Plutokratie


Plutokratie

Den Pes­si­mis­mus der fol­gen­den Aus­füh­run­gen tei­len wir nicht zur Gän­ze, hal­ten die Über­le­gun­gen jedoch für hörens­wert. Ihre Ver­öf­fent­li­chung ist vor allem ein Gruß an Mau­ri­zio Blon­det, der – inzwi­schen 82 Jah­re alt – auf­grund der Ver­schlech­te­rung sei­nes Gesund­heits­zu­stan­des ins Kran­ken­haus ein­ge­lier­fert wer­den mußte.

Von Rober­to Pecchioli*

I

Die Evan­ge­li­en des Lukas und des Mat­thä­us über­lie­fern eine ein­dring­li­che Aus­sa­ge Jesu: „Nie­mand kann zwei Her­ren die­nen. Ent­we­der wird er den einen has­sen und den ande­ren lie­ben, oder er wird dem einen anhän­gen und den ande­ren ver­ach­ten. Ihr könnt nicht Gott die­nen und dem Mam­mon.“ In der alten Tra­di­ti­on war Mam­mon ein Dämon, der die Bin­dung an mate­ri­el­le Din­ge, an Gier und vor allem an das Geld ver­kör­per­te. Der Sieg des Mam­mons ist heu­te über­wäl­ti­gend; er betrifft nicht nur die Macht des Gel­des und sei­ne zen­tra­le Stel­lung im Leben der Men­schen, son­dern jede Form von Mate­ria­lis­mus und Abhän­gig­keit, die von oben geför­dert und schließ­lich auf­ge­zwun­gen wird. Unse­re Zeit hat uns einen Begriff hin­ter­las­sen, der die Macht des Mam­mons bezeich­net: Plu­to­kra­tie. Das heißt die Herr­schaft des Gel­des – in Form der Vor­herr­schaft öko­no­mi­schen Den­kens, instru­men­tel­ler Berech­nung und der Gleich­gül­tig­keit gegen­über jedem Wert, der sich nicht in Geld umwan­deln oder durch Geld dar­stel­len lässt.

Der deut­sche Phi­lo­soph und Sozio­lo­ge Georg Sim­mel war es, der zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts die fort­schrei­ten­de Ver­än­de­rung des Den­kens syste­ma­tisch beschrieb und histo­ri­sier­te, wel­che zur Vor­herr­schaft des Gel­des im Leben des moder­nen Men­schen führ­te („Phi­lo­so­phie des Gel­des“, Mün­chen-Leip­zig 1900). Es han­del­te sich um eine Revo­lu­ti­on im Zei­chen des „Rei­ches der Quan­ti­tät“ (René Gué­non), in der alles unter­liegt, was sich nicht berech­nen und nicht anhand des Prei­ses dar­stel­len lässt – jenes ein­zi­gen Wert­maß­sta­bes. Das Ergeb­nis war eine uni­ver­sel­le Ratio­na­li­sie­rung, die Sim­mel Instru­men­ta­li­sie­rung nann­te, sowie das Über­ge­wicht eines neu­en Sub­jekts: der Plu­to­kra­tie, also jener Form abso­lu­ter Macht, die von der reich­sten Min­der­heit aus­ge­übt wird. Eine Olig­ar­chie – die Herr­schaft weni­ger –, die Kon­trol­le, Mono­pol und Aus­beu­tung von Men­schen und Din­gen ver­folgt, über die sie ver­fügt, um ihren Reich­tum wei­ter zu ver­meh­ren und ihn in den Dienst eines Pro­jekts uni­ver­sel­ler Herr­schaft zu stellen.

Mam­mon ist heu­te der Wil­le zur Macht, gegrün­det auf das Geld einer Hand­voll Men­schen, die alles besit­zen und, da sie über alle Mit­tel ver­fü­gen, auch alle Zwecke bestimmen.

Das Wort Plu­to­kra­tie genießt kei­nen beson­de­ren Ruf, vor allem des­halb, weil Beni­to Mus­so­li­ni es benutz­te, um die libe­ra­len Staa­ten – Frank­reich, Eng­land und die USA – zu bezeich­nen. Wich­ti­ger ist die Dämo­ni­sie­rung des­sen, der etwas sagt, als die Wahr­heit des­sen, was gesagt wird. Wir leben heu­te in einem voll ent­fal­te­ten plu­to­kra­ti­schen Regime in der Form der Pri­va­ti­sie­rung der Welt, der eiser­nen Hege­mo­nie – Juli­us Evo­la nann­te sie „Dämo­nie“ – der aus­schließ­lich öko­no­mi­schen Dimen­si­on des Habens, die das Sein ver­drängt und aus dem Hori­zont der Gene­ra­tio­nen ver­bannt hat.

Der Begriff Plu­to­kra­tie wur­de zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts von zwei sehr unter­schied­li­chen Per­sön­lich­kei­ten ver­brei­tet: dem ita­lie­ni­schen Sozio­lo­gen Vil­fre­do Pare­to und dem fran­zö­si­schen poli­ti­schen Agi­ta­tor und revo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­li­sten Geor­ges Sor­el. In jün­ge­rer Zeit sprach der Poli­ti­ker und scharf­sin­ni­ge Beob­ach­ter rea­ler Macht­ver­hält­nis­se Giu­lio Tre­mon­ti, zwi­schen 1994 und 2011 vier Mal ita­lie­ni­scher Finanz­mi­ni­ster, von einer „inter­na­tio­na­len Repu­blik des Gel­des“, womit er unse­res Erach­tens irr­te. Die Plu­to­kra­tie ist kei­nes­wegs eine Repu­blik – ihre Beru­fung ist pri­va­te Herr­schaft – und sie ist auch nicht inter­na­tio­nal, son­dern staa­ten­los, der abso­lu­te Feind jeder staat­li­chen und natio­na­len Ord­nung eben­so wie jeder Grenze.

Die rea­le Plu­to­kra­tie fegt jede Illu­si­on von Frei­heit hin­weg – ihre Sicht der Welt und der sozio­öko­no­mi­schen Bezie­hun­gen ist die ein­zig zuläs­si­ge und wird sogar als natür­li­che Gege­ben­heit aus­ge­ge­ben – und hat sich selbst die For­men und Ver­fah­ren der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie unter­wor­fen, deren Gewähl­te ledig­lich Mario­net­ten in ihren Hän­den sind. In plu­to­kra­ti­schen Regi­men herrscht, unab­hän­gig von der Regie­rungs­form, nicht das Volk oder ein Teil davon, son­dern jene win­zi­ge Min­der­heit, die die wirt­schaft­li­che und finan­zi­el­le Macht besitzt. Die Demo­kra­tie ist nur ein Thea­ter, das die Völ­ker in dem fal­schen Glau­ben hal­ten soll, sie hät­ten eine Wahl­mög­lich­keit. Wer die Musi­ker bezahlt, bestimmt die Musik: Die soge­nann­te demo­kra­ti­sche Poli­tik ist ein mani­pu­lier­tes Kon­kur­renz­spiel, in dem jener siegt, der mehr Geld inve­stie­ren oder Sicht­bar­keit im Kommunikations‑, Pro­pa­gan­da- und Wer­be­sy­stem erlan­gen kann, das sich in den Hän­den der Plu­to­kra­ten befindet.

