Von Ľubomír Urbančok*
Am 14. Juli 1833 predigte der englische Theologe John Keble in der Universitätskirche der heiligen Juungfrau Maria in Oxford eine Predigt über den nationalen Glaubensabfall. Diese Predigt gilt als Beginn der sogenannten Oxford-Bewegung. Ihr Ziel war es, in der anglikanischen Kirche das Bewußtsein für ihren apostolischen Ursprung neu zu wecken und sie zum Glauben der Kirchenväter zurückzuführen. Im Jahre 1839 erreichte die Bewegung ihren Höhepunkt. Zu ihren führenden Gestalten gehörte damals auch der achtunddreißigjährige John Henry Newman, der zu jener Zeit noch Anglikaner war.
Im Sommer 1839 vertiefte sich Newman in das Studium der christologischen Kontroversen der frühen Kirche. Dabei fiel ihm ein Artikel von Nicholas Wiseman in die Hände, der später Kardinal werden sollte und damals Rektor des Englischen Kollegs in Rom war. Der Artikel war in der Dublin Review erschienen. Darin stellte Wiseman eine Verbindung zwischen den Anglikanern und den antiken Donatisten her und erinnerte an einen Satz des heiligen Augustinus, der den jungen Newman zutiefst erschütterte: Securus judicat orbis terrarum – „Die ganze Welt urteilt mit Sicherheit.“ Die Gesamtkirche ist in ihren Urteilen unfehlbar. Was wäre, wenn Newman in der Überzeugung, die Tradition zu verteidigen, in Wirklichkeit nur seine eigene Auslegung verteidigte und sich damit gegen die Tradition selbst stellte? Sechs Jahre später trat Newman zur katholischen Kirche über.
Heute bestreitet kaum jemand noch, daß sich die Kirche in einer Krise befindet. Das Bewußtsein für diese Krise kann jedoch zu der Versuchung führen, die eigenen Positionen nicht mehr kritisch zu hinterfragen, sondern sie vielmehr zum Maßstab zu machen, an dem alles andere gemessen wird.
Vor einigen Tagen veröffentlichte eine englische Zeitschrift ein Interview, in dem ein Vertreter einer Strömung des heutigen Traditionalismus seine Position darlegte. Er erklärte darin, der Heilige Stuhl sei in gewissem Maße einer „feindlichen Übernahme“ (hostile takeover) zum Opfer gefallen. Die unverkürzte Glaubenslehre und die Liturgie befänden sich seiner Auffassung nach gegenüber dem Heiligen Stuhl in einem „geistlichen Exil“ – ähnlich wie einst das Papsttum in Avignon. Ihre Rückkehr müsse von der traditionellen Bewegung vorbereitet werden, bis Gott seiner Kirche „zu hundert Prozent traditionelle Päpste“ schenken werde.
Doch gerade der Vergleich mit Avignon spricht gegen denjenigen, der ihn gebraucht. In Avignon befand sich nicht die Glaubenslehre im Exil vom Papst, sondern der Papst fern von Rom. Die heilige Katharina von Siena ermahnte den Papst, flehte ihn an und rief ihn an die Gräber der Apostelfürsten zurück. Niemals aber stellte sie ihm einen eigenen Maßstab für die Rechtgläubigkeit entgegen. Ebenso wenig behauptete sie, der wahre Glaube wohne außerhalb des Stuhles Petri und müsse eines Tages dorthin zurückkehren.
Die Auseinandersetzungen des bewegten 19. Jahrhunderts machten es notwendig, die Frage genauer zu beantworten, was Tradition eigentlich ist und wie sich ihr Inhalt zuverlässig erkennen läßt. Besonders deutlich wurde dies bei der Vorbereitung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, an der die Theologen des Römischen Kollegs einen außerordentlich bedeutenden Anteil hatten. Sie mußten klar bestimmen, woran die Kirche erkennen kann, daß eine Lehre von Gott geoffenbarte Wahrheit ist, obwohl ihre ausdrückliche Formulierung erst im Laufe der Jahrhunderte gereift war.
Der Jesuit Giovanni Perrone, ein herausragender Theologe des Römischen Kollegs, unterschied damals zwischen der Tradition selbst und den Mitteln, durch die wir sie erkennen. Ebenso unterschied er zwischen dem Zeugnis eines Theologen für den von der Kirche empfangenen Glauben und dessen persönlichem Urteil. Im zweiten Fall kann auch ein großer Kirchenlehrer irren – wie es geschah, als der heilige Thomas von Aquin gegen die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria argumentierte.
