Die bürgerliche italienische Tageszeitung Il Giornale veröffentlichte in ihrer Sonntagsausgabe folgenden Kommentar ihres Chefdredakteurs Tommaso Cerno. Der Journalist, ehemalige Politiker und „verheiratete“ Homosexuelle gehört der slowenischen Minderheit in Italien an und stammt aus dem linken politischen Spektrum. Er arbeitete für die linke Tageszeitung La Repubblica und war von 2016 bis 2018 Chefredakteur des Wochenmagazins L’Espresso, vergleichbar dem deutschen Spiegel. 2018 wurde er für die Linksdemokraten in den italienischen Senat gewählt. Bei den Parlamentswahlen 2022, die den Wahlsieg des Rechtsbündnisses von Giorgia Meloni brachte, kandidierte er nicht mehr, sondern unterstützt seither die Regierung von Meloni. Nach seinem Schwenk nach rechts wurde er 2024 Chefredakteur der bürgerlich-rechten römischen Tageszeitung Il Tempo und 2025 dann von Il Giornale. Wir dokumentieren Cernos Kommentar.
Warum die Zukunft Latein spricht
Von Tommaso Cerno
Was wäre, wenn wir vor einer Umkehrung der Liturgiegeschichte stünden? Vor dem Ende eines Mißverständnisses, das sich hartnäckig gehalten hat: daß das Lateinische ins Museum gehöre und das Italienische (oder die anderen Landessprachen) der Königsweg in die Zukunft sei. Daß die „alte“ Messe etwas für Nostalgiker mit besticktem Deckchen sei, während die „neue“ Messe den modernen Menschen gehöre, jene mit dem Evangelium in der Tasche und Turnschuhen an den Füßen. Doch gerade hier stößt die Kirche heute auf ein Paradox: Die Rückkehr der lateinischen Messe und die Möglichkeit, den Riß mit dem lefebvrianischen Lager zu heilen, könnten sich nicht als Rückschritt, sondern als Realitätstest erweisen.
Denn das Schisma Lefebvres war nie nur ein Streit um die Liturgie. Es war ein Kurzschluß zwischen Autorität, Identität und der Angst vor Veränderung. Die unerlaubten Bischofsweihen von 1988 und die darauf folgenden Exkommunikationen stehen bis heute wie ein Mahnmal: Hier ist etwas zerbrochen. Seither aber hat sich die Welt stärker verändert als das Meßbuch. Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils wollte man das Unzugängliche überwinden; die Gläubigen sollten verstehen können, was gefeiert wird. Heute dagegen lebt die Gesellschaft von Codes, Symbolen, Formeln und Memes. Das Geheimnis wirkt nicht mehr abschreckend, sondern anziehend. Und was wäre, wenn das Lateinische, statt als unverständlich zu gelten, plötzlich wieder modern erschiene? Eine Sprache, die niemandem gehört und gerade deshalb allen gehören kann.
Viele junge Menschen suchen heute nicht danach, alles bis ins letzte Detail zu verstehen. Sie suchen nach einer Erfahrung, die nicht bereits vollständig erklärt und konsumierbar gemacht worden ist. Sie sehnen sich weniger nach einer Diskussionsveranstaltung als nach einem echten Ritus: Wenige sprechen, viele hören zu; der Sinn erschließt sich durch Gesten, Rhythmus und Schweigen. Das Lateinische gewinnt dabei seine Faszination nicht deshalb, weil jeder Satz übersetzt wird, sondern weil es einer Sprache begegnen läßt, die anders ist und sich der völligen Verfügbarkeit entzieht.
Hier liegt auch der eigentliche kirchenpolitische Kern der Frage. Während ein Teil der Lefebvrianer mit dem Gedanken spielt, endgültig mit Rom zu brechen – und zwar vor allem aus lehrmäßigen, nicht aus liturgischen Gründen –, warum sollte man denjenigen, die an der lateinischen Messe festhalten und zugleich dem Papst treu bleiben wollen, nicht ein Zeichen des Entgegenkommens geben? Die Beschränkungen für diese loyalen Gläubigen aufzuheben, wäre keine Belohnung der Nostalgie, sondern eine Investition in die kirchliche Einheit. Und vielleicht würde ein weniger abwehrend auftretendes Rom es auch den Unversöhnlichen erschweren, den letzten Schritt in die Trennung zu vollziehen.
Die lateinische Messe ist nicht der Kern des Schismas. Sie könnte jedoch zu einem Mittel werden, den Riß zu heilen – nicht durch Verdammungsurteile, sondern durch einen Akt kluger Toleranz. Tradition wäre dann nicht Ballast, sondern eine Kraftquelle. Und vielleicht gelänge es der Kirche ausnahmsweise, einen Schritt nach vorn zu tun, ohne sich von den eigenen Vorurteilen aufhalten zu lassen.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Il Giornale (Screenshot)
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