„Es gibt für den Augustiner-Orden keinen Grund zum Feiern“

Martin Luther? Für den Augustinerorden, mit dem er 1520 brach, kein Grund zum Feiern.
Martin Luther? Für den Augustinerorden, mit dem er 1520 brach, kein Grund zum Feiern. Zeitgenössischer Stich von 1520, der Luther noch als Bruder des Bettelordens zeigt.

(Rom) Kurz vor dem Höhe­punkt des Geden­kens an 500 Jah­re Refor­ma­ti­on nahm auch der Gene­ral­obe­re des Augu­sti­ner­or­dens zu Mar­tin Luther Stel­lung, dem Luther selbst ab 1505 ange­hört hat­te, ehe er das Ordens­we­sen und das Prie­ster­tum laut­stark und radi­kal ver­warf.

Der Spa­ni­er Ale­jan­dro Moral Anton, seit 2013 Gene­ral­pri­or des Ordens, scheint nichts vom plötz­li­chen Luther-Jubel in eini­gen katho­li­schen Krei­sen zu hal­ten.

„Es gibt kei­nen Zwei­fel, daß Luther eine wah­re reli­giö­se Kri­se geför­dert hat, die zu einem Bruch im west­li­chen Chri­sten­tum führ­te. Er leg­te die Grund­la­ge zum Säku­la­ri­sie­rungs­pro­zeß in Euro­pa.“

Generalpior Alejandro Moral Anton
Gene­ral­pi­or Ale­jan­dro Moral Anton

In einem Schrei­ben an die rund 3.000 Ordens­an­ge­hö­ri­gen stellt der Gene­ral­pri­or klar, daß „der Orden des hei­li­gen Augu­sti­nus, dem Luther ange­hör­te, kei­nen Grund hat, 500 Jah­re Refor­ma­ti­on zu fei­ern“.

An die histo­ri­schen Fak­ten könn­te man erin­nern, auch an die „posi­ti­ven Aspek­te“, die aus dem Gan­zen erwach­sen sei­en.

Man kön­ne aber „eben­so­we­nig einen ande­ren, weni­ger schö­nen Aspekt aus­klam­mern“, näm­lich Luthers „Into­le­ranz“. Der Gene­ral­pri­or ver­weist auf die „bis­si­gen Aus­drücke“ gegen alle, die sich ihm „wider­setz­ten“. Oft war er in sei­ner Spra­che „belei­di­gend“ und „ver­leum­de­risch“.

Luther sei auch durch sei­ne „aggres­si­ve“ Hal­tung ver­ant­wort­lich für das Schis­ma. Einen Die Mög­lich­keit „einen Feh­ler oder Irr­tum“ ein­zu­ge­ste­hen, sei für Luther nicht in Fra­ge gekom­men. Luther ste­he auch für „über­trie­be­ne Belei­di­gun­gen und Aggres­sio­nen gegen den Papst“, die­se zu lesen, sei noch heu­te „wirk­lich trau­rig. Das Lesen die­ser Tex­te erfüllt uns mit Schmer­zen.“

Der Gene­ral­pri­or ging auch auf den Kern von Luthers Den­ken ein:

„Die Kon­se­quen­zen der luthe­ri­schen Wahr­neh­mung füh­ren zur Leug­nung des frei­en Wil­lens, der Ableh­nung der Mes­se als Opfer, der Ver­leug­nung des sakra­men­ta­len Prie­ster­tums, zum Abrei­ßen des Lehr­am­tes und der kirch­li­chen Hier­ar­chie sowie der Dämo­ni­sie­rung des Papst­tums.“

Gleich­zei­tig, so Gene­ral­pri­or Ale­jan­dro Moral Anton, habe sich Luther gegen­über „den pro­te­stan­ti­schen Für­sten erstaun­lich unter­wür­fig gezeigt“. So unter­stütz­te er auch die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung des Bau­ern­krie­ges. Zwei wei­te­re Aspek­te bei Luther sei­en nicht zu ver­ges­sen, die ihre „dunk­len Schat­ten auf die Geschich­te der ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­te gelegt haben: der Natio­na­lis­mus und der Anti­se­mi­tis­mus“.

Der Augu­sti­ner­or­den (OSA) ent­stand 1244 in Ita­li­en aus dem Zusam­men­schluß ver­schie­de­ner Ere­mi­ten­ge­mein­schaf­ten und wur­de von Papst Inno­zenz IV. aner­kannt. Das erste Klo­ster im deut­schen Sprach­raum wur­de 1255 im heu­te schwei­ze­ri­schen Frei­burg im Ücht­land gegrün­det, 1256 folg­te die Grün­dung des Klo­sters Mari­en­thal bei Wesel am Nie­der­rhein. Der Orden brei­te­te sich schnell aus und erleb­te einen gro­ßen Zulauf. Um 1300 gab es allein im deut­schen Sprach­raum bereits vier Ordens­pro­vin­zen und an die 80 Klö­ster. In Erfurt und in Straß­burg befan­den sich für die­se die bei­den ordens­ei­ge­nen Aus­bil­dungs­stät­ten.

Niko­laus von Tolen­ti­no (1245–1305) wur­de zum ersten Hei­li­gen des Ordens. Die­sem gehör­te der schle­si­sche Gene­ti­ker Gre­gor Men­del (Men­del­sche Regeln) und im Vier­ten Stand, den „Begür­te­ten“, der Sie­ger von Lepan­to, Don Juan d’Au­stria, an.

Luther, der in den Orden ein­ge­tre­ten war, ver­warf 1520 das Ordens­le­ben und leg­te 1524 auch äußer­lich sei­ne Ordens­tracht ab. Die Refor­ma­ti­on dezi­mier­te die Zahl der Klö­ster im deut­schen Sprach­raum durch Aus­trit­te und durch Ver­trei­bung auf fast die Hälf­te. Die Säch­si­sche-Thü­rin­gi­sche Ordens­pro­vinz, für die Luther ordens­in­tern Ver­ant­wor­tung trug, ver­schwand voll­ends. In den katho­lisch geblie­be­nen Gegen­den erhol­te sich der Orden wie­der, bis ihn Ende des 18. Jahr­hun­derts und am Beginn des 19. Jahr­hun­derts der Jose­phi­nis­mus und der fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­ons­sturm fast aus­lösch­ten. In der Schweiz fie­len die Klö­ster dem Son­der­bund­krieg zum Opfer. Das Frei­bur­ger Klo­ster wur­de 1848 auf­ge­ho­ben. Heu­te exi­stie­ren in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land acht Klö­ster, dar­un­ter auch wie­der eines in Erfurt, und ein Klo­ster in Wien.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Ordem de San­to Agostinho/Wikicommons (Screen­shots)

4 Kommentare

  1. Sehr kla­re Wor­te eines Gene­ral­obe­ren. Sehr erfreu­lich! Hof­fent­lich kostet die­se Stel­lung­nah­me dem Gene­ral­pri­or nicht sein Amt.- Im Übri­gen, Abt Gre­gor Men­del war Augu­sti­ner­chor­herr und kein Augu­sti­ne­rere­mit.

    • Gre­gor Men­del war Augu­sti­ner-Ere­mit. Der Orden besaß in der Tat ein unge­wöhn­li­ches, päpst­li­ches Pri­vi­leg: Das St. Tho­mas-Klo­ster in Brünn, dem Men­del ange­hör­te, hat­te den Sta­tus einer Abtei (etwas, das weder Bet­tel­or­den noch die Augu­sti­ner-Chor­her­ren ken­nen).

  2. Dan­ke für die­sen Bericht! Die Stel­lung­nah­me des Gene­ral­obe­ren ist in Zei­ten wie die­sen durch­aus erfreu­lich. Ver­mut­lich kann ein Spa­ni­er in die­ser Ange­le­gen­heit auch unbe­fan­ge­ner reden als ein Deut­scher.

    Den Ein­wand von PETRUS hät­te ich auch gemacht, fand aber auf Wiki­pe­dia, daß Men­del tat­säch­lich kein Augu­sti­ner­chor­herr war. Dan­ke daher an Giu­sep­pe Nar­di für die Auf­klä­rung die­ses offen­bar weit ver­brei­te­ten Irr­tums.

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