Warum schweigen fast alle Kardinäle und Bischöfe?

Aktuelle Ausgabe von „Catholica“. Warum schweigen fast alle Kardinäle und Bischöfe zum Ende der Katholizität, die Papst Franziskus ins Werk setzt? Das letztlich „andere Kirchenverständnis“ hinter Amoris laetitia.Amoris laetitia Papst Franziskus Catholica Dumont Meiattini
Aktuelle Ausgabe von „Catholica“. Warum schweigen fast alle Kardinäle und Bischöfe zum Ende der Katholizität, die Papst Franziskus ins Werk setzt? Das letztlich „andere Kirchenverständnis“ hinter Amoris laetitia.

(Paris) Die inter­na­tio­na­le Zeit­schrift für Kul­tur, Poli­tik und Reli­gi­on, Catho­li­ca, die seit 30 Jah­ren in Frank­reich her­aus­ge­ge­ben wird, zählt „nam­haf­te Autoren wie Émi­le Pou­lat, Robert Spa­e­mann, Ernst Wolf­gang Böcken­för­de, Vla­di­mir Bukow­ski, Sta­nis­law Gry­gi­el, Thier­ry Wol­ton, Jac­ques Ellul und Pie­tro De Mar­co“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Die Chef­re­dak­ti­on hat Ber­nard Dumont inne.

Bernard Dumont
Ber­nard Dumont

In der neue­sten, druck­fri­schen Aus­ga­be beschäf­tigt sich Dumont, sein Leit­ar­ti­kel ist auch im Inter­net frei zugäng­lich, mit dem „unglaub­li­chen“ Schwei­gen fast aller Kar­di­nä­le und Bischö­fe – aus­ge­nom­men die vier Unter­zeich­ner der Dubia –, zur „Auf­lö­sung der tra­di­tio­nel­len Form der Katho­li­zi­tät, die durch das Pon­ti­fi­kat von Jor­ge Mario Ber­go­glio ins Werk gesetzt wird“. Ber­nard Dumont the­ma­ti­siert das offen­bar ange­streb­te Ende des „römi­schen Katho­li­zis­mus“, ohne daß sich dage­gen ein Auf­schrei erhebt, wie bereits der Histo­ri­ker Rober­to Per­ti­ci beklag­te. Das Ende wird von Rom oder jenen ver­kün­det, die sich auf Rom beru­fen, und alle schwei­gen und schei­nen sich dem unaus­weich­li­chen Schick­sal zu fügen. Sie­he die Ana­ly­se von Prof. Per­ti­ci: Die Reform von Papst Fran­zis­kus wur­de bereits von Mar­tin Luther geschrie­ben.

War­um ist dem so?

Der zur Ethik reduzierte Glaube

Dumont ver­öf­fent­lich­te in der neu­en Aus­ga­be auch den Text eines Bene­dik­ti­ner­mönchs und Theo­lo­gen, der „den viel­leicht radi­kal­sten Umsturz im Katho­li­zis­mus unse­rer Zeit“ ana­ly­siert und kri­ti­siert. Nicht mehr das Sakra­ment habe den Vor­rang in der Kir­che, von dem das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil noch sag­te, es sei „cul­men et fons“ des Lebens der Kir­che, son­dern die Ethik.

Die­se Umsturz­be­we­gung kom­me eben­so in der Fra­ge der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen wie der Inter­kom­mu­ni­on mit den Pro­te­stan­ten zum Aus­druck.

Der Bene­dik­ti­ner­theo­lo­ge ist P. Giu­lio Mei­at­ti­ni, der in die­sem Jahr zum The­ma bereits die Mono­gra­phie „Amo­ris lae­ti­tia? Die Sakra­men­te zur Moral redu­ziert“ (Ver­lag La Fon­ta­na di Siloe, Turin 2018) publi­zier­te. Er ist Mönch der Bene­dik­ti­ner­ab­tei Madon­na del­la Sca­la in Noci und Pro­fes­sor für Fun­da­men­tal­theo­lo­gie an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät von Apu­li­en und am Päpst­li­chen Athen­ae­um Sant’Anselmo in Rom.