Die Kon­trol­le der Medi­en ist der Laut­spre­cher, der ihre Ideen und vor allem ihre Inter­es­sen ver­brei­tet und dabei die Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen der Mas­sen formt. Was man „Zeit­geist“ nennt, ist zum gro­ßen Teil der Wil­le der herr­schen­den Plu­to­kra­tie, deren Mei­ster­werk eine Macht ohne Auto­ri­tät ist – unper­sön­lich, rein und abso­lut –, ver­kör­pert durch das Geld. Die dunk­len Sei­ten davon sind die nihi­li­sti­sche Säku­la­ri­sie­rung, in der der tran­szen­den­ten oder teleo­lo­gi­schen Dimen­si­on kein Wert mehr zuge­schrie­ben wird, der Vor­rang der Her­ren des Gel­des sowie die Aus­höh­lung der Volks­sou­ve­rä­ni­tät und der Demo­kra­tie selbst, die im Übri­gen mit der Plu­to­kra­tie den Kult der Quan­ti­tät teilt: dort die Anzahl der Stim­men, hier die Grö­ße des Reichtums.

Kon­kret ist die Gegen­wart die Epo­che der größ­ten Ein­kom­mens­kon­zen­tra­ti­on aller Zei­ten. Ein jün­ge­rer Bericht von Oxfam Inter­na­tio­nal stellt fest, dass das Gesamt­ver­mö­gen der acht reich­sten Mil­li­ar­dä­re jenes der ärme­ren Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung über­steigt – also von mehr als vier Mil­li­ar­den Men­schen. Gefällt das Wort „Plu­to­kra­tie“ auf­grund selt­sa­mer seman­ti­scher Vor­ur­tei­le nicht? Dann nen­nen wir es eben pri­va­te Ver­mö­gens­herr­schaft – doch das ändert nichts.

Die plu­to­kra­ti­sche Vor­herr­schaft wird durch das Modell glo­ba­ler Zen­tral­ban­ken ver­fe­stigt, das auf „Fiat“-Geldschöpfung beruht – also Geld, das aus dem Nichts mit einem ein­fa­chen Klick auf den Ser­vern der Finanz­in­sti­tu­tio­nen erzeugt wird –, kon­trol­liert von pri­va­ten Akteu­ren und finan­ziert durch staat­li­che und pri­va­te Ver­schul­dung. Das gegen­wär­ti­ge mono­po­li­sti­sche Modell ist das Pro­dukt meh­re­rer Jahr­hun­der­te von Mani­pu­la­ti­on, Zwang und Täu­schung, begon­nen Ende des 17. Jahr­hun­derts in Eng­land und im fol­gen­den Jahr­hun­dert vor allem durch den Stamm­va­ter der Roth­schilds, May­er Amschel, weiterentwickelt.

Nach unab­hän­gi­gen Berech­nun­gen kon­trol­liert die Roth­schild-Dyna­stie in ihren ver­schie­de­nen Zwei­gen das größ­te Ver­mö­gen, das je bekannt war. Mit einem geschätz­ten Besitz von über zwei Bil­lio­nen Dol­lar ver­fügt das Haus des Roten Schil­des über ein Ver­mö­gen, das fünf­mal grö­ßer ist als das Gesamt­ver­mö­gen der acht reich­sten Men­schen der Welt und höher als jenes von drei Vier­teln der gesam­ten Welt­be­völ­ke­rung zusam­men­ge­nom­men. Kön­nen wir uns ernst­haft vor­stel­len, dass ein sol­cher Reich­tum kei­ne poli­ti­sche, gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Macht erzeugt, kei­ne Krie­ge und geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen schürt und nicht die gesam­te Mensch­heit beein­flusst? Kön­nen wir wirk­lich wei­ter­hin an aus­ge­höhl­te Begrif­fe wie Volks­sou­ve­rä­ni­tät, Frei­heit oder Demo­kra­tie glauben?

Lächer­lich erscheint in einem plu­to­kra­ti­schen Regime auch das Fort­be­stehen der Idee der Gleich­heit, die sich als Gleich­ma­che­rei und Unter­schieds­lo­sig­keit äußert, obwohl die Wirk­lich­keit das genaue Gegen­teil zeigt. Tat­säch­lich har­mo­nie­ren Indi­vi­dua­lis­mus und Mate­ria­lis­mus – Kenn­zei­chen des Geld­sy­stems – pro­blem­los mit einem bloß ober­fläch­li­chen Ega­li­ta­ris­mus. Wir alle sind unter­schied­lich glei­che Ato­me im Trei­ben, ver­eint durch gei­sti­ge Ver­ar­mung und wach­sen­de mate­ri­el­le Armut. Alle – außer dem herr­schen­den Kern der Plu­to­kra­ten, die heu­te mit­hil­fe digi­ta­ler und infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­scher Syste­me nicht nur Leben, Ideen und Gewohn­hei­ten beein­flus­sen, son­dern sie mit­tels Über­wa­chung, Pro­fi­lie­rung und Daten­samm­lung über jeden Ein­zel­nen sogar bestim­men können.

Zur plu­to­kra­ti­schen Spit­ze sind im 21. Jahr­hun­dert die Gigan­ten der Tech-Wis­sen­schaf­ten hin­zu­ge­kom­men und haben die tota­le Waf­fe anthro­po­lo­gi­scher Herr­schaft gelie­fert – durch die Umge­stal­tung der Pro­duk­ti­ons- und Lebens­pro­zes­se, gekenn­zeich­net durch die Ver­schmel­zung phy­si­scher, digi­ta­ler und bio­lo­gi­scher Technologien.

Das Reich des Gel­des besitzt einen Demi­ur­gen: die Wäh­rung, jenes uni­ver­sel­le Äqui­va­lent – und eben­so uni­ver­sel­len Moti­va­tor –, das es erlaubt, jedes Gut, mate­ri­ell und mitt­ler­wei­le sogar imma­te­ri­ell, durch eine Zahl zu quan­ti­fi­zie­ren, die sei­nen Tausch­wert, sei­nen Preis, reprä­sen­tiert. Das Geld hat den Men­schen des Sophi­sten Prot­agoras als „Maß aller Din­ge“ ersetzt; daher steht es am Ursprung des Rei­ches der Quan­ti­tät, also der Materie.

Die Plu­to­kra­ten haben auch des­halb gesiegt, weil sie als Ein­zi­ge die wah­re, nicht nur mate­ri­el­le, son­dern auch begriff­li­che Natur des Gel­des ver­stan­den haben. Geld ist Maß des Wer­tes, aber auch Wert des Maßes, wie der ita­lie­ni­sche Jurist und Öko­nom Gia­c­in­to Auri­ti zeig­te. Wert ist näm­lich weder intrin­sisch noch kre­dit­be­dingt, son­dern indu­ziert und kon­ven­tio­nell: Er ent­steht aus gesell­schaft­li­cher Akzep­tanz und reprä­sen­tiert die im Sym­bol ver­kör­per­te Kaufkraft.

So wie der Meter, indem er Län­ge misst, selbst die Eigen­schaft der Län­ge besitzt, so hat die Wäh­rung, indem sie Wert misst, not­wen­di­ger­wei­se die Eigen­schaft des Wer­tes. Sie gilt also kraft einer akzep­tier­ten Kon­ven­ti­on, die in eine juri­sti­sche Tat­sa­che ver­wan­delt wur­de. Das Sym­bol, die Kon­ven­ti­on über Ursprung und ursprüng­li­ches Eigen­tum des Gel­des – von den Finanz­eli­ten, der Spit­ze der Plu­to­kra­tie, sich selbst zuge­spro­chen – erhält Wert allein dadurch, dass man sich dar­auf ver­stän­digt (oder bes­ser gesagt: dass es uns auf­ge­zwun­gen wird), dass es Wert habe.

