Amoris laetitia und der „neue“ Priester

(Rom) Der päpst­li­che Haus- und Hof­va­ti­ka­nist Andrea Tor­ni­el­li setzt auf der von ihm koor­di­nier­ten Nach­rich­ten­platt­form Vati­can Insi­der die Kam­pa­gne zur Ver­tei­di­gung des umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia in der von Papst Fran­zis­kus geför­der­ten Inter­pre­ta­ti­on fort. Einer Inter­pre­ta­ti­on, in der mehr als 250 nam­haf­te Theo­lo­gen und Phi­lo­so­phen sie­ben Häre­si­en aus­fin­dig gemacht und mit ihrer Cor­rec­tio filia­lis den Papst dar­auf auf­merk­sam gemacht haben. Ohne Reak­ti­on.

Tor­ni­el­li ver­öf­fent­lich­te am ver­gan­ge­nen Sams­tag ein Inter­view mit Kar­di­nal Benia­mi­no Stel­la, dem Prä­fek­ten der Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on. Die Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on war das erste vati­ka­ni­sche Mini­ste­ri­um, das von Papst Fran­zis­kus 2013 umbe­setzt wur­de.

Laut Kar­di­nal Stel­la hel­fe Amo­ris lae­ti­tia den Prie­stern bei der „Unter­schei­dung“, wor­über sich der Kar­di­nal wort­reich und pole­misch aus­läßt. Mas­siv kri­ti­siert er indi­rekt, aber mas­siv die bis­he­ri­ge Prie­ster­aus­bil­dung, der er Starr­heit und Nor­men­hö­rig­keit vor­wirft und bezeich­net die Dubia (Zwei­fel) an Amo­ris lae­ti­tia der Kar­di­nä­le Brand­mül­ler, Bur­ke, Caf­farra und Meis­ner abschät­zig als „soge­nann­te“ Dubia.

Laut Kar­di­nal Stel­la bedurf­te es des nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia, damit die Kir­che „begreift“, daß es „kom­ple­xe Lebens­wirk­lich­kei­ten“ gebe, die von den in den ver­gan­ge­nen zwei­tau­send Jah­ren gelehr­ten Glau­bens­nor­men nicht erfaßt wür­den, bzw. denen das bis­her von der Kir­che gelehr­te nicht gerecht wer­de. Wer das nicht ver­ste­he, sei rück­wärts­ge­wandt und „starr“.
Kar­di­nal Stel­la plä­diert für eine neue Prie­ster­aus­bil­dung im Sin­ne von Amo­ris lae­ti­tia. Wird zur Ver­tei­di­gung und Recht­fer­ti­gung von Amo­ris lae­ti­tia nach­träg­lich die­sem Doku­ment alles unter­ge­ord­net, auch die Prie­ster­aus­bil­dung, oder steht Amo­ris lae­ti­tia für ein weit umfas­sen­de­res Den­ken, des­sen erste Speer­spit­ze es ist? Stel­las Argu­men­ta­ti­on erin­nert ver­blüf­fend an pro­gres­si­sti­sche Paro­len, wie sie im deut­schen Sprach­raums in Abwand­lun­gen seit Jahr­zehn­ten zu hören sind. Die­se schei­nen inzwi­schen im Vati­kan ange­kom­men zu sein.

Lebenswirklichkeit versus „Ideologie und Legalismus“

Tor­ni­el­li: Könn­ten Sie erklä­ren, was es bedeu­tet, zu „unter­schei­den“, wie es Amo­ris lae­ti­tia ver­langt?