Mei­at­ti­ni wirft Papst Fran­zis­kus und sei­nem Ein­flü­ste­rer, Kar­di­nal Wal­ter Kas­per, vor, nicht die viel genann­te „Unter­schei­dung“, son­dern die „Schlau­heit“ zu för­dern. Listig gehe es näm­lich zu in Amo­ris lae­ti­tia und dem dahin­ter­ste­hen­den Geist.

„Der Zustand der Ver­wir­rung ist offen­sicht­lich“.

Mit die­sen Wor­ten beginnt der Theo­lo­ge und Mönch sei­nen Auf­satz. Es wer­de behaup­tet, daß die Ver­wir­rung nur ver­meint­lich, und nur das Ergeb­nis eines neu­en Regie­rungs­stils sei. Einer sol­chen Dar­stel­lung der der­zei­ti­gen Lage kann P. Mei­at­ti­ni nichts abge­win­nen.

„Kön­nen die Ver­wir­rung und die Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen Bischö­fen zu heik­len Punk­ten der Glau­bens­leh­re Früch­te des Hei­li­gen Gei­stes sein? Mei­nes Erach­tens nicht.“

Mehrere kleine Schritte bedeuten in Summe einen großen

P. Giulio Meiattini OSB
P. Giu­lio Mei­at­ti­ni OSB

Dann deu­tet Mei­at­ti­ni an, daß in Sachen wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne von Anfang an ein vor­ge­fer­tig­ter Plan ver­folgt wur­de. Mit der Mög­lich­keit, im Febru­ar 2014, die ein­zi­ge Rede vor dem Kon­si­sto­ri­um der Kar­di­nä­le hal­ten zu kön­nen, die ihm von Papst Fran­zis­kus ver­schafft wur­de, habe Kar­di­nal Kas­per „den Boden berei­tet“. Den­noch ist es mit zwei Bischofs­syn­ode nicht gelun­gen, eine gemein­sa­me Linie zum dis­ku­tier­ten Pro­blem her­vor­zu­brin­gen. Wer die Berich­te der „cir­cu­li mino­res“ der Syn­ode von 2015 nach­le­se, kön­ne unschwer sehen, daß es kei­ne gemein­sa­me Posi­ti­on gab.

Der Papst hät­te damit, das wäre die erste Auf­ga­be der „Unter­schei­dung“ gewe­sen, zu prü­fen und zu ver­ste­hen gehabt, „wel­che Pro­zes­se“ anzu­sto­ßen und wei­ter­zu­ver­fol­gen wären, und wel­che nicht. Eine sol­che Unter­schei­dung habe aber nicht statt­ge­fun­den. Der ein­ge­schla­ge­ne Weg wur­de nicht geän­dert.

Tat­sa­che sei, daß eine brei­te Mehr­heit der Syn­oden­vä­ter „kei­ne Ände­rung der tra­di­tio­nel­len Ord­nung“ woll­te. Das Redak­ti­ons­ko­mi­tee der Rela­tio fina­lis habe sich des­halb gehü­tet, irgend­wel­che Neue­run­gen in den Text auf­zu­neh­men.

Dafür, so Mei­at­ti­ni, wur­de statt eines gro­ßen, ein „klei­ner Schritt“ gesetzt: Das Redak­ti­ons­ko­mi­tee for­mu­lier­te eini­ge unde­fi­nier­te Stel­len, die einen „Atmo­sphä­ren­wech­sel“ bedeu­te­ten.

Die Nicht-Ableh­nung die­ser schwe­ben­den For­mu­lie­run­gen, die nur mit äußer­ster Mühe die nöti­ge Zwei-Drit­tel-Mehr­heit erhiel­ten, genüg­te, daß der näch­ste „klei­ne Schritt“, eini­ge zwei­deu­ti­ge Fuß­no­ten in Amo­ris lae­ti­tia aus­reich­ten, um eine neue Rich­tung anzu­zei­gen.

