Leo XIV. und das souveräne Volk

Hat er nicht auch in Frankreich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefeiert?

Papst Leo XIV. und seine Beteiligung bei den US-Wahlen. Warum setzt er seine Universalität als Kirchenoberhaupt und seine übergeordnete Vermittlerrolle aufs Spiel?
Papst Leo XIV. und seine Beteiligung bei den US-Wahlen. Warum setzt er seine Universalität als Kirchenoberhaupt und seine übergeordnete Vermittlerrolle aufs Spiel?

Von Prof. Mas­si­mo Viglione*

Ein Papst, der der gan­zen Welt mit­teilt, daß er an den Wah­len sei­nes eige­nen Lan­des teil­nimmt – etwas, das vor ihm noch kein Papst getan hat, nicht ein­mal Berg­o­glio –, betreibt damit nicht nur ganz offen­sicht­lich Wahl­wer­bung, da für jeder­mann völ­lig außer Zwei­fel steht, wen er nicht wählt (Trump und MAGA). Viel­mehr führt er in Wirk­lich­keit eine unend­lich zer­stö­re­ri­sche­re und umstürz­le­ri­sche­re Ope­ra­ti­on durch als jene, die sich auf die eigent­li­che poli­ti­sche Ebe­ne beschränkt.

Es han­delt sich näm­lich um den kla­ren und offen­kun­di­gen Wil­len, die Gestalt des Pap­stes auf die eines gewöhn­li­chen Man­nes der Welt her­ab­zu­wür­di­gen, der wie jeder ande­re demo­kra­ti­sche und libe­ra­le Poli­tik betreibt. Mit ande­ren Wor­ten: Er tut etwas, was Petrus („Tu es Petrus“) nie­mals tun soll­te, nie­mals tun dürf­te und nie­mals tun wol­len sollte.

Daher ist selbst in einem Fall von schein­bar unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung wie die­sem die Wahr­heit, daß sei­ne Bedeu­tung kei­nes­wegs neben­säch­lich ist. Denn auf dem Spiel steht die Gestalt des Pap­stes selbst und damit die Rol­le des Papst­tums in der Geschich­te der Kir­che und der Welt.

Und folg­lich stellt sich erneut die ent­schei­den­de Fra­ge: Darf Petrus Wahl­pro­pa­gan­da betrei­ben und sich als pflicht­be­wuß­ter Bür­ger eines Staa­tes zei­gen? Ver­stößt er damit nicht gegen die Katho­li­zi­tät – im Sin­ne der Uni­ver­sa­li­tät – sei­nes Amtes?

Noch tref­fen­der aus­ge­drückt: Ernied­rigt er damit nicht das Papst­tum zum Die­ner eines säku­la­ren Staa­tes und einer staats­ori­en­tier­ten, eta­ti­sti­schen poli­ti­schen Erziehung?

Noch deut­li­cher gefragt: Darf ein Papst das ent­stel­len, ent­wer­ten, bana­li­sie­ren und auf der­art jäm­mer­li­che Wei­se ver­mensch­li­chen, was nicht allein mensch­li­cher Natur ist und über­haupt nur des­halb besteht, weil es sei­nem Wesen nach nicht nur mensch­li­chen, son­dern auch gött­li­chen Ursprungs ist?

Darf er Petrus selbst, das heißt die Kir­che, in den Dienst des Staa­tes stellen?

Und wenn er das nicht darf, war­um tut er es dann?

Und wenn er es tut und dies vor allem auch noch der gan­zen Welt mit­teilt, damit alle davon erfah­ren: Was genau will er uns damit ver­mit­teln? Schließ­lich gehört Petrus kei­nem Staat mehr an, der nicht die Katho­li­sche Kir­che (und somit der Hei­li­ge Stuhl) wäre. Wel­che Schluß­fol­ge­run­gen müs­sen wir dar­aus zie­hen, wenn Petrus sich nach wie vor als Bür­ger eines Staa­tes ver­steht und eben nicht als Petrus?

Sind wir wirk­lich sicher, daß sich die­se Ange­le­gen­heit so banal abtun läßt, wie es jeder noch so bedin­gungs­lo­se Ver­tei­di­ger des Pap­stes tun wür­de? Oder muß man dar­aus nicht viel­mehr die Kon­se­quenz zie­hen, daß hier wie­der ein­mal das Papst­tum und damit die Katho­li­sche Kir­che als eine ihrem Wesen nach zunächst gött­li­che und erst danach mensch­li­che Insti­tu­ti­on demon­tiert werden?

Hat er im übri­gen nicht auch in Frank­reich die „gran­deur“ von Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit gefeiert?

*Mas­si­mo Vigli­o­ne, Histo­ri­ker, Essay­ist, Hoch­schul­leh­rer und katho­li­scher Publi­zist, Jahr­gang 1964, stu­dier­te Phi­lo­so­phie und Geschich­te, pro­mo­vier­te an der Uni­ver­si­tät La Sapi­en­za (Rom) in Geschich­te und befaßt sich schwer­punkt­mä­ßig mit anti­re­vo­lu­tio­nä­ren Auf­stän­den gegen Jako­bi­ner und Napo­le­on, mit dem ita­lie­ni­schen Risor­gi­men­to und dem Kreuzzugsgedanken.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nardi

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