Das Konsistorium als Programm – Kollegialität statt Synodalität?

Der nicht endenwollende Schatten Bergoglios


Leo XIV. beim Te Deum im Petersdom zum Abschluß des ersten außerordentlichen Konsistoriums seines Pontifikats
Leo XIV. beim Te Deum im Petersdom zum Abschluß des ersten außerordentlichen Konsistoriums seines Pontifikats

Ein Kom­men­tar von Giu­sep­pe Nardi

Das außer­or­dent­li­che Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­um ist been­det, doch es mar­kiert offen­kun­dig kei­nen Abschluß, son­dern den Auf­takt eines neu­en For­mats. Papst Leo XIV. kün­dig­te ein wei­te­res Tref­fen für Ende Juni an, ver­bun­den mit der Absicht, künf­tig jähr­lich mehr­tä­gi­ge Kon­si­sto­ri­en abzu­hal­ten. Die vati­ka­ni­sche Pres­se­stel­le bestä­tig­te dies umge­hend. Was auf den ersten Blick wie ein orga­ni­sa­to­ri­sches Detail wirkt, ist eine pro­gram­ma­ti­sche Wei­chen­stel­lung – mit nicht weni­gen Spannungen.

Institutionalisierte „Synodalität“

Leo XIV. stellt die Kon­si­sto­ri­en aus­drück­lich in die „Kon­ti­nui­tät“ der vor dem Kon­kla­ve geäu­ßer­ten Wün­sche nach stär­ke­rer Ein­bin­dung des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums – nach­dem Fran­zis­kus das Hei­li­ge Kol­le­gi­um mar­gi­na­li­siert hat­te. Zugleich bestä­tig­te er jedoch für Okto­ber 2028 die berg­o­glia­ni­sche Kir­chen­ver­samm­lung, von der nie­mand sagen kann, wozu sie die­nen soll. Dem argen­ti­ni­schen Pon­ti­fex schweb­te die „Syn­oda­li­sie­rung“ der Welt­kir­che nach dem deut­schen Modell vor. Die Abhal­tung eines Kon­zils light, eines Drit­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, das man aber nicht so nen­nen dür­fe… Die übli­che berg­o­glia­ni­sche Trick­se­rei? Damit ist klar: Der syn­oda­le Pro­zeß, den vie­le bereits als abge­schlos­sen oder zumin­dest erschöpft betrach­te­ten, wird nicht nur fort­ge­setzt, son­dern struk­tu­rell ver­ste­tigt. Dabei sehen Kri­ti­ker dahin­ter, selbst bei neu­tra­ler Betrach­tung, eine Tot­ge­burt, ein typisch pro­gres­si­ves Instru­ment, um Akti­vis­mus um des Akti­vis­mus wil­len zu betrei­ben. Bei inhalt­li­cher Betrach­tung tun sich hin­ge­gen schwer­ste Beden­ken auf, wie der deut­sche Syn­oda­le Weg abschreckend vor Augen führ­te. Moder­ni­sti­sche Kräf­te suchen mit Brech­ei­sen nach der nöti­gen Hebel­wir­kung, um die Dis­zi­plin und Dok­trin der Kir­che aus den Angeln zu heben. Das Ergeb­nis einer sol­chen Ope­ra­ti­on steht bereits fest, denn sie ist Teil des struk­tu­rel­len Pro­blems. Die moder­ni­sti­schen Kräf­te kön­nen sich nicht auf gan­zer Linie durch­set­zen, die bewah­ren­den Kräf­te lei­sten zu gro­ßen Wider­stand, doch die Ach­se ver­schiebt sich im gefun­de­nen „Kom­pro­miß“ uner­bitt­lich nach links. Der ein­zi­ge Sie­ger ist unter dem Strich, wie seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil üblich, die pro­gres­si­ve Agenda.

