Kirchenpolitisch instrumentalisierter Missbrauch auf dem Synodalen Irrweg

Wider eine kontrafaktische Polemik gegen Bischof Rudolf Voderholzer

Vom Münsteraner Kirchenrechtsdirektor Thomas Schüller erschien eine kontrafaktische Polemik gegen eine Wortmeldung von Bischof Rudolf Voderholzer auf der zweiten Plenarversammlung des Synodalen Wegs.
Vom Münsteraner Kirchenrechtsdirektor Thomas Schüller erschien eine kontrafaktische Polemik gegen eine Wortmeldung von Bischof Rudolf Voderholzer auf der zweiten Plenarversammlung des Synodalen Wegs.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker

Bei der zwei­ten Ple­nar­ver­samm­lung des Syn­oda­len Wegs in Frank­furt am Main Ende Sep­tem­ber 2021 ent­wickel­te sich eine Kon­tro­ver­se zwi­schen zwei Bischö­fen und ein bizar­res Miss­ver­ste­hen der Medi­en. Es ging um den Miss­brauch des Miss­brauchs sowie den Sta­tus der Betrof­fe­nen. Bischof Rudolf Voder­hol­zer wand­te sich in sei­nem Rede­bei­trag auf der Syn­odal­ver­samm­lung dage­gen, dass der „sexu­el­le Miss­brauch instru­men­ta­li­siert wird zum Ver­such der Umge­stal­tung der katho­li­schen Kir­che nach dem Vor­bild evan­ge­li­scher Kir­chen­ord­nun­gen“. Zum Abschluss sei­nes Bei­trags erfolg­te ein eher halb­laut dahin­ge­sag­ter Kom­men­tar mit den Wor­ten: „Was ich ableh­ne, ist eine Emo­tio­na­li­sie­rung und das unfehl­ba­re Lehr­amt der Betroffenen.“

In den näch­sten Tagen empör­ten sich noto­risch anti­ka­tho­li­sche Publi­zi­sten über die­se Aus­sa­ge als „zynisch katho­lisch“ (Chri­stia­ne Flo­rin, Deutsch­land­funk) oder „bestür­zend bös­ar­ti­ges Foul“ (Joa­chim Frank, Köl­ner Stadt­an­zei­ger). Beson­ders rabi­at schlug wie­der der Mün­ste­ra­ner Kir­chen­rechts­di­rek­tor Tho­mas Schül­ler zu: „Ver­ach­tung, infa­me Aus­sa­ge in zer­stö­re­ri­scher Absicht, das Böse­ste und Per­fi­de­ste, unent­schuld­ba­re Ent­glei­sung“.1

In den Aus­füh­run­gen vor sei­nem letz­ten Satz hat­te Bischof Voder­hol­zer den Inter­pre­ta­ti­ons­rah­men für sei­nen Aus­spruch mit­ge­lie­fert, dass mit sei­ner Aus­sa­ge vom Lehr­amt der Betrof­fe­nen nicht die Erzäh­lun­gen und Sor­gen der Opfer des Miss­brauchs gemeint waren: Er ken­ne „die Trä­nen der Betrof­fe­nen“ und las­se sich nicht nach­sa­gen, dass er unsen­si­bel wäre. Schon vier Jah­re vor­her, bei der Ver­öf­fent­li­chung des Miss­brauchs­be­richts über die Regens­bur­ger Dom­spat­zen, hat­te er erklärt: Im Gespräch mit ein­zel­nen Opfern sei ihm schnell deut­lich gewor­den, „dass ein gemein­sa­mes Vor­ge­hen mit den Betrof­fe­nen, ein Hin­hö­ren auf ihre Erwar­tun­gen und Nöte wich­tig“ sei.2 Der Regens­bur­ger Bischof beton­te aber die­ser Tage, dass man von der Sor­ge um die Opfer von sexu­el­lem Miss­brauch die kir­chen­po­li­ti­schen Agen­den unter­schei­den müsse.

Voder­holzers Aus­druck des ‚unfehl­ba­ren Lehr­am­tes der Betrof­fe­nen‘ war sicher­lich eine „sprach­li­che Zuspit­zung“ (Bischof Bät­zing). Aber rich­tig und wich­tig ist die Benen­nung der Tat­sa­chen, dass pro­mi­nen­te Miss­brauchs­op­fer im Ton­fall kate­go­ri­scher Urtei­le weit­rei­chen­de For­de­run­gen zu kir­chen­po­li­ti­schen und dog­ma­ti­schen Ände­run­gen stellen.

Das sei an einem Bei­spiel erläutert.

Mat­thi­as Katsch, der Spre­cher der Betrof­fe­nen­in­itia­ti­ve „Ecki­ger Tisch“, sag­te in einem Spie­gel-Inter­view zu dem Vor­halt, ob der Zöli­bat „ein Fak­tor im Miss­brauchs­sy­stem“ sei: „Der Zöli­bat in sei­ner jet­zi­gen Form ist Teil des Macht­sy­stems der katho­li­schen Kir­che. Das ist der orga­ni­sa­to­ri­sche Schlüs­sel, der die kle­ri­ka­le Pyra­mi­de zusam­men­hält. Die­se neu­ro­ti­sche Fixie­rung auf Sexua­li­tät in Ver­bin­dung (…) mit Macht­miss­brauch hat ein System geschaf­fen, in dem Kin­der die Opfer waren.“3

