Bischof Athanasius Schneider zu „Amoris laetitia“: Klärungsbedarf zur Vermeidung einer allgemeinen Verwirrung

Weihbischof Athansius Schneider über "Amoris laetitia"
Weihbischof Athansius Schneider über "Amoris laetitia"

 Msgr. Atha­na­si­us Schnei­der, der Weih­bi­schof von Asta­na, ver­faß­te eine umfang­rei­che Stel­lung­nah­me zum nach­syn­oda­len Apo­sto­li­schen Schrei­ben „Amo­ris lae­ti­tia“.
Katholisches.info ver­öf­fent­licht die voll­stän­di­ge deut­sche Über­set­zung der Stel­lung­nah­me, mit der die päpst­li­che Exhor­ta­tio und ihre mög­li­chen Fol­gen einer Prü­fung und Bewer­tung unter­zo­gen wird. Bischof Schnei­der sieht Hand­lungs­be­darf, um eine „all­ge­mei­ne Ver­wir­rung“ in der Kir­che zu ver­mei­den, und wünscht von Papst Fran­zis­kus eine „authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on“ zu Amo­ris lae­ti­tia, die alle durch das apo­sto­li­sche Schrei­ben ent­stan­de­nen Unklar­hei­ten aus­räumt.
Bischof Schnei­der ist einer der Autoren der Hand­rei­chung „Vor­ran­gi­ge Opti­on für die Fami­lie. 100 Fra­gen und 100 Ant­wor­ten“, die im Vor­feld der Bischofs­syn­ode von 2015 ver­öf­fent­licht wur­de. Sie lie­fer­te eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­ons- und Argu­men­ta­ti­ons­hil­fe in der aktu­el­len Dis­kus­si­on.
Die deut­sche Über­set­zung wur­de von Weih­bi­schof Schnei­der auto­ri­siert.

Das Paradox der widersprüchlichen Interpretationen von “Amoris laetitia“

von Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der

Das vor kur­zem ver­öf­fent­lich­te Apo­sto­li­sche Schrei­ben “Amo­ris Lae­ti­tia“ (AL), das einen gro­ßen spi­ri­tu­el­len und pasto­ra­len Reich­tum für das Leben in der Ehe und in der christ­li­chen Fami­lie unse­rer Epo­che ent­hält, hat bereits inner­halb kur­zer Zeit sogar im Bereich des Epi­sko­pats wider­sprüch­li­che Inter­pre­ta­tio­nen her­vor­ge­ru­fen.

Es gibt Bischö­fe und Prie­ster, die öffent­lich und offen erklär­ten, dass AL eine sehr kla­re Öff­nung für die Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne gelie­fert habe, ohne von die­sen ein Leben in Ent­halt­sam­keit zu ver­lan­gen. In die­sem Aspekt der sakra­men­ta­len Pra­xis, die sich laut ihnen nun auf bedeut­sa­me Wei­se geän­dert habe, lie­ge der wirk­lich revo­lu­tio­nä­re Cha­rak­ter von AL. AL mit Blick auf die irre­gu­lä­ren Paa­re inter­pre­tie­rend, erklär­te der Vor­sit­zen­de einer Bischofs­kon­fe­renz in einem auf der Inter­net­sei­te die­ser Bischofs­kon­fe­renz ver­öf­fent­lich­ten Text:

„Es han­delt sich um eine Maß­nah­me der Barm­her­zig­keit, um eine Öff­nung von Herz, Ver­stand und Geist, für die es weder ein Gesetz braucht noch irgend­ei­ne Direk­ti­ve oder Richt­li­ni­en. Man kann und soll sie sofort in die Pra­xis umset­zen.“

Die­se Ansicht wur­de zusätz­lich durch die jüng­sten Erklä­run­gen von Pater Anto­nio Spa­daro SJ bestä­tigt, der nach der Bischof­syn­ode von 2015 geschrie­ben hat­te, dass die Syn­ode die „Grund­la­ge“ für den Zugang der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Kom­mu­ni­on geschaf­fen hat­te, indem sie „eine Tür öff­ne­te“, die bei der vor­he­ri­gen Syn­ode von 2014 noch ver­schlos­sen geblie­ben war. Nun, sagt Pater Spa­daro in sei­nem Kom­men­tar zu AL, wur­de sei­ne Ankün­di­gung bestä­tigt. Man sagt, dass Pater Spa­dro selbst Teil der redak­tio­nel­len Grup­pe von AL ange­hört habe.

Der Weg für die miss­bräuch­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen scheint sogar von Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born ange­sto­ßen wor­den zu sein, der wäh­rend der offi­zi­el­len Vor­stel­lung von AL in Rom im Zusam­men­hang mit den irre­gu­lä­ren Ver­bin­dun­gen gesagt hat­te:

„Mei­ne gro­ße Freu­de an die­sem Doku­ment ist, dass es kon­se­quent die künst­li­che, äußer­li­che, fein säu­ber­li­che Tren­nung von „regu­lär“ und „irre­gu­lär“ über­win­det“.

Eine sol­che Äuße­rung ver­mit­telt den Ein­druck, dass es kei­nen kla­ren Unter­schied zwi­schen einer gül­ti­gen und sakra­men­ta­len Ehe und einer irre­gu­lä­ren Ver­bin­dung gebe, oder zwi­schen einer läß­li­chen und töd­li­chen Sün­de gebe.

Auf der ande­ren Sei­te gibt es Bischö­fe, die behaup­ten, dass AL im Licht des immer­wäh­ren­den Lehr­am­tes der Kir­che gele­sen wer­den müs­se und dass AL nicht die Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen erlaubt, auch nicht im Aus­nah­me­fall. Grund­sätz­lich ist die­se Fest­stel­lung rich­tig und wün­schens­wert. In der Tat soll­te jeder Text des Lehr­am­tes gene­rell in sei­nem Inhalt mit dem vor­he­ri­gen Lehr­amt bruch­los über­ein­stim­men.

Den­noch ist es kein Geheim­nis, dass in ver­schie­de­nen Orten die geschie­de­nen und wie­der­ver­hei­ra­te­ten Per­so­nen zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on zuge­las­sen sind, ohne dass sie ent­halt­sam leben. Eini­ge Aus­sa­gen von AL kön­nen rea­li­sti­scher­wei­se dazu her­an­ge­zo­gen wer­den, die­sen bereits seit eini­ger Zeit an ver­schie­de­nen Orten des kirch­li­chen Lebens prak­ti­zier­ten Miß­brauch zu recht­fer­ti­gen.

Einige Aussagen von AL eignen sich objektiv für Missinterpretationen

Der Hei­li­ge Vater, Papst Fran­zis­kus, hat uns alle ein­ge­la­den, einen Bei­trag zum Nach­den­ken und zum Dia­log über die heik­len, die Ehe und die Fami­lie betref­fen­den Fra­gen zu lei­sten.

„Die Refle­xi­on der Hir­ten und Theo­lo­gen wird uns, wenn sie kir­chen­treu, ehr­lich, rea­li­stisch und krea­tiv ist, zu grö­ße­rer Klar­heit ver­hel­fen“ (AL, 2).

Ana­ly­siert man mit intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit eini­ge Aus­sa­gen von AL in ihrem Kon­text, stellt man eine Schwie­rig­keit fest, sie gemäß der über­lie­fer­ten Leh­re der Kir­che zu inter­pre­tie­ren. Die­ser Umstand erklärt sich durch das Feh­len der kon­kre­ten und aus­drück­li­chen Bekräf­ti­gung der bestän­di­gen, auf dem Wort Got­tes beru­hen­den und von Papst Johan­nes Paul II. bekräf­tig­te Leh­re und Pra­xis der Kir­che, der sagt:

„ Die Kir­che bekräf­tigt jedoch ihre auf die Hei­li­ge Schrift gestütz­te Pra­xis, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne nicht zum eucha­ri­sti­schen Mahl zuzu­las­sen. Sie kön­nen nicht zuge­las­sen wer­den; denn ihr Lebens­stand und ihre Lebens­ver­hält­nis­se ste­hen in objek­ti­vem Wider­spruch zu jenem Bund der Lie­be zwi­schen Chri­stus und der Kir­che, den die Eucha­ri­stie sicht­bar und gegen­wär­tig macht. Dar­über hin­aus gibt es noch einen beson­de­ren Grund pasto­ra­ler Natur: Lie­ße man sol­che Men­schen zur Eucha­ri­stie zu, bewirk­te dies bei den Gläu­bi­gen hin­sicht­lich der Leh­re der Kir­che über die Unauf­lös­lich­keit der Ehe Irr­tum und Ver­wir­rung.