Auf­fäl­lig ist dabei die Wort­wahl: Papst Leo XIV. spricht von einer „nicht-tech­ni­schen Syn­oda­li­tät“, von Hören, von Mit­ein­an­der und von geist­li­cher Gesprächs­kul­tur. Was pasto­ral ver­söhn­lich klingt, bleibt jedoch inhalt­lich bemer­kens­wert vage. Das aber ist ein grund­sätz­li­ches Pro­blem der nach­kon­zi­lia­ren Kir­che und erin­nert kon­kret an das berg­o­glia­ni­sche Vor­ge­hen. Weder wur­de prä­zi­siert, wel­che kon­kre­ten Leh­ren oder kirch­li­chen Struk­tu­ren zur Dis­po­si­ti­on ste­hen, noch wel­che Gren­zen die­ser „syn­oda­le Weg“ haben soll. Gera­de die­se Unbe­stimmt­heit nährt Zwei­fel – nicht bei den pro­gres­si­ven Kräf­ten, die sich bestä­tigt füh­len, aber bei jenen, die um die lehr­mä­ßi­ge Klar­heit der Kir­che besorgt sind.

Alte Schlagworte, neue Verpackung

Inof­fi­zi­el­le Berich­te aus dem Kreis der Kar­di­nä­le zeich­nen ein ernüch­tern­des Bild: Trotz Papst­wech­sel domi­nie­ren wei­ter­hin bekann­te Paro­len aus der berg­o­glia­ni­schen Ära – „Kir­che im Auf­bruch“, „Feld­la­za­rett“, „ohne Syn­oda­li­tät kei­ne wah­re Kir­che“. Daß aus­ge­rech­net die­se For­meln erneut bemüht wer­den, läßt die Hoff­nung auf einen ech­ten Kurs­wech­sel, acht Mona­te nach der Papst­wahl, gegen null schwin­den. Der struk­tu­rel­le Wan­del des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums – zah­len­mä­ßig auf­ge­bläht, theo­lo­gisch hete­ro­gen – wirkt stär­ker als der per­sön­li­che Stil des neu­en Pap­stes. Auch bezüg­lich der Qua­li­tät zei­gen sich Defi­zi­te, da Fran­zis­kus bevor­zugt Kan­di­da­ten such­te, die einen pro­gres­si­ven Ideo­lo­gie­test bestehen.

Die Anwe­sen­heit und media­le Auf­wer­tung pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter eines aus­ge­spro­chen pro­gres­si­ven Kir­chen­ver­ständ­nis­ses wie Timo­thy Rad­clif­fe OP ver­stärkt die­sen Ein­druck. Auch das ist bereits von Fran­zis­kus her bekannt. Rad­cliffes Beto­nung der „Offen­heit für die Neu­heit Got­tes“ mag spi­ri­tu­ell klin­gen, bleibt aber theo­lo­gisch pro­ble­ma­tisch, solan­ge nicht klar benannt wird, was unver­än­der­lich bleibt. Neu­heit als Wert an sich ist kein katho­li­sches Kri­te­ri­um. Ent­wick­lung ohne kla­re Kon­ti­nui­tät wird zur Bruch­li­nie. Die Kir­chen­füh­rung weiß dies aus ihrer jüng­sten, inzwi­schen 60jährigen Erfah­rung ganz genau. 

Gesten, die mehr sagen als Worte

In die­sem Kon­text gewin­nen stil­le Zei­chen beson­de­re Bedeu­tung. Der hoch­be­tag­te Kar­di­nal Ernest Simo­ni ent­schied sich, nicht mit dem Papst und den ande­ren Kar­di­nä­len zu kon­ze­le­brie­ren und wäh­rend des Hoch­ge­bets kniend zu ver­har­ren. Die­se Hal­tung wirk­te wie ein unauf­ge­reg­tes, aber ein­drucks­vol­les Gegen­ge­wicht. Ohne Pro­test, ohne Erklä­rung, schien er mit sei­nem Knien an das Opfer­ver­ständ­nis der Mes­se zu erin­nern, eine Fröm­mig­keit, die exem­pla­risch an sei­ner Per­son aus Ver­fol­gung und Treue gewach­sen ist. Kar­di­nal Simo­ni saß noch im sta­li­ni­sti­schen Ker­ker Alba­ni­ens, als die Ber­li­ner Mau­er bereits gefal­len war. Sein Ver­hal­ten war wie eine wort­lo­se Mah­nung: Die Kir­che lebt nicht von For­ma­ten, son­dern von Glauben.