Man erkennt in den von Katsch genann­ten ‚Fak­to­ren im Miss­brauchs­sy­stem‘ wie Zöli­bat, Macht, kle­ri­ka­le Hier­ar­chie, Sexualitäts(lehre) die angeb­lich „syste­mi­schen Ursa­chen für Miss­brauch“ wie­der, die das DBK-Prä­si­di­um Ende 2018 miss­bräuch­lich als Begrün­dung für den Syn­oda­len Weg auf­ge­stellt hat­te. Aber die­ses Kon­strukt von ‚System­schuld‘4 kann weder aus der MHG-Stu­die begrün­det wer­den noch stimmt es mit den Miss­brauchs­er­fah­run­gen der Betrof­fe­nen über­ein. So spiel­te der angeb­li­che ‚Risi­ko­fak­tor‘ Zöli­bat für die Pei­ni­ger des Schü­lers Mat­thi­as Katsch kei­ne Rol­le. Denn die zwei über­grif­fi­gen Ordens­pa­tres unter­stan­den nicht der welt­kirch­li­chen Zöli­bats­re­gel. Sie waren auch nicht Teil der Hier­ar­chie oder nutz­ten ihre kle­ri­ka­le Macht zum Miss­brauch aus. Nach Katschs eige­nen Wor­ten gehör­ten sie zur Kate­go­rie der „sadi­sti­schen Trieb­tä­ter“, die „jah­re­lang Kin­der und Jugend­li­che unter pseu­do­päd­ago­gi­schen Vor­wän­den miss­brauch­ten und miss­han­del­ten“. Jeden­falls sind aus den geschil­der­ten Miss­brauchs­er­fah­run­gen des Betrof­fe­nen weder sach­lich noch logisch die The­sen von den kle­ri­ka­len System­fak­to­ren des Miss­brauchs her­zu­lei­ten. Inso­fern muss sich auch Katsch den Vor­wurf gefal­len las­sen, dass er den Miss­brauch instru­men­ta­li­siert für kir­chen­po­li­ti­sche Forderungen.

Jeden­falls wird an die­sem Bei­spiel die Unter­schei­dung von Bischof Voder­hol­zer nach­voll­zieh­bar: auf der einen Sei­te die berech­tig­ten und wich­ti­gen Gesprä­che mit den Betrof­fe­nen und ande­rer­seits die Ableh­nung von unbe­rech­tig­ten und anma­ßen­den For­de­run­gen zu Kir­chen­po­li­tik und Lehramt.

Mit der Igno­rie­rung die­ser Unter­schei­dung setz­te die geziel­te Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on des Dr. Schül­ler an. Der Mün­ste­ra­ner Kir­chen­recht­ler behaup­te­te kon­tra­fak­tisch, Bischof Voder­hol­zer wür­de die Schil­de­rung der Betrof­fe­nen zu ihren Miss­brauchs­er­fah­run­gen als lehr­amt­li­che Äuße­run­gen anse­hen und ableh­nen. Dann stei­ger­te er sich in wil­de Spe­ku­la­tio­nen, der Bischof wür­de die Betrof­fe­nen mund­tot machen wol­len, um sie als Kon­kur­ren­ten des Lehr­amts auszuschalten.

Beim kopf­schüt­teln­den Nach­sin­nen über sol­che Unsinns-Kas­ka­den kommt der Gedan­ke in die Que­re: Hat nicht Bischof Over­beck das gesagt, was Schül­ler dem Bischof Voder­hol­zer ankrei­de­te? Tat­säch­lich hat­te der Esse­ner Bischof in sei­ner Gegen­re­de zu dem Mit­bru­der ver­kün­det: „Man kann vom Lehr­amt der Betrof­fe­nen spre­chen“, wenn wir „mit den Trä­nen und schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen so vie­ler Betrof­fe­nen ernst umge­hen“. „Es ist die Leh­re, die sie in die Nähe Jesu rückt. Die­ses ist das ein­zi­ge wirk­lich unfehl­ba­re Lehramt.“

Die­se bischöf­li­che Aus­sa­ge macht voll­stän­dig rat­los: Wie soll der ern­ste Umgang mit schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen Betrof­fe­ner zum kirch­li­chen Lehr­amt wer­den, gar zum unfehl­ba­ren Lehr­amt? Und die­ser Bischof ist auf der letz­ten Bischofs­kon­fe­renz zum Vor­sit­zen­den der DBK-Glau­bens­kom­mis­si­on gewählt wor­den, die über die Glau­bens­leh­re der Kir­che und die Bedeu­tung von kirch­li­chen Ämtern bera­ten soll!

Bischof Over­beck führ­te genau das aus, womit Schül­ler Bischof Voder­hol­zer anschwär­zen woll­te: die Hoch­sti­li­sie­rung von Gesprä­chen mit Betrof­fe­nen zu lehr­amts­re­le­van­ten Ereig­nis­sen. So ver­hed­dern sich die Kri­ti­ker des Regens­bur­ger Bischofs in eige­nen Miss­ver­ständ­nis­sen. Sie schie­ßen auf ihren Geg­ner (Voder­hol­zer) mit unbe­rech­tig­ten Vor­wür­fen, die aber in ihren eige­nen Rei­hen bei Bischof Over­beck ein­schla­gen. So etwas nennt man im mili­tä­ri­schen Jar­gon „friend­ly fire“.

Bild: feinschwarz.net (Screen­shot)


1 Ver­ach­tung. Vom „unfehl­ba­ren Lehr­amt der Betrof­fe­nen“, ein Kom­men­tar von Dr. Tho­mas Schül­ler auf der Sei­te feinschwarz.net

2 Bericht von regens­burg-digi­tal vom 24.7.2021.

3 Der Spie­gel vom 11. 1. 2020

4 „Das System selbst ist schuld“, Inter­view mit P. Klaus Mer­tes zum The­ma Miss­brauch in der katho­li­schen Kir­che, FNP am 19. 2. 2019

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