Natür­lich hat die Plu­to­kra­tie jedes Inter­es­se dar­an, die­sen Aspekt zu ver­ber­gen. Er ist Teil eines all­ge­mei­nen Pro­jekts, in dem die neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie eine ent­schei­den­de Rol­le spielt. Mil­ton Fried­man, einer ihrer wirt­schaft­li­chen Gurus, wie­der­hol­te zufrie­den, dass der Libe­ra­lis­mus die Fähig­keit besit­ze, das Dasein zu ent­po­li­ti­sie­ren, da ein Groß­teil sei­ner Pro­zes­se – alle­samt an die öko­no­mi­sche Dimen­si­on gebun­den – Auto­ma­tis­men sei­en, die dem Tri­bu­nal von Zustim­mung und Ableh­nung ent­zo­gen sind. Sie exi­stie­ren ein­fach, sie prä­gen das Leben. Das genügt: So will es der Markt – eine hypo­sta­sier­te Abstrak­ti­on, die in Wirk­lich­keit das Spiel­feld der­sel­ben Plu­to­kra­tie ist, die dar­auf bedacht ist, alle vom Feld zu ver­drän­gen, die ihr Oli­go­pol bedrohen.

Die Plu­to­kra­tie kennt kei­ne Gren­zen und noch weni­ger mora­li­sche Maß­stä­be. Es zählt allein die instru­men­tel­le Ver­nunft in Ver­bin­dung mit der Logik des Pro­fits – die ein­zi­gen aner­kann­ten Ratio­na­li­tä­ten. Bereits die Ansprü­che der ersten Theo­re­ti­ker des sou­ve­rä­nen Mark­tes waren im Keim plu­to­kra­tisch. Für Adam Smith erhal­ten wir unser Essen nicht aus dem Wohl­wol­len des Metz­gers, des Brau­ers oder des Bäckers, son­dern weil sie ihrem eige­nen Inter­es­se fol­gen: ein umge­kehr­tes Axi­om, das Soli­da­ri­tät, Geschenk, Gemein­wohl und letzt­lich die Lie­be leugnet.

Damit wird die Tür zur Nicht-Moral geöff­net, die eben­falls dem Inter­es­se unter­wor­fen ist. Eini­ge Jahr­zehn­te vor Smith behaup­te­te Man­de­ville, pri­va­te Laster sei­en, wenn sie einen Markt – also Pro­fit – erzeu­gen, öffent­li­che Tugen­den. Die Recht­fer­ti­gung von allem, ein­schließ­lich des Verbrechens.

Sobald sich eine sol­che Lebens­auf­fas­sung ver­brei­tet hat, ver­liert jede Ethik ihren Sinn. Daher die behaup­te­te axio­lo­gi­sche Neu­tra­li­tät des Libe­ra­lis­mus – des legi­ti­men Vaters der Plu­to­kra­tie –, die in Wahr­heit eine mas­kier­te Unmo­ral ist und zugleich die syste­ma­ti­sche Zer­stö­rung jeder Iden­ti­tät recht­fer­tigt: der gemein­schaft­li­chen, natio­na­len, spi­ri­tu­el­len und mora­li­schen. Der Angriff auf die öffent­li­che Dimen­si­on – vor allem auf den Begriff des Staa­tes – ist eine Kon­stan­te der Plu­to­kra­tie.

Nichts und nie­mand darf sich zwi­schen die Macht der Herr­schaft und ihr letz­tes Ziel stel­len. Die­ses Ziel ist kei­nes­wegs, wie vie­le wei­ter­hin glau­ben, die Berei­che­rung; die­se ist ledig­lich ein Mit­tel zur Errei­chung des eigent­li­chen Ziels: der Herr­schaft über die Mensch­heit und die Schöp­fung. „-kra­tie“ bedeu­tet Herr­schaft, abso­lu­te Macht. Das Geld – heu­te ver­bun­den mit Tech­no­lo­gie und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten, die es geför­dert hat und besitzt – ist ledig­lich ein Mittel.

II

Podero­so Cabal­le­ro es Don Dine­ro“ – „Ein mäch­ti­ger Herr ist das Geld“, sang im 16. Jahr­hun­dert Fran­cis­co de Que­ve­do. Bereits in der Anti­ke zeigt die Legen­de von König Midas und Krö­sus, denen nach­ge­sagt wur­de, alles, was sie berühr­ten, in Gold zu ver­wan­deln, dass die Nei­gung, Reich­tum anzu­be­ten, Zei­ten und Zivi­li­sa­tio­nen über­greift. In der Bibel ist vom Gol­de­nen Kalb die Rede, dem Göt­zen­bild der Juden auf ihrer Wan­de­rung aus der ägyp­ti­schen Gefan­gen­schaft. Kar­tha­go war die erste plu­to­kra­ti­sche Macht der Geschich­te, wo öffent­li­che Ämter von den Reich­sten gekauft wurden.

Nichts Neu­es unter der Son­ne? Nicht ganz, denn die heu­ti­ge Plu­to­kra­tie hat sich in eine tota­le Herr­schaft ver­wan­delt, in eine Kon­trol­le über das Leben selbst, die das Gesetz schritt­wei­se besiegt hat. Die Rechts­norm ent­steht zum Schutz der Schwa­chen; sie ist ein Akt der Groß­zü­gig­keit, der Aner­ken­nung mensch­li­cher Viel­falt. Der Star­ke braucht sie nicht. Des­halb arbei­tet die Plu­to­kra­tie an der Neu­tra­li­sie­rung jedes Hin­der­nis­ses, jedes Prin­zips und jedes mora­li­schen Wer­tes, der eine Alter­na­ti­ve zur Herr­schaft des Gel­des dar­stel­len könn­te – ihres instru­men­tum reg­ni, ihres Herrschaftsinstruments.

Auch die Ver­fas­sun­gen ver­lie­ren an Bedeu­tung; sie über­neh­men neo­li­be­ra­le Grund­sät­ze und tre­ten in der Hier­ar­chie der Rechts­quel­len hin­ter Ver­trä­ge und supra­na­tio­na­les Recht zurück. Das ita­lie­ni­sche Ver­fas­sungs­ge­richt hat den Vor­rang des Gemein­schafts­rechts vor inner­staat­li­chen Nor­men bestä­tigt. Dadurch wird die Über­nah­me inter­na­tio­na­ler Abkom­men auto­ma­tisch: von den Regeln der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on über die „Emp­feh­lun­gen“ des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds bis hin zur Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der sou­ve­rä­nen Macht der Geld­schöp­fung durch die Zen­tral­ban­ken und zur Her­vor­he­bung der hege­mo­nia­len Rol­le der gro­ßen Finanz­fonds im Gott Markt.

Die­se Fonds sind nichts ande­res als Aus­druck der plu­to­kra­ti­schen Trans­for­ma­ti­on: Durch wech­sel­sei­ti­ge Betei­li­gun­gen und undurch­sich­ti­ge Fir­men­ge­flech­te hal­ten weni­ge wirt­schaft­li­che, tech­no­lo­gi­sche und indu­stri­el­le Gigan­ten einen Groß­teil der Real­wirt­schaft und der spe­ku­la­ti­ven Finanz­welt in ihren Hän­den. Was ist das ande­res als die abso­lu­te Macht der Techno-Plutokraten?

An die Stel­le des Rechts­staats tritt zuneh­mend ein pri­va­tes Ver­mö­gens­recht, gestützt auf die ver­ein­te Macht von Geld und Tech­no­lo­gie, die neue Instru­men­te der Herr­schaft erfin­det und jahr­hun­der­te­al­te Insti­tu­tio­nen zer­stört. Das Ziel ist die Errich­tung einer neu­en Welt­ord­nung durch die Ver­drän­gung der Staa­ten, die – mehr oder weni­ger – die Sou­ve­rä­ni­tät der Völ­ker getra­gen hat­ten. Damit ver­wirk­licht sich die For­mel von Tho­mas Hob­bes: auc­to­ri­tas, non veri­tas facit legem – Auto­ri­tät, nicht Wahr­heit, schafft das Recht.