Ein Papst, der zuhört – und zögert?

Leo XIV. prä­sen­tier­te sich wäh­rend des Kon­si­sto­ri­ums als auf­merk­sam, hörend, notie­rend. Vie­le Kar­di­nä­le lob­ten sei­nen Stil, sei­ne Bereit­schaft zum Dia­log, sei­ne Kol­le­gia­li­tät. Doch gera­de hier liegt die offe­ne Fra­ge: Wird die­ses Zuhö­ren zu kla­ren Ent­schei­dun­gen füh­ren – oder bleibt es beim Pro­zeß? Die Kir­che befin­det sich nicht in erster Linie in einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kri­se, son­dern in einer Glau­bens- und Orientierungskrise.

Mehr Kon­si­sto­ri­en bedeu­ten nicht auto­ma­tisch mehr Klar­heit. Die Kol­le­gia­li­tät wäre eine wohl­tu­en­de Gegen­be­we­gung in die­sem Moment der Kir­chen­ge­schich­te. Doch die von Leo XIV. zugleich fort­ge­setz­te Syn­oda­li­sie­rung läßt die gleich­zei­ti­ge Beto­nung von mehr Kol­le­gia­li­tät eher nur als aus­glei­chen­des Pla­ce­bo erschei­nen. Jene ewi­ge Tak­tie­re­rei, die „bei­de Sei­ten“ irgend­wie zufrie­den­stel­len will, was kon­kret meist bedeu­tet, daß die Pro­gres­si­ven einen Punk­te­sieg fei­ern, wäh­rend sich die Kon­ser­va­ti­ven mit Beru­hi­gungs­pil­len zufrie­den­ge­ben. Über der Syn­oda­li­tät hängt jedoch ein Damo­kles-Schwert, des­sen sich Leo XIV. bewußt wer­den soll­te. Es ist ein Schwert, das sein Vor­gän­ger Fran­zis­kus anbrach­te: „Syn­oda­li­tät ohne Tech­nik“ kann schnell zu einer Syn­oda­li­tät ohne Maß­stab wer­den. Der Blick zu den pro­te­stan­ti­schen Deno­mi­na­tio­nen, zu denen heu­te auch die Angli­ka­ner zu zäh­len sind, spricht eine deut­li­che Spra­che. Behaup­ten zu wol­len, daß der glei­che struk­tu­rel­le Weg in der katho­li­schen Kir­che zu einem ande­ren Ergeb­nis füh­ren wer­de, zeug­te von einem hohen Maß an Realitätsverweigerung.

Was die katho­li­sche Kir­che braucht, wie Kri­ti­ker des berg­o­glia­ni­schen Weges beton­ten, sind nicht nur neue und mehr Tref­fen, son­dern eine „katho­li­sche Injek­ti­on“ – eine Rück­bin­dung an Schrift, Tra­di­ti­on und ver­bind­li­che Leh­re. Ohne die­se bleibt auch das ambi­tio­nier­te­ste Kon­si­sto­ri­en­pro­gramm letzt­lich ein Gesprächsritual.

Mit dem Kon­si­sto­ri­um ist das Pon­ti­fi­kat von Leo XIV. defi­ni­tiv eröff­net, eröff­net ist aber auch der Weg. Ob er in die Erneue­rung oder in eine wei­te­re Ver­flüs­si­gung kirch­li­cher Iden­ti­tät führt, ist noch offen. Die leo­ni­ni­schen Wei­chen­stel­lun­gen mögen bis­her nicht wirk­lich zu über­zeu­gen. Der Grund dafür ist benenn­bar. Das Pon­ti­fi­kat Leos XIV. steht und fällt mit sei­ner Bereit­schaft und Ent­schlos­sen­heit, sich von der berg­o­glia­ni­schen Ära zu trennen.

Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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