Die Rose von Bari

Die Kathedrale von Bari, das Licht der Sonne und die Astronomie

Die Westfassade der Kathedrale von Bari mit der Fensterrose.
Die Westfassade der Kathedrale von Bari mit der Fensterrose.

Die Kathe­dra­le des hei­li­gen Sabi­no von Bari ist zwar weni­ger bekannt als die nur wenig ent­fernt von ihr lie­gen­de Basi­li­ka des hei­li­gen Niko­laus. Ein neu­es Buch macht auf eini­ge Beson­der­hei­ten auf­merk­sam.

Die Stadt, seit dem 4. Jahr­hun­dert Bischofs­sitz, gehör­te seit dem Sieg der Byzan­ti­ner im Goten­krieg (552) zu Kon­stan­ti­no­pel. Ent­spre­chend unter­stand auch der Bischofs­stuhl dem dor­ti­gen Patri­ar­chen, der eine Rang­erhö­hung zum Erz­bis­tum vor­nahm.

680 erober­te Romu­ald I., der lan­go­bar­di­sche Her­zog von Benevent, die Stadt, was aber an der Zuge­hö­rig­keit des Erz­bis­tums zum Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel nichts änder­te. Die Byzan­ti­ner erhiel­ten Bari bereits 720 zurück. Die Karo­lin­ger schei­ter­ten eben­so mit dem Ver­such, die Stadt unter ihre Kon­trol­le zu brin­gen, wie die ara­bi­schen Mus­li­me, die 847 sich mit einem Emi­rat fest­set­zen woll­ten. Byzanz gelang es, die wich­tig­ste Stadt Apu­li­ens jeweils zurück­zu­er­obern.

Nach 871 wur­de sie zum Sitz eines Kate­pans, der den gesam­ten ita­li­schen Fest­land­be­sitz des Byzan­ti­ni­schen Rei­ches von Bari aus ver­wal­te­te. 1002 mar­kier­te schließ­lich einen Wen­de­punkt. Es kam zum Auf­stand gegen die byzan­ti­ni­sche Steu­er­last, nach­dem mit Hil­fe Vene­digs eine mehr­mo­na­ti­ge Bela­ge­rung der Stadt durch die Sara­ze­nen abge­wehrt wer­den konn­te. Die Auf­stän­di­schen such­ten den Anschluß an das Hei­li­ge Römi­sche Reich, schei­ter­ten aber mit ihrem Bestre­ben. Ihr Anfüh­rer, der Lan­go­bar­de Meles von Bari, war Kai­ser Hein­rich II. so freund­schaft­lich ver­bun­den, daß ihm die­ser nach des­sen Tod das Pri­vi­leg zuteil wer­den ließ, im Bam­ber­ger Dom die letz­te Ruhe­stät­te zu fin­den.

1071 ende­te nach über einem hal­ben Jahr­tau­send die byzan­ti­ni­sche Herr­schaft den­noch. Die Nor­man­nen, die zu den neu­en Her­ren Süd­ita­li­ens wur­den, berei­te­ten ihr das Ende. Bis dahin wur­de im Erz­bis­tum im Byzan­ti­ni­schen Ritus zele­briert. Nun erfolg­te, wie auch im nor­man­ni­schen Sizi­li­en, die Unter­stel­lung unter Rom und der Wech­sel zum Römi­schen Ritus. In der Lit­ur­gie des Erz­bis­tums hiel­ten sich Spu­ren des Byzan­ti­ni­schen Ritus noch bis ins 16. Jahr­hun­dert. Weni­ge Jah­re nach dem Beginn der Nor­man­nen­herr­schaft wur­den auch die Reli­qui­en des hei­li­gen Niko­laus von Myra in die Stadt gebracht, die sie zu einem Kri­stal­li­sa­ti­ons­punkt der Volks­fröm­mig­keit mach­ten. Der Hei­li­ge wird bis zum heu­ti­gen Tag in der ortho­do­xen, beson­ders der sla­wi­schen Welt sehr ver­ehrt, wovon man sich an sei­nem Grab über­zeu­gen kann.
Die neue byzan­ti­ni­sche Bischofs­kir­che, deren Errich­tung um 1030 begon­nen wur­de und die einen Vor­gän­ger­bau ablö­ste, wur­de 1156 zusam­men mit der gan­zen Stadt Opfer einer Straf­ak­ti­on des Nor­man­nen­kö­nigs Wil­helm I. Nur die Basi­li­ka des hei­li­gen Niko­laus blieb ver­schont. Kurz dar­auf wur­de unter Erz­bi­schof Rai­nald im Stil der Roma­nik mit dem Bau der heu­ti­gen Kathe­dra­le begon­nen. Viel Bau­ma­te­ri­al dafür wur­de vom zer­stör­ten Dom ver­wen­det. 1292 erfolg­te ihre Wei­he.

