Erstmals mehr als 300.000 Pilger auf dem Jakobsweg

Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela wurde 2017 erstmals von mehr als 300.000 Pilgern zurückgelegt.
Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela wurde 2017 erstmals von mehr als 300.000 Pilgern zurückgelegt.

(Madrid) Der Jakobs­weg nach Sant­ia­go de Com­po­ste­la wur­de im ver­gan­ge­nen Jahr, erst­mals in sei­ner Geschich­te, seit es Auf­zeich­nun­gen gibt, von mehr als 300.000 Pil­gern zurück­ge­legt, denen eine ent­spre­chen­de Pil­ger­ur­kun­de aus­ge­stellt wur­de. Von einem „außer­ge­wöhn­li­chen  Phä­no­men“ spricht einer der bekann­te­sten, katho­li­schen Kolum­ni­sten Spa­ni­ens.

„Ich den­ke, das ist wirk­lich ein erstaun­li­ches Phä­no­men“, so Fran­cis­co Fer­nan­dez de la Cigo­ña, der selbst aus Gali­ci­en stammt. Dort­hin führt der Cami­no de Sant­ia­go, oder Cami­ño de Sant­ia­go, wie die Gali­cier sagen, die sprach­lich mit den Por­tu­gie­sen ver­wandt sind.

1200 Jahre Pilgerschaft

Jakobsmuschel, Hinweise am Wegesrand
Jakobs­mu­schel, Hin­wei­se am Weges­rand

Laut Über­lie­fe­rung war es der Apo­stel Jako­bus der Älte­re, der nach Pfing­sten auf der Ibe­ri­schen Halb­in­sel mis­sio­nier­te. Sie läßt sich bis in die Zeit um 600 zurück­ver­fol­gen. Damals regier­ten dort die West­go­ten. Hun­dert Jah­re nach der trau­ma­ti­schen Erobe­rung der Halb­in­sel durch die Mus­li­me kam es um 820 zur Auf­fin­dung der sterb­li­chen Über­re­ste des Apo­stels im heu­ti­gen Sant­ia­go de Com­po­ste­la, im äußer­sten Nor­den, der von den Chri­sten gehal­ten wer­den konn­te. Die Über­lie­fe­rung berich­tet, daß nach sei­ner Hin­rich­tung in Jeru­sa­lem im Jahr 44, aus Sicher­heits­grün­den die Über­füh­rung der sterb­li­chen Über­re­ste des Hei­li­gen, ver­ehr­te Reli­qui­en, in sein Mis­si­ons­ge­biet erfolg­te. Jako­bus wur­de zum Schutz­pa­tron des König­rei­ches Astu­ri­en, zu dem Gali­ci­en seit 758 gehör­te.

Im Zuge der Recon­qui­sta der ibe­ri­schen Halb­in­sel von den Mus­li­men gewann das Apo­stel­grab seit dem 10. Jahr­hun­dert zuneh­men­de Bedeu­tung als Pil­ger­ziel. Die älte­ste bekann­te Nen­nung des Jakobs­we­ges stammt aus dem Jahr 1047. Im Hoch­mit­tel­al­ter wur­de Sant­ia­go de Com­po­ste­la neben Rom und Jeru­sa­lem zu einem Haupt­ziel christ­li­cher Pil­ger.

Theodemirs Grab, unter ihm wurde das Apostelgrab entdeckt
Theo­d­e­mirs Grab, unter ihm wur­de das Apo­stel­grab ent­deckt

Um die­sel­be Zeit wur­de mit dem Bau der präch­ti­gen Kathe­dra­le begon­nen, in der sich heu­te das Grab befin­det. Sie wur­de auf einem weit älte­ren Vor­gän­ger­bau aus dem 8. Jahr­hun­dert errich­tet. Sant­ia­go, nach dem Apo­stel benannt, ist seit 1120 wegen sei­ner Bedeu­tung Erz­bi­schofs­sitz. Mit der Auf­fin­dung der Reli­qui­en hat­te bereits Bischof Theo­d­e­mir von Iria Fla­via (818–847), einen Bis­tum, das seit Beginn der Goten­zeit belegt ist, sei­nen Sitz zum Apo­stel­grab ver­legt.

Ein Netz von Wegen und Pil­ger­ho­spi­zen, etwa im Abstand von 15 Kilo­me­tern, ver­band Sant­ia­go de Com­po­ste­la mit der gan­zen Ibe­ri­schen Halb­in­sel und über den 800 Kilo­me­ter lan­gen Fran­zö­si­schen Weg über die Pyre­nä­en auch mit dem übri­gen Euro­pa. Sant­ia­go gehör­te neben Rom, Köln und Can­ter­bu­ry auch zu den Orten, die Ver­ur­teil­te zur Buße auf­su­chen muß­ten.