Die Macht­ver­hält­nis­se wer­den durch die gigan­ti­sche wirt­schaft­li­che, finan­zi­el­le und tech­no­lo­gi­sche Struk­tur der Olig­ar­chie abge­si­chert und durch die mili­tä­ri­sche Macht der Ver­ei­nig­ten Staa­ten garan­tiert. Die Herr­schaft wird von einer staa­ten­lo­sen, kos­mo­po­li­ti­schen Spit­ze aus­ge­übt, die die alten juri­sti­schen Defi­ni­tio­nen obso­let macht und eine Macht­form ver­wirk­licht, die von der Idee des Staa­tes und des Ter­ri­to­ri­ums los­ge­löst ist – fremd gegen­über dem Volk, ja des­sen Feind.

Vom leib­haf­ti­gen Sou­ve­rän, der zumin­dest den Anschein einer durch Erb­fol­ge legi­ti­mier­ten Herr­schaft besaß, Eigen­tü­mer von allem und letz­te Ent­schei­dungs­in­stanz war, ist man zu einem ent­ter­ri­to­ri­a­li­sier­ten Netz­werk über­ge­gan­gen, das in der Lage ist, Geset­ze zu dik­tie­ren und fak­tisch – teil­wei­se sogar recht­lich – Sou­ve­rä­ni­tät auszuüben.

Die Olig­ar­chie hat sich zwei­er ent­schei­den­der Instru­men­te bemäch­tigt: des Gel­des – durch Geld­schöp­fung und die ideo­lo­gi­sche Durch­set­zung der Ver­schul­dung – sowie der Tech­no­lo­gie, die noch nie so all­ge­gen­wär­tig und mäch­tig war wie heu­te und erst­mals in der Mensch­heits­ge­schich­te eine abso­lu­te Kon­trol­le über unser Leben, unser Ver­hal­ten und unse­re Gedan­ken aus­üben kann.

Nach der For­mel Max Webers ist der Staat Trä­ger des Gewalt­mo­no­pols, doch er hat die Par­tie ver­lo­ren. Er kon­trol­liert das Ter­ri­to­ri­um nicht mehr; der Begriff des Vol­kes zer­fällt unter Mas­sen­ein­wan­de­rung, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, ent­fes­sel­tem Indi­vi­dua­lis­mus und der För­de­rung des Noma­den­tums. Die ver­blie­be­ne Zwangs­ge­walt übt er im Auf­trag jener plu­to­kra­ti­schen Struk­tur aus, die über ihm steht.

Zu Beginn des drit­ten Jahr­tau­sends schrieb der Schwei­zer Poli­ti­ker Jean Zieg­ler ein pro­phe­ti­sches Buch: „Die Pri­va­ti­sie­rung der Welt“. Die Macht ist mit zuneh­men­der Geschwin­dig­keit in die Hän­de von Kon­sor­ti­en, Inter­es­sen­grup­pen und pri­va­ten Kar­tel­len über­ge­gan­gen, deren epo­cha­le Trag­wei­te Zieg­ler aller­dings nicht voll­stän­dig erkann­te: Die wirt­schaft­li­che und finan­zi­el­le Macht hat sich zu einem Instru­ment glo­ba­ler Herr­schaft ent­wickelt. Sie reißt alles mit sich, ver­schlingt die Staa­ten, besetzt die Gewis­sen und kolo­ni­siert die Vor­stel­lungs­kraft – weit über die blo­ße Kon­zen­tra­ti­on von Reich­tum hinaus.

Plu­to­kra­tie bedeu­tet nicht mehr nur Herr­schaft des Gel­des, son­dern Herr­schaft durch Reich­tum in Ver­bin­dung mit dem Besitz der Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien der vier­ten indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on. Die finan­zi­el­len Macht­zen­tren sind von jeder Gesetz­ge­bung ent­bun­den. Prä­zi­se Regeln des inter­na­tio­na­len Rechts schlie­ßen Sit­ze, Hand­lun­gen und Füh­rungs­per­so­nal des Systems der Zen­tral­ban­ken von natio­na­len Rechts­ord­nun­gen aus: unan­tast­bar und unver­ant­wort­lich genie­ßen sie eine Extra­ter­ri­to­ri­a­li­tät, die sie über die Staa­ten stellt.

Wel­ches „Reich des Rechts“ kann es geben, wenn die ent­schei­den­den Schalt­stel­len des Systems unkon­trol­lier­bar und dem all­ge­mei­nen Recht ent­zo­gen sind? Wie die abso­lu­ten Herr­scher ver­gan­ge­ner Zei­ten sind die Plu­to­kra­ten legi­bus solu­ti – vom Gesetz entbunden.

Die höch­ste Ebe­ne des Tech­no­lo­gie­sy­stems – man den­ke an Star­link, Neu­r­a­link oder Palan­tir – ist mäch­ti­ger gewor­den als die einst sou­ve­rä­nen Groß­staa­ten, denen sie essen­zi­el­le Dienst­lei­stun­gen ver­kauft: Satel­li­ten, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze, Über­wa­chungs­sy­ste­me und modern­ste Mili­tär­tech­no­lo­gie. Inter­na­tio­na­le Abkom­men wie TTIP, das trans­at­lan­ti­sche Abkom­men, das der­zeit auf Eis liegt, sehen pri­va­te Gerich­te mul­ti­na­tio­na­ler Kon­zer­ne vor, mit Zwangs­be­fug­nis­sen gegen­über Staa­ten und der Mög­lich­keit, Insti­tu­tio­nen schwe­re Stra­fen auf­zu­er­le­gen, wenn sie sich dem glo­ba­len plu­to­kra­ti­schen System nicht fügen.

Die trans­na­tio­na­le Natur der gro­ßen plu­to­kra­ti­schen Kon­glo­me­ra­te – Invest­ment­fonds, Big Tech, mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne – macht öffent­li­che Kon­trol­le unmög­lich und die Besteue­rung ihrer gigan­ti­schen Gewin­ne äußerst schwie­rig. Die­se Gewin­ne ver­schwin­den in einem Geflecht fik­ti­ver Gesell­schaf­ten in den zahl­rei­chen Steu­er­oa­sen – Inseln oder Klein­staa­ten, poli­tisch von der angel­säch­si­schen Welt kon­trol­liert und der Gerichts­bar­keit der Staa­ten ent­zo­gen –, wo Ein­kom­men jeder Her­kunft, auch kri­mi­nel­ler Art, ver­senkt wer­den, um spä­ter „gerei­nigt“ dort wie­der auf­zu­tau­chen, wo es den Inter­es­sen der Plu­to­kra­tie dient.

„Es gibt kein kosten­lo­ses Mit­tag­essen“, schrieb Mil­ton Fried­man. Tat­säch­lich aber zah­len die Völ­ker und das, was vom Unter­neh­mens­sy­stem übrig geblie­ben ist, die Rech­nung. Die City of Lon­don – ein Qua­drat­ki­lo­me­ter Stadt­ge­biet, Sitz der größ­ten Finanz­in­sti­tu­tio­nen des Pla­ne­ten – ist eine Enkla­ve, die der Hoheits­ge­walt des Ver­ei­nig­ten König­reichs ent­zo­gen ist.

Die Plu­to­kra­tie schürt seit jeher Krie­ge und Wirt­schafts­kri­sen, oft indem sie alle Kon­flikt­par­tei­en finan­ziert. Die gegen­wär­ti­ge Epo­che ist geprägt von einem Wett­lauf der Auf­rü­stung. Die fünf größ­ten Unter­neh­men der Rüstungs­in­du­strie – die „Big Five“: Lock­heed Mar­tin, RTX, Nor­throp Grum­man, Boe­ing und Gene­ral Dyna­mics – sind Finanz­kon­glo­me­ra­te, ver­floch­ten mit den gro­ßen Invest­ment­fonds Black­Rock, Van­guard, Sta­te Street und Fide­li­ty Invest­ments.