Kar­di­nal Stel­la: Um ein von Papst Fran­zis­kus gebrauch­tes Bild auf­zu­grei­fen, wür­de ich sagen, daß es bedeu­tet, das Leben und die Wirk­lich­keit nicht in schwarz-weiß ein­zu­sper­ren. Die­ser star­re Ansatz, der von Ideo­lo­gie und Lega­lis­mus genährt wird, ist unzu­rei­chend, um die Exi­stenz wirk­lich in ihrer Kom­ple­xi­tät zu „lesen“. Sicher, es ist ein­fa­cher, sich in einen Käfig ein­zu­schlie­ßen und auf die­se Wei­se vor Risi­ken und Gefah­ren geschützt zu sein, die wir rings­um sehen. Wenn aber allein die Angst obsiegt, erstar­ren wir. Und so sehr es uns manch­mal nüt­zen kann, bedeu­tet es, immer im siche­ren Käfig zu blei­ben, am Ende nicht mehr zu leben. Es ist ver­ständ­lich, daß eini­ge es ver­mei­den wol­len, die Anstren­gung auf sich zu neh­men, die Din­ge in ihrer Tie­fe zu suchen und zu inter­pre­tie­ren, indem sie sich mit ein­fa­chen und beque­men Lösun­gen zufrie­den­ge­ben. Sowohl im täg­li­chen Leben wie im Glau­ben stel­len wir fest, daß es vie­le „Grau­zo­nen“ gibt, Situa­tio­nen, die nicht streng in schwarz oder weiß ein­ge­teilt wer­den kön­nen.
Bezüg­lich Amo­ris lae­ti­tia und den soge­nann­ten Dubia hebt Kar­di­nal Ger­hard Lud­wig Mül­ler im Vor­wort zum jüng­sten Buch des Phi­lo­so­phen Roc­co But­tiglio­ne die­se Span­nung zwi­schen der Objek­ti­vi­tät der Norm, die grund­le­gend bleibt und bezüg­lich der Wahr­heit der Ehe erleuch­tet, und „den exi­sten­ti­el­len Situa­tio­nen her­vor, die sehr ver­schie­den und kom­plex sind“, und die in bestimm­ten Fäl­len die Schuld mil­dern oder zumin­dest eine ehr­li­che Gott­su­che erken­nen las­sen kön­nen. Um sowohl eine leicht­fer­ti­ge Anpas­sung an den Geist des Rela­ti­vis­mus als auch eine kal­te Anwen­dung der Vor­schrif­ten zu ver­mei­den, bedarf es einer beson­de­ren Fähig­keit der geist­li­chen Unter­schei­dung. Ich den­ke an das Kon­zil von Jeru­sa­lem, wie es in der Apo­stel­ge­schich­te berich­tet wird: Um eine prak­ti­sche Fra­ge im Leben der Kir­che zu lösen, beru­fen sich die Apo­stel nicht gleich auf das Gesetz oder die Tra­di­ti­on, son­dern öff­nen die Augen und das Herz für die geleb­te Gna­de des Hei­li­gen Gei­stes. Es ist ein biß­chen so, wie es Kar­di­nal Can­est­ri sag­te, ein vor kur­zem ver­stor­be­ner Hir­te: Wich­tig ist, im Fluß der Kir­che zu ste­hen. Wenn jemand etwas wei­ter rechts oder etwas wei­ter links steht, ist das nur eine zuläs­si­ge Varia­ti­on, die nicht mit Zwang ein­ge­schränkt wer­den soll. Ich den­ke, daß die Unter­schei­dung die Kunst des Sehens mit den Augen des Glau­bens ist, wie der Hei­li­ge Geist häu­fig auch in kom­ple­xen Lebens­si­tua­tio­nen oder Situa­tio­nen am Werk ist, die offen­bar fern von Gott sind, um alle mensch­li­chen, spi­ri­tu­el­len und pasto­ra­len Mög­lich­kei­ten zu erfas­sen, indem man immer „im Fluß“ bleibt.

Die „Gefahren“ der bisherigen Priesterausbildung

Amoris laetitia
Amo­ris lae­ti­tia

Tor­ni­el­li: Amo­ris lae­ti­tia lädt den Prie­stern eine beacht­li­che Last an Ver­ant­wor­tung auf. Sind sie dafür aus­ge­bil­det und vor­be­rei­tet?

