Liebe zur Kirche und den Armen Seelen im Fegefeuer

Vertrauen wir Gott eine zweifache Bitte an

Fegefeuer Purgatorium

Von Robert de Mattei*

Die Lie­be zu den Armen See­len im Fege­feu­er gehört zur Über­lie­fe­rung der Kir­che und ist ins­be­son­de­re dem Monat Novem­ber vor­be­hal­ten. Sie erin­nert uns zunächst dar­an, daß die katho­li­sche Kir­che, die die ein­zi­ge Kir­che Chri­sti ist, aus drei Tei­len besteht: der tri­um­phie­ren­den Kir­che, die sich aus den Seli­gen im Him­mel zusam­men­setzt, der strei­ten­den Kir­che, die aus jenen besteht, die auf Erden kämp­fen, und der lei­den­den Kir­che, die aus jenen besteht, die sich im Fege­feu­er reinigen.

Die Leh­re vom Fege­feu­er, die von den Pro­te­stan­ten geleug­net und von den Moder­ni­sten in Zwei­fel gezo­gen wird, ist in der Hei­li­gen Schrift und in der Über­lie­fe­rung ver­wur­zelt und wur­de ins­be­son­de­re durch die Kon­zi­li­en von Flo­renz und Tri­ent dog­ma­tisch fest­ge­legt. Sie bringt zugleich die gött­li­che Gerech­tig­keit und Barm­her­zig­keit zum Aus­druck: Durch die Ver­ge­bung der Sün­den wird die Schuld nach­ge­las­sen, doch kön­nen Fol­gen und zeit­li­che Sün­den­stra­fen zurück­blei­ben, die noch abzu­bü­ßen sind. Die Läu­te­rung befreit die See­le von jeder ver­blie­be­nen unge­ord­ne­ten Anhäng­lich­keit an die Geschöp­fe. Denn im 21. Kapi­tel der Offen­ba­rung heißt es als Wort Got­tes: „Nichts Unrei­nes wird in das Him­mel­reich ein­ge­hen.“

Das Fege­feu­er ist dem­nach der Ort und Zustand jener, die in der Gna­de und Freund­schaft Got­tes ster­ben, aber noch nicht voll­kom­men geläu­tert sind. Die­se See­len sind sich ihrer ewi­gen Ret­tung gewiß. Sie müs­sen jedoch noch jene Hei­lig­keit erlan­gen, die not­wen­dig ist, um den Herrn von Ange­sicht zu Ange­sicht schau­en zu kön­nen. Sie wer­den hei­li­ge See­len genannt, weil sie end­gül­tig Gott gehö­ren, nicht mehr sün­di­gen kön­nen und sei­ne Freund­schaft nie­mals ver­lie­ren werden.

Ihre haupt­säch­li­che Stra­fe besteht im Auf­schub der bese­li­gen­den Anschau­ung Got­tes. Die See­le sehnt sich mit einer sol­chen Inten­si­tät nach Gott, wie wir sie uns auf Erden kaum vor­stel­len kön­nen: Sie weiß, daß sie allein in Ihm ihre Voll­endung fin­den wird, kann Ihn aber noch nicht schau­en. Den­noch nimmt sie die Läu­te­rung in voll­kom­me­nem Ein­klang mit dem gött­li­chen Wil­len an. Sie lei­det, weil sie auf Gott war­tet, war­tet aber ohne die Furcht, Ihn jemals ver­lie­ren zu können.

Der hei­li­ge Tho­mas von Aquin erklärt: „Die Hef­tig­keit der Stra­fe ent­spricht eigent­lich der Schwe­re der Schuld, wäh­rend ihre Dau­er davon abhängt, wie tief die Schuld im Men­schen ver­wur­zelt ist. Des­halb kann es gesche­hen, daß jemand län­ger im Fege­feu­er ver­bleibt, obwohl er weni­ger lei­det, und umge­kehrt“ (Super Sen­ten­ti­as, IV, d. 21, q. 1, a. 3, qc. 3, ad 1).

Die „Hef­tig­keit“ der Stra­fe bezeich­net die Inten­si­tät des Lei­dens, die im Ver­hält­nis zur Schwe­re der began­ge­nen Schuld steht. Die Dau­er der Läu­te­rung hin­ge­gen ent­spricht der Hart­näckig­keit der Anhäng­lich­keit an die eige­nen Ver­feh­lun­gen, von der die See­le befreit wer­den muß. Klei­ne Eitel­kei­ten oder über lan­ge Zeit geheg­te Ver­bit­te­run­gen kön­nen tie­fe Wur­zeln schla­gen; schwer­wie­gen­de­re Sün­den hin­ge­gen, die auf­rich­tig ver­ab­scheut wer­den, kön­nen zwar noch eine abzu­bü­ßen­de Stra­fe nach sich zie­hen, ohne daß eine eben­so hart­näcki­ge Anhäng­lich­keit an ihnen zurück­bleibt. Inten­si­tät und Dau­er stim­men also nicht not­wen­di­ger­wei­se über­ein. Des­halb müs­sen wir auch jene all­täg­li­chen Feh­ler bekämp­fen, die, wenn wir sie dul­den, schließ­lich tie­fe Wur­zeln in unse­rem Her­zen schlagen.

