„Wir werden wieder Kathedralen bauen“

Für eine Geschichte der katholischen Kultur des 20. Jahrhunderts

"Wir werden wieder Kathedralen bauen", war ein Motto der Katholischen Allianz (Alleanza Cattolica), die als Reaktion auf die Studentenproteste von 1968 entstanden war.
"Wir werden wieder Kathedralen bauen", war ein Motto der Katholischen Allianz (Alleanza Cattolica), die als Reaktion auf die Studentenproteste von 1968 entstanden war.

Von Rober­to de Mattei*

Im Hin­ter­land der poli­ti­schen Rech­ten, die heu­te in Ita­li­en an der Regie­rung ist, gibt es einen katho­li­schen Kul­tur­strang, des­sen Kon­si­stenz und Wur­zeln noch nicht unter­sucht wur­den. Einen wich­ti­gen Bei­trag zum Ver­ständ­nis die­ser Denk­rich­tung bie­tet das Buch von Oscar San­gui­net­ti und Pier­lui­gi Zoc­ca­tel­li mit dem Titel „Wir wer­den wie­der Kathe­dra­len bau­en1.

Der Unter­ti­tel des Buches lau­tet „Für eine Geschich­te des Ursprungs der Katho­li­schen Alli­anz (1960–1974)“. Die Stu­die ver­sucht, die Geschich­te die­ser Ver­ei­ni­gung auf der Grund­la­ge von Memoi­ren von Haupt­ak­teu­ren, inter­nen Doku­men­ten, Inter­views und Fra­ge­bö­gen an Akti­vi­sten oder Ex-Akti­vi­sten zu rekon­stru­ie­ren. Die Autoren wei­sen zu Recht dar­auf hin, daß es sich weder um eine „offi­zi­el­le“ noch um eine erschöp­fen­de Dar­stel­lung han­delt. Ihre Rekon­struk­ti­on der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Bewe­gung wird jedoch wegen ihrer Objek­ti­vi­tät und Wis­sen­schaft­lich­keit geschätzt.

Vor­ge­schich­te und erste Jah­re der Alle­an­za Cattolica

Der inter­es­san­te­ste Bei­trag des Buches ist nicht der­je­ni­ge, der den orga­ni­sa­to­ri­schen Ursprün­gen der Ver­ei­ni­gung gewid­met ist, son­dern jener, in dem ihre kul­tu­rel­len Wur­zeln unter­sucht wer­den, d. h. die Wie­der­ent­deckung der katho­li­schen Gegen­re­vo­lu­ti­on durch eine idea­li­sti­sche und ent­schlos­se­ne Grup­pe jun­ger Men­schen in den Jah­ren der Stu­den­ten­re­vol­te von 1968. Zwei Per­sön­lich­kei­ten sind die Haupt­fi­gu­ren die­ser Wie­der­ent­deckung: Gio­van­ni Can­to­ni und Ago­sti­no San­fra­tel­lo: „Zwei Men­schen von hohem intel­lek­tu­el­lem und spi­ri­tu­el­lem Rang, von unter­schied­li­chem Tem­pe­ra­ment – der eine vor­sich­ti­ger und rea­li­sti­scher, der ande­re lei­den­schaft­li­cher in sei­nem akti­vi­sti­schen Enga­ge­ment –, die sich aber glück­li­cher­wei­se gegen­sei­tig ergän­zen“ (S. 105). Das Ide­al der jun­gen Ver­ei­ni­gung kommt in der ersten Stro­phe eines von Ago­sti­no San­fra­tel­lo kom­po­nier­ten Lie­des zum Ausdruck:

„Wir wer­den wie­der Kathe­dra­len bau­en, /​ wir wer­den zurück­keh­ren, um in Schlös­sern zu leben.“

Can­to­ni und San­fra­tel­lo grün­de­ten die Alle­an­za Cat­to­li­ca Ende der 60er Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts zwi­schen Pia­cen­za und Mai­land, in einer Zeit, in der die Geschich­te Ita­li­ens in Auf­ruhr war. Die Ver­ei­ni­gung war ein abso­lu­tes Novum unter den in den 70er Jah­ren ent­stan­de­nen Rea­li­tä­ten und zeich­ne­te sich als die anspruchs­voll­ste katho­li­sche Grup­pe in Bezug auf Aus­bil­dung und Rekru­tie­rung aus. Im Sep­tem­ber 1975 waren die Exer­zi­ti­en des hei­li­gen Igna­ti­us von Loyo­la ein wich­ti­ger Aspekt im per­sön­li­chen Leben vie­ler ihrer Akti­vi­sten, die in Fie­sole von Pater Lodo­vico Bar­ri­el­le, einer füh­ren­den Per­sön­lich­keit des von Msgr. Mar­cel Lefeb­v­re gegrün­de­ten Prie­ster­se­mi­nars in Ecô­ne, gepre­digt wur­den. In der Zwi­schen­zeit, zwi­schen 1975 und 1976, ver­such­te die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei (PCI) nach dem Sieg beim Schei­dungs­re­fe­ren­dum am 12. und 13. Mai 1974 die Macht zu über­neh­men, wäh­rend im Par­la­ment die Initia­ti­ve zum Abtrei­bungs­ge­setz von Radi­ka­len und Sozia­li­sten mit Unter­stüt­zung des PCI und dem aus­blei­ben­den Wider­stand der Christ­de­mo­kra­ten (DC) vor­an­ge­trie­ben wur­de. Alle­an­za Cat­to­li­ca berei­te­te das Refe­ren­dum gegen Ehe­schei­dung und Abtrei­bung vor; sie führ­te einen erbit­ter­ten Kampf gegen den Histo­ri­schen Kom­pro­miß2 und gegen die roten Regie­run­gen Andreot­ti-Ber­lin­guer3, indem sie ver­such­te, einem oft ober­fläch­li­chen und unwirk­sa­men Anti­kom­mu­nis­mus dok­tri­nä­re Kon­si­stenz zu verleihen.