Die Wie­der­ver­söh­nung im Sakra­ment der Buße, das den Weg zum Sakra­ment der Eucha­ri­stie öff­net, kann nur denen gewährt wer­den, wel­che die Ver­let­zung des Zei­chens des Bun­des mit Chri­stus und der Treue zu ihm bereut und die auf­rich­ti­ge Bereit­schaft zu einem Leben haben, das nicht mehr im Wider­spruch zur Unauf­lös­lich­keit der Ehe steht. Das heißt kon­kret, dass, wenn die bei­den Part­ner aus ernst­haf­ten Grün­den — zum Bei­spiel wegen der Erzie­hung der Kin­der — der Ver­pflich­tung zur Tren­nung nicht nach­kom­men kön­nen, ‚sie sich ver­pflich­ten, völ­lig ent­halt­sam zu leben, das heißt, sich der Akte zu ent­hal­ten, wel­che Ehe­leu­ten vor­be­hal­ten sind‘“ (Fami­lia­ris Con­sor­tio, 84).

Papst Fran­zis­kus hat „kei­ne neue, auf alle Fäl­le anzu­wen­den­de gene­rel­le gesetz­li­che Rege­lung kano­ni­scher Art“ (AL, 300) fest­ge­legt. In der Fuß­no­te 336 erklärt er aller­dings: „Auch nicht auf dem Gebiet der Sakra­men­ten­ord­nung, da die Unter­schei­dung erken­nen kann, dass in einer beson­de­ren Situa­ti­on kei­ne schwe­re Schuld vor­liegt.“ Mit offen­sicht­li­chem Bezug auf die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen sagt der Papst in AL, Nr. 305: „Auf­grund der Bedingt­hei­ten oder mil­dern­der Fak­to­ren ist es mög­lich, dass man mit­ten in einer objek­ti­ven Situa­ti­on der Sün­de – die nicht sub­jek­tiv schuld­haft ist oder es zumin­dest nicht völ­lig ist – in der Gna­de Got­tes leben kann, dass man lie­ben kann und dass man auch im Leben der Gna­de und der Lie­be wach­sen kann, wenn man dazu die Hil­fe der Kir­che bekommt.“ In der Fuß­no­te 351 erklärt der Papst sei­ne Fest­stel­lung mit den Wor­ten: „In gewis­sen Fäl­len könn­te es auch die Hil­fe der Sakra­men­te sein.“

Im sel­ben Ach­ten Kapi­tel von AL (Nr. 298) spricht der Papst von den „Geschie­de­nen in einer neu­en Ver­bin­dung, […] mit neu­en Kin­dern, mit erwie­se­ner Treue, groß­her­zi­ger Hin­ga­be, christ­li­chem Enga­ge­ment, mit dem Bewusst­sein der Irre­gu­la­ri­tät der eige­nen Situa­ti­on und gro­ßer Schwie­rig­keit, die­se zurück­zu­dre­hen, ohne im Gewis­sen zu spü­ren, dass man in neue Schuld fällt. Die Kir­che weiß um Situa­tio­nen, in denen ‚die bei­den Part­ner aus ernst­haf­ten Grün­den – zum Bei­spiel wegen der Erzie­hung der Kin­der – der Ver­pflich­tung zur Tren­nung nicht nach­kom­men kön­nen‘.“ In der Fuß­no­te 329 zitiert der Papst das Doku­ment Gau­di­um et spes lei­der auf eine nicht kor­rek­te Wei­se, weil das Kon­zil sich in die­sem Fall allein auf die gül­ti­ge christ­li­che Ehe bezieht. Die Anwen­dung die­ser Aus­sa­ge auf die Geschie­de­nen kann den Ein­druck erwecken, dass die gül­ti­ge Ehe, wenn nicht in der Theo­rie, so doch in der Pra­xis einer Ver­bin­dung von Geschie­de­nen gleich­ge­stellt wird.

Die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Heiligen Kommunion und ihre Folgen

AL fehlt es lei­der an den wört­li­chen Wie­der­ga­ben der Grund­sät­ze der Moral­leh­re der Kir­che in der Form, wie sie in Nr. 84 des Apo­sto­li­schen Schrei­bens Fami­lia­ris Con­sor­tio und der Enzy­kli­ka Veri­ta­tis Sple­ndor von Papst Johan­nes Paul II. ver­laut­bart sind, beson­ders zu fol­gen­den The­ma von gröss­ter Wich­tig­keit: „Grund­op­ti­on“ (Veri­ta­tis sple­ndor, 67–68), „Tod­sün­de und läß­li­che Sün­de“ (ebd. 69–70), „Pro­por­tio­na­lis­mus“, „Kon­se­quen­tia­lis­mus“ (ebd. 75), „das Mar­ty­ri­um“ und „die uni­ver­sa­len und unver­än­der­li­chen sitt­li­chen Nor­men“ (ebd. 91ff). Das wört­li­che Zitie­ren der Nr. 84 von Fami­lia­ris Con­sor­tio und eini­ger, zen­tra­ler Stel­len von Veri­ta­tis sple­ndor wür­den AL vor hete­ro­do­xen Inter­pre­ta­tio­nen schüt­zen. All­ge­mei­ne Anspie­lun­gen auf mora­li­sche Grund­sät­ze und auf die Leh­re der Kir­che sind mit Sicher­heit unzu­rei­chend in einem so umstrit­te­nen Bereich, der von eben­so deli­ka­ter wie ent­schei­den­der Bedeu­tung ist.

Eini­ge Ver­tre­ter des Kle­rus und auch des Epi­sko­pats behaup­ten bereits, dass laut dem Geist des Ach­ten Kapi­tels von AL in Aus­nah­me­fäl­len die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on zuge­las­sen wer­den kön­nen, ohne dass von ihnen leben in völ­li­ger Ent­halt­sam­keit ver­langt wer­de.

Wenn man eine sol­che Inter­pre­ta­ti­on von Buch­sta­ben und Geist von AL zuläßt, müß­te man, auf­grund von intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit und des Sat­zes vom aus­ge­schlos­se­nen Wider­spruch, fol­gen­de logi­sche Schluß­fol­ge­run­gen akzep­tie­ren.

  • Das Sech­ste Gebot Got­tes, das jeden sexu­el­len Akt außer­halb der gül­ti­gen Ehe ver­bie­tet, wäre nicht mehr uni­ver­sal gül­tig, wenn Aus­nah­men zuge­las­sen wären. Im kon­kre­ten Fall: Die Geschie­de­nen könn­ten den sexu­el­len Akt voll­zie­hen und wer­den sogar dazu ermu­tigt zum Zweck, die gegen­sei­ti­ge „Treue“ zu bewah­ren (vgl. AL, 298). Dar­aus wür­de sich eine „Treue“ erge­ben in einem Lebens­stil, der direkt dem aus­drück­li­chen Wil­len Got­tes wider­spricht. Zudem hie­ße es, der Gött­li­chen Offen­ba­rung zu wider­spre­chen, wür­de man Hand­lun­gen ermu­ti­gen und recht­fer­ti­gen, die in sich und immer im Wider­spruch zum Wil­len Got­tes sind.
  • Das gött­li­che Wort Chri­sti: „Was aber Gott ver­bun­den hat, das darf der Mensch nicht tren­nen“ (Mt 19,6) wäre damit nicht mehr immer und aus­nahms­los für alle Ehe­leu­te gül­tig.
  • Es wäre in einem beson­de­ren Fall mög­lich, das Buß­sa­kra­ment und die Hei­li­ge Kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen mit der Absicht direkt die gött­li­chen Gebo­te „Du sollst nicht die Ehe bre­chen“ (Ex. 20,14), und „Was aber Gott ver­bun­den hat, das darf der Mensch nicht tren­nen“ (Mt 19,6; Gen 2,24) zu miss­ach­ten.
  • Die Ein­hal­tung die­ser Gebo­te und des Wor­tes Got­tes wür­de in die­sen Fäl­len nur in der Theo­rie, aber nicht in der Pra­xis gesche­hen und damit wür­den die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen ver­lei­tet, „sich selbst zu betrü­gen“ (Jak 1,22). Man könn­te also durch­aus den völ­li­gen Glau­ben an den gött­li­chen Cha­rak­ter des Sech­sten Gebo­tes und der Unauf­lös­lich­keit der Ehe haben, aber ohne die ent­spre­chen­den Wer­ke.
  • Das Gött­li­che Wort Chri­sti: „Wer sei­ne Frau aus der Ehe ent­lässt und eine ande­re hei­ra­tet, der begeht Ehe­bruch ihr gegen­über. Auch eine Frau begeht Ehe­bruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe ent­lässt und einen ande­ren hei­ra­tet“ (Mk 10,12) hät­te also kei­ne uni­ver­sa­le Gül­tig­keit mehr, son­dern wür­de Aus­nah­men zulas­sen.
  • Die stän­di­ge, bewuss­te und freie Ver­let­zung des Sech­sten Gebo­tes Got­tes und der Hei­lig­keit und der Unauf­lös­lich­keit der eige­nen gül­ti­gen Ehe (im Fal­le von wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen) wäre also nicht mehr eine schwe­re Sün­de, oder eine direk­te Wider­set­zung gegen den Wil­len Got­tes.
  • Damit kann es auch Fäl­le einer schwer­wie­gen­den, stän­di­gen, bewuß­ten und frei­en Ver­let­zung der ande­ren Gebo­te Got­tes (zum Bei­spiel im Fall eines Lebens­stils der Finanz­kor­rup­ti­on) geben, bei denen einer bestimm­ten Per­son auf­grund mil­dern­der Umstän­de der Zugang zu den Sakra­men­ten zuge­spro­chen wer­den könn­te, ohne von ihr eine ehr­li­che Bereit­schaft zu ver­lan­gen, in Zukunft die sünd­haf­ten Hand­lun­gen und das Ärger­nis zu ver­mei­den.
  • Die immer­wäh­ren­de und unfehl­ba­re Leh­re der Kir­che wäre nicht mehr uni­ver­sal gül­tig, im beson­de­ren die von Papst Johan­nes Paul II. in Fami­lia­ris Con­sor­tio 84 und von Papst Bene­dikt XVI. in Sacra­men­tum cari­ta­tis Nr. 29 bekräf­tig­te Leh­re, laut der die völ­li­ge Ent­halt­sam­keit Bedin­gung für Geschie­de­ne ist, um die Sakra­men­te emp­fan­gen zu kön­nen.
  • Die Befol­gung des Sech­sten Gebo­tes Got­tes und der Unauf­lös­lich­keit der Ehe wäre damit ein irgend­wie nur für eine Eli­te, nicht aber für alle erreich­ba­res Ide­al.
  • Die kom­pro­miss­lo­sen Wor­te Chri­sti, die alle Men­schen ermah­nen, die Gebo­te Got­tes immer und unter allen Umstän­den zu befol­gen, und dafür auch beacht­li­che Lei­den in Kauf zu neh­men, anders aus­ge­drückt, auch das Kreuz anzu­neh­men, wären in ihrer Wahr­heit nicht mehr gül­tig: „Und wenn dich dei­ne rech­te Hand zum Bösen ver­führt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist bes­ser für dich, dass eines dei­ner Glie­der ver­lo­ren­geht, als dass dein gan­zer Leib in die Höl­le kommt“ (Mt 5,30).