„Der Schwar­ze Fels“ – Black­Rock – ist zum Herrn der geschun­de­nen Ukrai­ner gewor­den: Mit sei­nem Ukrai­ne Deve­lo­p­ment Fund („Ent­wick­lungs­fonds der Ukrai­ne“ – die Wor­te ste­hen gera­de­zu auf dem Kopf!) wird jener Fonds, der sym­bo­lisch für die Plu­to­kra­tie steht, den Wie­der­auf­bau ver­wal­ten, nach­dem er sich Eigen­tums- oder Nut­zungs­rech­te an wei­ten Tei­len des Ter­ri­to­ri­ums gesi­chert hat.

Die Tra­gö­die der Krie­ge löst Eupho­rie an den Akti­en­märk­ten aus. Kon­flik­te zwin­gen die Regie­run­gen zu stän­di­gen Käu­fen, um Arse­na­le wie­der auf­zu­fül­len, die Pro­duk­ti­on zu stüt­zen und For­schung zu finan­zie­ren. Neu ist das Ein­drin­gen der Gigan­ten der Tech­no­wis­sen­schaf­ten, die zu mono­po­li­sti­schen Anbie­tern von Soft­ware und Satel­li­ten gewor­den sind – jener Tech­no­lo­gien, die die Kriegs­füh­rung grund­le­gend ver­än­dert haben.

Wirt­schafts- und Finanz­kri­sen wer­den zyklisch von der Plu­to­kra­tie aus­ge­löst, um ihre eige­nen Inter­es­sen und Plä­ne vor­an­zu­trei­ben. Der Mecha­nis­mus, tau­send­fach erprobt – man den­ke an das stran­gu­lier­te Grie­chen­land des Jah­res 2011 –, bleibt stets der­sel­be: Zuerst wird der Kre­dit­fluss gestoppt, dann wird er zu Wucher­be­din­gun­gen wie­der geöff­net, gebun­den an die Kon­trol­le von Res­sour­cen, den Abbau sozia­ler Aus­ga­ben und die Umver­tei­lung des Reich­tums vom Volk zu den Plutokraten.

Die Macht­ver­schie­bung ist so weit fort­ge­schrit­ten, dass inzwi­schen sogar Staa­ten bank­rott­ge­hen kön­nen. Beraubt ihrer pote­stas und auc­to­ri­tas sind sie blo­ße wirt­schaft­li­che Akteu­re wie ande­re auch – schwä­cher als Finanz­in­sti­tu­tio­nen und mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne. Sie kön­nen nicht nach Pro­fit­lo­gik han­deln, müs­sen sich jedoch der Erpres­sung durch die Geld­schöp­fer unter­wer­fen, die nun „Wäh­rungs­be­hör­den“ genannt werden.

Zu den zer­stö­re­risch­sten Instru­men­ten gehö­ren die Rating­agen­tu­ren, die der­sel­ben Plu­to­kra­tie gehö­ren und den Staa­ten „Noten geben“, indem sie deren Kre­dit­wür­dig­keit gegen­über den Märk­ten bestim­men – Märk­ten, die kei­nes­wegs neu­tral sind, son­dern ein Sam­mel­be­griff für die von den Hyper­herr­schern domi­nier­te Spekulation.

Im alten Staat blieb der Sou­ve­rän zumin­dest an eine gewis­se Zustim­mung des Vol­kes gebun­den. Die christ­li­che Tra­di­ti­on setz­te bestimm­ten Exzes­sen Gren­zen; die abso­lu­te Macht war auf ein bestimm­tes Ter­ri­to­ri­um beschränkt und wur­de durch Gebräu­che, Tra­di­tio­nen und Zwi­schen­kör­per ein­ge­hegt – jene Insti­tu­tio­nen, die die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on mit dem Gesetz Le Cha­pe­lier von 1791 besei­tig­te. Es ist nicht bedeu­tungs­los, dass die Moder­ne damit begann, zusam­men mit den Zünf­ten die ersten For­men gewerk­schaft­li­chen Schut­zes der Arbei­ter abzuschaffen.

Heu­te fin­det ein völ­lig neu­ar­ti­ges Expe­ri­ment sozia­ler Archi­tek­tur statt: liber­tä­rer bezie­hungs­wei­se liber­ti­nä­rer Kol­lek­ti­vis­mus in Fra­gen indi­vi­du­el­ler Rech­te und Lebens­sti­le für die Mas­sen – abso­lu­te Macht für die Oligarchie.

Ein Bei­spiel dafür ist die soge­nann­te „Sha­ring Eco­no­my“, die angeb­li­che Wirt­schaft des Tei­lens. Befreit man sie von ihren glän­zen­den Ver­spre­chun­gen, besteht sie in Wirk­lich­keit dar­in, das breit gestreu­te Pri­vat­ei­gen­tum fak­tisch abzu­schaf­fen und die Men­schen dazu zu drän­gen, alles nur noch zu mie­ten oder tem­po­rär zu nut­zen, wäh­rend das Eigen­tum selbst in den Hän­den der Hyper­klas­se ver­bleibt. Immer nied­ri­ge­re Arbeits­ein­kom­men ver­hin­dern den Zugang zu wesent­li­chen Gütern wie Wohnraum.

Die gewöhn­li­chen Men­schen sind nichts wei­ter als Nut­zer, degra­diert zu Kon­su­men­ten mit von den Plu­to­kra­ten fest­ge­leg­ten Tari­fen und kaum vor­han­de­nen Schutz­rech­ten gegen­über anony­men Gigan­ten, die die Gesetz­ge­bungs­sy­ste­me beherr­schen. Staat bedeu­tet aus die­ser Sicht einen Geset­zes­ap­pa­rat zur Siche­rung der pri­va­ten Plu­to­kra­tie sowie Poli­zei­sy­ste­me, die von allen bezahlt wer­den, um eine unbe­weg­li­che Gesell­schafts­ord­nung zu schüt­zen – denn die Märk­te dul­den kei­ne Erschüt­te­run­gen: busi­ness as usu­al, Geschäf­te wie immer.

Nicht zufäl­lig ist die soge­nann­te „Sta­bi­li­tät“ – das heißt die Unmög­lich­keit, Ver­än­de­run­gen zu den­ken oder ein­zu­lei­ten – das Ziel der selbst­er­nann­ten Wäh­rungs­be­hör­den und wird in Geset­ze gegos­sen. Für die ihrer selbst ent­eig­ne­ten Völ­ker besteht das ver­gif­te­te Geschenk in der Lega­li­sie­rung von Begier­den, Lau­nen und Per­ver­sio­nen unter dem ver­füh­re­ri­schen Namen indi­vi­du­el­ler Rech­te, die gegen Bezah­lung außer­halb jeder natür­li­chen Moral genos­sen wer­den können.

Die sexu­el­le Revo­lu­ti­on seit den 1960er Jah­ren wur­de von oben geför­dert und kon­trol­liert. Die Macht ver­stand nach anfäng­li­chem Wider­stand rasch die enor­men Vor­tei­le, die sie dar­aus zie­hen konn­te: höhe­re Pro­fi­te, Aus­wei­tung der Märk­te und Spal­tung der Gemein­schaft – Män­ner gegen Frau­en, Hete­ro­se­xu­el­le gegen Homo­se­xu­el­le, Ein­hei­mi­sche gegen Einwanderer.

Es ent­stand ein gewal­ti­ges System sozia­ler Kon­trol­le, basie­rend auf der tota­len Ero­ti­sie­rung des Lebens, das spi­ri­tu­el­le Bedürf­nis­se hin­weg­fegt und den Men­schen in einen auf Lust ori­en­tier­ten Indi­vi­dua­lis­mus ein­schließt – in sei­nen ver­schie­den­sten For­men: das orgia­sti­sche Gesicht der Plu­to­kra­tie.