Die­se klei­nen Schrit­te, die genau genom­men, nur die tra­di­tio­nel­le Posi­ti­on nicht bekräf­tig­ten, reich­ten aus, um den Epi­sko­pat zu spal­ten. Der näch­ste Schritt war dann die päpst­li­che Bestä­ti­gung der Richt­li­ni­en der Kir­chen­pro­vinz Bue­nos Aires zum Ach­ten Kapi­tel von Amo­ris lae­ti­tia.

Die­se Richt­li­ni­en sei­en in Wirk­lich­keit kei­ne blo­ße Inter­pre­ta­ti­on, denn sie ent­hal­ten Aus­sa­gen und Anwei­sun­gen, die weder in Amo­ris lae­ti­tia zu fin­den sind noch von den Syn­oden beschlos­sen wur­den, und dort auch nie eine Mehr­heit gefun­den hät­ten.

Durch eine Rei­he „klei­ner Schrit­te“ wur­de auf die­se Wei­se inner­halb von drei Jah­ren letzt­lich ein „gro­ßer Schritt“ voll­zo­gen, mit dem ein tief­grei­fen­der Ein­griff erfolg­te. Mit „Syn­oda­li­tät“ habe das aber nichts zu tun, so Mei­at­ti­ni.

Der Glau­be wer­de in Amo­ris lae­ti­tia, das sei die Gesamt­stoß­rich­tung, zur Ethik redu­ziert.

„Die Ethik hat aber weder das erste noch das letz­te Wort.“

„Ich verstehe nicht, wie der Bischof von Rom,so etwas schreiben kann“

Und Mei­at­ti­ni wei­ter:

„Ganz ehr­lich, ich kann nicht ver­ste­hen, wie ein Bischof, vor allem jener von Rom, sol­che Sät­ze schrei­ben kann: ‚Man soll­te nicht zwei begrenz­ten Men­schen die gewal­ti­ge Last auf­la­den, in voll­kom­me­ner Wei­se die Ver­ei­ni­gung nach­zu­bil­den, die zwi­schen Chri­stus und sei­ner Kir­che besteht‘ (AS, 122)“.

Die­se For­mu­lie­rung sei Aus­druck eines ganz ande­ren Den­kens: Eine vom Sakra­ment los­ge­lö­ste Ethik des Evan­ge­li­ums wird zu einer „gewal­ti­gen Last“, anstatt ein „süßes Joch“ und eine „leich­te Last“ zu sein.

Zu einer sol­chen Aus­sa­ge kön­ne man nur gelan­gen, wenn man das Chri­sten­tum – viel­leicht auch unbe­wußt – nur als Ethik begreift. Auf die­se Wei­se gelan­ge man zu Ergeb­nis­sen, die dem luthe­ri­schen Kon­zept des simul ius­tus et pec­ca­tor ent­spre­chen, das vom Kon­zil von Tri­ent ver­ur­teilt wur­de.

Die Inter­kom­mu­ni­on mit den Pro­te­stan­ten fol­ge der­sel­ben Logik. Ent­schei­dend sei nur mehr das mut­maß­li­che, inne­re Emp­fin­den. Für die objek­ti­ven Kri­te­ri­en wer­den alle denk­ba­ren mil­dern­den Umstän­de in Rech­nung gestellt, und die sub­jek­ti­ve Gewis­sens­ent­schei­dung bestim­mend. War­um soll­ten dann, so P. Mei­at­ta­ni, nach die­sem Muster  nicht auch ein Bud­dhist oder ein Hin­du die katho­li­sche Eucha­ri­stie emp­fan­gen kön­nen?

