Indische Massenkonversionen

Die Drohung des Innenministers



Hindunationalisten, im Bild Anhänger der Rashtriya Swayamsevak Sangh, führen erzwungene „Rückkonversionen“ zum Hinduismus durch von Christen, die selbst und deren Vorfahren nie Hindus waren.
Hindunationalisten, im Bild Anhänger der Rashtriya Swayamsevak Sangh, führen erzwungene „Rückkonversionen“ zum Hinduismus durch von Christen, die selbst und deren Vorfahren nie Hindus waren.

(Neu Delhi) Hindunationalisten organisieren Zwangskonversionen zum Hinduismus, um die christliche Missionstätigkeit unter den Adivasi und den Dalits und die Konversionen zum Christentum rückgängig zu machen.

Indiens Innenminister Rajnath Singh, ein Angehöriger der Kriegerkaste und Vertreter der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP), warnte am Dienstag den Christen des Landes. Er äußerte „Sorge“ über „Massenkonversionen“ und verlangte eine nationale Debatte über die Frage.

Singh sprach am 15. Januar auf einer Veranstaltung der christlichen Vereinigung Rashtriya Isai Mahasangh und sprach sich für eine stärkere Überwachung von „Massenkonversionen“ aus. Der Innenminister bekräftigte die in der Verfassung verankerte Freiheit, daß jeder seine Religion frei wählen könne. Zugleich forderte er aber eine landesweite Diskussion über das Phänomen von „Massenkonversionen“, womit er, ohne es direkt zu sagen, die christliche Missionstätigkeit attackierte. Dieses Phänomen gebe Anlaß für „Sorge“ und „Unruhe“ im Land, so der Minister.

„Wenn jemand allein zu einer Religion konvertiert, sollte das nicht zu beanstanden sein. Die Massenkonversionen sind aber Grund zur Sorge in jedem Land.“

Die Regierung werde niemanden diskriminieren, weder wegen seiner Kaste, seinem Bekenntnis oder seiner Religionszugehörigkeit. Das sei auch die Position des Premierministers, so Rajnath Singh. In verschiedenen Ländern seien es die Minderheiten, die Anti-Konversion-Gesetze fordern würden, um vor der Mehrheit geschützt zu sein. „In Indien ist es aber die Mehrheit, die Angst hat und einen solchen Schutz fordert: Ist das nicht bedenklich?“, so Singh. Wörtlich sagte er auch: „Wer Hindu ist, sei ein Hindu, wer ein Muslim ist, ein Muslim, wer Christi ist, ein Christ.“

Die Worte des Innenministers lösten unter den Christen des Landes erhebliche Beunruhigung aus, da sie als Drohung verstanden wurden.

Nur hindunationalistische Organisationen führen Massenkonversionen durch

Gestern antwortete Sajan K. George, der Vorsitzende des Global Council of Indian Christians (GCIC), dem Innenminister und seinen „Sorgen“. Der Presseagentur AsiaNews sagte er:

„Die einzigen Massenkonversionen werden von rechten Hindugruppen durchgeführt. Sie führen Ghar Wapasi (Heimkehr) durch, Aktivitäten, mit denen sie behaupten, Menschen zum Hinduismus ‚zurückzuführen‘, die früher einmal Hindus gewesen seien, es aber nicht mehr wüßten. Dabei handelt es sich um eine völlig haltlose Behauptung. Das ist eine irreführende Propaganda. Viele Stämme, die zur Teilnahme an den Programmen gezwungen werden, waren nie Hindus, sondern Animisten.“

Heute, was hinzugefügt werden muß, sind die genannten Stammesangehörigen Christen. Konkret richtet sich die Maßnahme der hindunationalistischen Organisationen vor allem gegen die indischen Christen. Die christlichen Missionserfolge unter den Dalits (Unberührbare) und den Adivasi (autochthone Volksstämme), die zusammen die Ausgestoßenen des hinduistischen Kastensystems bilden, sind ihnen ein Dorn im Auge. Bei den hindunationalistischen Organisationen handelt es sich vor allem um den Welt-Hndu-Rat Vishva Hindu Parishad (VHP) und um die radikale Nationale Freiwilligenorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS).

Die Ghar Wapasi-Aktivitäten zielen neben den Dalits vor allem auf die Adivasi, die autochthonen Völker Indiens, die bereits vor der arischen Einwanderung das Land bewohnten. Sie stellen fast neun Prozent der Bevölkerung. Die Regierung hat mehr als 600 unterschiedliche, indigene Volksstämme anerkannt. Ein Teil der Stämme hat sich zum Christentum bekehrt. Die Missionstätigkeit fällt bei ihnen und bei den Dalits auf fruchtbareren Boden, weil sie traditionell außerhalb des hinduistischen Kastensystems stehen. Die animistischen, autochthonen Völker standen für die Hindus immer auf einer niederen Stufe. Die Christianisierung sehen sie daher als Bedrohung dieser sozialen und gesellschaftlichen Ordnung, die vom Hinduismus bestimmt wird.

Ende Dezember kam es in Surat, im Bundesstaat Gujarat, zur Konversion von 200 christlichen Familien eines autochthonen Stammes zum Hinduismus. Das GCIC registriert solche erzwungenen „Rückführungen“ von Christen zum Hinduismus auch in den Staaten Bihar, Madhya Pradesh, Odisha und Uttar Pradesh.

Anti-Konversionsgesetze gibt es bereits in mehreren Bundesstaaten. Sie wurden eingeführt, nachdem die auch auf Bundesebene regierende Bharatiya Janata Party (BJP) dort an die Regierung kam. Das sind die Staaten Odisha, Madhya Pradesh, Gujarat, Himachal Pradesh und Chhattisgarh. Alle diese Staaten weisen eine hohe Dichte von autochthonen Stämmen, den Dalit auf. Die Gesetze geben der staatlichen Verwaltung weitreichende Vollmachten in die Hand, über den Glauben und die Religionszugehörigkeit der Bürger „zu entscheiden und zu wachen“.

Alle diese Anti-Konversionsgesetze werden „ironischerweise“ als „Gesetze über die Religionsfreiheit“ bezeichnet. Wer in diesen Staaten konvertieren will, konkret geht es vorwiegend um eine Konversion zum Christentum, muß vorab die zuständige, örtliche Staatsbehörde informieren. Damit beginnt nicht selten ein Spießrutenlauf.

Durch die Ghar Wapasi-Aktivitäten wollen die Hindunationalisten, auf der Grundlage der Anti-Konversionsgesetze, auch die bereits vor ihrem Inkrafttreten erfolgten Konversionen zum Christentum wieder rückgängig machen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: AsiaNews

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