Kar­di­nal Stel­la: Wir haben eine gro­ße Her­aus­for­de­rung vor uns, die vor allem die Prie­ster­aus­bil­dung betrifft. Mich hat im Gespräch von Papst Fran­zis­kus mit Pater Anto­nio Spa­daro, das im Buch „Stellt nun eure Fra­gen“ (orig. „Ades­so fate le vost­re doma­ne“) ver­öf­fent­licht wur­de, sehr die Anspie­lung auf die Lehr­plä­ne zur Prie­ster­aus­bil­dung bewegt, die ris­kie­ren, mit zu kla­ren Ideen und zu defi­nier­ten Nor­men abseits der kon­kre­ten Lebens­wirk­lich­kei­ten zu erzie­hen. Wir brau­chen es hin­ge­gen, daß der Prie­ster ein „Mann der Unter­schei­dung“ ist. Dazu ist es aber not­wen­dig, auf beson­de­re Wei­se auf die mensch­li­che For­mung der Prie­ster abzu­zie­len. Mit der neu­en Ratio Fun­da­men­ta­lis wur­de ver­sucht, eine auf­ge­setz­te und zu sehr mit einem, ich wür­de sagen, über­trie­be­nen und ver­ein­nah­men­den Akzent auf der Ebe­ne der aka­de­mi­schen Stu­di­en oder einer abstrak­ten Spi­ri­tua­li­tät orga­ni­sier­te Aus­bil­dung zu ent­mu­ti­gen, als wäre sie fast außer­halb der Per­son. Es braucht – wenn ich das so sagen darf – ganz mensch­li­che Prie­ster, also inner­lich ent­schlos­se­ne Per­so­nen, die ihre eige­nen Schat­ten erken­nen und an den eige­nen Kon­flik­ten arbei­ten konn­ten, die sich hel­fen lie­ßen, die eige­ne Zer­brech­lich­keit in einem Pro­zeß der voll­stän­di­gen Rei­fung zu inte­grie­ren, und die affek­tiv wie psy­chisch sta­bil und gelas­sen sind.

Der „ganz menschliche“ Priester des 21. Jahrhunderts

Tor­ni­el­li: Was geschieht, wenn die­ses Gleich­ge­wicht fehlt?

Kar­di­nal Stel­la: Wenn die­se aus­ge­gli­che­ne Grund­hu­ma­ni­tät fehlt, ris­kiert der Prie­ster, Posi­tio­nen der Starr­heit oder der Distanz ein­zu­neh­men, auch aus Furcht, die täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen sei­nes Dien­stes nicht hand­ha­ben zu kön­nen. Unsi­cher­heit ver­knüpft sich immer mit einer gewis­sen Infle­xi­bi­li­tät. Ein voll­kom­men mensch­li­cher Prie­ster hin­ge­gen geht inmit­ten der Leu­te, er läßt sich von ihren Wun­den berüh­ren, ermu­tigt ihre Freu­den und lebt eine Herz­lich­keit in den Bezie­hun­gen. Indem er die Brü­der beglei­tet, wird er immer weni­ger auf sich selbst zen­triert sein, son­dern sich viel­mehr dar­um küm­mern, allen die Zärt­lich­keit Got­tes und den Duft Sei­ner Gna­den zukom­men zu las­sen. Ein sol­cher Prie­ster schaut nicht von oben von der Kan­zel her­ab auf die ande­ren, son­dern befin­det sich, sich voll­kom­men bewußt, als erster ein Sün­der zu sein, dem ver­ge­ben wur­de, im sel­ben Boot mit den Brü­dern und macht mit ihnen die Über­fahrt der Bekeh­rung zu Chri­stus. Mit Mit­leid und väter­li­cher Nähe wird er die Geschich­te von jedem anzu­neh­men wis­sen als ein Mann, der genau weiß, daß jede Geschich­te und jede Per­son anders ist, und daß es dafür kei­ne bereits fer­tig­ge­stell­ten Hand­bü­cher oder Nach­schla­ge­wer­ke gibt. Er ist ein Mann, der den Glau­ben und das christ­li­che Leben anzu­bie­ten weiß, das mehr aus Bezie­hun­gen besteht als aus abstrak­ten Regeln.

Das voll­stän­di­ge Ori­gi­nal­in­ter­view auf Vati­can Insi­der.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Vatican Insi­der

1 Kommentar

  1. Lebens­wirk­lich­keit ver­sus „Ideo­lo­gie und Lega­lis­mus“ Ich ver­ste­he nicht wie Jesus, der Gott ist, damals nicht so ein­sich­tig war, ja wirk­lich­keits­fremd und ich wuss­te nicht, dass die Bibel Ideo­lo­gie und die Wor­te Jesu Chri­sti Lega­lis­mus sind, das ist mir neu. Oder ist es so, weil Jesus evo­lul­tio­ni­stisch noch zurück­ge­blie­ben war, dass Gott auf­grund der Evo­lu­ti­on damals noch nicht soweit ent­wickelt war. Evo­lu­ti­on ist eine Über­ra­schung. Natür­lich hat die Evo­lu­ti­on des Prie­sters und der Kir­che nach dem 2. Vati­ka­num einen Quan­ten­sprung erlebt.

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