Der wich­tig­ste Bei­trag der Bewe­gung war intel­lek­tu­el­ler Natur. Alle­an­za Cat­to­li­ca hat­te ihre Wur­zeln in der ita­lie­ni­schen poli­ti­schen Rech­ten, die sich damals ideo­lo­gisch vor allem auf das Den­ken des Phi­lo­so­phen des Idea­lis­mus Gio­van­ni Gen­ti­le und des neu­heid­ni­schen Autors Juli­us Evo­la stütz­te. Obwohl Ita­li­en der Sitz des Papst­tums war, hat­te die katho­li­sche Kul­tur dort nicht die Ent­wick­lung genom­men, die in ande­ren Län­dern bekannt war. Gio­van­ni Can­to­ni und Ago­sti­no San­fra­tel­lo ent­deck­ten die gro­ße gegen­re­vo­lu­tio­nä­re Schu­le des 19. und 20. Jahr­hun­derts wie­der, die sich auf Autoren wie Joseph de Maist­re, Karl Lud­wig von Hal­ler, Juan Dono­so Cor­tés und, in Ita­li­en, Graf Mon­al­do Leo­par­di, Anto­nio Cape­ce Minu­to­lo, Fürst von Cano­sa, und Graf Cle­men­te Sola­ro Del­la Mar­ga­ri­ta stütz­te. Das Lehr­amt der Päp­ste, ins­be­son­de­re von Pius IX., Leo XIII., Pius X. und Pius XII., war ein leuch­ten­der Bezugs­punkt. Die­se dok­tri­nä­re Rich­tung war in den Jah­ren nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil sehr leben­dig, ins­be­son­de­re in Frank­reich und Bra­si­li­en. Ent­schei­dend für John Can­to­ni war die Begeg­nung mit Pro­fes­sor Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra, des­sen Haupt­werk „Revo­lu­ti­on und Gegen­re­vo­lu­ti­on4 zum Grund­la­gen­text für die Aus­bil­dung jun­ger Akti­vi­sten wur­de. Zu den Wer­ken, die die Ver­ei­ni­gung damals in Umlauf brach­te, gehör­te auch „Das Pro­blem der gegen­wär­ti­gen Stun­de5 von Msgr. Hen­ri Delas­sus, ein Text, der 1977 in zwei Bän­den neu auf­ge­legt wur­de und das gesam­te kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Gedan­ken­gut des 19. Jahr­hun­derts rekapituliert.

Die Autoren des Ban­des schreiben: 

„Die Fah­ne der inte­gra­len Gegen­re­vo­lu­ti­on weh­te lan­ge Zeit von den Zin­nen der idea­len Festung, die das, was von der west­li­chen Chri­sten­heit übrig­ge­blie­ben war, dar­stell­te, aber um die Mit­te des 20. Jahr­hun­derts, min­de­stens seit 1929, das heißt, seit dem Aus­gleich und der Geburt des ‚Kle­ri­kal­fa­schis­mus‘, lag sie im Staub (…) Das Ver­dienst von Gio­van­ni Can­to­ni und sei­nen Freun­den der Ursprün­ge war es, die­se Fah­ne auf­zu­he­ben, sie von den ideo­lo­gi­schen Ver­kru­stun­gen und jahr­zehn­te­lan­gen Vor­ur­tei­len zu befrei­en, die ihr Aus­se­hen ver­än­dert hat­ten, und sie wie­der stolz im trost­lo­sen Pan­ora­ma der kon­ser­va­ti­ven Welt der zwei­ten Hälf­te des zwan­zig­sten Jahr­hun­derts wehen zu las­sen“ (S. 97). 

