Von Roberto de Mattei*
Am 12. Dezember dirigierte im Vatikan, in Anwesenheit von Leo XIV., Maestro Riccardo Muti die Messe zur Krönung Karls X. von Luigi Cherubini. Zur Aufführung gelangte das Werk durch das Orchester Giovanile Luigi Cherubini sowie den Chor der Kathedrale von Siena „Guido Chigi Saracini“.
Dieses Ereignis wurde zu Recht als Zeichen der Rückkehr der großen Sakralmusik in den Vatikan begrüßt – einer Musiktradition, die während der Jahre des Pontifikats von Papst Franziskus weitgehend abwesend gewesen war. Die Wahl gerade dieser Messe als musikalische Huldigung an Leo XIV. erscheint jedoch zugleich als ein Geschehen von dichter symbolischer Bedeutung.
Luigi Cherubini (1760–1842), ein von Riccardo Muti besonders geschätzter Komponist, zählt zu den zentralen Gestalten der europäischen Musik zwischen dem ausgehenden 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert. In Florenz geboren, verbrachte er den Großteil seines Lebens in Frankreich, wo er einige der dramatischsten Epochen der neueren Geschichte erlebte: die Französische Revolution, die Herrschaft von Napoleon Bonaparte sowie die monarchische Restauration nach 1814. Als Schöpfer bedeutender Opern- und Kirchenwerke wurde er Direktor des Pariser Konservatoriums und übte einen nachhaltigen Einfluß auf die musikalische Ausbildung in Europa aus.
Die Messe zur Krönung Karls X. stellt einen Höhepunkt seines geistlichen Schaffens dar: ein Werk, das für einen Ritus geschaffen wurde, in dem sakrale Musik, Theologie und Politik untrennbar miteinander verbunden waren.
Die Messe entstand anläßlich der Krönung Karls X. von Frankreich, die am 29. Mai 1825 in der Kathedrale von Reims gefeiert wurde. Karl X. (1757–1836), zuvor Graf von Artois, war der Bruder Ludwigs XVI., der am 21. Januar 1793 guillotiniert wurde, sowie Ludwigs XVIII., der nach dem Sturz Napoleons 1814 den Thron bestieg, jedoch im September 1824 ohne Nachkommen verstarb. Karl X. regierte lediglich sechs Jahre. Nach der Julirevolution von 1830 und seiner Abdankung lebte er im Exil, das er mit großer Würde als von der Vorsehung zugelassene Prüfung verstand. Er starb 1836 in Görz und wurde in Kostanjevica (ital. Castagnavizza) beigesetzt, gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der französischen Königsfamilie.
Karl X. bekannte sich entschieden zum monarchischen Prinzip und bestand darauf, gemäß dem alten Krönungsritus gekrönt zu werden, der 1365 von Karl V. von Frankreich kodifiziert worden war, dessen Ursprünge jedoch bis zum Pontifikale des Erzbischofs Egbert aus dem 8. Jahrhundert zurückreichen. Über mehr als achthundert Jahre hatte dieser Ritus keine wesentlichen Veränderungen erfahren, und Karl X. wollte ihn in seiner ganzen ursprünglichen Gestalt wiederaufnehmen. Während der Zeremonie bestand der König darauf, bei den feierlichsten Momenten persönlich zu knien, trotz seines Alters und körperlicher Beschwerden, mit der Begründung, daß man eine heilige Gewalt nicht im Stehen empfangen könne.
Der zentrale Augenblick der Krönung war die Salbung mit dem heiligen Öl, das der Überlieferung nach in der berühmten Heiligen Ampulle aufbewahrt wurde. Nach dem Bericht des Hinkmar von Reims soll eine Taube diese Ampulle vom Himmel zu dem heiligen Remigius gebracht haben, der mit dem darin enthaltenen Öl Chlodwig, den ersten christlichen König der Franken, salbte. Von da an galt der König von Frankreich nahezu als Stellvertreter Christi, mit einer von der Vorsehung übertragenen Sendung betraut. Die königliche Weihe brachte den sakralen Ursprung der weltlichen Macht zum Ausdruck.