Paa­re, die in einer „irre­gu­lä­ren Ver­bin­dung“ leben, zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen, indem man ihnen erlaubt, die den Ehe­part­nern der gül­ti­gen Ehe vor­be­hal­te­nen Akte zu prak­ti­zie­ren, käme der Anma­ßung einer Macht gleich, die kei­ner mensch­li­chen Auto­ri­tät zusteht, weil damit der Anspruch erho­ben wür­de, das Wort Got­tes kor­ri­gie­ren zu wol­len.

Gefahren einer Kollaboration der Kirche in der Verbreitung der „Scheidungsplage“

Die Kir­che lehrt uns, indem sie die immer­wäh­ren­de Leh­re Unse­res Herrn Jesus Chri­stus bekennt: „In Treue zum Herrn kann die Kir­che die Ver­bin­dung der zivil wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen nicht als Ehe aner­ken­nen. „Wer sei­ne Frau aus der Ehe ent­lässt und eine ande­re hei­ra­tet, begeht ihr gegen­über Ehe­bruch. Auch eine Frau begeht Ehe­bruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe ent­lässt und einen ande­ren hei­ra­tet“ (Mk 10,11–12). Die Kir­che schenkt die­sen Men­schen auf­merk­sa­me Zuwen­dung und lädt sie zu einem Leben aus dem Glau­ben, zum Gebet, zu Wer­ken der Näch­sten­lie­be und zur christ­li­chen Erzie­hung der Kin­der ein. Doch solan­ge die­se Situa­ti­on fort­dau­ert, die dem Gesetz Got­tes objek­tiv wider­spricht, kön­nen sie nicht die sakra­men­ta­le Los­spre­chung emp­fan­gen, nicht zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on hin­zu­tre­ten und gewis­se kirch­li­che Auf­ga­ben nicht aus­üben“ (Kom­pen­di­um des Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che, 349).

In einer ungül­ti­gen ehe­li­chen Ver­bin­dung zu leben, mit der man stän­dig dem Gebot Got­tes und der Hei­lig­keit und Unauf­lös­lich­keit der Ehe wider­spricht, bedeu­tet, nicht in der Wahr­heit zu leben. Zu erklä­ren, dass das wil­lent­li­che, freie und gewohn­heits­mä­ßi­ge Prak­ti­zie­ren sexu­el­ler Hand­lun­gen in einer ungül­ti­gen ehe­li­chen Ver­bin­dung in einem kon­kre­ten Fall nicht mehr eine schwe­re Sün­de sein könn­te, ist nicht die Wahr­heit, son­dern eine schwe­re Lüge und wird daher nie zu einer wirk­li­chen Freu­de in Lie­be füh­ren. Die­sen Per­so­nen den Emp­fang der Hei­li­gen Kom­mu­ni­on zu erlau­ben, bedeu­tet Simu­la­ti­on, Heu­che­lei und Lüge. Das Wort Got­tes in der Hei­li­gen Schrift gilt:

„Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber sei­ne Gebo­te nicht hält, ist ein Lüg­ner und die Wahr­heit ist nicht in ihm“ (1 Joh 2,4).

Das Lehr­amt der Kir­che lehrt uns die Gül­tig­keit der Zehn Gebo­te Got­tes: „Weil die zehn Gebo­te die Grund­pflich­ten des Men­schen gegen­über Gott und dem Näch­sten zum Aus­druck brin­gen, sind sie ihrem Wesen nach schwer­wie­gen­de Ver­pflich­tun­gen. Sie sind unver­än­der­lich, sie gel­ten immer und über­all. Nie­mand kann von ihnen dis­pen­sie­ren“ (KKK, 2072). Jene, die behaup­tet haben, dass die Gebo­te Got­tes und beson­ders das Gebot „Du sollst nicht die Ehe bre­chen“ Aus­nah­men haben könn­ten und in man­chen Fäl­len sogar die Schuld für die Schei­dung nicht anre­chen­bar sei, waren Pha­ri­sä­er und spä­ter die christ­li­chen Gno­sti­ker des zwei­ten und drit­ten Jahr­hun­derts.

Die fol­gen­den Aus­sa­gen des Lehr­am­tes blei­ben immer gül­tig, weil sie Teil des unfehl­ba­ren Lehr­am­tes in der Form des uni­ver­sa­len und ordent­li­chen Lehr­am­tes sind:

„Die nega­ti­ven Gebo­te des Natur­ge­set­zes sind all­ge­mein gül­tig: sie ver­pflich­ten alle und jeden ein­zel­nen alle­zeit und unter allen Umstän­den. Es han­delt sich in der Tat um Ver­bo­te, die eine bestimm­te Hand­lung sem­per et pro sem­per ver­bie­ten, ohne Aus­nah­me, […]es gibt Ver­hal­tens­wei­sen, die nie­mals, in kei­ner Situa­ti­on, eine ange­mes­se­ne […] Lösung sein kön­nen. […] Die Kir­che hat immer gelehrt, dass Ver­hal­tens­wei­sen, die von den im Alten und im Neu­en Testa­ment in nega­ti­ver Form for­mu­lier­ten sitt­li­chen Gebo­ten unter­sagt wer­den, nie gewählt wer­den dür­fen. Wie wir gese­hen haben, bestä­tigt Jesus sel­ber die Unum­gäng­lich­keit die­ser Ver­bo­te: ‚Wenn du das Leben erlan­gen willst, hal­te die Gebo­te! … Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe bre­chen, du sollst nicht steh­len, du sollst nicht falsch aus­sa­gen‘ (Mt 19, 17–18)“ (Johan­nes Paul II, Enzy­kli­ka Veri­ta­tis sple­ndor, 52).

Das Lehr­amt der Kir­che lehrt es uns noch viel deut­li­cher: „Das gute und rei­ne Gewis­sen wird durch den wah­ren Glau­ben erleuch­tet, denn die christ­li­che Lie­be geht gleich­zei­tig „aus rei­nem Her­zen, gutem Gewis­sen und unge­heu­chel­tem Glau­ben“ her­vor“ (1 Tim 1,5) [Vgl. 1 Tim 3,9; 2 Tim 1,3; 1 Petr 3,21; Apg 24,16]“ (KKK, 1794).