Aldous Hux­ley gab dies in „Schö­ne neue Welt“ offen zu, einem Werk vol­ler Wahr­hei­ten hin­ter der Roman­fik­ti­on:
„Je mehr die poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Frei­heit schwin­det, desto mehr neigt die sexu­el­le Frei­heit dazu, als Aus­gleich zuzu­neh­men. Und der Dik­ta­tor wird gut dar­an tun, die­se Frei­heit zu för­dern. Zusam­men mit dem Recht zu träu­men unter dem Ein­fluss von Dro­gen, Kino und Radio wird sie dazu bei­tra­gen, die Men­schen mit ihrer Knecht­schaft zu versöhnen.“

Kein Wort genießt einen so unan­ge­foch­te­nen Kult wie „Demo­kra­tie“. Doch demo­kra­tisch ist ein poli­tisch-sozia­les System nur dann, wenn die Macht vom Volk aus­geht. Die kon­kre­te Wirk­lich­keit zeigt jedoch das Gegen­teil: Wir benut­zen zwangs­wei­se eine Wäh­rung in pri­va­tem Eigen­tum; Geset­ze sind größ­ten­teils Ergeb­nis gehei­mer Abspra­chen zwi­schen Olig­ar­chen; gewähl­te Regie­run­gen wer­den durch fest­ge­schrie­be­ne Nor­men und fak­ti­sche Mäch­te gelenkt, wes­halb man inzwi­schen nicht von unge­fähr eher von „Gover­nan­ce“, der Ver­wal­tung des Bestehen­den, spricht.

Die plu­to­kra­ti­sche Macht hat die Regie­rung durch einen Auto­pi­lo­ten ersetzt, bei dem sowohl die Maschi­ne als auch die Wahl der Rou­te in den­sel­ben Hän­den lie­gen – dank der Herr­schaft über Tech­nik und der Kon­trol­le über die Wissenschaft.

Dies ist die Rea­li­tät, trotz aller Illu­sio­nen, die von jenen genährt wer­den, die den gesam­ten Kommunikations‑, Unter­hal­tungs- und Kul­tur­be­trieb besit­zen und sich damit des Bewusst­seins bemäch­tigt haben – in einer ver­wirk­lich­ten Dys­to­pie, in der die „Rech­te“ (Kon­sum, Sex, Dro­gen, Glücks­spiel, der Lärm sozia­ler Netz­wer­ke) die Funk­ti­on beru­hi­gen­der und eupho­ri­sie­ren­der Dro­gen erfüllen.

Die Völ­ker sind gespal­ten, redu­ziert auf form­lo­se Mas­sen, auf begeh­ren­de und wan­dern­de Plebs; die Ter­ri­to­ri­en wer­den von gren­zen­lo­sen Tech­no­lo­gien durchquert.

III

Die plu­to­kra­ti­sche Macht stützt sich auf ein Netz tech­no­kra­ti­scher Struk­tu­ren und auf das Bünd­nis gro­ßer pri­va­ter Grup­pen, die sich in abge­schirm­ten Zir­keln tref­fen, in denen sie hin­ter dem Rücken der Völ­ker über das gemein­sa­me Schick­sal ent­schei­den. Der Finanz­ka­pi­ta­lis­mus schafft ein welt­wei­tes Kon­troll­sy­stem in pri­va­ten Hän­den, das Poli­tik und Wirt­schaft beherr­schen kann. Das wich­tig­ste Instru­ment ist das System der Zen­tral­ban­ken, das auf gehei­men Abspra­chen beruht.

Die Plu­to­kra­tie han­delt mit­tels eli­tä­rer Orga­ni­sa­tio­nen wie der Bil­der­berg-Grup­pe, dem Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons, der Tri­la­te­ra­len Kom­mis­si­on oder dem Roy­al Insti­tu­te of Inter­na­tio­nal Affairs. Ein wei­te­rer Bau­stein der pri­va­ti­sier­ten Macht sind die Stif­tun­gen mil­li­ar­den­schwe­rer „Phil­an­thro­pen“, also angeb­li­cher „Men­schen­freun­de“ – Wor­te auf den Kopf gestellt. Zu den bedeu­tend­sten gehö­ren die Rocke­fel­ler-, Ford- und Car­ne­gie-Stif­tun­gen sowie Geor­ge Sor­os’ Open Socie­ty und die Stif­tung von Bill Gates. Jede von ihnen finan­ziert ein dich­tes Netz wei­te­rer Ver­ei­ni­gun­gen, NGOs, der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, die als Rück­grat der pri­va­ten Macht fungieren.

Die Rocke­fel­lers gehör­ten zu den ersten Finan­ziers von Abtrei­bungs- und mal­thu­sia­ni­scher Poli­tik zur Ver­rin­ge­rung der Bevöl­ke­rung. Bill Gates gilt als einer der Her­ren des Gesund­heits­sy­stems und zugleich als gro­ßer Ver­fech­ter künst­li­cher Nah­rung und einer „Ernäh­rungs­re­vo­lu­ti­on“.

Die Plu­to­kra­tie steht hin­ter den gigan­ti­schen Lügen, die ver­brei­tet wer­den, um die Vor­stel­lun­gen der öffent­li­chen Mei­nung zu ver­än­dern. Der Szi­en­tis­mus und die Macht der soge­nann­ten Exper­ten wur­den durch die Kon­trol­le des Bil­dungs­we­sens und die Kennt­nis der Funk­ti­ons­wei­se des mensch­li­chen Gei­stes auf­ge­baut – eine Macht, die heu­te durch von künst­li­cher Intel­li­genz gesteu­er­te Syste­me ver­viel­facht wird. Auch die Bevöl­ke­rungs­po­li­tik ent­zieht sich die­ser Kon­trol­le nicht.

Der Bericht des Club of Rome von 1972 – finan­ziert von den Rocke­fel­lers – ent­warf den Rah­men für sozia­le Kon­trol­le. In einer sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen heißt es:
„Auf der Suche nach einem neu­en Feind, der uns ver­ei­nen könn­te, kamen wir auf die Idee, dass Umwelt­ver­schmut­zung, die Bedro­hung durch die glo­ba­le Erwär­mung, Was­ser­knapp­heit, Hun­gers­nö­te und Ähn­li­ches geeig­net wären. All die­se Gefah­ren wer­den durch mensch­li­ches Ein­grei­fen ver­ur­sacht und kön­nen nur durch eine Ver­än­de­rung von Hal­tung und Ver­hal­ten über­wun­den wer­den. Der wah­re Feind ist also die Mensch­heit selbst.“
Eine erschrecken­de Aussage.

Einer der Vor­den­ker der Plu­to­kra­tie, der Fran­zo­se Jac­ques Attali, schrieb, der Mensch sei nur so lan­ge nütz­lich, wie er lei­stungs­fä­hig blei­be, arbei­te und kon­su­mie­re. „Wenn man fünf­und­sech­zig über­schrit­ten hat, lebt man län­ger, als man pro­du­ziert, und das kostet die Gesell­schaft. Aus Sicht der Gesell­schaft (das heißt der Plu­to­kra­tie, Anm. d. Verf.) ist es vor­zu­zie­hen, dass die mensch­li­che Maschi­ne abrupt zum Still­stand kommt, statt all­mäh­lich zu ver­fal­len. Zwei Drit­tel der Gesund­heits­aus­ga­ben kon­zen­trie­ren sich auf die letz­ten Lebensmonate.“

Man fragt sich, was er heu­te dar­über denkt, nach­dem er selbst die Acht­zig über­schrit­ten hat. Auch die Aus­wüch­se der Gen­der-Ideo­lo­gie hät­ten ihren Ursprung im tech­no-plu­to­kra­ti­schen Pro­jekt:
„Jeder wird sich selbst sam­meln kön­nen, indem er sein Bewusst­sein repli­ziert, wäh­rend zwei Eltern den Klon eines Men­schen ihrer Wahl her­vor­brin­gen kön­nen. Man wird anders wer­den kön­nen, als man ist, und um jede Form der Sexua­li­tät zu leben, wird der Mensch danach stre­ben, von einem Geschlecht ins ande­re zu wechseln.“

Der Weg der Plu­to­kra­tie erstreckt sich über Jahr­hun­der­te. Eini­ge Ereig­nis­se des 20. Jahr­hun­derts ebne­ten ihr den Weg zur Herr­schaft:
1971 erklär­te der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Nixon das Ende der Kon­ver­ti­bi­li­tät des Dol­lars in Gold – eines der Grund­pfei­ler der nach dem Zwei­ten Welt­krieg geschaf­fe­nen Finanz­ord­nung (Bret­ton-Woods-Abkom­men). An die­sem Tag begann die Vor­herr­schaft des unbe­grenzt druck­ba­ren Gel­des über die rea­le Welt der pro­duk­ti­ven Wirt­schaft und der Arbeit.

