Mit dem Interview des ehemaligen Sekretärs der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, Msgr. Guido Pozzo, geführt von La Nuova Bussola Quotidiana, erhält die Debatte um die gültigen, aber unerlaubten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. vom 1. Juli eine neue Dimension. Erstmals schildert ein unmittelbar an den Gesprächen zwischen Rom und der FSSPX beteiligter Vatikanvertreter ausführlich, weshalb der Einigungsprozess 2018 scheiterte – und weist die Verantwortung dafür ausdrücklich der Bruderschaft zu. Zugleich bestätigt Pozzo mit ungewöhnlicher Offenheit die tiefgreifende Krise, die die Kirche seit Jahrzehnten prägt. Gerade diese doppelte Perspektive macht das Interview bemerkenswert: In der Diagnose finden sich überraschende Berührungspunkte mit der Kritik der FSSPX, in den daraus gezogenen Konsequenzen hingegen tritt ein grundlegender Gegensatz hervor.
Mit dem Interview von Msgr. Guido Pozzo liegt erstmals seit den unerlaubten Bischofsweihen vom 1. Juli eine Darstellung aus unmittelbarer vatikanischer Verantwortung vor, die den Verlauf der Gespräche zwischen dem Heiligen Stuhl und der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) im Jahr 2018 detailliert beschreibt. Der langjährige Sekretär der damaligen Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei widerspricht dabei einem in traditionsverbundenen Kreisen häufig vertretenen Narrativ: Nicht Rom habe die Tür zugeschlagen, sondern die Bruderschaft habe eine bereits weit gediehene Einigung zurückgewiesen.
Die Verantwortung für das Scheitern von 2018
Nach Darstellung Pozzos war die der FSSPX vorgelegte Doktrinelle Erklärung kein einseitiges römisches Diktat. Vielmehr sei sie das Ergebnis eines längeren gemeinsamen Arbeitsprozesses gewesen. Bischof Bernard Fellay habe den Text zunächst dem Generalkapitel der Bruderschaft vorlegen wollen. Nach der Wahl von P. Davide Pagliarani zum Generaloberen habe die neue Leitung jedoch erklärt, die Erklärung sei unzureichend, da Rom zunächst seine eigenen Irrtümer anerkennen müsse.
Mit dieser Aussage verschiebt Msgr. Pozzo den Schwerpunkt der Verantwortung. Während aus Kreisen der FSSPX wiederholt betont wurde, die Voraussetzungen für eine Einigung seien von römischer Seite letztlich nicht gegeben gewesen, vertritt der ehemalige Sekretär von Ecclesia Dei die gegenteilige Sicht: Die Voraussetzungen für eine kanonische Anerkennung seien geschaffen gewesen; gescheitert sei der Prozeß aber am Nein der Bruderschaft.
Die Krise der Kirche – Ein bemerkenswerter Konsens
Bemerkenswert ist zugleich, daß Msgr. Pozzo die Analyse einer tiefen Krise innerhalb der Kirche keineswegs zurückweist. Im Gegenteil spricht er von „tiefen Spaltungen“, „Irrtümern“, „Abweichungen“ und „Mehrdeutigkeiten“, die unter den Gläubigen Verwirrung hervorriefen. Diese Diagnose unterscheidet sich in der Sache wenig von jener, welche die Piusbruderschaft seit Jahrzehnten vorträgt.
Gerade hierin zeigt sich eine interessante Entwicklung der Debatte. Über die Existenz einer Krise besteht zwischen der Piusbruderschaft und Teilen der kanonischen Kirche, auch höchsten römischen Vertretern, kaum noch grundsätzlicher Dissens. Der eigentliche Streit verlagert sich auf die Frage, welche kirchenrechtlichen und ekklesiologischen Konsequenzen daraus gezogen werden dürfen, sollen und müssen.
Unterschiedliche Konsequenzen
Für die Piusbruderschaft bildet der außergewöhnliche Zustand der Kirche die Begründung für außergewöhnliche Maßnahmen. Die Bischofsweihen werden mit dem Schutz des katholischen Priestertums und der Bewahrung der Tradition begründet. Aus ihrer Sicht verpflichtet der Notstand zum Handeln.
Msgr. Pozzo weist diese Schlußfolgerung ausdrücklich zurück. Eine „Notkirche“ gebe es nicht, so der ehemalige Sekretär von Ecclesia Dei. Die Sorge um das Heil der Seelen könne niemals von der sichtbaren Einheit mit dem Nachfolger Petri getrennt werden. Selbst schwerwiegende Mißstände innerhalb der Kirche rechtfertigten weder eine parallele Hierarchie noch Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat.
Hier liegt der eigentliche Gegensatz: Nicht die Diagnose der Krise trennt die Positionen, sondern die Frage nach der Autorität, verbindlich über deren Bewältigung zu entscheiden. Was aber, wenn die Autorität selbst in die Krise verstrickt, teils sogar ihr Motor ist, lautet die Gegenfrage der FSSPX.
Das Zweite Vatikanische Konzil als eigentlicher Knoten
Als entscheidenden offenen Punkt nennt Msgr. Pozzo weiterhin die Annahme des Zweiten Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramtes. Allerdings präzisiert er zugleich, daß das Konzil im Licht der gesamten Tradition zu lesen sei und eine legitime theologische Diskussion über einzelne Formulierungen sowie über bestimmte liturgische und disziplinäre Reformen möglich bleibe. Die Gegenfrage der FSSPX dazu lautet, was denn alles zum nachkonziliaren Lehramt gehöre, zumal Papst Franziskus teils wenig orthodoxe Wege wählte.
Gerade letztere Aussage von Msgr. Pozzo verdient jedoch Beachtung. Sie legt nahe, daß die römische Doktrinelle Erklärung von 2018 nicht jede einzelne Aussage des Konzils einer weiteren theologischen Diskussion entzogen hat. Nach Pozzos Darstellung wäre durchaus Raum für Präzisierungen und vertiefte Klärungen geblieben.
Ob diese Darstellung vollständig mit der Wahrnehmung der damaligen Gesprächspartner der FSSPX übereinstimmt, bleibt allerdings offen. Von Seiten der Bruderschaft wurde an anderer Stelle eingewandt, daß nicht nur einzelne Formulierungen, sondern grundlegende Fragen – etwa Religionsfreiheit, Ökumenismus oder Kollegialität – als ungelöst angesehen wurden.
Keine endgültig verschlossene Tür
Trotz seiner Kritik schließt Msgr. Pozzo eine spätere Versöhnung ausdrücklich nicht aus. Er hält Sonderstrukturen – etwa in Form einer Personalprälatur oder anderer kanonischer Lösungen – weiterhin für denkbar. Voraussetzung bleibe jedoch eine Einigung in den grundlegenden Lehrfragen sowie die Bereitschaft, die Autorität des Papstes und des kirchlichen Lehramtes anzuerkennen.
Damit unterscheidet sich seine Position von Stimmen, die nach den Weihen vom 1. Juli jede weitere Gesprächsperspektive für beendet erklären.
Zwischen Diagnose und Konsequenz
Vergleicht man die seit dem 1. Juli veröffentlichten Stellungnahmen, zeichnet sich ein bemerkenswertes Bild ab. Die Existenz einer schweren Krise in der Kirche wird inzwischen von sehr unterschiedlichen Stimmen anerkannt – wenn auch mit unterschiedlichen Ursachenanalysen. Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht mehr primär entlang der Frage, ob eine Krise besteht, sondern entlang der Frage, wer in einer solchen Situation letztverbindlich über den Weg der Kirche entscheidet.
Pozzos Aussagen decken sich in hohem Maße mit jenen von Kardinal Gerhard Müller, der römischer Glaubenspräfekt zum Zeitpunkt des Scheiterns der jüngsten Gespräche zwischen Rom und der Piusbruderschaft war. Hier divergieren allerdings die Berichte gegenüber Aussagen der FSSPX. Im Mai 2017 hatte die Glaubenskongregation unter der Leitung Müllers neue Mindestforderungen für eine kanonische Anerkennung der Piusbruderschaft beschlossen, die von Papst Franziskus gebilligt worden waren.
Damals herrschte, nicht zuletzt aufgrund des Wirkens von Msgr. Pozzo, erhebliche Zuversicht, daß eine Einigung in Form einer Personalprälatur erfolgen würde. Stattdessen legte die Glaubenskongregatione neue Forderungen zur Anerkennung vor.
Kardinal Müller, der schon als Bischof von Regensburg ein dezidiert distanziertes Verhältnis zur Piusbruderschaft wahrte, betont zugleich (so auch schon in der März-Ausgabe der Zeitschrift Communio, in einem Interview von Kath.net vom 26. Mai und ein Interview von K‑TV vom 8. Juli), daß sowohl die Weihen als auch die von Priestern und Bischöfen der Piusbruderschaft gespendeten Sakramente gültig seien.
Sowohl Msgr. Pozzo als auch Kardinal Müller betonen, daß die Weihen ohne päpstliches Mandat objektiv rechtswidrig, wenn auch gültig seien. Ebenso betonen sie, dass die von ihnen konstatierte Krise der Kirche keine eigenständige Hierarchie rechtfertige, eine Versöhnung aber grundsätzlich möglich bleibe, auch, dass Sondersrtukturen wie eine Personalprälatur oder Personalordinariate denkbar seien.
Der Unterschied zwischen beiden hochrangigen Kirchenmännern liegt im Ton. Kardinal Müller argumentiert eher kirchenrechtlich und pastoral, während Erzbischof Pozzo stärker historisch und dogmatisch argumentiert.
Das Interview mit Msgr. Guido Pozzo dürfte jedenfalls über den aktuellen Anlass hinaus Bedeutung behalten. Es eröffnet nicht nur eine neue Sicht auf das Scheitern der Gespräche zwischen 2017 und 2018, sondern macht zugleich deutlich, dass der Konflikt zwischen einem seit dem Pontifikat von Franziskus marginalisierten Rom und der FSSPX heute weniger in der Beschreibung der Krise als vielmehr im Verständnis von Autorität, Tradition und kirchlicher Einheit seinen eigentlichen Kern hat.
*Hortator ist ein Laie, der nicht mit der Piusbruderschaft verbunden ist.
Bild: Wikicommons/FSSPX (Montage)
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