Der Katholik an der Seite von Boris Johnson

„One-man melting pot“

Boris Johnson, Großbritanniens neuer Premierminister mit bewegter Familiengeschichte, und einer der neuen, einflußreichen Männer an seiner Seite: Jacob Rees-Mogg.
Boris Johnson, Großbritanniens neuer Premierminister mit bewegter Familiengeschichte, und einer der neuen, einflußreichen Männer an seiner Seite: Jacob Rees-Mogg.

(Lon­don) Boris John­son ist als neu­er Pre­mier­mi­ni­ster von Groß­bri­tan­ni­en in Dow­ning Street 10 ein­ge­zo­gen. Sein „Aben­teu­er“ an der Regie­rungs­spit­ze ver­langt zunächst einen Blick auf sei­ne Her­kunft und das kul­tu­rel­le Gepäck, das er mit sich her­um­trägt. Bemer­kens­wert ist dabei eine Per­so­nal­ent­schei­dung, die von ihm Ende Juli getrof­fen wur­de.

So schil­lernd Boris John­son auf Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pä­er wirkt, so schil­lernd und zugleich atem­be­rau­bend ist sei­ne Fami­li­en­ge­schich­te. Fest steht soviel, daß er die Inter­es­sen sei­nes Lan­des fest im Blick hat und des­sen Sou­ve­rä­ni­tät nicht zugun­sten glo­ba­li­sti­scher Träu­me auf­ge­ben will.

Mit John­sons Fami­lie hät­te auch Les­sing sei­ne Freu­de gehabt. Anhand ihr lie­ße sich die Ring-Para­bel sogar als Fami­li­en­er­eig­nis erzäh­len.

Die Eltern

John­sons Vater Stan­ley John­son, ein Angli­ka­ner, stu­dier­te in Oxford und war für die Welt­bank und die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on tätig. Von 1979–1984 war er für die Kon­ser­va­ti­ven Abge­ord­ne­ter zum Euro­päi­schen Par­la­ment.

John­sons Bru­der Jo ist eben­falls bri­ti­scher Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter der Kon­ser­va­ti­ven und war zuvor in füh­ren­der Posi­ti­on für die Finan­cial Times tätig. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren beklei­de­te ver­schie­de­ne Mini­ster­po­sten, so auch im Kabi­nett sei­nes Bru­ders.

John­sons Mut­ter Char­lot­te Faw­cett, eine Katho­li­kin, wur­de in Oxford gebo­ren und ist Kunst­ma­le­rin. John­sons Eltern hei­ra­te­ten 1963. Die Kin­der gehö­ren der katho­li­schen Kir­che an wie die Mut­ter. Da John­sons Vater damals an der Colum­bia Uni­ver­si­ty Wirt­schaft stu­dier­te, wur­de Boris 1964 in New York City gebo­ren. Dadurch besaß er auto­ma­tisch neben der bri­ti­schen auch die US-ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft, die er im Zug sei­ner poli­ti­schen Kar­rie­re aber zurück­gab. 1966 kehr­te die Fami­lie nach kur­zem Auf­ent­halt in Oxford in die USA zurück, wo Stan­ley John­son, eine Anstel­lung bei der Welt­bank erhal­ten hat­te. Ab 1968 befaß­te er sich dort mit Fra­gen der Bevöl­ke­rungs­kon­trol­le. 1969 über­sie­del­te die Fami­lie wie­der nach Eng­land, wo der Vater an der Lon­don School of Eco­no­mics sei­ne Stu­di­en fort­setz­te. Ab 1973 war er bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on beschäf­tigt, was den Umzug der Fami­lie nach Brüs­sel bedeu­te­te, wo Boris John­son flie­ßend Fran­zö­sisch lern­te. Im 40. Lebens­jahr wur­de der Mut­ter Par­kin­son dia­gno­sti­ziert. Die Ehe ging Ende der 70er Jah­re in Brü­che. John­sons Mut­ter kehr­te nach Eng­land zurück, eben­so ihre Kin­der. Boris besuch­te ab 1977 das eli­tä­re Eton Col­le­ge. Dort leg­te er sei­nen ersten Vor­na­men Alex­an­der ab und eben­so den katho­li­schen Glau­ben sei­ner Mut­ter. Er trat zur Angli­ka­ni­schen Kir­che über und ent­wickel­te „the eccen­t­ric Eng­lish per­so­na“. In Eton fand er Anschluß zur Ober­schicht und gewann auf­grund sei­ner guten Latein­kennt­nis­se meh­re­re Prei­se.