Für den Fall, dass eine psy­chisch gesun­de Per­son mora­lisch objek­tiv schwer­wie­gen­de Hand­lun­gen in vol­lem Bewußt­sein, in frei­er Ent­schei­dung und mit der Absicht die­se Hand­lung in der Zukunft zu wie­der­ho­len, setzt, ist es unmög­lich den Grund­satz der Nicht-Anre­chen­bar­keit der Schuld auf­grund mil­dern­der Umstän­de anzu­wen­den. Die Anwen­dung des Grund­sat­zes der Nicht-Anre­chen­bar­keit auf die­se Paa­re der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen wäre eine Heu­che­lei und ein gno­sti­scher Sophis­mus. Wenn die Kir­che die­se Per­so­nen auch nur in einem ein­zi­gen Fall zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on zuläßt, wür­de sie dem wider­spre­chen, was sie in der Leh­re bekennt, indem sie selbst ein öffent­li­ches Zeug­nis gegen die Unauf­lös­lich­keit der Ehe geben und damit zur wei­te­ren Ver­brei­tung der „Pla­ge der Schei­dung“ (II. Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Gau­di­um et spes, 47) bei­tra­gen wür­de.

Um einen sol­chen uner­träg­li­chen und Ärger­nis erre­gen­den Wider­spruch zu ver­mei­den, hat die Kir­che in unfehl­ba­rer Aus­le­gung der Gött­li­chen Wahr­heit des Moral­ge­set­zes und der Unauf­lös­lich­keit der Ehe, für zwei­tau­send Jah­re unver­än­der­lich und ohne Aus­nah­me oder beson­de­res Pri­vi­leg die Pra­xis befolgt, zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on nur jene Geschie­de­nen zuzu­las­sen, die in völ­li­ger Ent­halt­sam­keit leben und unter „Ver­mei­dung eines Ärger­nis­ses“ („remo­to scan­da­lo“).

Die erste pasto­ra­le Auf­ga­be, die der Herr Sei­ner Kir­che anver­traut hat, ist die Unter­wei­sung und die Leh­re (Vgl. Mt 28,20). Die Befol­gung der Gebo­te Got­tes ist intrin­sisch mit der Leh­re ver­bun­den. Aus die­sem Grund hat die Kir­che immer den Wider­spruch von Leh­re und Leben zurück­ge­wie­sen und einen sol­chen Wider­spruch als gno­stisch ver­ur­teilt, eben­so die häre­ti­sche luthe­ri­sche Leh­re des „simul ius­tus et pec­ca­tor“. Zwi­schen dem Glau­ben und dem Leben der Kin­der der Kir­che soll­te es kei­nen Wider­spruch geben.

Wenn es um die Befol­gung der von Gott gege­be­nen Gebo­te und die Unauf­lös­lich­keit der Ehe geht, kann man nicht von gegen­sätz­li­chen theo­lo­gi­schen Inter­pre­ta­tio­nen spre­chen. Wenn Gott gesagt hat: „Du sollst nicht die Ehe bre­chen“, kann kei­ne mensch­li­che Auto­ri­tät sagen: aber „in einem beson­de­ren Fall oder für einen guten Zweck kannst du die Ehe bre­chen“.

Fol­gen­de Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus sind sehr wich­tig, wo der Papst über die Ein­bin­dung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen in das Leben der Kir­che spricht:

Die­se Unter­schei­dung kann „nie­mals von den Erfor­der­nis­sen der Wahr­heit und der Lie­be des Evan­ge­li­ums, die die Kir­che vor­legt, abse­hen […] Damit dies geschieht, müs­sen […] die not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen der Demut, der Dis­kre­ti­on, der Lie­be zur Kir­che und ihrer Leh­re ver­bürgt sein. […] wird das Risi­ko ver­mie­den, dass eine bestimm­te Unter­schei­dung dar­an den­ken lässt, die Kir­che ver­tre­te eine Dop­pel­mo­ral“ (AL, 300). Die­se lobens­wer­ten Aus­sa­gen von AL blei­ben jedoch ohne kon­kre­ten Hin­wei­se auf die Ver­pflich­tung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, sich zu tren­nen oder zumin­dest in völ­li­ger Ent­halt­sam­keit zu leben.

Wenn es um Leben oder Tod des Kör­pers geht, wür­de kein Arzt die Din­ge im Zwei­fel las­sen. Der Arzt kann nicht zum Pati­en­ten sagen: „Sie müs­sen die Anwen­dung der Medi­zin gemäß Ihrem Gewis­sen und in Beach­tung der Geset­ze der Medi­zin ent­schei­den.“ Ein sol­ches Ver­hal­ten eines Arz­tes wür­de ohne jeden Zwei­fel als ver­ant­wor­tungs­los betrach­tet. Das Leben der unsterb­li­chen See­le ist jedoch noch wich­ti­ger, denn von der Gesund­heit der See­le hängt ihr Schick­sal für die gan­ze Ewig­keit ab.

Die freimachende Wahrheit der Buße und des Kreuzesgeheimnisses

Zu behaup­ten, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne sei­en kei­ne öffent­li­chen Sün­der, bedeu­tet, etwas Fal­sches vor­zu­täu­schen. Abge­se­hen davon: Sün­der zu sein, ist der wah­re Zustand aller Glie­der der strei­ten­den Kir­che auf Erden. Wenn die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen sagen, dass ihre wil­lent­li­chen und absicht­li­chen Hand­lun­gen gegen das Sech­ste Gebot Got­tes kei­nes­wegs Sün­de oder schwe­re Sün­de sei­en, betrü­gen sie sich selbst und die Wahr­heit ist nicht in ihnen, wie der hei­li­ge Evan­ge­list Johan­nes sagt:

„Wenn wir sagen, dass wir kei­ne Sün­de haben, füh­ren wir uns selbst in die Irre und die Wahr­heit ist nicht in uns. Wenn wir unse­re Sün­den beken­nen, ist er treu und gerecht; er ver­gibt uns die Sün­den und rei­nigt uns von allem Unrecht. Wenn wir sagen, dass wir nicht gesün­digt haben, machen wir ihn zum Lüg­ner und sein Wort ist nicht in uns“ (1 Joh 8–10).

Von Sei­ten der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen die Wahr­heit anzu­er­ken­nen, dass sie Sün­der und auch öffent­li­che Sün­der sind, nimmt ihnen nichts von ihrer christ­li­chen Hoff­nung. Nur die Aner­ken­nung der Wirk­lich­keit und der Wahr­heit befä­higt sie, nach den Wor­ten Jesu Chri­sti, den Weg einer frucht­brin­gen­den Buße zu beschrei­ten.

Es wäre sehr gesund, den Geist der ersten Chri­sten und der Zeit der Kir­chen­vä­ter wie­der­her­zu­stel­len, als es eine leben­di­ge Soli­da­ri­tät der Gläu­bi­gen mit den öffent­li­chen Sün­dern gab und vor allem eine Soli­da­ri­tät gemäß der Wahr­heit. Eine Soli­da­ri­tät, die nichts Dis­kri­mi­nie­ren­des hat­te; im Gegen­teil, es gab die Teil­nah­me der gan­zen Kir­che am Buss­weg der öffent­li­chen Sün­der durch das Für­bitt­ge­bet, die Trä­nen, die Buß­übun­gen und die Wer­ke der Näch­sten­lie­be zu ihren Gun­sten.

Das Apo­sto­li­sche Schrei­ben Fami­lia­ris Con­sor­tio lehrt, dass „auch die­je­ni­gen, die sich vom Gebot des Herrn ent­fernt haben und noch in einer sol­chen Situa­ti­on leben, von Gott die Gna­de der Umkehr und des Heils erhal­ten kön­nen, wenn sie aus­dau­ernd geblie­ben sind in Gebet, Buße und Lie­be“ (Nr. 84).

Wäh­rend der ersten Jahr­hun­der­te waren die öffent­li­chen Sün­der in die beten­de Gemein­schaft der Gläu­bi­gen inte­griert und hat­ten auf den Knien und mit erho­be­nen Armen die Für­spra­che ihrer Brü­der zu erfle­hen. Ter­tul­li­an gibt uns ein berüh­ren­des Zeug­nis davon: „Der Kör­per kann sich nicht erfreu­en, wenn eines sei­ner Glie­der lei­det. Es ist not­wen­dig, dass er als Gan­zes betrübt ist und an sei­ner Hei­lung arbei­tet. Wenn du auf den Knien die Hän­de zu dei­nen Brü­dern erhebst, ist es Chri­stus, den du berührst, ist es Chri­stus, den du anflehst. Eben­so ist es Chri­stus, der mit­lei­det, wenn sie Trä­nen für dich ver­gie­ßen“ (De pae­n­i­ten­tia, 10, 5–6). Auf die­sel­be Wei­se sagt der hei­li­ge Ambro­si­us von Mai­land: „Die gan­ze Kir­che hat das Joch des öffent­li­chen Sün­ders auf sich gela­den und lei­det mit ihm durch Trä­nen, Gebet und Schmerz“ (De pae­n­i­ten­tia, 1, 81).

Es stimmt, dass sich die Buß­dis­zi­plin der Kir­che geän­dert hat, aber der Geist die­ser Dis­zi­plin muß in der Kir­che aller Zei­ten blei­ben. Heu­te begin­nen eini­ge Prie­ster und Bischö­fe, unter Beru­fung auf eini­ge Aus­sa­gen von AL, den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zu ver­ste­hen zu geben, dass ihr Zustand nicht dem objek­ti­ven Zustand von öffent­li­chen Sün­dern ent­spricht. Sie beru­hi­gen sie, indem sie sagen, dass ihre sexu­el­len Hand­lun­gen kei­ne schwe­re Sün­de sei­en. Eine sol­che Hal­tung ent­spricht nicht der Wahr­heit. Sie berau­ben die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen der Mög­lich­keit zu einer radi­ka­len Umkehr zum Gehor­sam gegen­über dem Wil­len Got­tes, indem sie die­se See­len in der Illu­si­on las­sen. Eine sol­che pasto­ra­le Hal­tung ist bil­lig, denn sie kostet nichts. Sie kostet kei­ne Trä­nen, kei­ne Gebe­te und kei­ne Wer­ke der Für­spra­che und der brü­der­li­chen Buße zugun­sten der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen.

Indem man auch nur in Aus­nah­me­fäl­len wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on zuläßt, ohne von ihnen ein Ende ihrer Hand­lun­gen gegen das Sech­ste Gebot Got­tes zu ver­lan­gen, und zudem sogar noch anma­ßend behaup­tet, die­se Hand­lun­gen sei­en nicht ein­mal schwe­re Sün­de, wählt man den leich­ten Weg und ver­mei­det das Ärger­nis des Kreu­zes. Eine sol­che Seel­sor­ge für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne ist eine kurz­le­bi­ge und betrü­ge­ri­sche Seel­sor­ge. An alle, die den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen einen sol­chen leich­ten und bil­li­gen Weg vor­gau­keln, rich­tet Jesus auch heu­te die­se Wor­te: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall brin­gen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, son­dern was die Men­schen wol­len. Dar­auf sag­te Jesus zu sei­nen Jün­gern: Wer mein Jün­ger sein will, der ver­leug­ne sich selbst, neh­me sein Kreuz auf sich und fol­ge mir nach“ (Mt 16,23–24).

Was die Seel­sor­ge für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen betrifft, ist heu­te auch der Geist wie­der­zu­be­le­ben, Chri­stus in der Wahr­heit des Kreu­zes und der Buße zu fol­gen, die allein zur bestän­di­gen Freu­de führt und die flüch­ti­gen Freu­den zu mei­den, die letzt­lich betrü­ge­risch sind. Fol­gen­de Wor­te des hei­li­gen Pap­stes Gre­gors des Gro­ßen sind wirk­lich aktu­ell und erhel­lend: „Wir dür­fen uns nicht zu sehr an unser irdi­sches Exil gewöh­nen, die Bequem­lich­kei­ten die­ses Lebens dür­fen uns nicht unse­re wah­re Hei­mat ver­ges­sen machen, so dass unser Geist nicht schläf­rig wird inmit­ten der Bequem­lich­kei­ten. Aus die­sem Grund fügt Gott Sei­nen Gaben Sei­ne Heim­su­chun­gen oder Stra­fen hin­zu, auf dass alles was uns bezau­bert auf die­ser Welt für uns bit­ter wird und sich in der See­le jenes Feu­er ent­facht, das uns immer von Neu­em zum Wunsch nach den himm­li­schen Din­gen drängt und uns vor­an­kom­men läßt. Die­ses Feu­er ver­wun­det uns auf ange­neh­me Wei­se, es kreu­zigt uns sanft und betrübt uns freu­dig“ (In Hez, 2,4,3).

Der Geist der authen­ti­schen Buß­dis­zi­plin der Kir­che der ersten Jahr­hun­der­te hat in der Kir­che aller Zei­ten bis heu­te fort­ge­wirkt. Wir haben zum Bei­spiel das bewe­gen­de Bei­spiel der seli­gen Lau­ra del Car­men Vicu­na, die 1891 in Chi­le gebo­ren wur­de. Schwe­ster Azo­car, die Lau­ra gepflegt hat, berich­te­te: „Ich erin­ne­re mich, dass Lau­ra, als ich ihr zum ersten Mal das Ehe­sa­kra­ment erklär­te, in Ohn­macht fiel, weil sie durch mei­ne Wor­te ver­stan­den hat­te, dass ihre Mut­ter sich im Zustand der Tod­sün­de befand, solan­ge sie mit ihrem Mann zusam­men­blieb. Zu jener Zeit gab es in Junin nur ein ein­zi­ge Fami­lie, die in Über­ein­stim­mung mit dem Wil­len Got­tes leb­te.“

Von da an ver­mehr­te sie Gebet und Buße für ihre Mut­ter. Am 2. Juni 1901 emp­fing sie mit gro­ßem Eifer die erste Hei­li­ge Kom­mu­ni­on. Dazu schrieb sie fol­gen­des: „1. Ich will Dich, oh mein Jesus, lie­ben und Dir mein gan­zes Leben die­nen, des­halb bie­te ich Dir mei­ne gan­ze See­le, mein Herz und mein gan­zes Sein. 2. Ich möch­te lie­ber ster­ben, als Dich durch Sün­de zu belei­di­gen, des­halb will ich mich von allem fern­hal­ten, das mich von Dir tren­nen könn­te. 3. Ver­spre­che ich Dir, alles mir Mög­li­che zu tun, damit Du bes­ser erkannt und mehr geliebt wirst und um die Belei­di­gung wie­der­gut­zu­ma­chen, die Dir jeden Tag die Men­schen zufü­gen, die Dich nicht lie­ben, beson­ders jene, die Dir von denen zuge­fügt wer­den, die mir nahe sind. Oh mein Gott, schen­ke mir ein Leben der Lie­be, der Abtö­tung und des Opfers!“

Ihre gro­ße Freu­de ist jedoch ver­dun­kelt, weil sie sieht, dass die bei der Fei­er anwe­sen­de Mut­ter nicht zur Kom­mu­ni­on geht. 1902 bie­tet Lau­ra ihr Leben für die Mut­ter, die mit einem Mann in einer irre­gu­lä­ren Bezie­hung in Argen­ti­ni­en lebt. Lau­ra betet noch mehr und unter­zieht sich Ent­beh­run­gen, um die Bekeh­rung der Mut­ter zu erlan­gen. Weni­ge Stun­den bevor sie stirbt, ruft sie die Mut­ter zu sich. Dem Ster­ben nahe ruft sie aus: „Mama, ich wer­de ster­ben. Ich habe Jesus dar­um gebe­ten. Ihm habe ich mein Leben für die Gna­de Dei­ner Rück­kehr ange­bo­ten. Mama, wer­de ich die Gna­de haben, Dei­ne Umkehr zu sehen, bevor ich ster­be?“ Erschüt­tert ver­spricht die Mut­ter: „Mor­gen früh wer­de ich in die Kir­che gehen, um zu beich­ten.“ Lau­ra sucht dar­auf den Blick des Prie­ster und sagt ihm: „Pater, mei­ne Mut­ter ver­spricht in die­sem Moment, jenen Mann zu ver­las­sen. Sei­en Sie Zeu­ge die­ses Ver­spre­chens!“ Dann fügt sie hin­zu: „Nun ster­be ich zufrie­den!“ Mit die­sen Wor­ten hauch­te sie im Alter von 13 Jah­ren am 22. Janu­ar 1904 in Junà­n de los Andes (Argen­ti­ni­en) in den Armen ihrer Mut­ter ihr Leben aus, die ihren Glau­ben wie­der­fand und der irre­gu­lä­ren Bezie­hung, in der sie leb­te, ein Ende setz­te.

Das bewun­derns­wer­te Bei­spiel des Lebens des seli­gen Mäd­chens Lau­ra ist ein Beweis dafür, wie ernst ein wirk­li­cher Katho­lik das Sech­ste Gebot Got­tes und die Hei­lig­keit und Unauf­lös­lich­keit der Ehe nimmt. Unser Herr Jesus Chri­stus ermahnt uns, auch nur den Schein einer Zustim­mung zu irre­gu­lä­ren Ver­bin­dun­gen oder dem Ehe­bruch zu ver­mei­den. Die­ses gött­li­che Gebot hat die Kir­che immer ohne Zwei­deu­tig­keit in der Leh­re und der Pra­xis treu bewahrt und wei­ter­ge­ge­ben. Man gibt sein Leben nicht für eine mög­li­che dok­tri­nel­le oder pasto­ra­le Inter­pre­ta­ti­on hin, aber für die unver­än­der­li­che und uni­ver­sal gül­ti­ge gött­li­che Wahr­heit. Die­se Wahr­heit wur­de bewie­sen durch die Lebens­hin­ga­be zahl­rei­cher Hei­li­ger, vom hei­li­gen Johan­nes dem Täu­fer bis zu ein­fa­chen Gläu­bi­gen unse­rer Tage, deren Namen nur Gott kennt.

