Papst für aktive Sterbehilfe?

(Rom) Die Päpst­li­che Aka­de­mie für das Leben unter der Lei­tung von Kuri­en­erz­bi­schof Vin­cen­zo Paglia lud am 16./17. Novem­ber zu einer Tagung über Eutha­na­sie in den Nie­der­lan­den. Unter den Refe­ren­ten befan­den sich zahl­rei­che Eutha­na­sie-Befür­wor­ter. Das allein, da in offe­nem Wider­spruch mit der katho­li­schen Leh­re über die Hei­lig­keit des Lebens, wäre bereits ein Skan­dal, der nach Kon­se­quen­zen ruft, wür­de in Rom nicht Papst Fran­zis­kus regie­ren. Erz­bi­schof Paglia gilt als ein enger Ver­trau­ter des Pap­stes, der ihn erst am 15. August 2015 eigens auf die­sen Posten gesetzt hat­te.

Ein nicht min­de­rer Skan­dal ist es, daß sich unter den Refe­ren­ten auch die Vor­sit­zen­de des Schwei­zer Able­gers des welt­größ­ten Abtrei­bungs­kon­zerns Plan­ned Paren­t­hood befand. Nicht erst seit­her steht die Fra­ge unbe­ant­wor­tet im Raum, wie bestimm­te Kon­tak­te zwi­schen dem Vati­kan unter Papst Fran­zis­kus und den neo­mal­thu­sia­ni­schen Über­be­völ­ke­rungs- und Abtrei­bungs­ideo­lo­gen zustan­de kom­men.

Bis heu­te fin­det sich auf der Inter­net­sei­te der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben kein Hin­weis auf die­se Tagung, weder vor­her noch nach­her, obwohl sie auf Ein­la­dung der Aka­de­mie sogar im Vati­kan statt­fand. Offen­bar hat jemand ein schlech­tes Gewis­sen oder will Wege unter Aus­schluß der Öffent­lich­keit beschrei­ten. Anders aus­ge­drückt: Es soll ein Weg beschrit­ten wer­den, der sich mit der kirch­li­chen Leh­re und dem bis­he­ri­gen Kurs nicht ver­ein­ba­ren läßt.

Der Papst wand­te sich mit einer Bot­schaft an die Tagungs­teil­neh­mer. Obwohl es Fran­zis­kus nicht so gesagt hat, waren sich die Mas­sen­me­di­en einig: Der Papst „öff­net für die Ster­be­hil­fe“ und „geht neue Wege“ bei der Eutha­na­sie. Aus dem Vati­kan kam kein Demen­ti gegen die­se „Falsch­mel­dun­gen“.

Sie müs­sen also ern­ster genom­men wer­den, als es den Katho­li­ken lieb sein kann. Da Jour­na­li­sten nicht will­kür­lich erfin­den, was sie berich­ten, müs­sen ihnen von die päpst­li­chen Inten­tio­nen glaub­wür­di­ger Sei­te in der Kir­che in die­sem Sin­ne nahe­ge­bracht wor­den sein.

Fran­zis­kus hat­te in sei­ner Bot­schaft einer­seits gesagt, daß Eutha­na­sie immer „bleibt“. Gleich­zei­tig wand­te er sich gegen eine „the­ra­peu­ti­sche Ver­bis­sen­heit“ und sag­te ein Wort, das das Gegen­teil des bis­her gesag­ten zum Aus­druck brach­te. Ver­ur­teil­te der Papst die Eutha­na­sie, um sie weni­ge Sät­ze danach durch die Hin­ter­tür wie­der her­ein­zu­ho­len?

Papst Fran­zis­kus und sein Adla­tus Paglia sor­gen an einer wei­te­ren Front, dem Lebens­en­de, für Ver­wir­rung, als gäbe es sol­cher Fron­ten in der Kir­che inzwi­schen nicht schon genug.

