Heilige Laurentius – der Sieg des Glaubens über die Mächte der Welt

Unter dem Schutz der Märtyrer kann man Heilung von seinen Übeln erlangen

Das Gemälde "Das Martyrium des hl. Laurentius" von Pietro da Cortona (entstanden um 1653) in der Kirche Santi Michele e Gaetano in Florenz zeigt die Gefangennahme des Heiligen durch römische Soldaten
Das Gemälde "Das Martyrium des hl. Laurentius" von Pietro da Cortona (entstanden um 1653) in der Kirche Santi Michele e Gaetano in Florenz zeigt die Gefangennahme des Heiligen durch römische Soldaten

Von Rober­to de Mattei*

Der 10. August, der Tag, an dem die katho­li­sche Kir­che des hei­li­gen Lau­ren­ti­us gedenkt, gehört zu den gro­ßen Festen des christ­li­chen Rom der Anti­ke. Dom Gué­ran­ger erin­nert in sei­nem L’Année lit­ur­gi­que an die Wor­te, mit denen der hei­li­ge Augu­sti­nus die­sen Tag als einen „wahr­haft tri­um­pha­len Tag, an dem der hei­li­ge Lau­ren­ti­us die beben­de Welt zer­malm­te“, fei­er­te. Ganz Rom, so füg­te der Bischof von Hip­po hin­zu, sei Zeu­ge der „ruhm­rei­chen und uner­mess­li­chen Schar von Tugen­den“ gewe­sen, die die Kro­ne des Mär­ty­rers bildeten.

Nur weni­ge Hei­li­ge haben in der Geschich­te der Kir­che eine so alte und zugleich so uni­ver­sa­le Ver­eh­rung erfah­ren. Bereits im frü­hen Mit­tel­al­ter wur­den am 10. August in Rom zwei Mes­sen zu sei­nen Ehren gefei­ert: eine an der Grab­stät­te des Mär­ty­rers und eine ande­re, fei­er­li­che­re, in der Basi­li­ka San Loren­zo fuo­ri le Mura, die Kon­stan­tin hat­te errich­ten las­sen. Eine Inschrift von Papst Dama­sus, die etwa ein Jahr­hun­dert nach dem Mar­ty­ri­um ver­faßt wur­de, ver­kün­de­te: „Gei­ßeln, Kral­len, Flam­men, Qua­len, Ket­ten – allein der Glau­be des Lau­ren­ti­us ver­moch­te sie zu überwinden.“

Lau­ren­ti­us war einer der sie­ben Dia­ko­ne der römi­schen Kir­che zur Zeit Papst Six­tus’ II. Der Dia­kon war damals nicht nur Die­ner am Altar. Er stand dem Papst zur Sei­te und wirk­te an der Ver­wal­tung der zeit­li­chen Güter der Kir­che mit, die zu einem gro­ßen Teil für den Unter­halt der Armen bestimmt waren. Er war somit eine her­aus­ra­gen­de Gestalt der christ­li­chen Gemeinde.

Im Jahr 258 ent­fes­sel­te Kai­ser Vale­ri­an eine hef­ti­ge Ver­fol­gung gegen die Kir­che. Ein von ihm erlas­se­nes Edikt ord­ne­te an, daß Bischö­fe, Prie­ster und Dia­ko­ne allein auf­grund ihrer Zuge­hö­rig­keit zur kirch­li­chen Hier­ar­chie getö­tet wer­den soll­ten. Six­tus II. wur­de ver­haf­tet, wäh­rend er in den Kata­kom­ben des hei­li­gen Cal­lix­tus die Mes­se fei­er­te, und ent­haup­tet. Sechs sei­ner Dia­ko­ne erlit­ten gemein­sam mit ihm das Mar­ty­ri­um. Lau­ren­ti­us blieb allein zurück – aller­dings nur für kur­ze Zeit.

