgte mit diesem Bild die Absicht, eine bestimmte Botschaft auszusenden. Manche mögen sich an dieser Interpretation vielleicht stoßen oder sie gar für überzogen halten. Anderen mißfällt dieses Bild und die damit verbundene Botschaft.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Vatican.va (Screenshots)
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