1989 besei­tig­te der Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on das kom­mu­ni­sti­sche Hin­der­nis und eröff­ne­te den Angriff auf die Sou­ve­rä­ni­tät, die Wäh­run­gen und die Volks­wirt­schaf­ten der Staaten.

1999 schaff­ten die USA das Glass-Stea­gall-Gesetz ab, das in den 1930er Jah­ren ein­ge­führt wor­den war, um jene Spe­ku­la­ti­on ein­zu­däm­men, die die Gro­ße Depres­si­on aus­ge­löst hat­te. Damit war der Weg frei für jede Art finan­zi­el­ler Wet­te, wäh­rend die Fede­ral Reser­ve – die ame­ri­ka­ni­sche Zen­tral­bank – die Deri­va­te libe­ra­li­sier­te, also Ver­trä­ge, die ihren Wert von einem ande­ren Ver­mö­gens­wert ablei­ten. Man kauf­te kein rea­les Pro­dukt mehr, son­dern schloss Ver­ein­ba­run­gen über des­sen zukünf­ti­gen Preis. Die Fol­ge war die Kri­se von 2008, in der die größ­ten betei­lig­ten Ban­ken vom Staat – also von den ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­zah­lern – geret­tet wur­den, weil sie „too big to fail“, zu groß zum Schei­tern, seien.

So ent­stan­den die Waf­fen des „Spreads“ und des „Ratings“. Erste­rer bezeich­net die absicht­li­che Erhö­hung der Zin­sen für Staats­an­lei­hen des Ziel­staa­tes der Spe­ku­la­ti­on; letz­te­res ist die „Beno­tung“ wirt­schaft­li­cher Akteu­re, Finanz­in­sti­tu­tio­nen und Staa­ten durch pri­va­te Unter­neh­men. Wei­te­re Waf­fen sind immer grö­ße­re Oli­go­po­le, die Ver­nich­tung klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men, die wach­sen­de Kluft zwi­schen Arm und Reich sowie das Ende des Sozialstaates.

Begrif­fe wie Zusam­men­ar­beit, Altru­is­mus, Soli­da­ri­tät, Gerech­tig­keit, Ach­tung der Per­son und Gemein­wohl ver­schwin­den. In der anti­ken Welt war Tyran­nei oft grau­sam, aber räum­lich begrenzt, weil die Staa­ten klein und uni­ver­sa­le Bezie­hun­gen unmög­lich waren. Heu­te ist der Weg zum uni­ver­sa­len Tyran­nen offen. Es gibt kei­nen Wider­stand mehr – weder phy­si­schen noch mora­li­schen: Die See­len sind gespal­ten und die Völ­ker unterworfen.

Die Plu­to­kra­tie kauft Güter und Unter­neh­men von Ein­zel­per­so­nen und Fir­men zu Wucher­prei­sen auf. Arbeits­lo­sen – Ange­stell­ten wie Selb­stän­di­gen – bie­tet sie Jobs als Kurier­fah­rer, Lie­fe­ran­ten von Junk­food, Lager­ar­bei­ter oder Ver­packer von online ver­kauf­ten Pro­duk­ten an. Das System erzwingt ein hohes Maß an Arbeits­lo­sig­keit, um die finan­zi­el­le „Sta­bi­li­tät“ zu bewah­ren. Der offi­zi­el­le Indi­ka­tor dafür heißt NAIRU („Non-Acce­le­ra­ting Infla­ti­on Rate of Unem­ployment“ – Arbeits­lo­sen­quo­te, die die Infla­ti­on nicht beschleunigt).

Die Regie­ren­den ver­tei­len Almo­sen – Bür­ger­geld, ein­ma­li­ge Kleinst­hil­fen für rui­nier­te Unter­neh­men – zusam­men mit neu­en „Rech­ten“ im Bereich der Trieb­welt an Mas­sen, die zu Zom­bies redu­ziert wor­den sind.

Die buli­mi­sche Plu­to­kra­tie hält an den Losun­gen ihres öko­no­mi­schen Kate­chis­mus fest: unend­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum in einer end­li­chen Welt, finan­zi­el­le Auf­blä­hung, Glo­ba­lis­mus – eben­so wie an ihrem anthro­po­lo­gi­schen Kate­chis­mus, der eine umge­kehr­te Gegen­re­li­gi­on ver­brei­tet, wel­che Laster und nied­ri­ge Instink­te ver­herr­licht und Frucht­bar­keit verbietet.

Weni­ge Dyna­stien – Roth­schild, Rocke­fel­ler, Mor­gan, War­burg, Gold­man, Sachs – kon­trol­lie­ren die Finanz­märk­te und die Real­wirt­schaft. Die vier wich­tig­sten Ban­ken (Bank of Ame­ri­ca, JP Mor­gan Cha­se, Citigroup und Wells Far­go) besit­zen gemein­sam mit der Deut­schen Bank, BNP und Bar­clays die gro­ßen Ölkon­zer­ne (Exxon Mobil, Roy­al Dutch/​Shell, BP und Che­vron Texaco).

Ein Ver­wah­rungs­ort der Olig­ar­chie ist die US Trust Cor­po­ra­ti­on, im Besitz der Bank of Ame­ri­ca. Im Ver­wal­tungs­rat sit­zen Ver­tre­ter der immer glei­chen Namen: Roth­schild, JP Mor­gan Cha­se, Exxon Mobil, Citigroup, Mor­gan Stan­ley – das par­terre des rois der Plu­to­kra­tie.

Acht Finanz­dy­na­stien hal­ten acht­zig Pro­zent der Fede­ral Reser­ve. Einer der Grün­der­vä­ter der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Tho­mas Jef­fer­son, schrieb:
„Wenn das ame­ri­ka­ni­sche Volk den Pri­vat­ban­ken erlaubt, die Aus­ga­be des Gel­des zu kon­trol­lie­ren, wer­den die Ban­ken und die Kon­zer­ne, die um sie her­um wach­sen, den Men­schen erst durch Infla­ti­on und dann durch Defla­ti­on jeden Besitz nehmen.“

Dies ist zur Nor­ma­li­tät gewor­den in einer Gesell­schaft, die von der Ideo­lo­gie des Fort­schritts, den Men­schen­rech­ten, dem Wachs­tums­zwang, den Markt­wer­ten und der Unter­wer­fung unter das Axi­om des Eigen­in­ter­es­ses beherrscht wird.

Einer der Tre­so­re der Plu­to­kra­tie ist die Bank für Inter­na­tio­na­len Zah­lungs­aus­gleich (BIZ/​BIS), die Tei­le der Reser­ven von acht­zig Zen­tral­ban­ken, des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds und wei­te­rer Finanz­in­sti­tu­tio­nen verwaltet.

