Der Schlaf der Seele und der wahre Friede

Einige Gedanken zum Advent


Advent

Von Cin­zia Notaro*

Wie vie­le Men­schen schla­fen ruhig in ihren Sün­den, weil sie sich in Frie­den wäh­nen, wäh­rend sie sich in Wahr­heit in einer Täu­schung wiegen!

Der hei­li­ge Pau­lus schreibt: „Die Stun­de ist gekom­men, vom Schlaf auf­zu­ste­hen; denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläu­big wur­den“ (Röm 13,11). Und der hei­li­ge Augu­sti­nus beschreibt in den Con­fes­sio­nes die­sen Zustand als eine „Schläf­rig­keit der See­le“, die sich am Welt­li­chen erfreut, statt Gott zu suchen. Das „ruhi­ge Schla­fen“ ist somit jener trü­ge­ri­sche Frie­de der Sün­de, der nicht vom Herrn kommt, son­dern von der Gewöh­nung an das Böse. Es ist ein schein­ba­rer Frie­den, der im „Augen­blick der Not“ zusammenbricht.

Die Welt applau­diert ihnen, weil sie auf ihren Wegen gehen und ihrer Logik fol­gen: der Logik des Vor­teils, der Berech­nung, des blo­ßen Schein­erfolgs. Sie wer­den nicht ver­folgt, weil sie nie­man­dem lästig fal­len: Sie sind so, wie die Welt sie haben will – gefü­gig und angepaßt.

Jesus sagt zu sei­nen Jün­gern: „Wenn ihr von der Welt stam­men wür­det, wür­de die Welt euch als ihr Eigen­tum lie­ben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, son­dern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, dar­um haßt euch die Welt.“ (Joh 15,19).

Wer Chri­stus folgt, begeg­net Wider­stand, denn das Evan­ge­li­um geht gegen den Strom. Wer sich hin­ge­gen „anpaßt“ und mit dem Strom schwimmt, lebt bequem, ver­zich­tet jedoch auf die Wahr­heit. Das ist der geist­li­che Kom­pro­miß: sich den welt­li­chen Logi­ken (Nut­zen, Ego­is­mus, Kal­kül) zu beu­gen, um Kon­flik­te zu ver­mei­den – und dabei die inne­re Frei­heit preiszugeben.

Doch jener Frie­de ist zer­brech­lich und flüch­tig. In der Stun­de der Prü­fung löst er sich auf wie Nebel im Son­nen­licht, und wer ihn für Sicher­heit gehal­ten hat­te, erkennt, daß er allein ist. Die­je­ni­gen, die zuvor von Lie­be spra­chen, zie­hen sich zurück; frü­he­re Freun­de sind plötz­lich nicht mehr zu fin­den, denn eine auf Nut­zen gegrün­de­te Freund­schaft stirbt, sobald der Nut­zen endet.

Wir leben in einer Welt, in der alles einen Preis hat – selbst Gefüh­le, selbst die Näch­sten­lie­be. Man redet von Brü­der­lich­keit, doch es ist eine Brü­der­lich­keit an der Ober­flä­che, die auf Gegen­sei­tig­keit beruht, nicht auf dem Geschenk. Eine „fal­sche Brü­der­lich­keit“, die eine säku­la­ri­sier­te Gesell­schaft sicht­bar macht, wel­che die Lie­be durch Nut­zen und wech­sel­sei­ti­ges Inter­es­se ersetzt hat. Wah­res Leben ent­steht allein aus dem Unent­gelt­li­chen, aus dem, was nichts zurück­for­dert. So liebt nur Gott, und nur wer Sei­ne Lie­be annimmt, kann ler­nen, ohne Maß zu schenken.

Der Mensch, der sich an die Lüge gewöhnt, hält sich für frei, ist aber in Wahr­heit ein Gefan­ge­ner. Er legt je nach Umstän­den ver­schie­de­ne Mas­ken an, bis er nicht mehr weiß, wer er ist. Und das Erschreckend­ste ist: Er gefällt sich in die­sem Zustand. Er zieht die Fin­ster­nis vor, weil das Licht ihn zwin­gen wür­de, sich selbst zu erkennen.

Doch „Gott will nicht den Tod des Sün­ders, son­dern daß er sich bekehrt und lebt“ (Ez 33,11); Er ruft ihn zur Umkehr, damit er von den „Ket­ten des Bösen“ befreit wer­de – Sinn­bild der Knecht­schaft der Sün­de und des Betrugs.

„Wir sind teu­er erkauft“ (1 Kor 6,20), und wer die Erlö­sung zurück­weist, ent­schei­det sich bewußt, in der Fin­ster­nis gefan­gen zu bleiben.

Aber die Barm­her­zig­keit Got­tes ermü­det nicht. Er klopft immer noch an die Tür der schla­fen­den Her­zen und spricht: „Wach auf, der du schläfst; Chri­stus wird dich erleuch­ten“ (Eph 5,14). Jeder Augen­blick ist eine gün­sti­ge Stun­de; jeder Schmerz kann zum Erwa­chen wer­den. Es ist nie­mals zu spät, zur Wahr­heit zurück­zu­keh­ren, die Ket­ten des Bösen abzu­wer­fen und sich vom Erlö­ser umar­men zu lassen.

Chri­stus hat den Preis unse­rer Frei­heit bereits bezahlt. Am Holz des Kreu­zes hat Er alles hin­ge­ge­ben: Blut, Trä­nen, Lie­be. Er for­dert kein Geld, kei­ne Ver­dien­ste – Er ver­langt nur ein auf­rich­ti­ges Herz, das sich rei­ni­gen las­sen will.

Wer Sein Licht annimmt, fürch­tet die Fin­ster­nis der Welt nicht mehr, denn er weiß, daß der wah­re Frie­de, ein­mal gefun­den, nicht mehr genom­men wer­den kann.

Nur die in Lie­be geleb­te Wahr­heit schenkt jenen Frie­den, der echt ist – nicht jenen schein­ba­ren, der aus Ego­is­mus gebo­ren wird.

*Cin­zia Nota­ro publi­ziert Inter­views und Kom­men­ta­re aus einer kri­tisch-kon­ser­va­ti­ven Per­spek­ti­ve bei ver­schie­de­nen Medi­en wie Stilum Curiae und Insi­de the Vati­can.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL