Elusa, eine alte christliche Stadt in der Wüste

Verschollenes Christentum

Der nabatäische Negev (rechts unten die Hauptstadt Petra. Elusa lag an der Verbindungsstrecke nach Gaza am Mittelmeer. Rechts die Ruinen der Bischofskirche von Elusa.
Der nabatäische Negev (rechts unten die Hauptstadt Petra. Elusa lag an der Verbindungsstrecke nach Gaza am Mittelmeer. Rechts die Ruinen der Bischofskirche von Elusa.

(Jeru­sa­lem) Deut­sche und israe­li­sche Archäo­lo­gen haben im März neue Spu­ren der anti­ken Naba­tä­er-Stadt in der Wüste Negev ent­deckt. Auf einem Stein fan­den sie eine 1.700 Jah­re alte, grie­chi­sche Inschrift, die den anti­ken Namen der Stadt ent­hält: Elu­sa.

Der Fund­ort befin­det sich im Natio­nal­park Halutza, etwa 20 Kilo­me­ter von Be’er Sche­va ent­fernt.

Die Inschrift umfaßt nicht nur den Namen der Stadt, son­dern auch die Namen ver­schie­de­ner Cäsa­ren der Tetrar­chie. Sie erlau­ben die Datie­rung ziem­lich genau auf die Zeit um das Jahr 300. Die Tetrar­chie war eine Orga­ni­sa­ti­ons­form der römi­schen Reichs­ver­wal­tung, die von Kai­ser Dio­kle­ti­an am Ende des 3. Jahr­hun­derts ein­ge­führt wur­de.

Der Fund wur­de für wei­te­re Unter­su­chun­gen der Epi­gra­phi­ke­rin Leah Di Seg­ni von der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät Jeru­sa­lem über­ge­ben.

Entdeckte griechische Inschrift mit dem Namen der Stadt Elusa
Ent­deck­te grie­chi­sche Inschrift mit dem Namen der Stadt Elu­sa

Als die Inschrift ange­fer­tigt wur­de, war Elu­sa eine blü­hen­de Stadt an der Weih­rauchstra­ße, die von etwa 8.000 Men­schen bewohnt war. Heu­te liegt das Gebiet inmit­ten unbe­wohn­ter Wüste. Seit der Osma­ni­schen Zeit haben Plün­de­rer die Rui­nen heim­ge­sucht, die zur Gewin­nung von Bau­ma­te­ri­al aus­ge­beu­tet wur­de.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­fal­te­te ein deutsch-israe­li­sches Pro­jekt sei­ne Früch­te. An der Aus­gra­bungs­stel­le wur­den neue tech­ni­sche Gerä­te für den Ein­satz in der Archäo­lo­gie erprobt. Sie gehen den Aus­gra­bun­gen vor­an und son­die­ren das Ter­rain.

Die deut­schen Archäo­lo­gen unter der Lei­tung von Prof. Micha­el Hein­zel­mann von der Uni­ver­si­tät Köln sind seit 2014 in Elu­sa aktiv. Die Gra­bun­gen erfol­gen in Zusam­men­ar­beit mit der Israe­li­schen Alter­tums­be­hör­de.

Elu­sa wur­de im spä­ten 4. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert als Sta­ti­on an der Weih­rauchstra­ße gegrün­det, einer Han­dels­rou­te, die auf einer Län­ge von rund 2.000 Kilo­me­tern über die ara­bi­sche Halb­in­sel ver­lief und den Indi­schen Oze­an mit dem Mit­tel­meer ver­band.

Ruinen von Elusa
Rui­nen von Elu­sa

Im Negev stell­te der anti­ke Stra­ßen­ver­lauf die Ver­bin­dung zwi­schen der präch­ti­gen Naba­tä­er-Haupt­stadt Petra und Gaza am Mit­tel­meer her. Mit der Aus­brei­tung des Chri­sten­tums wur­de sie auch von den christ­li­chen Pil­gern genützt, um das berühm­te Katha­ri­nen­klo­ster auf dem Sinai zu errei­chen.

Das Gebiet gehör­te seit der Erobe­rung des Naba­tä­er­rei­ches durch Kai­ser Tra­jan im Jahr 106 der römi­schen Pro­vinz Ara­bia Petraea an. Bei der Reichs­tei­lung von 395 fiel es Ostrom zu und wur­de Teil der byzan­ti­ni­schen Pro­vinz Palae­sti­na Ter­tia, die in der isla­mi­schen Erobe­rung im Jahr 636 unter­ging.

Die älte­sten christ­li­chen Bele­ge im ehe­ma­li­gen Naba­tä­er­reich fin­den sich für Aila, das zwi­schen Aqa­ba und Eilat lag. Das Chri­sten­tum faß­te jedoch sicher frü­her Fuß in der Gegend. Denn bereits der älte­ste Beleg vom Kon­zil von Nicäa von 325 setzt eine gro­ße und funk­tio­nie­ren­de Orts­kir­che mit einem aner­kann­ten, recht­gläu­bi­gen Bischof vor­aus.

Der Negev war zu der Zeit aber wohl noch heid­nisch. Der hei­li­ge Hie­ro­ny­mus berich­tet in sei­ner um 388 ver­faß­ten Vita Hil­ario­nis über das Leben des hei­li­gen Aske­ten und Ein­sied­lers Hil­ari­on von Gaza (291–371), der sich in Alex­an­dria vom Hei­den­tum zum Chri­sten­tum bekehr­te, nach­dem er den Mönchs­va­ter Anto­ni­us pre­di­gen hör­te. Hil­ari­on leb­te als stren­ger Asket in der Wüste des Sinai, wo er eine Ein­sied­ler­ge­mein­schaft grün­de­te. Von dort aus wirk­te er mis­sio­na­risch unter den noch heid­ni­schen Bewoh­nern des Negev. Dabei kam er, wie Hie­ro­ny­mus berich­tet, auf dem Weg einen Schü­ler zu besu­chen, offen­bar mehr zufäl­lig als gezielt auch nach Elu­sa. beglei­tet wur­de er von meh­re­ren Ana­cho­re­ten, die sich ihm ange­schlos­sen hat­ten. In der Stadt wur­de gera­de im Venus­tem­pel das jähr­li­che, heid­ni­sche Fest Luci­fers, des Mor­gen­sterns gefei­ert, der von den Sara­ze­nen, semi­ti­schen Noma­den­stäm­men der Gegend, sehr ver­ehrt wur­de. Hil­ari­on pre­dig­te das Wort Got­tes gegen den Göt­zen­dienst. Er for­der­te die Bewoh­ner auf, den leben­di­gen Gott anzu­be­ten „und nicht Stei­ne“ und befrei­te vie­le Sara­ze­nen von dämo­ni­scher Beses­sen­heit. Nach­dem sich vie­le bekehrt hat­ten, zeich­ne­te er noch die Umris­se einer Kir­che, die errich­tet wer­den soll­te, bevor er die Stadt wie­der ver­ließ. Hie­ro­ny­mus der Bio­graph des Hil­ari­on war über die ört­li­chen Ver­hält­nis­se gut unter­rich­tet, da er die Rhe­to­rik­schu­le des Zen­o­bi­us besuch­te, der aus Elu­sa stamm­te. Liba­ni­us infor­mier­te ihn über die Ereig­nis­se beim Besuch des hei­li­gen Hil­ari­on in Elu­sa in einem Schrei­ben um 357.

Darstellung des hl. Hilarion von Gaza aus der Zeit um 1000.
Dar­stel­lung des hl. Hil­ari­on von Gaza aus der Zeit um 1000.

Elu­sa wur­de noch im 4. Jahr­hun­dert zum Sitz eines Bischofs, zu des­sen Bis­tum der gan­ze Negev gehör­te. Die Kathe­dra­le, die noch als Rui­ne erhal­ten ist, dürf­te in ihrem Ursprung auf die geschil­der­te Epi­so­de des hei­li­gen Hil­ari­on zurück­ge­hen. Der erste nament­lich bekann­te Bischof war Theo­du­los, der auf naba­tä­isch Abde­las hieß. Er scheint unter den Teil­neh­mern des Kon­zils von Ephe­sus im Jahr 431 auf und war einer der drei Bischö­fe, die vom Kon­zil beauf­tragt wur­den, den Häre­si­ar­chen Nesto­ri­us zu beschwö­ren, zur Recht­gläu­big­keit zurück­zu­keh­ren.

Das Bis­tum exi­stiert noch heu­te, wenn auch nur in der Form eines Titu­lar­bis­tums, das seit 1723 besetzt wird.

Ihre Blü­te­zeit erleb­te die Stadt in byzan­ti­ni­scher Zeit vom 4.–6. Jahr­hun­dert. Damals war sie auch wegen ihrer edlen Wei­nes bekannt, und weil sie die ein­zi­ge Stadt im Negev war. Der anti­ke Name der Stadt taucht mehr­fach in histo­ri­schen Doku­men­ten auf, dar­un­ter auf dem berühm­ten Boden­mo­sa­ik, das in einer byzan­ti­ni­schen Kir­che im heu­te jor­da­ni­schen Mada­ba ent­deckt wur­de. 1914 fand Leo­nard Wool­ley, der als Law­rence von Ara­bi­en bekannt wur­de, eine Inschrift, die den Namen eines naba­täi­schen Königs ent­hält, der um 200 vor Chri­stus die Gegend von Elu­sa beherrsch­te. Eben­so fin­det sich die Stadt auf der berühm­ten Tabu­la Peu­tin­ge­ria­na. Ihr Name blieb im Namen El-Kha­las­sa erhal­ten, den die Ara­ber den Rui­nen gaben.

Kathedrale vor den Vandalenakten
Kathe­dra­le vor den Van­da­len­ak­ten

Bald nach der isla­mi­schen Erobe­rung im 7. Jahr­hun­dert scheint das Leben in der Stadt erlo­schen zu sein. Wahr­schein­lich konn­te sie sich vom Mus­li­men­sturm nicht mehr erho­len. Es gibt auch die The­se, der Nie­der­gang habe bereits vor der Erobe­rung als Fol­ge der spät­an­ti­ken, klei­nen Eis­zeit ein­ge­setzt.

Die Rui­nen der Stadt wur­den in osma­ni­scher Zeit als Stein­bruch ver­wen­det für den Bau tür­ki­scher Gebäu­de in Gaza und Be’er Sche­va und dann, nach 1920, auch für Gebäu­de der bri­ti­schen Man­dats­ver­wal­tung.

Die Archäo­lo­gen ent­deck­ten auch ein Bal­ne­um, ein Bad, das jenem von Beit She’an ähnelt. Es war bis ins 6. Jahr­hun­dert in Betrieb. Aus­ge­gra­ben wur­den bis­her ein Teil des Heiz­rau­mes und ein Cal­da­ri­um. Das Hypo­cau­stum unter­halb des Cal­da­ri­ums scheint gut erhal­ten. Es erwärm­te in der Anti­ke den Fuß­bo­den und die Wän­de.

Mit Hil­fe der neu erprob­ten Tech­no­lo­gie konn­te die Exi­stenz von neun Kir­chen in der Stadt nach­ge­wie­sen wer­den. Im Zuge der jüng­sten Gra­bungs­pha­se wur­den die Reste einer byzan­ti­ni­schen Kir­che frei­ge­legt. Sie war drei­schif­fig mit einer Gesamt­län­ge von 40 Metern. Das Gewöl­be der geoste­ten Apsis war ursprüng­lich mit Glas­mo­sa­ik bedeckt und das Kir­chen­schiff mit Mar­mor ver­klei­det. Tei­le der Bischofs­kir­che waren bereits in den 70er Jah­ren bei Aus­gra­bun­gen, die von Prof. Abra­ham Negev gelei­tet wur­den, frei­ge­legt wor­den. Als Kathe­dra­le konn­te sie ein­deu­tig iden­ti­fi­ziert wer­den anhand der Cathe­dra, zu der gan­ze sie­ben Stu­fen hin­auf­führ­ten. Lei­der kam es, noch bevor die Aus­gra­bun­gen abge­schlos­sen waren, zu mut­wil­li­gen Zer­stö­run­gen, auch des Posta­ments der Cathe­dra und der genann­ten Trep­pe, sodaß die Archäo­lo­gen die Aus­gra­bungs­stät­ten aus Sicher­heits­grün­den wie­der zuschüt­te­ten.

Dank der Uni­ver­si­tät Köln konn­ten die Aus­gra­bun­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wie­der­auf­ge­nom­men wer­den.

Die klei­ne Eis­zeit und die Ver­wü­stun­gen der Per­ser berei­te­ten das Ende des christ­li­chen Elu­sa vor. Die isla­mi­sche Erobe­rung und Herr­schaft ver­setz­ten ihr dann aber den Gna­den­stoß. Der Negev war wohl zu unwirt­lich gewor­den, um der dezi­mier­ten Ein­woh­ner­schaft den Wie­der­auf­bau zu ermög­li­chen oder unter den neu­en poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen noch mög­lich und loh­nend erschei­nen zu las­sen.

Ein Hin­weis, war­um dem so war, lie­fert der Pil­ger von Pia­cen­za, der wäh­rend sei­ner Pil­ger­fahrt ins Hei­li­ge Land um 570 auch besuch­te und als Caput deser­ti beschrieb.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Stu­di­um Bibli­cum Franciscanum/Nebbie del tem­po (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. Dan­ke für die­sen infor­ma­ti­ven Arti­kel. Es ist auch ein klei­ner Aus­schnitt zur Geschich­te des Chri­sten­tums im Hl. Land. Möge die Zusam­men­ar­beit der Uni Köln und israe­li­scher Archäo­lo­gen rei­che Frucht brin­gen. Ger­ne wür­de ich auch mal ins Hei­li­ge Land pil­gern und mir sol­che Stät­ten — selbst in der Wüste — anschau­en.

  2. Laut Haa­retz ist die­se christ­li­che Stadt eine „Anci­ent jewish town“. Sie war also wört­lich ara­bisch, denn die Naba­tä­er waren Ara­ber, die ara­mä­isch schrie­ben. „Naba­tä­isch“ Abde­las ist wahr­schein­lich nichts als Abdal­lah (ser­vus Dei), grie­chisch tran­skri­biert.

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