Die­se Fah­ne weh­te vie­le Jah­re lang, als es noch kei­ne tra­di­tio­na­li­sti­schen Grup­pen oder Blogs gab. Im Jahr­zehnt 1970–1980 war Alle­an­za Cat­to­li­ca das Rück­grat der katho­li­schen Reak­ti­on in Ita­li­en. Nach Mei­nung des Autors aber, der damals in der Ver­ei­ni­gung aktiv war, unter­schei­det sich die erste Alle­an­za Cat­to­li­ca bis etwa zum Jahr 1981, dem Jahr des mini­ma­li­sti­schen Refe­ren­dums gegen das Abtrei­bungs­ge­setz und des Aus­zugs der Semi­na­ri­sten von Alle­an­za Cat­to­li­ca aus Écô­ne, von jener der fol­gen­den Jah­re, die nach der Krank­heit von Gio­van­ni Can­to­ni von Mas­si­mo Intro­vi­gne und heu­te von Mar­co Inver­niz­zi gelei­tet wird. Wir war­ten die Fol­ge­bän­de die­ser Geschich­te ab, um unser Urteil genau­er zu formulieren.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Übersetzung/​Anmerkungen: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana


1 Ori­gi­nal­ti­tel: Oscar San­gui­net­ti, Pier­lui­gi Zoc­ca­tel­li: Costrui­re­mo anco­ra cat­te­dra­li. Per una sto­ria del­le ori­gi­ni di Alle­an­za Cat­to­li­ca (1960–1974), Ver­lag D’Ettoris, Cro­to­ne 2022, 390 Seiten.

2 Ver­such der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens (PCI) durch eine Eini­gung mit den Christ­de­mo­kra­ten (DC) an die Regie­rung zu gelangen.

3 Giu­lio Andreot­ti (DC), gebo­ren 1919 in Rom, ent­stamm­te ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen, der Vater war Volks­schul­leh­rer, die Mut­ter Haus­frau; im Alter von zwei Jah­ren wur­de er durch den Tod des Vaters zum Halb­wai­sen. Andreot­ti stu­dier­te Rechts­wis­sen­schaf­ten und trat bei Kriegs­en­de den Christ­de­mo­kra­ten (DC) bei. Von 1945 bis zu sei­nem Tod 2013 war er Mit­glied des ita­lie­ni­schen Par­la­ments. Mit kur­zen Unter­bre­chun­gen gehör­te er von 1947 bis 1992 allen ita­lie­ni­schen Regie­run­gen an und war 1972/​1973, 1976–1979 und 1989–1992 ita­lie­ni­scher Mini­ster­prä­si­dent.
Enri­co Ber­lin­guer (PCI), gebo­ren 1922, ent­stamm­te sar­di­schem Adel, der mit den füh­ren­den Fami­li­en der Insel ver­sippt war. Sein Vater war Rechts­an­walt und Frei­mau­rer. Sein Groß­va­ter, eben­falls Frei­mau­rer, war Grün­der und Eig­ner einer füh­ren­den sar­di­schen Tages­zei­tung, Stadt­rat der poli­ti­schen Lin­ken von Sas­sa­ri und ein per­sön­li­cher Freund von Giu­sep­pe Gari­bal­di und Giu­sep­pe Mazzini. Der spä­te­re christ­de­mo­kra­ti­sche Staats­prä­si­dent Fran­ces­co Cos­si­ga 1928–2010) war Ber­lin­guers Cou­sin. Der Agno­sti­ker brach im Krieg das Jura­stu­di­um ab und trat 1943 der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei bei. Sein Vater stell­te ihn 1944 dem dama­li­gen Vor­sit­zen­den der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Pal­mi­ro Togliat­ti vor, der ihn zum haupt­amt­li­chen Par­tei­ka­der mach­te. 1946 wur­de Ber­lin­guer in das Zen­tral­ko­mi­tee der Par­tei gewählt. Im sel­ben Jahr rei­ste er in die Sowjet­uni­on, wo er Josef Sta­lin traf. Er wur­de Sekre­tär (Vor­sit­zen­der) der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei­ju­gend und zugleich Sekre­tär des sozia­li­sti­schen (kom­mu­ni­sti­schen) Welt­bun­des der Demo­kra­ti­schen Jugend. Von 1968 bis zu sei­nem Tod 1984 war er Mit­glied des ita­lie­ni­schen Par­la­ments und zugleich von 1972 bis 1984 Gene­ral­se­kre­tär (Vor­sit­zen­der) der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens.

4 Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra: Revo­lu­ção e Con­tra-Revo­lu­ção, São Pau­lo 1959; dt. Aus­ga­be: Revo­lu­ti­on und Gegen­re­vo­lu­ti­on, Frank­furt am Main 1996.

5 Ori­gi­nal­ti­tel: Hen­ri Delas­sus: Le pro­blè­me de l’heu­re pré­sen­te. Ant­ago­nis­me de deux civi­li­sa­ti­ons, 2 Bän­de, Lil­le 1904.

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