Ein ent­schei­den­der Kno­ten­punkt der plu­to­kra­ti­schen Macht – begün­stigt durch Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und Tech­no­wis­sen­schaf­ten – ist die Fähig­keit, neue Bedürf­nis­se zu schaf­fen, die im Lau­fe der Zeit zu eben­so vie­len Abhän­gig­kei­ten gewor­den sind: Dro­gen, Medi­ka­li­sie­rung des Lebens, Alko­hol, Sex, Glücks­spiel, zwang­haf­ter Kon­sum, Por­no­gra­phie, Tech­no­lo­gie und nun die künst­li­che Intel­li­genz. Kei­nes die­ser Phä­no­me­ne hat sich eigen­stän­dig ent­wickelt; alle sind von den Plu­to­kra­ten zu Zwecken der Kon­trol­le, der Herr­schaft und der Redu­zie­rung der Mensch­heit auf instinkt­ge­steu­er­te Skla­ven geschaf­fen worden.

Die Plu­to­kra­tie hat das umstrit­te­ne Say’sche Gesetz durch­ge­setzt: Nicht die Nach­fra­ge bestimmt das Ange­bot, son­dern umge­kehrt. Das pau­sen­lo­se Ange­bot von Pro­duk­ten, Dienst­lei­stun­gen, Lebens­wei­sen und Gewohn­hei­ten habe den Kon­sum zum höch­sten Prin­zip gemacht – bis hin zur Abhän­gig­keit und Selbstzerstörung.

Dabei war Wirt­schaft histo­risch gese­hen der Kampf der Mensch­heit gegen die Knapp­heit der Res­sour­cen. Sie steht in Bezie­hung zum Gemein­wohl, das mate­ri­el­len Wohl­stand umfasst, der durch Arbeit und die Fähig­keit zur Pro­duk­ti­on von Gütern und Dienst­lei­stun­gen erreicht wird. Das sei der „gute“ Reich­tum, wäh­rend das plu­to­kra­ti­sche System Armut und Unsi­cher­heit hervorbringe.

Neu ist die Herr­schaft durch künst­li­che Intel­li­genz. Eine gewal­ti­ge Macht dringt vor und erfasst alles – selbst die mensch­li­che Per­son. Die pri­va­te Plu­to­kra­tie besitzt die Tech­no­lo­gien, die wir künst­li­che Intel­li­genz nen­nen. Auf dem Spiel ste­hen Wür­de und Frei­heit, letzt­lich sogar das Über­le­ben der Spe­zi­es Homo sapi­ens.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist, wer die­se Macht kon­trol­lie­ren wird, wenn Mil­lio­nen oder Mil­li­ar­den Men­schen über­flüs­sig wer­den. Das ist kei­ne Fan­ta­sie, son­dern eine Rea­li­tät, über die man lie­ber nicht spricht.

Die Welt von gestern war nicht gerecht, hat­te aber ihre eige­ne Logik. Selbst Aus­beu­tung erkann­te eine grund­le­gen­de Wahr­heit an: Der Mensch war not­wen­dig. Schlecht bezahlt, einem har­ten Leben unter­wor­fen und in Rou­ti­nen gefan­gen, hat­te er den­noch einen Platz im System. Die Gesell­schaft konn­te den Groß­teil der Mensch­heit nicht für über­flüs­sig erklären.

Künst­li­che Intel­li­genz und Robo­ti­sie­rung eröff­nen dage­gen ein neu­es Zeit­al­ter, eine tota­le Muta­ti­on der wirt­schaft­li­chen, sozia­len und poli­ti­schen Ord­nung, deren Logik in der Erset­zung des Men­schen besteht.

Die alte Macht besaß Fabri­ken, Ban­ken, Land, Häfen und Kre­dit. Die neue besitzt Model­le künst­li­cher Intel­li­genz, Daten, Chips, Ener­gie, Daten­spei­cher, Robo­ter, Platt­for­men, Zah­lungs­sy­ste­me und digi­ta­le Iden­ti­tä­ten. Ihre Herr­schaft wird nicht mehr aus dem Reich­tum selbst erwach­sen, son­dern aus den Struk­tu­ren, die das täg­li­che Leben steu­ern: Sie wird ent­schei­den, wer Zugang zu Arbeit, Gesund­heits­sy­stem, Kre­dit, Bil­dung, Bewe­gungs­frei­heit und Infor­ma­ti­on erhält – letzt­lich zum Leben selbst.

Der alte Kapi­ta­lis­mus brauch­te Arbei­ter; der neue braucht auto­ma­ti­sier­te Infra­struk­tu­ren und eine klei­ne, tech­no­lo­gisch ver­wal­te­te Bevöl­ke­rung. Jahr­hun­der­te lang wur­den die Mas­sen aus­ge­beu­tet, weil sie not­wen­dig waren; in der auto­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft wird ein gro­ßer Teil der Mensch­heit zu einem Über­schuss, der „ent­sorgt“ wer­den müsse.

Die Ver­wal­tung die­ses Über­schus­ses sieht mini­ma­le Unter­stüt­zungs­lei­stun­gen, digi­ta­le Kon­trol­le, ewi­ge Ver­schul­dung, ent­frem­den­de Unter­hal­tung, Pre­ka­ri­at, man­gel­haf­te Gesund­heits­ver­sor­gung, ver­wahr­lo­ste Gebie­te, Dro­gen, chao­ti­sche Migra­tio­nen, Krie­ge, sin­ken­de Gebur­ten­ra­ten, Eutha­na­sie, Abtrei­bung, künst­lich erzeug­ten Hun­ger und selek­ti­ve Repres­si­on vor. Eine direk­te Eli­mi­nie­rung ist noch nicht not­wen­dig; es genügt, das Leben uner­träg­lich zu machen.

Und danach?

Die Plu­to­kra­tie inter­es­sie­re sich nicht für das Gemein­wohl. Sie hat weder Vater­land noch Fami­lie, weder Erin­ne­rung noch Reli­gi­on, weder Mit­ge­fühl noch Gerechtigkeitssinn.

Das Sze­na­rio sei beun­ru­hi­gend: Die Staa­ten reagier­ten nicht, die Par­tei­en wie­der­hol­ten alte Paro­len, die Medi­en lenk­ten ab, die Kul­tur schwei­ge. Die mei­sten Men­schen kleb­ten an den Bild­schir­men ihrer Mobiltelefone.

Eine wahn­sin­ni­ge Zivi­li­sa­ti­on machtt den Men­schen selbst über­flüs­sig – nicht mehr Mit­glied einer Fami­lie, einer Gemein­schaft, einer Nati­on, einer Geschich­te oder einer spi­ri­tu­el­len Tra­di­ti­on, son­dern bloß Daten, Kosten­fak­to­ren und Abfall, der ent­sorgt wer­den müsse.

Die Macht beginnt bereits zu fra­gen, wie vie­le Men­schen besei­tigt wer­den müss­ten. Die Olig­ar­chien füh­len sich kei­ner­lei ethi­schen, spi­ri­tu­el­len oder gemein­schaft­li­chen Bin­dun­gen verpflichtet.

Ohne eine mora­li­sche und spi­ri­tu­el­le Reak­ti­on wird die Zukunft eine Knecht­schaft unter Über­wa­chung, Mini­mal­ver­sor­gung und tota­ler Kon­zen­tra­ti­on des Reich­tums sein. 

Tri­um­phie­ren­de Plutokratie.

*Rober­to Pec­chio­li ist ein ita­lie­ni­scher Publi­zist, Essay­ist und ehe­ma­li­ger Zoll­be­am­ter aus Genua. Er schreibt vor allem über Geo­po­li­tik, Kul­tur­kri­tik, Iden­ti­täts­po­li­tik, Glo­ba­li­sie­rung, Tech­no­lo­gie und Spra­che, unter ande­rem für den Blog von Mau­ri­zio Blondet.

Bild: Clock­work II by lucid-light

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