Es ist eine Glau­bens­wahr­heit, daß den See­len im Fege­feu­er durch die Für­bit­ten der Leben­den gehol­fen wer­den kann: durch Gebe­te, Almo­sen, Wer­ke der Näch­sten­lie­be, Buß­übun­gen, Abläs­se und vor allem durch das hei­li­ge Meß­op­fer. Die See­len im Fege­feu­er haben die Zeit ihrer irdi­schen Prü­fung abge­schlos­sen. Sie kön­nen kei­ne neu­en Ver­dien­ste mehr erwer­ben, kei­ne Sakra­men­te mehr emp­fan­gen und kei­ne Abläs­se mehr gewin­nen. Wohl aber kön­nen sie die Hil­fe unse­rer Für­bit­ten emp­fan­gen. Des­halb mahnt uns die Kir­che, sie nicht zu vergessen.

Die­se See­len leben und sind mit Gott ver­bun­den, aber auch mit uns – durch die Lie­be. Der Tod hat ihnen zwar die Mög­lich­keit genom­men, Ver­dien­ste zu erwer­ben, nicht aber die Fähig­keit zu lie­ben. Die Zunei­gung zu ihren Ange­hö­ri­gen wird durch die Tren­nung vom Lei­be nicht aus­ge­löscht. Die gegen­sei­ti­ge Ver­bun­den­heit in der Lie­be zeigt sich in einem Aus­tausch des Gebe­tes: Wir bit­ten Gott instän­dig, sie in sein Licht auf­zu­neh­men, und sie kön­nen für unse­re geist­li­chen und leib­li­chen Anlie­gen Für­spra­che einlegen.

Doch was wis­sen die Armen See­len im Fege­feu­er über unse­re Ange­le­gen­hei­ten und unser Leben? Der hei­li­ge Tho­mas erklärt, daß die vom Lei­be getrenn­ten See­len, denen die kör­per­li­chen Sin­ne feh­len, auf­grund ihrer natür­li­chen Erkennt­nis jene, die sie geliebt haben, nicht ver­ges­sen. Sie wis­sen jedoch nicht, was die­sen Men­schen nach ihrem Tode auf Erden wider­fährt. Gleich­wohl kön­nen sie sich um sie küm­mern, indem sie für sie beten und Für­spra­che ein­le­gen, auch wenn ihnen deren gegen­wär­ti­ge Lebens­um­stän­de unbe­kannt sind. Das ist ver­gleich­bar mit uns, die wir für die Ver­stor­be­nen beten, ohne zu wis­sen, ob sie unse­rer Für­bit­te noch bedür­fen oder bereits in der Herr­lich­keit des Him­mels sind.

Der hei­li­ge Tho­mas fügt aller­dings hin­zu, daß Gott die­sen See­len die Gescheh­nis­se im Leben der Men­schen auf Erden bekannt machen kann: ent­we­der durch die See­len, die zu ihnen ins Fege­feu­er gelan­gen, durch die Engel oder auch durch eine unmit­tel­ba­re gött­li­che Offen­ba­rung (Sum­ma Theo­lo­giae, I, q. 89, a. 8, ad 1). Gott kann es also zulas­sen, daß sie erfah­ren, was wir tun, so wie er auch uns durch zahl­rei­che Zeug­nis­se ihre Gegen­wart erken­nen läßt.

In Rom, am Lungo­te­ve­re Pra­ti, scheint eine Kir­che mit ihren schlan­ken Turm­spit­zen ein stil­les Fle­hen zum Him­mel empor­zu­rich­ten. Es ist die neu­go­ti­sche Kir­che Sacro Cuo­re del Suf­fra­gio (Herz Jesu der Für­bit­te). Neben der Sakri­stei beher­bergt sie das Muse­um der See­len im Fege­feu­er: eine klei­ne Samm­lung, die den Besu­cher an die gro­ßen Wirk­lich­kei­ten der Ewig­keit erinnert.

Ihre Ent­ste­hungs­ge­schich­te ist mit dem fran­zö­si­schen Prie­ster Vic­tor Jou­et und einem Ereig­nis ver­bun­den, das sich am 15. Novem­ber 1897 zutrug. In der Rosen­kranz­ka­pel­le, die der heu­ti­gen Kir­che vor­aus­ging, brach ein Brand aus. Der über­lie­fer­ten Erzäh­lung zufol­ge erschien inmit­ten der Flam­men ein leid­vol­les Gesicht, des­sen Abbild an der Wand zurück­blieb. Pater Jou­et erkann­te dar­in einen Hin­weis auf den Zustand der See­len im Fege­feu­er und auf die Not­wen­dig­keit, ihnen zu Hil­fe zu kommen.

Der Prie­ster rei­ste durch Euro­pa und sam­mel­te Berich­te über Erschei­nun­gen: Stoff­stücke, Klei­dungs­stücke, Gebet­bü­cher und klei­ne Täfel­chen, die Brand­spu­ren auf­wie­sen, wel­che dem Kon­takt mit Ver­stor­be­nen zuge­schrie­ben wur­den. Die dazu über­lie­fer­ten Erzäh­lun­gen berich­ten, daß die­se See­len um Gebe­te und Meß­fei­ern zu ihrer Erlö­sung baten.

Die Geschich­te der Kir­che ist auch im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert reich an Berich­ten über Erschei­nun­gen von See­len aus dem Fege­feu­er. Die­se dür­fen jedoch kei­nes­falls durch die ver­derb­li­chen Prak­ti­ken des Spi­ri­tis­mus und der Nekro­man­tie – der Toten­be­schwö­rung – her­bei­ge­ru­fen wer­den. Denn sol­che Prak­ti­ken brin­gen uns nicht mit den See­len im Fege­feu­er in Ver­bin­dung, son­dern mit Dämo­nen, die uns zu täu­schen ver­su­chen, indem sie sich als jene See­len aus­ge­ben. Nur das demü­ti­ge und ver­trau­ens­vol­le Gebet ver­bin­det uns mit den See­len im Fegefeuer.

Die Lie­be, die in die­sen See­len den Tod über­dau­ert, umfaßt nicht nur ihre Ange­hö­ri­gen, son­dern auch und vor allem die strei­ten­de Kir­che auf Erden. Dan­te Ali­ghie­ri ver­mit­telt zu Beginn des 33. Gesangs des Pur­ga­to­ri­ums ein Bild ihres Schmer­zes ange­sichts der Drang­sa­le der Kirche.

Im irdi­schen Para­dies bewei­nen die sie­ben Frau­en, die die gött­li­chen und die mensch­li­chen Tugen­den ver­sinn­bild­li­chen, die Ereig­nis­se rund um den sym­bo­li­schen Wagen der Kir­che. Dabei stim­men sie den Psalm über die Ent­wei­hung des Hei­lig­tums an: „Deus, venerunt gen­tes“ (Gott, die Völ­ker sind gekom­men). Im Wech­sel von drei und vier Stim­men begin­nen die Frau­en ihren süßen Psal­men­ge­sang und stim­men dabei in Trä­nen ein.

Es han­delt sich um alle­go­ri­sche Gestal­ten, doch bringt ihre Kla­ge den Schmerz all jener zum Aus­druck, die die Kir­che lie­ben und sie durch die Sün­den der Men­schen gede­mü­tigt und ent­stellt sehen. Es ist ein Schmerz, der zum Gebet wird und zur Erwar­tung ihrer Befreiung.

Man darf anneh­men, daß Gott den See­len jener Men­schen, die ihr Leben der Ver­herr­li­chung der Kir­che geweiht haben, gewährt, deren gegen­wär­ti­ge Nöte zu erken­nen – so wie die Hei­li­gen im Him­mel sie erken­nen. Die Lie­be, die ihr Wir­ken auf Erden beseel­te, erlischt nicht. Sie kann sich wei­ter­hin in der Für­spra­che für die strei­ten­de Kir­che aus­drücken, ent­spre­chend dem, was der Herr ihnen zu erken­nen gestattet.

Es ist daher durch­aus ange­bracht, die See­len im Fege­feu­er um ihr Gebet zu bit­ten – nicht nur, um ihnen zu hel­fen und selbst Hil­fe von ihnen zu emp­fan­gen, son­dern auch damit der Glau­be auf Erden bewahrt bleibt, die Hir­ten der Kir­che Erleuch­tung erfah­ren und die Gläu­bi­gen im Kampf für die Ver­tei­di­gung des Guten und der Wahr­heit stand­haft bleiben.

Ver­trau­en wir Gott also eine zwei­fa­che Bit­te an: Er möge sei­ne Die­ner in die Herr­lich­keit auf­neh­men und durch ihre Für­spra­che der Kir­che und uns allen Licht, Stär­ke und Hei­lig­keit schenken.

Bit­ten wir ins­be­son­de­re die See­len im Fege­feu­er, uns dabei zu hel­fen, ohne Mut­lo­sig­keit aus­zu­har­ren und stets auf unse­ren Herrn Jesus Chri­stus zu ver­trau­en, der sei­ne Kir­che nie­mals verläßt.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

Bücher von Prof. Rober­to de Mat­tei in deut­scher Über­set­zung und die Bücher von Mar­tin Mose­bach kön­nen Sie bei unse­rer Part­ner­buch­hand­lung beziehen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*