Die auf dem Fuß­bo­den dar­ge­stell­te Rose ent­spricht exakt der Fen­ster­ro­se der West­fas­sa­de

Das neue Buch „Die Kathe­dra­le von Bari zwi­schen Licht, Him­mel und Erde“ (La Cat­te­dra­le di Bari tra luce, cie­lo e ter­ra, Gel­soros­so, Bari 2020) stammt aus der Feder von Miche­le Cassa­no, ihrem Sakri­stan. Anstoß dazu war eine uner­war­te­te Ent­deckung, die er eines Nach­mit­tags des Jahrs 2005 mach­te. Im Zuge von Restau­rie­rungs­ar­bei­ten waren alle Stüh­le und Bän­ke weg­ge­räumt wor­den, um den präch­ti­gen Mosa­ik­fuß­bo­den vor den Stu­fen zum Altar­raum frei sicht­bar zu machen. Was der dama­li­ge Erz­bi­schof von Bari, Msgr. Fran­ces­co Cacuc­ci, nicht wuß­te: Mit dem von ihm bewun­der­ten Boden­mo­sa­ik hat­te es noch eine ande­re Bewandt­nis.

Die­se Ent­deckung mach­te der Sakri­stan, der an einem nor­ma­len Arbeits­tag, einem Mon­tag, gegen Abend das Meß­buch auf dem Altar ord­ne­te, als er eine Beob­ach­tung mach­te, die sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit fand. Es war der 21. Juni, Som­mer­son­nen­wen­de. Punkt 17.10 Uhr fie­len die Son­nen­strah­len durch die gro­ße Roset­te an der West­fas­sa­de in die Kir­che. Dabei war­fen sie den Schat­ten der 18 Roset­ten­blät­ter exakt auf eine mosa­ik­ar­tig im Mar­mor­fuß­bo­den dar­ge­stell­te Rose mit eben­so vie­len Blät­tern, und sie paß­ten exakt zusam­men.

Obwohl sich das Phä­no­men „der zwei Rosen“ seit mehr als 800 Jah­ren wie­der­holt, fiel es bei den Men­schen durch Bestuh­lung und Kir­chen­bän­ke in Ver­ges­sen­heit.

Auch ande­re roma­ni­sche und goti­sche Kir­chen wei­sen das glei­che Phä­no­men auf, dar­un­ter die Kathe­dra­le von Flo­renz.

„Der Anblick die­ser Per­fek­ti­on, die durch die mensch­li­che Bau- und Mosa­ik­kunst mit Hil­fe der Son­ne zustan­de­kam, war über­aus fas­zi­nie­rend. Mir wur­de bewußt, daß die Kathe­dra­le von Bari eine gigan­ti­sche Son­nen­uhr ist. Aus­gangs­punkt dafür ist ihre Ostung. Der Altar die­ser roma­ni­schen Kir­che ist nach Osten gerich­tet, wo die Son­ne auf­geht, Chri­stus, die Son­ne der Gerech­tig­keit. An Ihn, das Licht, das von Osten kommt, rich­ten wir unser Gebet.“

Das Schat­ten­spiel der Son­ne schiebt sich über den Mosa­ik­bo­den. Im Bild Sakri­stan Cassa­no.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/MiL