Während der Französischen Revolution, am 7. Oktober 1792, hatte ein Mitglied des Nationalkonvents, der aus Straßburg stammende protestantische Pastor Philipp Rühl, in dessen Auftrag die Heilige Ampulle öffentlich auf dem Platz von Reims zerbrochen – ein symbolischer Akt der Verwerfung des sakralen Charakters der Monarchie. Dennoch wurde, wie ein zeitgenössisches Protokoll belegt, am Vortag mit einer goldenen Nadel ein Teil des Chrisams entnommen und bewahrt, der später zur Salbung Karls X. verwendet wurde.
Die Krönung Karls X., die am Morgen des 29. Mai 1825 um acht Uhr begann, war vom Monarchen bewußt als feierliche Bekräftigung der Rückkehr der sakralen Monarchie nach dem revolutionären Bruch gewollt. Paris, Hauptstadt der Revolution, blieb am Rande des Geschehens; gewählt wurde Reims, der traditionelle Krönungsort der französischen Könige. Es handelte sich somit um einen zutiefst gegenrevolutionären Akt. Der König legte den rituellen Eid ab, empfing Sporen und Schwert als Zeichen der Herrschaft, wurde vom Erzbischof, Monsignore Jean-Baptiste de Latil, mit dem heiligen Chrisam gesalbt und erhielt sodann Mantel, Ring, Zepter, die Hand der Gerechtigkeit und schließlich die Krone. Die Musik Cherubinis nahm dabei eine zentrale Stellung ein und begleitete die entscheidenden Momente der Krönung.
Auf die Messe folgte der traditionelle Ritus der Heilung der Skrofulose, einer bis ins 19. Jahrhundert weit verbreiteten Form der Lymphdrüsentuberkulose. Einer sehr alten Überzeugung zufolge besaßen die Könige von Frankreich die Macht, dieses Leiden durch bloße Handauflegung zu heilen, wobei sie die Formel sprachen: „Le roi te touche, Dieu te guérit“ – „Der König berührt dich, Gott heilt dich.“
Karl X. nahm diesen Ritus, den seine Vorgänger aufgegeben oder abgeschwächt hatten, feierlich wieder auf. Er berührte die Kranken einzeln, in Sammlung und Andacht, und viele wurden geheilt, wie auch der Historiker Marc Bloch in seinem berühmten Werk Die wundertätigen Könige (Les Rois Thaumaturges, 1924) bezeugt. Der heilige Thomas von Aquin erklärt in De Regimine Principum, daß die heilige Salbung dem König einen gewissen Heiligkeitscharakter verleihe, der sich gerade in den Wundern und Heilungen der geweihten Herrscher manifestiere. Die Heilung der Skrofulose bildete zusammen mit Salbung und Krönung eine einheitliche rituelle Sprache, die in der Messe zur Krönung Karls X. in ihrer ganzen Pracht Ausdruck findet.
Diese Messe feierte vor zwei Jahrhunderten den Triumph der katholischen Monarchie, verstanden nicht bloß als Regierungsform, sondern als geschichtlicher Ausdruck einer sakralen Zivilisation, in der die weltliche Autorität ihren Ursprung im natürlichen und göttlichen Gesetz anerkannte. Die Aufführung der Messe zur Krönung Karls X. von Cherubini im Vatikan vor dem Heiligen Vater hat daher die sakramentale Auffassung von Macht, die der christlichen Zivilisation eigen ist, erneut ins Gedächtnis gerufen und erhielt den Charakter eines symbolischen Verweises auf eine bleibende Wahrheit: jene von Jesus Christus als König der Gesellschaft und der Geschichte. Es erscheint nicht zufällig, daß dieses Ereignis im hundertsten Jahr der Enzyklika Quas primas von Pius XI. (1925) stattfand, in der der Papst mit Klarheit die schriftgemäße, theologische und geistliche Grundlage der sozialen Königsherrschaft Christi bekräftigte – ein bleibendes Ideal jedes wahrhaft katholischen Bewußtseins.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana