Don Nicola Bux, der bekannte Liturgiker und langjährige persönliche Freund und Vertraute von Papst Benedikt XVI., gab dem Privatsender Radio Cusano ein Interview, das wenige Tage nach den gültigen, aber unerlaubten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. auch auf Youtube veröffentlicht wurde. Der Im Interview erwähnte Matteo Matzuzzi ist seit 2020 Chefredakteur der italienischen Tageszeitung Il Foglio. Das Interview mit Don Nicola Bux führte Francesco Borgonovo, stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung La Verità.
Moderator: Hier sind wir wieder bei Calibro 9 auf Radio Cusano. Wir begrüßen Don Nicola Bux, der sich in den vergangenen Tagen schriftlich und mündlich zu diesem Vorgang geäußert hat, den die Zeitungen als Schisma bezeichnen. Don Nicola, was sollen wir davon halten? Warum ist es Ihrer Ansicht nach so weit gekommen?
Don Nicola Bux: Guten Tag. Ich glaube, wir sind an diesen Punkt gelangt, weil nicht erst heute, sondern mindestens seit 1985 – als Ratzinger in seinem berühmten Buch Zur Lage des Glaubens mit Vittorio Messori darauf hingewiesen hat – das katholische Verständnis von der Wirklichkeit der Kirche verlorengegangen ist, sowohl in der Theologie als auch in der öffentlichen Meinung. Man glaubt nicht mehr, daß die Kirche eine von Christus gewollte Wirklichkeit ist, sondern betrachtet sie vielmehr als ein Gebilde, das man nach Belieben umgestalten kann, als handle es sich um Legosteine. Ich denke dabei auf der einen Seite an die Lefebvrianer und auf der anderen an die Deutschen. Am Ende werden so die Inhalte des Glaubens und der Moral beliebig.
Moderator: Worin besteht der eigentliche Unterschied? Versuchen wir, das unseren Hörern zu erklären. Warum werden die Lefebvrianer bestraft – abgesehen davon, daß sie Bischöfe ohne päpstliche Zustimmung geweiht und damit dem Papst den Gehorsam verweigert haben? Ich sagte vorhin bereits im Gespräch mit Matteo Matzuzzi, daß mir manches, was etwa in Deutschland, aber auch hier geschieht, aus theologischer Sicht wesentlich schwerwiegender erscheint und weiter von der Lehre der Kirche entfernt ist als das, was die Lefebvrianer vertreten. Oder sehe ich das falsch?
Don Nicola Bux: Das ist der häufigste Einwand: Warum bestraft man ausgerechnet diejenigen, die so orthodox und den katholischen Grundsätzen treu erscheinen, während man andere gewähren läßt, obwohl sie in Glaubens- und Moralfragen nahezu alles zulassen? Die Strafe hängt in Wirklichkeit nicht mit dem zusammen, was sie glauben, sondern mit dem, was sie getan haben. Sie haben eine Handlung begangen, die das kanonische Recht ausdrücklich als schweres Delikt bezeichnet, nämlich die Weihe von Bischöfen ohne päpstliches Mandat.
Denken Sie daran, daß es einen ähnlichen Fall auch bei den ohne päpstliches Mandat geweihten Bischöfen in China gegeben hat, bereits unter Pius XII. und auch später. Es handelt sich um einen außerordentlich schwerwiegenden Akt, schwerwiegender als problematische Auffassungen über Ehe oder andere moralische Fragen. Warum? Weil solche Auffassungen zunächst einmal Meinungen bleiben und auf der Ebene der Meinung verbleiben. Ich nenne ein Beispiel: Erst vergangene Woche hat das Dikasterium für den Gottesdienst den Deutschen geantwortet und klargestellt, daß die Homilie in der heiligen Messe nicht von einem Laien gehalten werden darf. Es gibt also durchaus solche Klarstellungen.
Wenn dennoch entsprechend gehandelt wird, folgt früher oder später zwangsläufig eine Sanktion. Deshalb muß man vorsichtig sein, verschiedene Verhaltensweisen einfach gleichzusetzen. Das eigentliche Problem besteht meines Erachtens darin, daß man nicht mehr versteht, was die Kirche als Gemeinschaft bedeutet. Sie ist wie eine Familie, in der Gemeinschaft herrscht, allerdings eine Gemeinschaft, in der es durchaus Auseinandersetzungen gibt. Wenn aber jedesmal, sobald Meinungsverschiedenheiten auftreten, die Tür zugeschlagen und die Gemeinschaft zerbrochen wird, könnte nichts Bestand haben. Das Problem ist, daß viele gar nicht mehr wissen, was kirchliche Gemeinschaft eigentlich bedeutet.
Moderator: Hätte man diesen Bruch Ihrer Meinung nach nicht verhindern können? Was erwartete man denn von der Priesterbruderschaft St. Pius X.? Daß sie sich einfach allmählich auflösen solle? Daß die Bischöfe, deren Exkommunikation aufgehoben worden war, sterben und keine neuen mehr geweiht würden, sodaß sich das Problem irgendwann von selbst erledigt hätte? Wie hätte die Sache anders ausgehen können?