Die Über­lie­fe­rung hat uns einen außer­ge­wöhn­li­chen Dia­log zwi­schen dem Papst und sei­nem Dia­kon bewahrt. Wäh­rend Six­tus zur Hin­rich­tung geführt wird, folgt ihm Lau­ren­ti­us und fragt: „Mein Vater, wohin geht Ihr ohne Euren Sohn? Hei­li­ger Pon­ti­fex, wohin geht Ihr ohne Euren Dia­kon?“ Six­tus kün­digt ihm an, daß er ihn nicht im Stich las­se: Eine noch grö­ße­re Prü­fung erwar­te ihn, und nach drei Tagen wer­de auch er sei­nem Pon­ti­fex in das Mar­ty­ri­um folgen.

Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra, der dem hei­li­gen Lau­ren­ti­us eine schö­ne Betrach­tung gewid­met hat, sieht in die­ser Sze­ne mehr als die ergrei­fen­de Treue eines Jün­gers zu sei­nem Mei­ster. Lau­ren­ti­us, der Six­tus am Altar gedient hat­te, wäh­rend der Pon­ti­fex das unblu­ti­ge Opfer der Mes­se dar­brach­te, woll­te ihm nun auch bei der blu­ti­gen Dar­brin­gung sei­nes eige­nen Lebens zur Sei­te ste­hen. „Wie ich Euch im Leben zu Füßen des Altars gedient habe“ – so ist der Sinn sei­ner Bit­te –, „so laßt mich Euch auch zu Füßen des Todes dienen.“

Der bra­si­lia­ni­sche Den­ker erkennt in die­ser Treue gleich­sam eine Vor­weg­nah­me des Gei­stes der mit­tel­al­ter­li­chen Chri­sten­heit: eine Bin­dung, die sich nicht in einem recht­li­chen Ver­hält­nis erschöpft, son­dern zu Ver­eh­rung, Hin­ga­be und Bereit­schaft zum Opfer wird. Es ist eine per­sön­li­che Treue, die auf einer höhe­ren Ord­nung grün­det und in der die Lie­be zur Auto­ri­tät bis zur Hin­ga­be des eige­nen Lebens reicht.

Nach dem Tod Six­tus’ II. rich­te­ten die Ver­fol­ger ihre Auf­merk­sam­keit auf Lau­ren­ti­us. Sie wuß­ten, daß der Dia­kon die Güter der christ­li­chen Gemein­de ver­wal­te­te, und ver­mu­te­ten, die Kir­che besit­ze ver­bor­ge­ne Reich­tü­mer. Daher befah­len sie ihm, ihre Schät­ze herauszugeben.

Lau­ren­ti­us bat um drei Tage Auf­schub. Dann ver­sam­mel­te er die Armen, Kran­ken, Wit­wen und Wai­sen, die von der Kir­che unter­stützt wur­den, und führ­te sie dem römi­schen Magi­strat vor: Das hier sei­en die Schät­ze der Kirche.

Die heid­ni­sche Welt beur­teil­te den Men­schen vor allem nach Macht, Reich­tum und gesell­schaft­li­cher Stel­lung. Lau­ren­ti­us dage­gen bezeich­net gera­de jene als kost­ba­re Edel­stei­ne, die von der Welt ver­ach­tet wer­den. Der Arme ist kost­bar, weil er eine durch das Blut Chri­sti erlö­ste See­le ist. Der Kran­ke, der sei­ne Lei­den mit der Pas­si­on des Erlö­sers ver­eint, besitzt eine Wür­de, die sich dem rein irdi­schen Blick ent­zieht. Das bedeu­tet kei­nes­wegs, auf die Lin­de­rung von Armut oder Krank­heit zu ver­zich­ten; im Gegen­teil: Die christ­li­che Näch­sten­lie­be ver­langt, den Lei­den­den bei­zu­ste­hen. Doch sie erkennt im Men­schen etwas, das unend­lich höher steht als sein wirt­schaft­li­cher oder gesell­schaft­li­cher Nutzen.

So ste­hen sich zwei Auf­fas­sun­gen vom Men­schen gegen­über: die heid­ni­sche, die sei­nen Wert an der Macht mißt, und die christ­li­che, die jeden Men­schen im Licht der Ewig­keit betrachtet.

Der Zorn der Ver­fol­ger rich­te­te sich nun gegen Lau­ren­ti­us. In der Nacht vom 9. auf den 10. August wur­de der Dia­kon den Hen­kern über­ge­ben und der grau­sa­men Fol­ter des Feu­ers ausgesetzt.

