Von Roberto de Mattei*
Der 10. August, der Tag, an dem die katholische Kirche des heiligen Laurentius gedenkt, gehört zu den großen Festen des christlichen Rom der Antike. Dom Guéranger erinnert in seinem L’Année liturgique an die Worte, mit denen der heilige Augustinus diesen Tag als einen „wahrhaft triumphalen Tag, an dem der heilige Laurentius die bebende Welt zermalmte“, feierte. Ganz Rom, so fügte der Bischof von Hippo hinzu, sei Zeuge der „ruhmreichen und unermesslichen Schar von Tugenden“ gewesen, die die Krone des Märtyrers bildeten.
Nur wenige Heilige haben in der Geschichte der Kirche eine so alte und zugleich so universale Verehrung erfahren. Bereits im frühen Mittelalter wurden am 10. August in Rom zwei Messen zu seinen Ehren gefeiert: eine an der Grabstätte des Märtyrers und eine andere, feierlichere, in der Basilika San Lorenzo fuori le Mura, die Konstantin hatte errichten lassen. Eine Inschrift von Papst Damasus, die etwa ein Jahrhundert nach dem Martyrium verfaßt wurde, verkündete: „Geißeln, Krallen, Flammen, Qualen, Ketten – allein der Glaube des Laurentius vermochte sie zu überwinden.“
Laurentius war einer der sieben Diakone der römischen Kirche zur Zeit Papst Sixtus’ II. Der Diakon war damals nicht nur Diener am Altar. Er stand dem Papst zur Seite und wirkte an der Verwaltung der zeitlichen Güter der Kirche mit, die zu einem großen Teil für den Unterhalt der Armen bestimmt waren. Er war somit eine herausragende Gestalt der christlichen Gemeinde.
Im Jahr 258 entfesselte Kaiser Valerian eine heftige Verfolgung gegen die Kirche. Ein von ihm erlassenes Edikt ordnete an, daß Bischöfe, Priester und Diakone allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur kirchlichen Hierarchie getötet werden sollten. Sixtus II. wurde verhaftet, während er in den Katakomben des heiligen Callixtus die Messe feierte, und enthauptet. Sechs seiner Diakone erlitten gemeinsam mit ihm das Martyrium. Laurentius blieb allein zurück – allerdings nur für kurze Zeit.
Die Überlieferung hat uns einen außergewöhnlichen Dialog zwischen dem Papst und seinem Diakon bewahrt. Während Sixtus zur Hinrichtung geführt wird, folgt ihm Laurentius und fragt: „Mein Vater, wohin geht Ihr ohne Euren Sohn? Heiliger Pontifex, wohin geht Ihr ohne Euren Diakon?“ Sixtus kündigt ihm an, daß er ihn nicht im Stich lasse: Eine noch größere Prüfung erwarte ihn, und nach drei Tagen werde auch er seinem Pontifex in das Martyrium folgen.
Plinio Corrêa de Oliveira, der dem heiligen Laurentius eine schöne Betrachtung gewidmet hat, sieht in dieser Szene mehr als die ergreifende Treue eines Jüngers zu seinem Meister. Laurentius, der Sixtus am Altar gedient hatte, während der Pontifex das unblutige Opfer der Messe darbrachte, wollte ihm nun auch bei der blutigen Darbringung seines eigenen Lebens zur Seite stehen. „Wie ich Euch im Leben zu Füßen des Altars gedient habe“ – so ist der Sinn seiner Bitte –, „so laßt mich Euch auch zu Füßen des Todes dienen.“
Der brasilianische Denker erkennt in dieser Treue gleichsam eine Vorwegnahme des Geistes der mittelalterlichen Christenheit: eine Bindung, die sich nicht in einem rechtlichen Verhältnis erschöpft, sondern zu Verehrung, Hingabe und Bereitschaft zum Opfer wird. Es ist eine persönliche Treue, die auf einer höheren Ordnung gründet und in der die Liebe zur Autorität bis zur Hingabe des eigenen Lebens reicht.
Nach dem Tod Sixtus’ II. richteten die Verfolger ihre Aufmerksamkeit auf Laurentius. Sie wußten, daß der Diakon die Güter der christlichen Gemeinde verwaltete, und vermuteten, die Kirche besitze verborgene Reichtümer. Daher befahlen sie ihm, ihre Schätze herauszugeben.
Laurentius bat um drei Tage Aufschub. Dann versammelte er die Armen, Kranken, Witwen und Waisen, die von der Kirche unterstützt wurden, und führte sie dem römischen Magistrat vor: Das hier seien die Schätze der Kirche.
Die heidnische Welt beurteilte den Menschen vor allem nach Macht, Reichtum und gesellschaftlicher Stellung. Laurentius dagegen bezeichnet gerade jene als kostbare Edelsteine, die von der Welt verachtet werden. Der Arme ist kostbar, weil er eine durch das Blut Christi erlöste Seele ist. Der Kranke, der seine Leiden mit der Passion des Erlösers vereint, besitzt eine Würde, die sich dem rein irdischen Blick entzieht. Das bedeutet keineswegs, auf die Linderung von Armut oder Krankheit zu verzichten; im Gegenteil: Die christliche Nächstenliebe verlangt, den Leidenden beizustehen. Doch sie erkennt im Menschen etwas, das unendlich höher steht als sein wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Nutzen.
So stehen sich zwei Auffassungen vom Menschen gegenüber: die heidnische, die seinen Wert an der Macht mißt, und die christliche, die jeden Menschen im Licht der Ewigkeit betrachtet.
Der Zorn der Verfolger richtete sich nun gegen Laurentius. In der Nacht vom 9. auf den 10. August wurde der Diakon den Henkern übergeben und der grausamen Folter des Feuers ausgesetzt.
Der heilige Augustinus erklärt, daß es die Liebe war, die Laurentius die Kraft gab, den Schmerz zu überwinden: „Auf den Rost gelegt, wurde er an allen Gliedern verbrannt“, doch er überwand die Leiden des Körpers „durch die Kraft der Liebe“.
Hier betrachtet Prof. Plinio Corrêa de Oliveira einen der faszinierendsten Züge des Heiligen: seine Gelassenheit, ja beinahe seinen Stolz angesichts des Todes. Der Überlieferung zufolge fand Laurentius, auf dem Rost ausgestreckt, noch die Kraft, sich ironisch an seine Henker zu wenden und sie aufzufordern, ihn umzudrehen, da eine Seite seines Körpers bereits gebraten sei. Schließlich betete er um die Bekehrung Roms und starb.
Dr. Plinio spricht von seinem panache: jener seelischen Vornehmheit, durch die der Christ, von der Gnade getragen, den Feind nicht nur erträgt, sondern ihn geistlich bezwingt. Der Verfolger verfügt über das Feuer und die Folterwerkzeuge, doch gegenüber einem Menschen, der den Tod nicht mehr fürchtet, ist er machtlos. Das ist die höchste christliche Freiheit.
Das Martyrium des heiligen Laurentius bietet uns auch eine außergewöhnliche Bestätigung der Worte des Magnificat: „Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles“ – Gott hat die Mächtigen von ihren Thronen gestürzt und die Niedrigen erhöht.
Plinio Corrêa de Oliveira bemerkt, daß sich vor allem Fachleute noch an Kaiser Valerian erinnern, während der heilige Laurentius bis heute in der ganzen Welt bekannt, verehrt und angerufen wird. Ein Beispiel mag genügen. Am Festtag des heiligen Laurentius, dem 10. August 1557, schlug König Philipp II. von Spanien die entscheidende Schlacht bei Saint-Quentin in der Picardie. Er gelobte Gott, eine prächtige Basilika zu Ehren des heiligen Laurentius zu errichten, wenn er diese Schlacht gewinnen würde. Er siegte und ließ zum Gedenken an diesen Anlaß das größte Kunstwerk seines Königreichs errichten: den Escorial. Der Grundriß des Palastes hat die Form eines Rostes – zur Erinnerung an das Martyrium des heiligen Laurentius.
Auch Dom Guéranger beschließt seine Betrachtung, indem er ein altes Gebet wiedergibt, das Laurentius als inzwischen glorreichen Bürger eines anderen Rom betrachtet, des himmlischen Rom: Der Märtyrer, der auf Erden der Kirche gedient hatte, tritt in den „ewigen Senat“ des Himmels ein, gekrönt wie ein Konsul der Stadt Gottes.
Und an den heiligen Laurentius gewandt, schließt Dom Guéranger mit den Worten:
„Ich weiß und bekenne, daß ich unwürdig bin, von Christus erhört zu werden; doch unter dem Schutz der Märtyrer kann man Heilung von seinen Übeln erlangen. Erhöre einen, der dich anfleht: Löse in deiner Güte meine Ketten, befreie mich vom Fleisch und von der Welt!“
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom. De Mattei ist zudem Autor zahlreicher Standardwerke, Vorsitzender der Stiftung Lepanto für den Erhalt der katholischen Tradition, Schriftleiter des Internetmediums Corrispondenza Romana und der Monatszeitschrift Radici Cristiane. Von 2002 bis 2011 war er Vizepräsident des italienischen Nationalen Forschungsrates (CNR) mit Zuständigkeit für die Geisteswissenschaften. Er veröffentlichte mehr als dreißig Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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