Notwendigkeit einer „veritatis laetitia“

Das Doku­ment AL ent­hält sicher und zum Glück theo­lo­gi­sche Aus­sa­gen und spi­ri­tu­el­le und pasto­ra­le Hin­wei­se von gro­ßem Wert. Den­noch ist es rea­li­sti­scher­wei­se unge­nü­gend zu sagen, dass AL gemäß der über­lie­fer­ten Leh­re und Pra­xis der Kir­che zu inter­pre­tie­ren sei. Wenn in einem kirch­li­chen Doku­ment, dem in unse­rem Fall der defi­ni­ti­ve und unfehl­ba­re Cha­rak­ter fehlt, Inter­pre­ta­ti­ons- und Anwen­dungs­ele­men­te fest­ge­stellt wer­den, die gefähr­li­che geist­li­che Fol­gen haben kön­nen, haben alle Glie­der der Kir­che und in erster Linie die Bischö­fe als brü­der­li­che Mit­ar­bei­ter des Pap­stes in der effek­ti­ven Kol­le­gia­li­tät die Pflicht, die­ses Tat­sa­che respekt­voll auf­zu­zei­gen und um eine authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on zu ersu­chen.

Wenn es sich um den gött­li­chen Glau­ben han­delt, um die gött­li­chen Gebo­te und die Hei­lig­keit und Unauf­lös­lich­keit der Ehe, müs­sen alle Glie­der der Kir­che von den ein­fa­chen Gläu­bi­gen bis zu den höch­sten Ver­tre­tern des Lehr­am­tes eine gemein­sa­me Anstren­gung voll­brin­gen, um den Glau­bens­schatz und sei­ne prak­ti­sche Anwen­dung intakt zu bewah­ren.

Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil hat gelehrt: „Das hei­li­ge Got­tes­volk nimmt auch teil an dem pro­phe­ti­schen Amt Chri­sti, in der Ver­brei­tung sei­nes leben­di­gen Zeug­nis­ses vor allem durch ein Leben in Glau­ben und Lie­be, in der Dar­brin­gung des Lobes­op­fers an Gott als Frucht der Lip­pen, die sei­nen Namen beken­nen (vgl. Hebr 13,15). Die Gesamt­heit der Gläu­bi­gen, wel­che die Sal­bung von dem Hei­li­gen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glau­ben nicht irren. Und die­se ihre beson­de­re Eigen­schaft macht sie durch den über­na­tür­li­chen Glau­bens­sinn des gan­zen Vol­kes dann kund, wenn sie „von den Bischö­fen bis zu den letz­ten gläu­bi­gen Lai­en“ (22)  ihre all­ge­mei­ne Über­ein­stim­mung in Sachen des Glau­bens und der Sit­ten äußert. Durch jenen Glau­bens­sinn näm­lich, der vom Geist der Wahr­heit geweckt und genährt wird, hält das Got­tes­volk unter der Lei­tung des hei­li­gen Lehr­am­tes, in des­sen treu­er Gefolg­schaft es nicht mehr das Wort von Men­schen, son­dern wirk­lich das Wort Got­tes emp­fängt (vgl. 1 Thess 2,13), den ein­mal den Hei­li­gen über­ge­be­nen Glau­ben (vgl. Jud 3) unver­lier­bar fest. Durch ihn dringt es mit rech­tem Urteil immer tie­fer in den Glau­ben ein und wen­det ihn im Leben vol­ler an“ (Lumen gen­ti­um, 12). Das Lehr­amt sei­ner­seits „ist nicht über dem Wort Got­tes, son­dern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was über­lie­fert ist“ (Dei Ver­bum, 10).

Es war gera­de das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, das alle Gläu­bi­gen und vor allem die Bischö­fe ermu­tig­te, furcht­los ihre Sor­gen und Beob­ach­tun­gen mit Blick auf das Wohl der gan­zen Kir­che zu bekun­den. Unter­wür­fig­keit und poli­ti­sche Kor­rekt­heit ver­ur­sa­chen dem Leben der Kir­che ein unheil­vol­les Übel. Der berühm­te Bischof und Theo­lo­ge des Kon­zils von Tri­ent, Mel­chi­or Cano OP äußer­te die­sen denk­wür­di­gen Satz:

„Petrus braucht nicht unse­re Lügen und unse­re Schmei­che­lei­en. Jene, die blind und unter­schieds­los jede Ent­schei­dung des Pap­stes ver­tei­di­gen, sind jene, die am mei­sten die Auto­ri­tät des Hei­li­gen Stuhls unter­gra­ben: sie zer­stö­ren sei­ne Fun­da­men­te anstatt sie zu stär­ken.“

Unser Herr hat uns ohne Zwei­deu­tig­keit gelehrt, wor­in die wah­re Lie­be und die wah­re Freu­de der Lie­be bestehen: „Wer mei­ne Gebo­te hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Joh 14, 21). Indem Gott den Men­schen das Sech­ste Gebot gab und die Unauf­lös­lich­keit der Ehe, gab Er sie aus­nahms­los allen und nicht nur einer Eli­te.

Bereits im Alten Testa­ment hat Gott erklärt: „Die­ses Gebot, auf das ich dich heu­te ver­pflich­te, geht nicht über dei­ne Kraft und ist nicht fern von dir“ (Dtn 30,11) und „Wenn du willst, kannst du das Gebot hal­ten; / Got­tes Wil­len zu tun ist Treue“ (Sir 15,15). Jesus sag­te zu allen: „Er ant­wor­te­te: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist «der Gute». Wenn du aber das Leben erlan­gen willst, hal­te die Gebo­te! Dar­auf frag­te er ihn: Wel­che? Jesus ant­wor­te­te: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe bre­chen, du sollst nicht steh­len, du sollst nicht falsch aus­sa­gen“ (Mt 19,17–18). Die Apo­stel haben uns die­sel­be Leh­re über­mit­telt: „Denn die Lie­be zu Gott besteht dar­in, dass wir sei­ne Gebo­te hal­ten. Sei­ne Gebo­te sind nicht schwer“ (1 Joh 5,3).

Es gibt kein wirk­li­ches, über­na­tür­li­ches und ewi­ges Leben ohne Beach­tung der Gebo­te Got­tes. „Ich ver­pflich­te dich, die Gebo­te des Her­ren zu beach­ten. Hier­mit lege ich dir heu­te das Leben und  den Tod vor. Wäh­le das Leben!“ (Dtn 30,15–19). Es gibt also kein wah­res Leben und kei­ne authen­ti­sche Freu­de der Lie­be ohne die Wahr­heit. „Denn die Lie­be besteht dar­in, dass wir nach sei­nen Gebo­ten leben“ (2 Joh 1,6). Die Freu­de der Lie­be besteht in der Freu­de der Wahr­heit. Das authen­ti­sche christ­li­che Leben besteht im Leben und in der Freu­de der Wahr­heit: „Ich habe kei­ne grö­ße­re Freu­de, als zu hören, dass mei­ne Kin­der in der Wahr­heit leben“ (3 Joh 1,4).

Der hei­li­ge Augu­sti­nus erklärt uns die inni­ge Ver­bin­dung zwi­schen der Freu­de und der Wahr­heit: „Ich fra­ge alle, ob sie nicht die Freu­de der Wahr­heit jener der Lüge vor­zie­hen. Und sie zögern hier eben­so­we­nig wie bei der Fra­ge über das Glück. Weil das glück­li­che Leben in der Freu­de der Wahr­heit besteht, wol­len wir alle die Freu­de der Wahr­heit“ (Con­fes­sio­nes, X, 23).

Die Gefahr einer allgemeinen Verwirrung über die Unauflöslichkeit der Ehe

Seit eini­ger Zeit ist an eini­gen Orten im Leben der Kir­che der still­schwei­gen­de Miß­brauch fest­zu­stel­len, die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen, ohne von ihnen ein Leben in völ­li­ger Ent­halt­sam­keit zu ver­lan­gen. Die wenig kla­ren Aus­sa­gen des Ach­ten Kapi­tels von AL haben den erklär­ten Ver­fech­tern die­ser Zulas­sung neu­en Schwung ver­lie­hen.

Wir kön­nen nun fest­stel­len, dass der Miss­brauch sich in der Pra­xis wei­ter aus­brei­tet, weil er sich in gewis­ser Wei­se legi­ti­miert fühlt. Zudem herrscht Ver­wir­rung über die Inter­pre­ta­ti­on beson­ders der Aus­sa­gen im Ach­ten Kapi­tel von AL. Die Ver­wir­rung wird auf die Spit­ze getrie­ben, weil bei­de Sei­ten, sowohl die Ver­fech­ter einer Zulas­sung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Kom­mu­ni­on als auch deren Geg­ner behaup­ten, dass „die Leh­re der Kir­che in die­sem Bereich nicht geän­dert wur­de“.