Don Nicola Bux: Wenn der Papst die Verantwortlichen bereits vor Monaten zu sich gerufen und gesagt hätte: „Gut, setzen wir uns zusammen und reden wir“, vielleicht unter Hinzuziehung von Fachleuten, dann hätte dieser Bruch vielleicht – ich sage ausdrücklich: vielleicht – vermieden werden können. Leider ist das nicht geschehen. Andererseits hat es schon in der Vergangenheit Dialogversuche gegeben, auch seitens Ratzingers und anderer Kardinäle.
Die Wahrheit ist allerdings, daß die Bruderschaft in ihren Überzeugungen mitunter sehr unbeugsam gewesen ist, insbesondere hinsichtlich des Ökumenischen Konzils. Denn nicht alles besitzt denselben Rang. Es gibt grundlegende Aussagen des Konzils, die angenommen werden müssen; schließlich ist ein feierlicher Akt des kirchlichen Lehramtes unfehlbar. Daneben gibt es Aussagen eher zeitbedingter Natur, über die man ohne weiteres diskutieren kann. Gerade dieser Unterschied ist offenbar zu wenig berücksichtigt worden. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht deshalb, weil das bergoglianisch-vatikanische Umfeld – auch wenn es dem neuen Papst nun Gehorsam schuldet – den Regierungsapparat nach wie vor prägt. Der Papst beherrscht diese Maschinerie noch nicht vollständig und muß sich deshalb auf diejenigen stützen, die sie bereits vor ihm gelenkt haben. Möglicherweise hat das eine andere Entwicklung verhindert.
Man könnte daraus noch viele weitere Folgerungen ziehen. Ich bleibe jedoch dabei: Verlorengegangen ist das Verständnis der kirchlichen Gemeinschaft als einer Wirklichkeit, in der man miteinander ringt und gemeinsam zum Glauben gelangt. Die Kirche ist keine Demokratie, sondern eine sakramentale, das heißt hierarchische Wirklichkeit. Ihre Strukturen sind reformierbar und können immer wieder überprüft werden; in ihrem Wesen aber gehört die Kirche weder den einen noch den anderen, sondern Christus. Genau dieses Bewußtsein ist meines Erachtens verlorengegangen, und ich hoffe, daß wir es wiedergewinnen.
Moderator: Kann man denn noch umkehren?
Don Nicola Bux: Ja, das ist möglich. Man kann umkehren. Dazu braucht es allerdings guten Willen. Die im Kirchenrecht vorgesehenen Sanktionen sind nun verhängt worden, doch wäre es sehr zu wünschen, daß der Dialog wieder aufgenommen wird. Es bedarf einer gewissen Elastizität, vor allem seitens der Bruderschaft. Sie sollte beispielsweise den heiligen John Henry Newman wiederentdecken, insbesondere seine Gedanken über das Verhältnis von Lehre und Lehrentwicklung. Mir scheint, daß sie in mancher Hinsicht im 19. Jahrhundert stehengeblieben ist. Darüber sollte sie nachdenken. Im übrigen dürfen wir die Hoffnung niemals aufgeben, daß eine Verständigung möglich bleibt.
Moderator: Ich danke Don Nicola Bux sehr herzlich. Hier geht es um Fragen von grundlegender Bedeutung für die Kirche. Es handelt sich um ein Problem, das neben der geistlichen und glaubensmäßigen Dimension auch politische Folgen haben könnte. Um diese Entscheidungen herum gibt es erhebliche Spannungen, die über die Theologie hinausreichen. Ist das nicht so?
Don Nicola Bux: Nun ja, aber das wäre eigentlich unangebracht. Politische Kategorien lassen sich auf die Kirche nicht anwenden. Das ist ein Fehler. Gewiß mag es Einflußnahmen einzelner Personen geben. Aber ich glaube, daß wir in der Kirche lernen müssen, selbst zurückzutreten und gleichsam zu verschwinden, damit Christus triumphiert. Die größten Erneuerer der Kirche waren die Heiligen. Die Kirche braucht Heiligkeit, und die erste Form der Heiligkeit besteht gewissermaßen darin, die Gemeinschaft zu suchen. Die Gemeinschaft mit Petrus ist grundlegend; ich würde sagen, sie ist das eigentlich katholische Charisma, das die katholische Kirche von anderen kirchlichen Gemeinschaften unterscheidet. Fehlt diese Gemeinschaft, kann man nicht behaupten, mit dem Papst verbunden sein zu wollen, und gleichzeitig Handlungen setzen, die dem widersprechen. Das ergibt keinen Sinn.
Was den politischen Aspekt betrifft, würde ich sagen: Eigentlich gibt es ihn nicht. Gewiß, ich habe einige Kommentatoren gehört …
Moderator: Das wären wiederum andere grundlegende Fragen. Herzlichen Dank, Don Nicola. Wir machen jetzt eine kurze Pause und sind gleich wieder zurück.
Don Nicola Bux: Ich danke Ihnen. Weiterhin gutes Gelingen!
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Radio Cusano/Youtube (Screenshot)
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