Das Heilige Jahr von Santiago

Genaue Pil­ger­zah­len für das Mit­tel­al­ter lie­gen nicht vor. Es gibt ledig­lich Berich­te, daß in Hei­li­gen Jah­ren bis zum Vier­zehn­fa­chen an Pil­gern kamen. Seit dem Spät­mit­tel­al­ter wer­den in Sant­ia­go mit päpst­li­chem Indult eige­ne Hei­li­ge Jah­re gefei­ert, immer dann, wenn das Fest des Apo­stels, der 25. Juli, auf einen Sonn­tag fällt.

Pilgerdenkmal (2010) am Jakobsweg,vor der Kathedrale von Burgos
Pil­ger­denk­mal (2010) am Jakobs­weg, im Hin­ter­grund die Kathe­dra­le von Bur­gos

In der Neu­zeit kam der klas­si­sche, inter­na­tio­na­le Pil­ger­strom jedoch zuneh­mend zum Erlie­gen. 1985 wur­den ledig­lich 690 tra­di­tio­nel­le Pil­ger gezählt, denen eine Pil­ger­ur­kun­de aus­ge­stellt wur­de. Die Zahl stieg dann aber uner­war­te­ter­wei­se wie­der ste­tig an. 1992 waren es bereits 9.764. Dann kam das Hei­li­ge Com­po­ste­la­ni­sche Jahr 1993, in dem sich die Pil­ger­zahl ver­zehn­fach­te (ins­ge­samt kamen mehr als sie­ben Mil­lio­nen Men­schen in jenem Jahr nach Sant­ia­go).

Ein Xaco­beo fand zuletzt 2010 statt. Das näch­ste Hei­li­ge Jahr von Sant­ia­go wird am am 31. Dezem­ber 2020 mit der Öff­nung der Hei­li­gen Pfor­te begin­nen und am Sil­ve­ster­abend des fol­gen­den Jah­res enden.

Die Zunah­me der Pil­ger, also nicht blo­ßen Besu­cher des Ortes, sei ein „außer­ge­wöhn­li­ches“ und auch „selt­sa­mes Phä­no­men“, so Fer­nan­dez de la Cigo­ña. Der moder­ne Mensch könn­te „zum Grab von Karl Marx, von Elvis Pres­ley, von Lola Flo­res, Giu­sep­pe Di Ste­fa­no, John F. Ken­ne­dy, Evi­ta Peron oder Lady Dia­na ‚pil­gern‘“. Statt­des­sen pil­gern sie zum Grab eines Apo­stels und legen dafür, die mei­sten zu Fuß, man­che mit dem Fahr­rad, Hun­der­te von Kilo­me­tern zurück.

„Hier bewegt die Seele mit“

Ihre gro­ße Schar, beson­ders in den Mona­ten Juli und August, zu sehen, sei „beein­druckend“, so der Kolum­nist.

„Eini­ge sind schon sehr alt, ande­re noch ganz jung. Die aller­mei­sten, die wirk­li­chen Pil­ger, strö­men am Ende zum Grab des Apo­stels. Nicht weni­ge beich­ten und neh­men an einer Hei­li­gen Mes­se teil.“

Fer­nan­dez de la Cigo­ña fragt sich, ob sie es nur der Pil­ger­ur­kun­de wegen tun, wie man­che behaup­ten.

„Ich den­ke nicht. Wie klein auch immer der reli­giö­se Ansporn sein mag, doch hier bewegt die See­le mit.“

Die Zahl der Beicht­vä­ter wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im Hoch­som­mer ste­tig erhöht, weil die Nach­fra­ge grö­ßer war als das Ange­bot.

„Ein Prie­ster, der in der Kathe­dra­le als Beicht­va­ter aus­hilft, weil es dort nicht aus­rei­chend gibt, sag­te mir, daß er nir­gends sol­che Lebens­beich­ten gehört hat wie dort.“

Es sei ganz unge­wöhn­lich, was ech­te Reue bewir­ke, so der Prie­ster:

„Die Büßer erbau­en mich. Sie rei­ni­gen ihre See­le von Jah­ren und Jah­ren der Sün­de. Das ist ohne Zwei­fel ein Werk des Apo­stels.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/zivotnacestach.cz (Screen­shot)