Neuer Haftbefehl im vatikanischen Finanzskandal ausgestellt

Wieviel wußte wer im vatikanischen Staatssekretariat?

Der Finanzier Gianluigi Torzi mit Papst Franziskus. Gegen ihn wird vom Vatikan wegen des verlustreichen Londoner Immobiliengeschäfts ermittelt. Die Audienz beim Papst hatte ihm Substitut Edgar Peña Parra vermittelt.
Der Finanzier Gianluigi Torzi mit Papst Franziskus. Gegen ihn wird vom Vatikan wegen des verlustreichen Londoner Immobiliengeschäfts ermittelt. Die Audienz beim Papst hatte ihm Substitut Edgar Peña Parra vermittelt.

(Rom) Die ita­lie­ni­sche Justiz hat erneut die Fest­nah­me des ita­lie­ni­schen Finan­ziers Gian­lui­gi Tor­zi ange­ord­net. Tor­zi war bereits ein­mal auf Ersu­chen des Vati­kans wegen der Ermitt­lun­gen zu Unre­gel­mä­ßig­kei­ten beim Kauf der Luxus­im­mo­bi­lie in der Lon­do­ner Sloa­ne Ave­nue Nr. 60 ver­haf­tet und auf Kau­ti­on wie­der auf frei­en Fuß gesetzt wor­den. Auch der neue Haft­be­fehl geht auf ein Rechts­hil­fe­an­su­chen des Vati­kans zurück.

Die römi­sche Finanz­wa­che gab gestern Details zur Ope­ra­ti­on Bro­king Bad bekannt. Die vati­ka­ni­sche Justiz wirft Tor­zi vor, sich mit dem Immo­bi­li­en­kauf betrü­ge­risch und unrecht­mä­ßig 15 Mil­lio­nen Euro ange­eig­net zu haben, wäh­rend für den Vati­kan das Immo­bi­li­en­ge­schäft ein kost­spie­li­ger Miß­er­folg war. Wie die Finanz­wa­che ermit­tel­te, wur­den von Tor­zi zumin­dest 4,5 Mil­lio­nen der genann­ten Sum­me in bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men in Ita­li­en inve­stiert und dadurch „inner­halb weni­ger Mona­te ein Gewinn von 750.000 Euro erzielt“.

Tor­zi konn­te nicht fest­ge­nom­men wer­den, weil er sich der­zeit, wie ita­lie­ni­sche Medi­en berich­ten, in Lon­don aufhält.

Zehn Tage nach sei­ner ersten Fest­nah­me war er am 5. Juni 2020 gegen Hin­ter­le­gung einer Kau­ti­on wie­der frei­ge­las­sen wor­den. Der vati­ka­ni­sche Staats­an­walt Gian Pie­ro Mila­no hat­te die Ent­haf­tung ange­ord­net, nach­dem Tor­zi sich bei einem Ver­hör koope­ra­ti­ons­be­reit gezeigt und eine Rei­he „für die Ermitt­lun­gen nütz­li­cher Unter­la­gen“ vor­ge­legt hatte.

Erpressung, Unterschlagung, Geldwäsche und schwerer Betrug

Die vati­ka­ni­sche Staats­an­walt­schaft ermit­telt gegen Tor­zi wegen Erpres­sung, Unter­schla­gung, Geld­wä­sche und schwe­ren Betrugs. Ihm dro­hen bis zu zwölf Jah­re Gefängnis.

Am ver­gan­ge­nen 26. März wur­de hin­ge­gen vom Sou­thwark Crown Court in Lon­don fest­ge­stellt, daß das vati­ka­ni­sche Staats­se­kre­ta­ri­at, das den Kauf getä­tigt hat­te, von Tor­zi nicht getäuscht wor­den sei. Dabei ging es um Tor­zis Zugriff auf sei­ne eng­li­schen Kon­ten bzw. die sei­ner Fir­ma Vita Health Ltd (vor­mals Sun­set). Als Grund nann­te das Lon­do­ner Gericht, daß die vati­ka­ni­sche Staats­an­walt­schaft nicht aus­rei­chend Unter­la­gen über­mit­telt habe.