Bei allen histo­ri­schen und dok­tri­nel­len Unter­schie­den weist unse­re aktu­el­le Situa­ti­on eini­ge Ähn­lich­kei­ten und Ana­lo­gien mit der all­ge­mei­nen Ver­wir­rung auf, die im vier­ten Jahr­hun­dert wäh­rend der aria­ni­schen Kri­se herrsch­te. Damals wur­de der über­lie­fer­te apo­sto­li­sche Glau­ben an die wah­re Gott­heit des Soh­nes Got­tes durch den Begriff „wesens­gleich“ (homoou­si­os) garan­tiert, der vom uni­ver­sa­len Lehr­amt des ersten Kon­zils von Nicäa dog­ma­tisch ver­kün­det wor­den war. Die tie­fe Glau­bens­kri­se mit einer uni­ver­sa­len Ver­wir­rung wur­de vor allem durch die Ableh­nung oder die Ver­mei­dung ver­ur­sacht, das Wort „wesens­gleich“ (homoou­si­os) zu gebrau­chen. Anstatt die­sen Begriff zu gebrau­chen, ver­brei­te­te sich im Kle­rus und vor allem im Epi­sko­pat der Gebrauch von Alter­na­tiv­for­meln, die zwei­deu­tig und unprä­zi­se waren, wie „wesens­ähn­lich“ (homooiou­si­os) oder ein­fach nur „ähn­lich“ (homoi­os). Die For­mel „homoou­si­os“ des uni­ver­sa­len Lehr­am­tes jener Zeit drück­te die vol­le und wah­re Gott­heit des WORTES auf so kla­re Wei­se aus, dass es kei­nen Spiel­raum für miß­ver­ständ­li­che Inter­pre­ta­tio­nen gab.

In den Jah­ren 357–360 war fast der gesam­te Epi­sko­pat aria­nisch oder semi-aria­nisch gewor­den wegen der nach­fol­gen­den Ereig­nis­se: Im Jahr 357 unter­zeich­ne­te Papst Libe­ri­us eine der zwei­deu­ti­gen For­meln von Sir­mi­um, in der der Begriff „homoou­si­os“ nicht mehr vor­kam. Zudem exkom­mu­ni­zier­te der Papst auf skan­da­lö­se Wei­se den hei­li­gen Atha­na­si­us. Der hei­li­ge Hil­ari­us von Poi­tiers war der ein­zi­ge Bischof, der Papst Libe­ri­us für die­se Hand­lun­gen scharf tadel­te. Im Jah­re 359 ver­ab­schie­de­ten zwei Par­al­lel­syn­oden des latei­ni­schen Epi­sko­pats in Rimi­ni und des grie­chi­schen Epi­sko­pats in Seleu­kia völ­lig aria­ni­sche For­meln, die noch schlim­mer waren, als die von Papst Libe­ri­us unter­zeich­ne­te For­mel. Der hei­li­ge Hie­ro­ny­mus beschrieb die Ver­wir­rung jener Zeit mit den Wor­ten: „Es stöhn­te der gan­ze Erd­kreis und wun­der­te sich, dass er aria­nisch gewor­den war“ (Inge­muit totus orbis et aria­num se esse mira­tus est, Adv. Lucif., 19).

Man kann sagen, dass unse­re Epo­che durch eine gro­ße Ver­wir­rung gekenn­zeich­net ist, was die sakra­men­ta­le Dis­zi­plin für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen anbe­langt. Es besteht die rea­le Gefahr, dass die­se Ver­wir­rung sich in gro­ßem Rah­men aus­brei­tet, wenn wir nicht die For­mel des uni­ver­sa­len und unfehl­ba­ren Lehr­am­tes ver­kün­den und zwar:

„Die Wie­der­ver­söh­nung im Sakra­ment der Buße, das den Weg zum Sakra­ment der Eucha­ri­stie öff­net, kann nur denen gewährt wer­den, […] ‚die sich ver­pflich­ten, völ­lig ent­halt­sam zu leben, das heißt, sich der Akte zu ent­hal­ten, wel­che Ehe­leu­ten vor­be­hal­ten sind‘“ (Fami­lia­ris Con­sor­tio, 84).

Die­se For­mel fehlt lei­der aus unver­ständ­li­chen Grün­den in AL. AL ent­hält hin­ge­gen auf eben­so uner­klär­li­che Wei­se fol­gen­de Erklä­rung: „Vie­le, wel­che die von der Kir­che ange­bo­te­ne Mög­lich­keit, ‚wie Geschwi­ster‘ zusam­men­zu­le­ben, ken­nen und akzep­tie­ren, beto­nen, dass in die­sen Situa­tio­nen, wenn eini­ge Aus­drucks­for­men der Inti­mi­tät feh­len, ‚nicht sel­ten die Treue in Gefahr gera­ten und das Kind in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wer­den [kann]‘“ (AL, Fuß­no­te 329). Die­se Aus­sa­ge hin­ter­lässt den Ein­druck eines Wider­spruchs mit der immer­gül­ti­gen Leh­re des uni­ver­sa­len Lehr­am­tes, wie sie in Fami­lia­ris Con­sor­tio Nr. 84 for­mu­liert ist.

Es ist daher drin­gend not­wen­dig, dass der Hei­li­ge Stuhl die zitier­te For­mel von Fami­lia­ris Con­sor­tio, Nr. 84 bekräf­tigt oder erneut ver­kün­det, even­tu­ell in Form einer authen­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on von AL. Die­se For­mel könn­te unter bestimm­ten Aspek­ten als „homoou­si­os“ unse­rer Tage ange­se­hen wer­den. Die feh­len­de offi­zi­el­le und aus­drück­li­che Bekräf­ti­gung der For­mel von Fami­lia­ris Con­sor­tio Nr. 84 durch den Apo­sto­li­schen Stuhl könn­te zu einer immer grö­ßer wer­den­den Ver­wir­rung in der sakra­men­ta­len Dis­zi­plin bei­tra­gen mit gra­du­el­len und unver­meid­li­chen Aus­wir­kun­gen auf dok­tri­nel­ler Ebe­ne. Auf die­se Wei­se wür­de eine Situa­ti­on ent­ste­hen, auf die man in Zukunft fol­gen­de Fest­stel­lung anwen­den könn­te: „Es stöhn­te der gan­ze Erd­kreis und wun­der­te sich, dass er in der Pra­xis die Schei­dung akzep­tiert hat­te“ (Inge­muit totus orbis, et divor­ti­um in pra­xi se acc­e­pis­se mira­tus est).

Eine Ver­wir­rung der sakra­men­ta­len Dis­zi­plin gegen­über den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen mit den sich dar­aus erge­ben­den dok­tri­nel­len Impli­ka­tio­nen wür­de der Natur der katho­li­schen Kir­che wider­spre­chen, so wie es vom hei­li­gen Ire­nä­us im zwei­ten Jahr­hun­dert beschrie­ben wur­de: „Die Kir­che, die die­se Unter­wei­sung und die­sen Glau­ben emp­fan­gen hat. Und obwohl sie über die gan­ze Welt ver­streut ist, bewahrt sie sie mit Sorg­falt, als wür­de sie einem ein­zi­gen Haus woh­nen; und auf die­sel­be Wei­se glaubt sie die­se Wahr­heit, so als hät­te sie sie eine ein­zi­ge See­le; und sie ver­kün­det sie, lehr­te sie und gibt sie wei­ter mit einer Stim­me, so als hät­te sie nur einen ein­zi­gen Mund“ (Adver­sus hae­re­ses, I,10,2).

Der Sitz des Petrus, d.h. der Papst, ist der Garant der Ein­heit des Glau­bens und der sakra­men­ta­len apo­sto­li­schen Dis­zi­plin. Ange­sichts der unter Prie­stern und Bischö­fen ent­stan­de­nen Ver­wir­rung was die sakra­men­ta­le Pra­xis bezüg­lich der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen betrifft, und die Inter­pre­ta­ti­on von AL, ist ein Appell an unse­ren lie­ben Papst Fran­zis­kus, den Stell­ver­tre­ter Chri­sti und „süßen Chri­stus auf Erden“ (hei­li­ge Katha­ri­na von Sie­na) als berech­tigt anzu­se­hen, dass er die Ver­öf­fent­li­chung einer authen­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on von AL anord­net., die not­wen­di­ger­wei­se eine aus­drück­li­che Erklä­rung des dis­zi­pli­nä­ren Prin­zips des uni­ver­sa­len und unfehl­ba­ren Lehr­am­tes bezüg­lich der Zulas­sung zu den Sakra­men­ten der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen ent­hal­ten müss­te, so wie sie in der Nr. 84 von Fami­lia­ris Con­sor­tio for­mu­liert ist.