Der ehe­ma­li­ge Rich­ter, Kabi­netts­chef meh­re­rer Mini­ster und im Ruhe­stand nun auch Schrift­stel­ler, Dome­ni­co Caco­par­do, Mit­glied des Aspen Insti­tu­te Ita­li­en, schrieb gestern in der Tages­zei­tung Ita­lia Oggi einen Kom­men­tar zu die­ser Ver­wir­rung. Sei­ne Posi­ti­on zum The­ma Eutha­na­sie ist abzu­leh­nen. Sein Kom­men­tar wir den­noch doku­men­tiert, um zu zei­gen, wie das päpst­li­che Han­deln auf­ge­nom­men wird:

Die Worte des Papstes verstärken die Mißverständnisse

von Dome­ni­co Caco­par­do

Ich wer­de Msgr. Vin­cen­zo Paglia nicht bezich­ti­gen, mit den Wor­ten gespielt zu haben. Ich wer­de nur sagen, daß Msgr. Paglia sei­ne Pflicht gegen­über Papst Fran­zis­kus erfüllt und die ideo­lo­gi­sche (also dok­tri­nel­le) Rich­tig­keit der päpst­li­chen Neue­rung in Sachen Lebens­en­de oder Eutha­na­sie, wie immer man das nen­nen will, ver­tre­ten hat. Wenn jemand mit den Wor­ten gespielt hat, dann war es wenn schon der Papst selbst, der bei einem öffent­li­chen Anlaß ande­res behaup­tet hat. Mehr oder weni­ger fol­gen­des: Wenn es augen­schein­lich ist, daß die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zwi­schen der Behand­lung und den Lebens­per­spek­ti­ven fehlt, ist es „eine mora­li­sche Pflicht“ [der Papst gebrauch­te das Adjek­tiv „dovero­so“, das vom ita­lie­ni­schen Wör­ter­buch Saba­ti­ni Colet­ti erklärt wird 1) als mora­li­sche Pflicht oder 2) als Respekt, der ande­ren geschul­det ist], sie abzu­bre­chen. Ein „dovero­so“, das schwer wie ein Mühl­stein wiegt auf dem von zwei­tau­send Jah­ren Chri­sten­tum vor­ge­zeich­ne­ten Weg. Doch mit den dok­tri­nel­len und theo­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen von Fran­zis­kus wer­den sich die Theo­lo­gen im Talar befas­sen.

Per­sön­lich bin ich für die Eutha­na­sie, glau­be aber, daß es zu einem so sen­si­blen The­ma der Klar­heit bedarf. In der aktu­el­len Rea­li­tät liegt die the­ra­peu­ti­sche Ent­schei­dung in der Hand des Arz­tes. Er ent­schei­det, wenn er die Sinn­lo­sig­keit der The­ra­pien fest­ge­stellt hat, wann sie abge­bro­chen wer­den. Damit ent­schei­det er indi­rekt auch das Ster­ben des Pati­en­ten. Die Eutha­na­sie scheint anders zu sein: Sie bedeu­tet den Wil­len des Pati­en­ten umzu­set­zen, nicht län­ger leben zu wol­len. Das wird schwer zu ver­ste­hen sein, wer sich aber mit dem Übel des Jahr­hun­derts, dem Krebs, befaßt, kennt die­se Din­ge gut.

Bei uns wür­de es sich um Mord han­deln. Viel hängt von der Sen­si­bi­li­tät und der Barm­her­zig­keit des medi­zi­ni­schen Per­so­nals ab: ob und wann ent­schie­den wird, die Behand­lung abzu­bre­chen. Sie wis­sen sehr gut, daß der Kran­ke inner­halb kur­zer Zeit auf­hö­ren wird zu leben. Die „kur­ze Zeit“ ist ein wei­te­rer kri­ti­scher Punkt: Ist es ein Tag, eine Woche, ein Monat des Lei­dens (und des Lebens), die dem Kran­ken „erspart“ wird (und der Gemein­schaft an Geld)? Wer urteilt dar­über? Ein Rich­ter könn­te jeden The­ra­pie­ab­bruch für vor­ei­lig hal­ten.

In phi­lo­so­phi­scher und begriff­li­cher Hin­sicht ist es unmög­lich, zwi­schen Eutha­na­sie und einem mora­lisch ver­pflich­ten­den [„dovero­so“] Abbruch der Behand­lung zu unter­schei­den. Zwi­schen den bei­den Moda­li­tä­ten ist die Gren­ze labil. Man sagt: Die Eutha­na­sie geschieht auf Wunsch des Kran­ken. Der aber weiß häu­fig gar nicht, in wel­cher Pha­se er sich befin­det. Des­halb ver­stär­ken die Wor­te des Pap­stes das Miß­ver­ständ­nis. Da es sich um einen Jesui­ten han­delt, der imstan­de ist, die Gegen­sät­ze zu kon­ju­gie­ren, ist das nicht ver­wun­der­lich.

Text/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Il Timo­ne