Der hei­li­ge Augu­sti­nus erklärt, daß es die Lie­be war, die Lau­ren­ti­us die Kraft gab, den Schmerz zu über­win­den: „Auf den Rost gelegt, wur­de er an allen Glie­dern ver­brannt“, doch er über­wand die Lei­den des Kör­pers „durch die Kraft der Liebe“.

Hier betrach­tet Prof. Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra einen der fas­zi­nie­rend­sten Züge des Hei­li­gen: sei­ne Gelas­sen­heit, ja bei­na­he sei­nen Stolz ange­sichts des Todes. Der Über­lie­fe­rung zufol­ge fand Lau­ren­ti­us, auf dem Rost aus­ge­streckt, noch die Kraft, sich iro­nisch an sei­ne Hen­ker zu wen­den und sie auf­zu­for­dern, ihn umzu­dre­hen, da eine Sei­te sei­nes Kör­pers bereits gebra­ten sei. Schließ­lich bete­te er um die Bekeh­rung Roms und starb.

Dr. Pli­nio spricht von sei­nem pana­che: jener see­li­schen Vor­nehm­heit, durch die der Christ, von der Gna­de getra­gen, den Feind nicht nur erträgt, son­dern ihn geist­lich bezwingt. Der Ver­fol­ger ver­fügt über das Feu­er und die Fol­ter­werk­zeu­ge, doch gegen­über einem Men­schen, der den Tod nicht mehr fürch­tet, ist er macht­los. Das ist die höch­ste christ­li­che Freiheit.

Das Mar­ty­ri­um des hei­li­gen Lau­ren­ti­us bie­tet uns auch eine außer­ge­wöhn­li­che Bestä­ti­gung der Wor­te des Magni­fi­cat: „Depo­su­it poten­tes de sede et exal­ta­vit humi­les“ – Gott hat die Mäch­ti­gen von ihren Thro­nen gestürzt und die Nied­ri­gen erhöht.

Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra bemerkt, daß sich vor allem Fach­leu­te noch an Kai­ser Vale­ri­an erin­nern, wäh­rend der hei­li­ge Lau­ren­ti­us bis heu­te in der gan­zen Welt bekannt, ver­ehrt und ange­ru­fen wird. Ein Bei­spiel mag genü­gen. Am Fest­tag des hei­li­gen Lau­ren­ti­us, dem 10. August 1557, schlug König Phil­ipp II. von Spa­ni­en die ent­schei­den­de Schlacht bei Saint-Quen­tin in der Picar­die. Er gelob­te Gott, eine präch­ti­ge Basi­li­ka zu Ehren des hei­li­gen Lau­ren­ti­us zu errich­ten, wenn er die­se Schlacht gewin­nen wür­de. Er sieg­te und ließ zum Geden­ken an die­sen Anlaß das größ­te Kunst­werk sei­nes König­reichs errich­ten: den Escori­al. Der Grund­riß des Pala­stes hat die Form eines Rostes – zur Erin­ne­rung an das Mar­ty­ri­um des hei­li­gen Laurentius.

Auch Dom Gué­ran­ger beschließt sei­ne Betrach­tung, indem er ein altes Gebet wie­der­gibt, das Lau­ren­ti­us als inzwi­schen glor­rei­chen Bür­ger eines ande­ren Rom betrach­tet, des himm­li­schen Rom: Der Mär­ty­rer, der auf Erden der Kir­che gedient hat­te, tritt in den „ewi­gen Senat“ des Him­mels ein, gekrönt wie ein Kon­sul der Stadt Gottes.

Und an den hei­li­gen Lau­ren­ti­us gewandt, schließt Dom Gué­ran­ger mit den Worten:

„Ich weiß und beken­ne, daß ich unwür­dig bin, von Chri­stus erhört zu wer­den; doch unter dem Schutz der Mär­ty­rer kann man Hei­lung von sei­nen Übeln erlan­gen. Erhö­re einen, der dich anfleht: Löse in dei­ner Güte mei­ne Ket­ten, befreie mich vom Fleisch und von der Welt!“

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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