Leo XIV. würdigte den am Sonntag verstorbenen Erzbischof von Palermo als großzügigen Diener der Kirche. 2012 geriet Romeo durch einen vertraulichen Bericht über eine angebliche Todesprognose für Benedikt XVI. in die Schlagzeilen. Das Dokument wurde zum Auftakt der Vatileaks-Affäre. Tatsächlich tat Benedikt einige Monate später, was so noch kein Papst vor ihm getan hatte: Er trat zurück.
Am Sonntag, dem 25. Oktober 2026, ist der italienische Kardinal Paolo Romeo im Alter von 88 Jahren in Catania gestorben. Papst Leo XIV. würdigte den emeritierten Erzbischof von Palermo in einem am Montag veröffentlichten Kondolenztelegramm als einen „lieben Bruder, der dem Evangelium und der Kirche großzügig gedient hat“. Mit dem Tod Romeos endet ein langes kirchliches Leben, das von diplomatischen Aufgaben im Dienst des Heiligen Stuhls und der Leitung einer bedeutenden italienischen Erzdiözese geprägt war. Zugleich wird sein Name untrennbar mit einem der brisantesten Kapitel des Pontifikats von Benedikt XVI. verbunden bleiben: dem Beginn der Affäre, die als Vatileaks bekannt wurde.
Leo XIV. würdigt den kirchlichen Dienst
In seinem Kondolenztelegramm an den Bischof von Acireale, Msgr. Antonino Raspanti, erinnerte Leo XIV. an Romeos langjährigen Dienst für die Kirche. Der am 20. Februar 1938 in Acireale auf Sizilien geborene Geistliche war 1961 zum Priester geweiht worden. 1984 empfing er die Bischofsweihe und trat in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls ein.
Msgr. Romeo war päpstlicher Vertreter in Haiti, Kolumbien, Kanada sowie in Italien und der Republik San Marino. 2006 ernannte ihn Benedikt XVI. zum Erzbischof von Palermo. Vier Jahre später erhob ihn derselbe Papst in den Kardinalsstand.
Leo XIV. erinnerte ausdrücklich an Romeos Wirken als Priester seiner Heimatdiözese, als Diplomat des Heiligen Stuhls und schließlich als Erzbischof von Palermo. Er bete für den Verstorbenen, damit der Herr ihn in seinen Frieden aufnehme, und erteilte den Trauernden den Apostolischen Segen.
Die kirchliche Würdigung steht für sich. Sie hebt die langjährige Tätigkeit Romeos hervor, ohne die Kontroversen zu erwähnen, die seinen Namen in einer kritischen Phase des Pontifikats von Benedikt XVI. bekannt machten.
„Innerhalb von zwölf Monaten wird der Papst sterben“
Am 10. Februar 2012 veröffentlichte die italienische Tageszeitung Il Fatto Quotidiano auf ihrer Titelseite eine Schlagzeile, die weltweit für Aufsehen sorgte: „Komplott gegen den Papst. Innerhalb von zwölf Monaten wird er sterben.“
Grundlage war ein vertraulicher, in deutscher Sprache abgefaßter Vermerk, der sich auf Äußerungen Romeos während einer China-Reise im November 2011 bezog. Der damalige Erzbischof von Palermo soll bei Gesprächen mit chinesischen Gesprächspartnern den Tod Benedikts XVI. innerhalb der folgenden zwölf Monate vorausgesagt haben. Diese hätten die Äußerung offenbar so verstanden, als verfüge Romeo über Kenntnisse eines möglichen Attentats auf den Papst.
Der Bericht stammte demnach aus einer Darstellung, die Kardinal Darío Castrillón Hoyos Anfang Januar 2012 an die Spitze des Vatikans weitergeleitet haben soll. Castrillón Hoyos, ein früherer Präfekt der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, gehörte zu den Kirchenmännern, die dem deutschen Papst nahe standen..
Das veröffentlichte Dokument beschränkte sich nicht auf die angebliche Todesprognose. Auch die Frage der möglichen Nachfolge Benedikts wurde angesprochen. Als aussichtsreicher Kandidat wurde der damalige Erzbischof von Mailand, Angelo Scola, genannt, der tatsächlich als bevorzugter Kandidat von Benedikt XVI. 2013 ins Konklave ging, aber dort Kardinal Jorge Mario Bergoglio unterlag.