„Der Ver­hält­nis zwi­schen Moral und Sakra­men­ten zu beschä­di­gen kann letzt­lich zu einem  nicht katho­li­schen Kir­chen­ver­ständ­nis füh­ren.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Catholica/Vida inteligente/Cooperatores veri­ta­tis (Screen­shots)

5 Kommentare

  1. Man muss sich die Fra­ge stel­len, hat die Viel­zahl der Kar­di­nä­le und Bischö­fe Angst vor Papst Fran­zis­kus, ihm offen die Wahr­heit ins Gesicht zu sagen wie der Apo­stel Pau­lus dies Petrus gegen­über getan hat: Gal.2,11: Als Kephas aber nach Antio­chia gekom­men war, bin ich ihm offen ent­ge­gen­ge­tre­ten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hat­te oder fehlt ihnen der Mut sich zur Wahr­heit des Evan­ge­li­ums und zur Leh­re Got­tes zu beken­nen. Sie schei­nen offen­bar nicht mehr zu beden­ken, dass sie sich dafür ein­mal vor dem Ange­sicht Got­tes ver­ant­wor­ten wer­den. Erken­nen sie nicht mehr, dass sie mit ihrem Schwei­gen zu Miet­lin­gen werden,wie die Schrift sagt.

  2. Es ist ver­hee­rend, das das fal­sche Evan­ge­li­um ver­kün­det wird und kei­ner von den Pupura­ten ist in der Lage, dem Bischof von Rom das zu sagen. Weil die Muti­gen schon weg­gemmobt sind und sonst ist alles im Schwei­gen umhüllt. Wie schreck­lich!

  3. Amo­ris lae­ti­tia beginnt mit einem nicht ein­deu­ti­gen Satz, der­weil über­setzt wird: Die Freu­de der Lie­be, die in den Fami­li­en gelebt wird, ist auch die Freu­de der Kir­che.
    Dabei steht der Begriff Amor ein­mal für die geschlecht­li­che, sexu­el­le Lie­be und zum ande­ren für den Römi­schen Lie­bes­gott, dem die Römer gött­li­che Ehren zoll­ten. Er war fester Bestand­teil der römi­schen Göt­ter­welt, einer Welt der toten Göt­ter, der römi­sche Göt­zen, die immer im Gegen­satz stand zu dem Sohn des leben­di­gen Got­tes und zu sei­nem Vater und der christ­li­chen Leh­re.

    • Hans – Gut und ange­bracht ist es, auf die­sen seman­ti­schen Aspekt hin­zu­wei­sen. Das soll­te regel­mä­ßig in die Dis­kus­si­on und Bewer­tung von „Amo­ris lae­ti­tia“ mit ein­be­zo­gen wer­den.

  4. Es ist kaum zu fas­sen, was die Haar­spal­ter an Ener­gien auf­wen­den müs­sen, um ihren Umsturz von Glau­ben und Kir­che zu kaschie­ren und den Men­schen Sand in die Augen zu streu­en. Die­se neh­men das aber oft nicht wahr, son­dern wol­len end­lich eine hei­le Welt ohne Kampf und Opfer nach ihrem Gut­dün­ken, wobei der Begriff Gewis­sen mit Absicht ver­dreht wird und für alles Unmög­li­che her­hal­ten muß- wie auch der Begriff Barm­her­zig­keit u.a.m.

    War­um schwei­gen so vie­le Wür­den­trä­ger ange­sichts der rasan­ten Fahrt in den Abgrund?- Womög­lich auch, weil es sinn­los gewor­den ist, Starr­sin­ni­ge und Unver­nünf­ti­ge kor­ri­gie­ren zu wol­len. Bezüg­lich der sog. Inter­kom­mu­ni­on müs­sen das nun­mehr auch die 7 deut­schen Bischö­fe fest­stel­len, die sich ein Stück weit zumin­dest dage­gen gesperrt hat­ten. Das Gespräch in Rom aber hat bekannt­lich kei­ne Klar­heit gebracht im Sin­ne der Leh­re, son­dern eine deut­li­che Ermu­ti­gung für die irri­ge Posi­ti­on von Kar­di­nal Marx und der ande­ren Bischö­fe.

    Viel­leicht soll­ten die 7 Bischö­fe ihren Rück­tritt vom Amt erklä­ren. Das wäre m.Er. noch das Beste. Bes­ser selbst noch recht­zei­tig nach­ge­ben als gezwun­gen wie am „Bei­spiel“ Chi­le zu sehen ist.

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