Die osmanische Linie

John­sons Groß­va­ter, Wilf­red John­son (1909–1992), hieß eigent­lich Osman Kemal. Er änder­te sei­nen Namen und nahm den sei­ner Groß­mutter müt­ter­li­cher­seits, Mar­ga­ret John­son, an. Wilf­red war sein zwei­ter Vor­na­me.

Urgroßvater Ali Kemal
Urgroß­va­ter Ali Kemal

Osman Wilf­reds Vater, John­sons Urgroß­va­ter, war Ali Kemal Bey (1867–1922), der letz­te Innen­mi­ni­ster des Osma­ni­schen Rei­ches. Als Sohn eines tür­ki­schen Land­ade­li­gen und einer tscher­kes­si­schen Skla­vin war er Mus­lim, aller­dings von libe­ra­ler Gesin­nung. Durch sei­ne häu­fi­gen Auf­ent­hal­te in der Schweiz wur­de er zum über­zeug­ten Demo­kra­ten. Wegen sei­ner Über­zeu­gun­gen muß­te er unter Sul­tan Abdul Hamid II. ins Exil. In der Schweiz lern­te er Wini­f­red Brun ken­nen, die Toch­ter eines Schwei­zers und einer Eng­län­de­rin, die er 1903 in Eng­land hei­ra­te­te. Erst 1912 konn­te er unter Sul­tan Meh­med V. end­gül­tig nach Istan­bul zurück­keh­ren. Dort war er mit Unter­bre­chun­gen bereits ab 1908 als Jour­na­list und Her­aus­ge­ber libe­ra­ler Medi­en und Ver­tre­ter einer libe­ra­len Par­tei aktiv gewor­den. Unter dem letz­ten Sul­tan, Meh­med VI., wur­de er 1919 für eini­ge Mona­te Bil­dungs­mi­ni­ster und dann letz­ter Innen­mi­ni­ster des Osma­ni­schen Rei­ches. Als sol­cher ließ er Kemal Ata­türk ver­haf­ten, des­sen poli­ti­sche Bewe­gung er als Gefahr sah, und ver­ur­teil­te den Völ­ker­mord an den Arme­ni­ern, Grie­chen, Chaldä­ern und ande­ren Chri­sten. Am 4. Novem­ber 1922 wur­de er in Istan­bul von Kema­li­sten ent­führt. In Izmir ließ ihn Nured­din Ibra­him Pascha, ein enger Weg­ge­fähr­te Ata­türks, als „Ver­rä­ter“ vom Mob grau­sam töten und sei­ne Lei­che an einem Eisen­bahn­tun­nel auf­hän­gen. Kurz zuvor hat­te Nured­din auf die­sel­be Wei­se den grie­chisch-ortho­do­xen Metro­po­li­ten von Izmir, Chryso­s­to­mos Kala­f­a­tis, töten las­sen.

John­sons Urgroß­mutter Wini­f­red Brun, die Frau Ali Kemals, war bei der Geburt des zwei­ten Kin­des, einer Toch­ter, gestor­ben. Ali Kemal hei­ra­te­te 1912 ein zwei­tes Mal, dies­mal eine Tür­kin. Ein Sohn aus die­ser zwei­ten Ehe, ein Groß­on­kel von John­son, erwirk­te nach dem Tod Ata­türks bei den Kema­li­sten die Mög­lich­keit zur Rück­kehr aus dem Schwei­zer Exil in die Tür­kei und den Ein­tritt in den Diplo­ma­ti­schen Dienst. Er war von 1964–1972 Bot­schaf­ter in Groß­bri­tan­ni­en. Sei­ne Frau und sein Schwa­ger wur­den 1978 in Madrid von einem Atten­tä­ter ermor­det, als er Bot­schaf­ter in Spa­ni­en war.

Da das Osma­ni­sche Reich im Ersten Welt­krieg an der Sei­te der Mit­tel­mäch­te kämpf­te, aber Kemal Alis Kin­der aus erster Ehe bei ihrer Groß­mutter Mar­ga­ret John­son in Eng­land auf­wuch­sen und kei­ne Mus­li­me waren, erfolg­te die erwähn­te Namens­än­de­rung. Aus dem­sel­ben Grund hat­te auch das bri­ti­sche Königs­haus zur sel­ben Zeit sei­nen Namen von Sach­sen-Coburg und Gotha in Wind­sor geän­dert.

Die deutsche Linie

Wilf­red John­son hei­ra­te­te Ire­ne Wil­liams (1907–1987), die Groß­mutter von Boris John­son.

Urururgroßvater Prinz Paul von Württemberg
Urur­ur­groß­va­ter Prinz Paul von Würt­tem­berg

Deren Mut­ter war Marie Lui­se Frei­in von Pfef­fel, eine Enke­lin von Prinz Paul von Würt­tem­berg (1785–1852), einem Sohn von König Fried­rich I. von Würt­tem­berg (1754–1816) und Prin­zes­sin Augu­ste Karo­li­ne von Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel, Bru­der von König Wil­helm I. von Würt­tem­berg und Groß­va­ter von Wil­helm II. (1848–1921), dem letz­ten König von Würt­tem­berg.

Über sei­ne Groß­mutter ist John­son nicht nur mit dem würt­tem­ber­gi­schen Königs­haus ver­wandt, son­dern mit wei­te­ren hoch­ade­li­gen Fami­li­en Deutsch­lands.

Das Bünd­nis Würt­tem­bergs mit Napo­le­on im Rhein­bund hat­te sein Urur­ur­groß­va­ter Prinz Paul abge­lehnt. Des­halb kämpf­te er zunächst als Offi­zier im Dienst Preu­ßens und dann in den Befrei­ungs­krie­gen als Gene­ral­leut­nant im Dienst des rus­si­schen Zaren gegen die Fran­zo­sen.
Prinz Paul, der kurz vor sei­nem Tod zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tier­te, hat­te mit der Schau­spie­le­rin und Wit­we Frie­de­ri­ke Mar­ga­re­the Voß gebo­re­ne Porth eine Toch­ter, die 1805 gebo­ren wur­de. Als Karo­li­ne von Rot­ten­burg hei­ra­te­te sie 1836 den in Dres­den gebo­re­nen, baye­ri­schen Frei­her­ren Karl Maxi­mi­li­an von Pfef­fel und Krie­gel­stein (1811–1890), John­sons Urur­groß­va­ter.

Des­sen Vater, Chri­sti­an Hubert von Pfef­fel, John­sons Urur­ur­groß­va­ter, war baye­ri­scher Gesand­ter in den Nie­der­lan­den, Eng­land, Sach­sen und Frank­reich gewe­sen. Des­sen Vater Chri­sti­an Fried­rich wie­der­um 1726 in Col­mar gebo­ren, stand im diplo­ma­ti­schen Dienst Frank­reichs und war ein berühm­ter Histo­ri­ker und Exper­te für deut­sche Reichs­ge­schich­te. Sein Bru­der Gott­lieb Kon­rad war ein bekann­ter elsäs­si­scher Dich­ter. Erste­rer ver­lor durch eine Intri­ge, letz­te­rer durch die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on sei­nen Besitz im Elsaß. John­sons direk­ter Vor­fah­re, Chri­sti­an Fried­rich, trat dar­auf in die Dien­ste sei­nes Tauf­pa­ten, des Her­zogs von Pfalz-Zwei­brücken, der ihn als Statt­hal­ter nach Mün­chen schick­te.

Urururgroßmutter Friederike Voß
Urur­ur­groß­mutter Frie­de­ri­ke Voß

Ursprüng­lich stamm­ten die Pfef­fel aus Mun­din­gen in der Mark­graf­schaft Baden-Dur­lach. Von dort war der Vater von Chri­sti­an Fried­rich nach Col­mar gezo­gen, wo er eine Bür­ger­toch­ter hei­ra­te­te und in der frei­en Reichs­stadt das Amt des Stadt­vor­ste­hers erlang­te.

Er war der Sohn eines luthe­ri­schen Pastors von Mun­din­gen.

John­sons Urur­ur­groß­mutter, Frie­de­ri­ke Mar­ga­re­the Porth ver­ehe­lich­te Voß (Vohs), wur­de 1777 in Hal­ber­stadt gebo­ren. Als Schau­spie­le­rin ver­kör­per­te sie Maria Stuart im gleich­na­mi­gen Dra­ma von Fried­rich Schil­ler bei des­sen Urauf­füh­rung am 14. Juni 1800 am Wei­ma­rer Hof­thea­ter. Eben­so war sie die erste Thek­la in Schil­lers Wal­len­stein und spiel­te die Iphi­ge­nie in Goe­thes Iphi­ge­nie auf Tau­ris in der Neu­in­sze­nie­rung von 1802. Ab 1808 war sie Mit­glied des Wie­ner Hof­thea­ters. Eine bis 2015 für Goe­thes Frau Chri­stia­ne Vul­pi­us gehal­te­ne Krei­de­zeich­nung von 1800 zeigt in Wirk­lich­keit John­sons Urur­ur­groß­mutter. 1860 starb sie in Frank­furt am Main.

Über sei­nen Urur­ur­groß­va­ter Paul von Würt­tem­berg ist John­son auch ein direk­ter Nach­kom­me eines eng­li­schen Königs. Die Mut­ter von Prinz Paul, Augu­sta von Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel (1764–1788) war die Toch­ter von Karl Wil­helm Fer­di­nand, Her­zog von Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel und von sei­ner Frau Prin­zes­sin Augu­sta von Han­no­ver (1737–1813), Enke­lin von König Georg II. (1683–1760) von Groß­bri­tan­ni­en und Irland und Kur­fürst des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on aus dem Haus Han­no­ver, Toch­ter von Fried­rich Lud­wig (1707–1751), Thron­fol­ger und Her­zog von Edin­burgh, und Schwe­ster von König Georg III. (1738–1820) von Groß­bri­tan­ni­en und Irland, John­sons Urur­ur­groß­on­kel.

König Georg II. von Großbritannien
König Georg II. von Groß­bri­tan­ni­en

Die französische Linie

Ururgroßvater Jules Arnous de Riviere
Urur­groß­va­ter Jules Arnous de Rivie­re

Hubert, John­sons Urgroß­va­ter, der ein­zi­ge Sohn von Karo­li­ne von Rot­ten­burg und Karl Maxi­mi­li­an von Pfef­fel, hei­ra­te­te die Fran­zö­sin Hele­ne Arnous de Rivie­re (1862–1951). John­sons Urgroß­mutter Hele­ne war die Toch­ter von Jules Arnous de Rivie­re (1830–1905), einem der damals welt­be­sten Schach­spie­ler. Er ent­stamm­te einer bür­ger­li­chen Fami­lie von Nan­tes.

Ihre Toch­ter, Marie Lui­se Frei­in von Pfef­fel, wur­de 1882 in Paris gebo­ren (gestor­ben 1944). Als Ehe­frau von Stan­ley Wil­liams aus Kent brach­te sie 1909 in Ver­sailles Boris John­sons Groß­mutter Ire­ne Wil­liams zur Welt. Damit erklärt sich der voll­stän­di­ge Name des neu­en bri­ti­schen Pre­mier­mi­ni­sters, der Alex­an­der Boris John­son de Pfef­fel lau­tet.

Die linksliberale Linie

Großvater Sir James Fawcett
Groß­va­ter Sir James Faw­cett

Müt­ter­li­cher­seits sind John­sons Groß­el­tern Sir James Faw­cett und Fran­ces Lowe, die als „links­li­be­ra­le Intel­lek­tu­el­le“ beschrie­ben wer­den. James Faw­cett (1913–1991), der in Oxford stu­dier­te und spä­ter dort auch lehr­te, war ein bekann­ter Jurist und Rechts­an­walt, der von 1962–1984 Mit­glied der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on für Men­schen­rech­te war, deren Auf­ga­ben heu­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te wahr­nimmt.

Sein Vater, John­sons Urgroß­va­ter, Joseph Faw­cett, war ein Kle­ri­ker der Angli­ka­ni­schen Kir­che.

James Faw­cett hei­ra­te­te 1937 Fran­ces Bea­tri­ce Lowe, die Toch­ter von Eli­as Avery Lowe und Helen Tra­cy Lowe-Por­ter.

Die jüdische Linie

Urgroßvater Elias Avery Lowe
Urgroß­va­ter Eli­as Avery Lowe

John­sons Urgroß­va­ter, Eli­as Avery Lowe (1879–1969), war 1879 in Litau­en (damals Rus­si­sches Reich) gebo­ren wor­den. Sei­ne Eltern, Karl Loew und Sarah Rego­ler, deutsch­spra­chi­ge Juden, wan­der­ten 1892 mit ihren Kin­dern in die USA aus. Zum Stu­di­um ging Eli­as 1903 ins Deut­sche Reich, zunächst an die Uni­ver­si­tät Hal­le, dann an die Uni­ver­si­tät Mün­chen, wo er 1908 mit der Arbeit „Die älte­sten Kalen­da­ri­en in Mon­te Cas­si­no“ pro­mo­vier­te. Anschlie­ßend wur­de er an der Uni­ver­si­tät Oxford Lek­tor, spä­ter Pro­fes­sor für Paläo­gra­phie und Hand­schrif­ten­kun­de sowie Bera­ter der Libra­ry of Con­gress in Washing­ton. 1918 änder­te Eli­as sei­nen Name Loew in Lowe.

Er war zwar der Sohn eines jüdi­schen Rab­bi und mit den Juden zeit­le­bens soli­da­risch, lehn­te es aber ab, die jüdi­sche Reli­gi­on sei­ner Vor­fah­ren zu prak­ti­zie­ren. Als ihn eine Toch­ter kurz vor sei­nem Tod frag­te, wie er es mit der Reli­gi­on hal­te, ant­wor­te­te er, wenn, dann möch­te er katho­lisch sein. Er starb 1969 in Bad Nau­heim in Hes­sen und wur­de in Oxford begra­ben. Sei­nen Vor­na­men erhielt Boris John­son zu Ehren sei­nes „rus­si­schen“ Urgroß­va­ters.

Die US-amerikanische Linie

Urgroßmutter Helen Tracy Lowe-Porter
Urgroß­mutter Helen Tra­cy Lowe-Por­ter

Sei­ne Frau Helen Tra­cy Lowe-Por­ter (1876–1963), John­sons Urgroß­mutter, war US-Ame­ri­ka­ne­rin, Über­set­ze­rin und Katho­li­kin. Nach­dem sie sich die Exklu­siv­rech­te gesi­chert hat­te, über­setz­te sie zahl­rei­che Wer­ke von Tho­mas Mann, von Die Bud­den­brooks, über Der Zau­ber­berg und Joseph und sei­ne Brü­der bis Dok­tor Faustus und vie­le ande­re mehr, erst­mals ins Eng­li­sche.

Ihre Tan­te, John­sons Urgroß­tan­te, Char­lot­te Endy­m­i­on Por­ter (1857–1942), war eine ame­ri­ka­ni­sche Dich­te­rin, Über­set­ze­rin und Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin. Als Mit­grün­de­rin und Her­aus­ge­be­rin des Lite­ra­tur­ma­ga­zins Poet Lore half sie mit, euro­päi­sche Autoren wie Hen­rik Ibsen, August Strind­berg, Gabrie­le d’Annunzio, Ger­hart Haupt­mann, Arthur Schnitz­ler u.a.m. in den USA bekannt­zu­ma­chen. Zudem brach­te sie eine Gesamt­aus­ga­be von Wil­liam Shake­speares Wer­ken her­aus.