Damit verband der Bericht zwei Themen, die im damaligen Rom besonders sensibel waren: die Machtkämpfe innerhalb der Kurie und die Zukunft des Pontifikats.
Der Vermerk dokumentierte Aussagen, die Romeo zugeschrieben wurden. Daß daraus tatsächlich Kenntnis von einem konkreten Mordplan gegen Benedikt XVI. abzuleiten gewesen wäre, war damit nicht bewiesen.
Der Vatikan sprach von „Hirngespinsten“
Die Reaktion des Vatikans fiel deutlich aus. Der damalige Leiter des vatikanischen Presseamtes, Pater Federico Lombardi, bestätigte, daß ein entsprechendes Dokument existierte und übermittelt worden war. Zugleich erklärte er, dessen Inhalt sei nicht berücksichtigt worden, weil es sich um „Hirngespinste“ handle.
Der Fall Romeo wird häufig als erstes öffentlich bekannt gewordenes Dokument der Affäre betrachtet, die später den Namen Vatileaks erhielt. Im weiteren Verlauf des Jahres 2012 wurden zahlreiche vertrauliche Schreiben, interne Mitteilungen und Dokumente aus dem Umfeld Benedikts XVI. an die Medien weitergegeben. Ob zwischen der Causa Romeo und dem späteren Dokumenten-Klau ein Zusammenhang besteht, konnte nicht geklärt werden.
Für den Dokumentenklau wurde Paolo Gabriele, der persönliche Kammerdiener des Papstes, überführt. Bei ihm wurden vertrauliche Unterlagen sichergestellt; im Mai 2012 wurde er festgenommen. Im Oktober desselben Jahres verurteilte ihn ein vatikanisches Gericht wegen Diebstahls vertraulicher Dokumente. Benedikt XVI. begnadigte den Familienvater noch im Dezember desselben Jahres.
Die Veröffentlichung des Romeo-Berichts und die spätere Enthüllung weiterer interner Vorgänge gehören zwar zur selben dramatischen Phase, dürfen jedoch nicht unterschiedslos gleichgesetzt werden. Der Bericht über Romeo war mehr ein Beispiel für ein bewußten Durchsickern vertraulicher Informationen. Die späteren Ermittlungen richteten sich hingegen insbesondere gegen die Entwendung und Weitergabe von Unterlagen aus dem direkten päpstlichen Umfeld.
Die Schatten des Jahres 2012
Der Fall Romeo erhielt im Rückblick zusätzliche Brisanz, weil Benedikt XVI. tatsächlich innerhalb von zwölf Monaten, am 11. Februar 2013, seinen Amtsverzicht ankündigte. Die zeitliche Nähe nährte Spekulationen. Belegt ist nämlich auch, daß Kardinal Carlo Maria Martini, der große Gegenspieler von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., im Juni 2012 den deutschen Papst unmißverständlich zum Rücktritt aufgefordert hatte.
Ein Beweis dafür, daß die angebliche Todesprognose Romeos einen tatsächlichen Mordplan bezeichnete oder daß damit auch ein Amtsverzicht gemeint war, ergibt sich daraus allerdings nicht. Ebenso wenig läßt sich aus der zeitlichen Abfolge allein ableiten, Benedikt sei zum Rücktritt gezwungen worden, zumal er selbst einen solchen Hergang stets bestritt.
Fest steht, dass Vatileaks das Bild eines Vatikans erschütterte, in dem persönliche Rivalitäten, institutionelle Konflikte und der Umgang mit vertraulichen Informationen eine gefährliche Verbindung eingegangen waren. Die Affäre war nicht die einzige Belastung des Pontifikats, gehörte aber zu dessen schwersten Krisen in der Schlussphase.
Der Name Romeo stand früh in dieser Entwicklung. Welche Absichten er bei seinen Gesprächen in China tatsächlich verfolgte, was er genau sagte und wie seine Gesprächspartner die Äußerungen verstanden, lässt sich aus dem damals veröffentlichten Vermerk allein nicht abschließend klären.
Kardinal Romeo ist nun verstorben. Die damaligen Schlagzeilen sind geblieben. Und ein Wunde, die durch den Amtsverzicht von Benedikt XVI. geschlagen wurde, an der die Kirche leidet.
Requiescat in pace.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons/VaticanMedia (Screenshots)/Katholisches.info
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