Der eng­li­scher Rich­ter Tony Baum­gart­ner ging aber noch wei­ter. Er stell­te fest, daß hoch­ran­gi­ge vati­ka­ni­sche Beam­te des Staats­se­kre­ta­ri­ats und mög­li­cher­wei­se sogar Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin per­sön­lich die Trans­ak­ti­on geneh­migt hat­ten, die dann von der vati­ka­ni­schen Staats­an­walt­schaft als „betrü­ge­risch“ ein­ge­stuft und von Paro­lin selbst als „undurch­sich­tig“ bezeich­net wur­de. Paro­lin habe per­sön­lich mit Nach­druck bei der Vati­kan­bank IOR 150 Mil­lio­nen Euro ange­for­dert, mit denen für den Immo­bi­li­en­kauf über­nom­me­ne Ver­pflich­tun­gen gedeckt wer­den sollten.

Sloa­ne Ave­nue 60 in London

Die Schuld der anderen

Vor dem Lon­do­ner Gericht schob Tor­zi alle Schuld auf Fabri­zio Tira­bas­si, einen Lai­en­be­am­ten des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats. Die­ser habe damit geprahlt, hoch­ran­gi­ge Prä­la­ten des Vati­kans, dar­un­ter den heu­ti­gen Kar­di­nal Ange­lo Becciu und den amtie­ren­den Sub­sti­tu­ten des Staats­se­kre­ta­ri­ats Edgar Peña Par­ra, erpreßt zu haben. Tira­bas­si habe auch Tor­zi und des­sen Fami­lie bedroht und ihm eine Pro­sti­tu­ier­te ange­bo­ten, um das Geschäft zu fei­ern. Der Finan­zier leg­te für sei­ne Behaup­tun­gen aller­dings kei­ne Bewei­se vor. 

Wenn er den­noch in Lon­don Recht bekam, dann wegen der unvoll­stän­di­gen Daten­über­mitt­lung durch den Vati­kan. Die vati­ka­ni­sche Staats­an­walt­schaft hat­te zwar die Unter­la­gen zum Vor­wurf der Erpres­sung und des Betrugs über­mit­telt, aber nicht dazu, wie die Ent­schei­dungs­we­ge des Staats­se­kre­ta­ri­ats zum Immo­bi­li­en­ge­schäft waren. Der Rich­ter deu­te­te an, daß daher nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne, daß ent­spre­chen­de Geneh­mi­gun­gen durch die zustän­di­gen Stel­len vor­la­gen. Er deu­te­te eben­so an, daß die vati­ka­ni­sche Justiz mög­li­cher­wei­se nicht frei und unab­hän­gig han­deln kön­ne, soll­ten hoch­ran­gi­ge Ent­schei­dungs­trä­ger geschützt werden.

Der Vati­kan hat­te mit einem Rechts­hil­fe­an­su­chen an die eng­li­sche Justiz Tor­zis dor­ti­ge Kon­ten sper­ren las­sen wegen des drin­gen­den Ver­dachts, daß das Geld aus der betrü­ge­ri­schen Trans­ak­ti­on stam­me. Der Finan­zier hat­te dage­gen Beru­fung eingelegt.