Ein „one-man melting pot“

Soweit ein Abriß einer noch weit umfang­rei­che­ren Fami­li­en­ge­schich­te, die sich zwi­schen der Tür­kei, der Schweiz, Deutsch­land, Frank­reich, Eng­land, Litauen/Rußland und den USA abspiel­te und christ­li­che, jüdi­sche und mus­li­mi­sche Kom­po­nen­ten, aber auch angli­ka­ni­sche, pro­te­stan­ti­sche und katho­li­sche auf­weist. Zu den direk­ten Vor­fah­ren zäh­len ein angli­ka­ni­scher Kle­ri­ker, ein luthe­ri­scher Pastor, ein jüdi­scher Rab­bi und ein mus­li­mi­scher Hafiz.

Bei John­son, der wie ein Eng­län­der aus dem Bil­der­buch aus­sieht, wür­de man eine sol­che Ver­wick­lung auf den ersten Blick nicht ver­mu­ten. Das Juden­tum wur­de nicht mehr prak­ti­ziert, und der mus­li­mi­sche Urur­groß­va­ter war zwar ein Hafiz, der den Koran aus­wen­dig rezi­tie­ren konn­te, doch sein Sohn war nicht mehr wirk­lich dar­an inter­es­siert. Des­sen Sohn in Eng­land sah ihn ab dem drit­ten Lebens­jahr, als sei­ne Mut­ter starb, kaum mehr. Als Ali Kemal in Izmir auf bar­ba­ri­sche Wei­se getö­tet wur­de, war Wilf­red John­son ali­as Osman Kemal 13 Jah­re alt und bereits per­fek­ter Eng­län­der.

Durch die Fami­lie gehört Boris John­son zur obe­ren Mit­tel­schicht. Den Zugang zur Ober­schicht, soweit mög­lich, ver­schaff­te er sich selbst. Sei­ne Fami­li­en­ge­schich­te liest sich wie das Bil­der­buch des glo­ba­li­sti­schen Ide­als. Im Wider­spruch dazu ist John­son, der sei­nen Stamm­baum als „one-man mel­ting pot“ bezeich­ne­te, nicht bereit, die staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät Groß­bri­tan­ni­ens auf­zu­ge­ben. Durch den links­li­be­ra­len Ein­fluß sei­ner Groß­el­tern Faw­cett, so Beob­ach­ter, habe er zugleich eine „Abnei­gung gegen jede Form von Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung“. Sei­nem 33köpfigen Kabi­nett gehö­ren drei Mini­ster indi­scher sowie je einer paki­sta­ni­scher, sier­ra-leo­ni­scher und gha­nai­scher Abstam­mung an.

Der Katholik

Boris John­son mach­te am 24. Juli Jacob Rees-Mogg zum Lea­der of the Hou­se of Com­mons. Als sol­cher nimmt Rees-Mogg an den Kabi­netts­sit­zun­gen teil, ver­tritt den Pre­mier­mi­ni­ster bei offi­zi­el­len Ter­mi­nen und ist das ent­schei­den­de Bin­de­glied zwi­schen Regie­rung und Par­la­ment. Zugleich wur­de Rees-Mogg zum Lord Pre­si­dent of the Coun­cil, das ihn neben dem Lord­kanz­ler zu einem der Gro­ßen Staats­be­am­ten macht. Obwohl es sich dabei vor allem um ein pro­to­kol­la­ri­sches Amt han­delt, wer­den damit tra­di­tio­nell sehr ein­fluß­rei­che Poli­ti­ker beauf­tragt. Mit John­sons Auf­stieg zum kon­ser­va­ti­ven Par­tei­vor­sit­zen­den und Pre­mier­mi­ni­ster ist auch Rees-Mogg auf­ge­stie­gen, der bereits zuvor zu den ein­fluß­reich­sten Unter­haus­ab­ge­ord­ne­ten der Torys gehör­te.

Jacob Rees-Mogg mit Frau und Kindern
Jacob Rees-Mogg mit Frau und Kin­dern

Jacob Rees-Mogg ist der Sohn von Wil­liam Rees-Mogg, dem lang­jäh­ri­gen Chef­re­dak­teur der Times. Der Vater gehört von 1988 bis zu sei­nem Tod 2012 dem bri­ti­schen Ober­haus ange­hört. 1988 war er zugleich als Baron Rees-Mogg ad per­so­nam geadelt wor­den. Er hat­te sei­ne jour­na­li­sti­sche Kar­rie­re bei der Finan­cial Times begon­nen. Vater und Sohn waren wäh­rend ihres Stu­di­ums in der Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ti­on der Kon­ser­va­ti­ven Par­tei in Oxford aktiv. Der Vater ist Autor zahl­rei­cher Invest­ment-Rat­ge­ber, dar­un­ter vor allem The Sov­er­eign Indi­vi­du­al: The Com­ing Eco­no­mic Revo­lu­ti­on: how to Sur­vi­ve and Pro­sper in it, und saß in zahl­rei­chen Auf­sichts­rä­ten und Vor­stän­den von Finanz­un­ter­neh­men. Auch sein Sohn, der wie John­son in Oxford Geschich­te stu­dier­te, erwarb sich als Invest­ment­be­ra­ter ein pri­va­tes Ver­mö­gen, das auf 100 Mil­lio­nen Pfund geschätzt wird, das ihm auch in der Poli­tik sei­ne Unab­hän­gig­keit sichert. Mit John­son ver­bin­det ihn nicht nur das Geschichts­stu­di­um und die Uni­ver­si­tät Oxford, son­dern zuvor bereits die Aus­bil­dung am Eton Col­le­ge und die Mit­glied­schaft in der Oxfor­der Con­ser­va­ti­ve Uni­on.

Durch die Groß­mutter, eine iri­sche Katho­li­kin, wur­de die Fami­lie katho­lisch. Jacob Rees-Mogg, Vater von sechs Kin­dern, ist beken­nen­der, tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Katho­lik. Er besucht die Hei­li­ge Mes­se im über­lie­fer­ten Ritus und betet („soweit es irgend mög­lich ist“) täg­lich den Rosen­kranz. In Groß­bri­tan­ni­en seit 500 Jah­ren kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, schon gar nicht in einer Zeit, in der die Angli­ka­ni­sche Kir­che ihre Kathe­dra­len in Golf­plät­ze und Kin­der­spiel­plät­ze umwan­delt.

Text: Andre­as Becker
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/Wikicommons/Catholic Uni­ver­se (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. Der Tag hat gut ange­fan­gen. End­lich mal wie­der ein Pho­to einer rich­ti­gen katho­li­schen Fami­lie. Man schon dar­an gezwei­felt dass es sowas noch gab.

  2. Der Arti­kel belegt ein­mal mehr eine welt­an­schau­li­che Nähe zwi­schen trad­tio­nel­ler, katho­li­scher Tra­di­ti­on und EU-Skep­ti­kern, wenn­gleich die Schnitt­men­gen im Ein­zel­nen erheb­lich vari­ie­ren. So soll­te man viel­leicht auch von der vor­ge­nom­me­nen Ernen­nung von Jacob Rees-Mogg zum Lea­der of the Hou­se of Com­mon nicht vor­schnell viel erwar­ten. Besorg­nis­er­re­gend bleibt hin­ge­gen, dass die maß­geb­li­chen katho­li­schen Krei­se, allen vor­an Papst Fran­zis­kus, an der EU in ihrer aktu­el­len Beschaf­fen­heit und einer Fort­set­zung der Ein­wan­de­rungs­po­li­tik fest­hal­ten wol­len. Sie sehen es nicht oder wol­len es nicht sehen, dass in der EU letzt­lich die Inter­es­sen des Finanz­ka­pi­ta­lis­mus domi­nie­ren, der in allen Mit­glieds­staa­ten mög­lichst gleich­för­mi­ge, säku­la­re und mul­ti­kul­tu­rel­le Ver­hält­nis­se, ergo den geschmei­di­gen, ober­fläch­li­chen Kon­sum­bür­ger, her­bei­füh­ren muss, weil alles ande­re nach des­sen Ver­ständ­nis sper­ri­ge, über­kom­me­ne Hin­der­nis­se sind. Die­se sub­ti­le, seins­wid­ri­ge Mischung aus Tur­bo-Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus kann nicht mit dem katho­li­schen Glau­ben ver­ein­bar sein

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