In der gro­ßen aria­ni­schen Ver­wir­rung des 4. Jahr­hun­derts rich­te­te der hei­li­ge Basi­li­us der Gro­ße einen drin­gen­den Appell an den Papst von Rom, damit er mit sei­nem Wort eine kla­re Rich­tung vor­ge­be, um end­lich die Ein­heit des Den­kens im Glau­ben und in der Lie­be zu errei­chen (vgl. Ep. 70).

Eine authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von AL durch den Apo­sto­li­schen Stuhl könn­te für die gan­ze Kir­che eine Freu­de in der Klar­heit (cla­ri­ta­tis lae­ti­tia) brin­gen. Die­se Klar­heit wür­de eine Lie­be in der Freu­de (amo­ris lae­ti­tia) garan­tie­ren, eine Lie­be und eine Freu­de, die nicht nach dem Den­ken der Men­schen, son­dern nach dem Den­ken Got­tes (vgl. Mt 16,23) wäre.

Das ist es, was zählt für die Freu­de, das Leben und das ewi­ge Heil der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen und für alle Men­schen.

+ Atha­na­si­us Schnei­der
Weih­bi­schof des Erz­bis­tums der Aller­se­lig­sten Jung­frau Maria zu Asta­na

.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

4 Kommentare

  1. Gemäss Vati­kan-Kor­re­spon­dent und Buch­au­tor Andre­as Eng­lisch ist wegen „Amo­ris Lae­ti­tia“, dem Schrei­ben von Papst Fran­zis­kus, jetzt eine Kir­chen­spal­tung mög­lich!

    Am 8. April 2016 ver­öf­fent­lich­te Papst Fran­zis­kus das mit Span­nung erwar­te­te, knapp 200 Sei­ten umfas­sen­de nach­syn­oda­le Schrei­ben namens „ Amo­ris Lae­ti­tia“ („Freu­de der Lie­be“).

    Die „Neue Zür­cher Zei­tung“ titelt dies­be­züg­lich tref­fend: „Schrei­ben von Fran­zis­kus zu strit­ti­gen Ehe-Fra­gen: Der Papst bleibt schwam­mig“. (nzz.ch, Andrea Spa­lin­ger, 8. April 2016) Und Giu­sep­pe Nar­di vom seriö­sen „Maga­zin für Kir­che und Kul­tur“ stellt fest: „Das [Papst-]Dokument erlaubt eine Viel­zahl von Les­ar­ten.“ (www.katholisches.info, 8. April) Gera­de auch auf­grund die­ser Unklar­heit nennt es der katho­li­sche Histo­ri­ker Prof. Rober­to de Mattei (Uni Rom) zurecht ein „kata­stro­pha­les Doku­ment“ (katholisches.info, 11. April). Und Bischof Ber­nard Fel­lay klagt, es sei „zum Wei­nen“. (gloria.tv, 12. April) Wie wahr.

    Denn: Wohin wer­den päpst­li­che Richt­li­ni­en füh­ren, die kei­ne ein­deu­ti­gen Richt­li­ni­en mehr sind? Ins Cha­os. Schritt für Schritt. Doch die Welt und die moder­ni­sti­sche Geist­lich­keit wer­den (lei­der) jeden Schritt in die­se reli­giö­se Regel­lo­sig­keit als Frei­heit bzw. als Fort­schritt fei­ern.

    Die dem Zeit­geist („Trend“) fol­gen­de Mas­se applau­diert dem päpst­li­chen Schrei­ben – lei­der. Chri­sti­an Weis­ner, Spre­cher der Kir­chen­nörg­ler-Orga­ni­sa­ti­on „Wir sind Kir­che“, schwärmt: „Das ist wirk­lich ein Epo­chen­wan­del“. (welt.de, 8. April) Glei­chen­tags heisst es: „Papst-Schrei­ben öff­net Türen“ (luzernerzeitung.ch). Und: „Die neue Frei­heit der Kir­che“. (zeit.de, Juli­us Mül­ler-Mei­nin­gen) Frei­heit?! Nein, Schein-Frei­heit. Denn mit Hil­fe die­ses gefähr­lich unkla­ren, in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen dehn­ba­ren Papst­schrei­bens bla­sen jetzt die Leit­me­di­en zum moder­ni­stisch-gleich­ge­schal­te­ten Marsch. Und das heisst letzt­lich Marsch über die Klip­pe – also Rei­se nach unten. Falls man der Mas­se folgt. Denn die moder­ni­stisch-mani­pu­la­ti­ve Schein-Frei­heit wird letzt­lich in die gefähr­li­che welt­kom­mu­ni­sti­sche Eine-Welt-Reli­gi­on füh­ren. Also in die alles-gut­hei­ssen­de Eine-Welt-Reli­gi­on, wel­che schritt­wei­se (!) die Exi­stenz der Sün­den leug­nen wird.

    Der bekann­te Vati­kan-Kor­re­spon­dent Andre­as Eng­lisch hat mitt­ler­wei­le über zehn Bücher geschrie­ben. Inter­es­sant dies­be­züg­lich das fol­gen­de Zei­tungs­zi­tat: „Inter­view mit Papst-Bio­graf Andre­as Eng­lisch zum [Papst-]Schreiben Amo­ris Lae­ti­tia. Er meint: Jetzt ist eine Kir­chen­spal­tung mit Bene­dikt XVI. als Gegen­papst mög­lich.“ (osthessen-news.de, Inter­view geführt von Wolf­gang DePon­te, 8. April) Mit der Ver­öf­fent­li­chung von Papst Fran­zis­kus‘ aktu­el­lem Schrei­ben rückt die (offi­zi­el­le) Kir­chen­spal­tung näher denn je.
    Prochristo1

  2. Ein inni­ges Vergelt´s Gott Sei­ner Exzel­lenz Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der für sei­ne kla­ren und ein­deu­ti­gen Wor­te in einer Zeit gro­ßer Ver­wirr­nis! Wenn es mir erlaubt ist, das anzu­mer­ken: er ist ein wür­di­ger Trä­ger des Namens Atha­na­si­us. 🙂
    Ein herz­li­cher Dank auch an Herrn Nar­di, der den Auf­satz in deut­scher Spra­che zugäng­lich gemacht hat. Ich hof­fe, dass die­ser wei­te Ver­brei­tung fin­det. Erfreu­li­cher­wei­se hat sogar kath.net die Über­set­zung von katholisches.info wort­wört­lich über­nom­men.
    Auf die Quel­le hat man dort aber nicht hin­ge­wie­sen… 🙁 (Aber das ist ja nichts Neu­es ;-))

    • die ler­nen lang­sam, dass man dort mit Ambro­si­us und Charles X allei­ne nicht genug Clicks gene­rie­ren kann 😀

      Gera­de die Tat­sa­che, dass wenn man drei Bischö­fe fragt, man fünf Inter­pre­ta­tio­nen zu AL bekommt, zeigt doch, dass Klä­rungs­be­darf besteht…

      • Die besag­ten Kom­men­ta­to­ren ver­mö­gen mitt­ler­wei­le nur noch im Wege der ste­reo­ty­pen Unter­stel­lung, wer Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus kri­tisch hin­ter­fra­ge sei eben nicht katho­lisch, abzu­bü­geln. Meist blitzt eine erschrecken­de Bos­haf­tig­keit in die­sen Kom­men­ta­ren auf, durch die ande­re Leser bewusst her­ab­ge­setzt wer­den. Im kath.net Foren kann man der­zeit sehr deut­lich ansich­tig wer­den, wel­che Ver­wir­rung Amo­ris lae­ti­tia bei vie­len, höchst unter­schied­li­chen Katho­li­ken her­vor­ruft. Papst Fran­zis­kus hat also der Ein­heit der Kir­che und des Glau­bens schwer­sten Scha­den zuge­fügt, was wirk­lich sehr bedrückend ist. Es zeigt sich nun, dass eine feh­len­de theo­lo­gi­sche Kom­pe­tenz eines Papst, ins­be­son­de­re in Kri­sen­zei­ten, zu einer ersten Gefähr­dung des Glau­bens und der Kir­che über­haupt führt. Mag es Papst Fran­zis­kus auch noch so gut mei­nen, sei­ne nie wirk­lich zu Ende gedach­ten theo­lo­gi­schen Refle­xio­nen erhel­len den Geist der Gläu­bi­gen nicht, son­dern ver­fin­stern ihn. Da die pro­gres­si­ven Kräf­te in der Kir­che längst Katho­li­zi­tät abge­sagt haben, erken­nen sie natür­lich nicht, dass am Ende die gesam­te Kir­che im Stru­del der Furie des Ver­schwin­dens unter­zu­ge­hen droht, ja ihnen ist die­se Furie noch will­kom­men, weil sie das Authen­ti­sche des Glau­bens has­sen.

Kommentare sind deaktiviert.