Die sieben letzten Worte – Das siebte Wort: „Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist“

4wortvon Bischof Ful­ton J. Sheen

Als Adam aus dem Para­dies­gar­ten ver­jagt und ihm die Arbeit als Stra­fe auf­ge­tra­gen war, zog er aus auf der Suche nach dem Brot, das er im Schwei­ße sei­nes Ange­sich­tes ver­die­nen soll­te. Als er ging und such­te, stol­per­te er über den leb­lo­sen Kör­per sei­nes Soh­nes Abel. Er hob ihn auf, trug ihn auf sei­ner Schul­ter nach Hau­se und leg­te ihn Eva in den Schoß. Sie spra­chen ihn an, aber Abel ant­wor­te­te nicht. Nie zuvor war er so schweig­sam gewe­sen. Sie hoben sei­ne Hand, die jedoch kraft­los wie­der zurück­fiel. Nie noch war das gesche­hen. Sie blick­ten in sei­ne Augen, die kalt und gla­sig waren und auf uner­klär­li­che Wei­se den Blick nicht zurück­ga­ben. Nie zuvor waren sie so starr gewe­sen. Sie waren ver­wun­dert und ihr Stau­nen wur­de immer grö­ßer. Da fiel es ihnen wie­der ein: „An dem Tage, an dem ihr von die­sem Bau­me essen wer­det, müßt ihr ster­ben.“ Zum ersten Mal war der Tod in die Welt getre­ten.
Jahr­hun­der­te stürz­ten durch den Raum und der neue Abel, Chri­stus, wird von sei­nen nei­di­schen Brü­dern aus dem Stam­me Kains gemor­det. Das Leben, das aus den unmeß­ba­ren Tie­fen auf­ge­stie­gen war, berei­te­te sich zur Heim­kehr. Das sech­ste Wort war ein Rück­blick gewe­sen: „Ich habe mein Werk voll­bracht.“ Sein sie­ben­ter und letz­ter Ruf vom Kreuz ist Vor­schau: „Ich emp­feh­le mei­nen Geist.“ Das sech­ste Wort ging die Men­schen an, das
sie­ben­te rich­tet sich an Gott. Das sech­ste Wort war ein Lebe­wohl an die Erde, das sie­ben­te Sein Gruß und Will­komm an den Him­mel. Wie die gro­ßen Pla­ne­ten erst nach lan­ger Zeit ihre Bahn been­den und wie­der zu ihrem Aus­gangs­punkt zurück­keh­ren, als woll­ten sie Ihn grü­ßen, der sie auf den Weg schick­te, so geht nun Er, der vom Him­mel gekom­men war, Sein Werk voll­bracht und Sei­ne Bahn voll­endet hat, wie­der zurück zum Vater um Ihn zu grü­ßen, da er Ihn zu dem gro­ßen Werk der Erlö­sung der Welt aus­ge­schickt hat­te. „Vater, in Dei­ne Hän­de emp­feh­le ich mei­nen Geist.“

Der ver­lo­re­ne Sohn kehrt in Sei­nes Vaters Haus zurück? Ist Chri­stus nicht in Wahr­heit ein ver­lo­re­ner Sohn? Vor drei­und­drei­ßig Jah­ren hat­te Er Sei­nes Vaters ewi­ge Woh­nun­gen ver­las­sen und war in das frem­de Land die­ser Erde gezo­gen. Da begann Er, sich zu ver­schwen­den und ver­geu­det zu wer­den. Mit unend­li­cher Frei­ge­big­keit ver­teil­te Er die gött­li­chen Reich­tü­mer der Macht und der Weis­heit und mit einer himm­li­schen Groß­zü­gig­keit schenk­te Er die gött­li­chen Gaben der Ver­ge­bung und der Barm­her­zig­keit. In der letz­ten Stun­de ver­schwen­det Er sein gan­zes Kapi­tal unter die Sün­der, den letz­ten Trop­fen Blut gibt Er für die Erlö­sung der Welt hin. Es bleibt Ihm nichts mehr, Sei­nen Hun­ger zu stil­len, als die Scho­ten mensch­li­chen Hohns und der Essig und die Gal­le bit­te­rer mensch­li­cher Undank­bar­keit. Er berei­tet sich nun vor, wie­der den Weg nach Sei­nes Vaters Haus ein­zu­schla­gen, und wenn Er, noch aus der Fer­ne, das Ant­litz Sei­nes himm­li­schen Vaters sieht, kommt das letz­te und voll­kom­men­ste Gebet von der Kan­zel des Kreu­zes über sei­ne Lip­pen: „Vater, in Dei­ne Hän­de emp­feh­le ich mei­nen Geist.“

Die gan­ze Zeit über steht Maria am Fuß des Kreu­zes. Bald wird der neue Abel, den Sei­ne Brü­der erschla­gen haben, vom Gal­gen der Erlö­sung her­ab­ge­nom­men und in den Schoß der neu­en Eva gelegt. Von allen Toden die­ser Welt ist dies der schreck­lich­ste! Doch wenn der furcht­ba­re Augen­blick gekom­men ist, dann scheint es viel­leicht den trä­nen­ver­schlei­er­ten Augen Mari­as, Beth­le­hem sei zurück­ge­kehrt. Das dor­nen­ge­krön­te Haupt, das im Tode kei­nen Platz, sich zu bet­ten, fin­det als das Kreuz, dünkt Mari­as umwölk­tem Blick das glei­che Haupt, das sie in Beth­le­hem ans Herz drück­te. Die Augen, bei deren Bre­chen sich Son­ne und Mond ver­dun­kel­ten, sind für sie immer noch die Augen, die sie von der stroh­ge­füll­ten Krip­pe anschau­ten. Die hilf­lo­sen, von Nägeln durch­bohr­ten Füße erschei­nen ihr wie­der als die Kin­der­füß­chen, vor die Gold, Weih­rauch und Myr­rhe gelegt wur­de. Die trocke­nen, vom Blu­te rot ver­schmier­ten Lip­pen dün­ken ihr die fri­schen, wei­chen Lip­pen, die sich einst in Beth­le­hem an der Eucha­ri­stie ihres Lei­bes nähr­ten. Die Hän­de, die nur noch die Wun­de hal­ten, sind für sie wie­der die Kin­der­hän­de, noch zu klein, die Häup­ter der Tie­re im Stall zu errei­chen. Die Umar­mung am Fuß des Kreu­zes ist für Maria wie­der die Umar­mung an der Krip­pe. In die­ser trau­ri­gen Stun­de, die mit jedem Gedan­ken doch wie­der die Geburt zurück­ruft, mag Maria wohl glau­ben, sie sei noch ein­mal in Beth­le­hem.

Gebet

Nein, Maria, du bist nicht wie­der in Beth­le­hem. Dies ist nicht die Krip­pe, son­dern das Kreuz, nicht die Gebuft, son­dern der Tod, nicht der Tag, da Er unter Hir­ten und Köni­gen leb­te, son­dern die Stun­de, da Er unter Die­ben starb, nicht Beth­le­hem, son­dern der Kal­va­ri­en­berg.

Beth­le­hem „” das ist Jesus, wie du, Sei­ne sün­den­lo­se Mut­ter, Ihn den Men­schen gabst; der Kal­va­ri­en­berg das ist Jesus, wie der sün­di­ge Mensch Ihn dir zurück­gibt. Zwi­schen dem Augen­blick, da du Ihn in der Krip­pe gabst, und jenem, da du Ihn am Kreuz emp­fingst, geschah etwas, da gescha­hen mei­ne Sün­den. Maria, dies ist nicht dei­ne Stun­de, son­dern mei­ne Stun­de, mei­ne Stun­de der Bos­heit und der Sün­de. Wenn ich nicht gesün­digt hät­te, dann flat­ter­te der Tod nicht mit schwar­zen Schwin­gen über die­sem pur­pur­ro­ten Leib. Wenn ich nicht gewe­sen wäre, so hät­te man nie die süh­nen­de und büßen­de Dor­nen­kro­ne gefloch­ten. Wäre ich weni­ger rebel­lisch gewe­sen und hät­te ich nicht den brei­ten Weg zum Unter­gang gewählt, dann wären die­se Füße nie von Nägeln durch­bohrt wor­den. Hät­te ich auf Sei­ne Hir­ten­wor­te von den Dor­nen und Disteln gehört, dann hät­ten Sei­ne Lip­pen nie­mals wie Feu­er gebrannt. Hät­te ich mehr geglaubt, dann hät­te Sei­ne Wan­ge nie­mals vom Kuß des Judas geschmerzt.

Maria, ich bin es, der zwi­schen Sei­ner Geburt und dem Erlö­ser­tod steht. Ich rufe dir zu, Maria; wenn dei­ne Arme Ihn umfas­sen, glau­be nicht, Er sei so weiß, wie Er vom Vater kam. Er ist rot, wie Er von mir kam. In weni­gen Sekun­den wird dein Sohn Sei­ne See­le Sei­nem himm­li­schen Vater und Sei­nen Leib dei­nen lieb­ko­sen­den Hän­den über­ge­ben haben. Die letz­ten Bluts­trop­fen fal­len aus dem gro­ßen Kelch der Erlö­sung und röten das Holz des Kreu­zes wie die Fel­sen, die sich bald in Ent­set­zen spal­ten wer­den. Ein ein­zi­ger Trop­fen schon wür­de genü­gen, zehn­tau­send Wel­ten zu ret­ten. Maria, mei­ne Mut­ter, bit­te für mich bei dei­nem gött­li­chen Sohn um Ver­ge­bung für die Sün­de, die dein Beth­le­hem in den Kal­va­ri­en­berg ver­wan­delt hat. Bit­te Ihn, Maria, in den letz­ten noch blei­ben­den Sekun­den uns die Gna­de zu gewäh­ren, Ihn nie wie­der ans Kreuz zu schla­gen, nie wie­der dein Herz mit den sie­ben Schwer­tern zu durch­boh­ren. Maria, bit­te dei­nen ster­ben­den Sohn dar­um so lan­ge ich lebe … Maria! Jesus ist tot! … Maria!

1 Kommentar

  1. Dan­ke der Redak­ti­on für die Publi­ka­ti­on die­ser erha­be­nen Betrach­tun­gen eines gro­ßen Bischofs!

    Ich wün­sche Ihnen und allen p. t. Lesern und Bei­tra­gen­den einen geseg­ne­ten Kar­frei­tag und fro­he Ostern.

Kommentare sind deaktiviert.