Das eigent­li­che Geschäft im Wert von meh­re­ren hun­dert Mil­lio­nen Euro fand zwi­schen dem vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­at und dem Geschäfts­mann Raf­fae­le Min­cio­ne statt. Als der Vati­kan 2018 Ver­lu­ste in Höhe von 20 Pro­zent fest­stel­len muß­te, wur­de die Zusam­men­ar­beit mit Min­cio­ne been­det und Tor­zi vom Staats­se­kre­ta­ri­at beauf­tragt, als Mak­ler das Geschäft abzu­schlie­ßen und die Ver­wal­tung der Immo­bi­lie zu orga­ni­sie­ren. Die Staats­an­walt­schaft des Vati­kans wirft Tor­zi schwe­ren Betrug in Kom­pli­zen­schaft mit vati­ka­ni­schen Beam­ten zum Scha­den des Staats­se­kre­ta­ri­ats vor. Tor­zi habe die miß­li­che Lage des Vati­kans in der Geschäfts­an­ge­le­gen­heit aus­ge­nützt, wäh­rend der lau­fen­den Trans­ak­ti­on eini­ge Bedin­gun­gen geän­dert und sich damit unrecht­mä­ßig 15 Mil­lio­nen angeeignet.

Die Unschuld der Geschäftemacher

Tor­zi beteu­er­te vor dem eng­li­schen Gericht sei­ne Unschuld. Alles beru­he nur auf einem „Miß­ver­ständ­nis“. Der Rich­ter gab sei­nem Ein­spruch auch des­halb recht, weil die vom Vati­kan vor­ge­brach­te Gefahr, Tor­zi kön­ne die Kon­ten leer­räu­men, zwar gege­ben, aber unwahr­schein­lich sei, da er dazu meh­re­re Mona­te Zeit gehabt hät­te, ohne davon Gebrauch zu machen. 

Auch Min­cio­ne behaup­tet, wäh­rend der gan­zen Trans­ak­ti­on „in gutem Glau­ben“ gehan­delt zu haben, wes­halb er in Lon­don in einem geson­der­ten Ver­fah­ren wegen der vati­ka­ni­schen Ermitt­lun­gen Kla­ge gegen Ruf­schä­di­gung ein­ge­bracht hat.

Ins­ge­samt zeig­ten sich jedoch auch in der Lon­do­ner Ver­hand­lung undurch­sich­ti­ge Geschäfts­prak­ti­ken und wei­te­re Betrugs­vor­wür­fe gegen Tor­zi, der eine ita­lie­ni­sche Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft um 25 Mil­lio­nen Euro geschä­digt haben soll. Die auf die­se Wei­se lukrier­ten Gel­der schei­nen umge­hend in ande­re zwei­fel­haf­te Geld­trans­ak­tio­nen geflos­sen zu sein.

Wegen des für den Vati­kan ver­lust­rei­chen Immo­bi­li­en­ge­schäfts wur­den meh­re­re Beam­te des Staats­se­kre­ta­ri­ats vom Dienst sus­pen­diert, dar­un­ter Tom­ma­so Di Ruz­za, der Direk­tor der Finanz­auf­sichts­be­hör­de AIF – und Fabri­zio Tirabassi.

Weil die in Lon­don ein­ge­setz­ten Finanz­mit­tel vom Sub­sti­tu­ten des Staats­se­kre­tärs ver­wal­tet wur­den, geriet auch Kar­di­nal Ange­lo Becciu, der zur frag­li­chen Zeit Sub­sti­tut war, ins Visier der Ermitt­ler. 2018 hat­te ihn Papst Fran­zis­kus aus dem Staats­se­kre­ta­ri­at abge­zo­gen und zum Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se ernannt. Von die­sem und ande­ren Ämtern muß­te der Kar­di­nal wegen der gegen ihn lau­fen­den Ermitt­lun­gen im Sep­tem­ber 2020 zurück­tre­ten. Er gab zudem bekannt, nicht auf die Kar­di­nal­s­wür­de, aber auf die Aus­übung sei­ner Rech­te als Kar­di­nal zu verzichten.

Die vati­ka­ni­schen Ermitt­lun­gen gegen Kar­di­nal Becciu, Tor­zi, Min­cio­ne, Tira­bas­si und wei­te­re ehe­ma­li­ge Vati­kan­be­am­te sind noch im Gange.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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