Der Tiroler Johann Baptist Franzelin, vielleicht einer der bedeutendsten Schüler Perrones und später selbst Kardinal, entwickelte die Lehre seines Meisters weiter. In seinem Werk De divina Traditione schreibt er, daß die Tradition nicht lediglich eine Sammlung vergangener Texte ist, die jeder nach eigenem Ermessen auslegen kann. Sie ist vielmehr eine lebendige Überlieferung, die Christus dem Lehramt der Kirche anvertraut hat.
Papst Pius XII. erklärt in seiner Enzyklika Humani generis, das Lehramt müsse für jeden Theologen die „nächste und allgemeine Norm der Wahrheit“ sein. Denn der göttliche Erlöser habe den Glaubensschatz zur authentischen Auslegung „nicht den einzelnen Gläubigen und auch nicht den Theologen, sondern allein dem Lehramt der Kirche“ anvertraut.
Das bedeutet nicht, daß jedes Dokument des Heiligen Stuhles dasselbe Gewicht besitzt. Die Kirche unterscheidet selbst zwischen den verschiedenen Graden ihrer Autorität. Es bedeutet jedoch, daß nicht der Einzelne darüber entscheidet, wie diese Abstufungen zu beurteilen sind. Deshalb kann man nicht der „Kirche aller Zeiten“ gegen die Kirche von heute gehorchen wollen. Die Kirche aller Zeiten erreicht uns durch die lebendige Kirche und ihre lebendige Tradition. Wer das Gegenteil behauptet, beruft sich auf seine eigene Auslegung historischer Texte und macht sich selbst zum Richter über die Tradition.
Weniger als dreißig Jahre nach John Henry Newmans Konversion, am 18. Juli 1870, äußerte sich das Erste Vatikanische Konzil mit endgültiger Autorität. Die Konstitution Pastor aeternus lehrt, daß der Stuhl des heiligen Petrus im Glauben stets vor jedem Irrtum bewahrt bleibt (ab omni semper errore illibata), gemäß der Verheißung, die der Herr dem Fürsten der Apostel gegeben hat: „Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht erlischt“ (Lk 22,32).
Im Laufe der Kirchengeschichte begegnen uns schwache Päpste, Versagen von Hirten und sogar Mißbräuche kirchlicher Autorität. Dennoch hat der Stuhl Petri niemals aufgehört, jener Ort zu sein, an dem die Tradition ihren Wohnsitz hat und von dem aus sie mit maßgeblicher Autorität weitergegeben wird. Wer von ihrem Exil spricht, wendet sich nicht bloß gegen ein einzelnes Pontifikat, sondern gegen die Verheißung, auf die Christus seine Kirche gegründet hat.
Dasselbe Konzil legte allerdings auch genau fest, zu welchem Zweck diese Garantie den Nachfolgern Petri gegeben wurde. Der Heilige Geist wurde ihnen verheißen, damit sie mit seinem Beistand die von den Aposteln überlieferte Offenbarung, also den Glaubensschatz, heilig bewahren und getreu darlegen (Pastor aeternus, Kap. 4).
Die Kirche kann nichts erfinden. Ihr Lehramt ist nicht Herr über das Wort Gottes, sondern dessen Diener. Deshalb erinnert Pius XII. in Humani generis an die Worte seines Vorgängers Pius IX.: Die vornehmste Aufgabe der Theologie bestehe darin aufzuzeigen, wie die von der Kirche definierte Lehre in den Quellen der Offenbarung enthalten ist – und zwar „in demselben Sinn, in dem die Kirche sie definiert hat“.
Kein Theologe, kein Bischof und nicht einmal der Nachfolger Petri hat das Recht, Neuerungen einzuführen, die dem Glaubensschatz widersprechen. Umgekehrt hat auch der Verteidiger der Tradition nicht das Recht, die Quellen in einem anderen Sinn auszulegen, als die Kirche sie versteht. Neuerung und private Auslegung sind zwei Seiten desselben Irrtums: Beide stellen das eigene Urteil über den Glauben der Kirche.
Die Donatisten machten die Sünden einzelner Hirten zur Anklage gegen die gesamte Kirche und sahen in ihrer eigenen Gemeinschaft eine Reinheit, die alle anderen verloren hätten. Sie beriefen sich auf die Kirchenväter, bewahrten alte Riten und widersetzten sich aufrichtig den Irrtümern. Doch trotz ihrer Anhänglichkeit an die eigene Rechtgläubigkeit gerieten sie mit ihren Positionen außerhalb der katholischen Einheit.
Auch schwerwiegendes Versagen kirchlicher Hirten verleiht keiner Gruppe das Recht, die eigenen Positionen zum Maßstab für die Treue der gesamten Kirche zu erklären.
Die Tradition ist nicht das Eigentum ihrer Verteidiger und gehört auch keiner bestimmten Gruppe von Gläubigen. Sie verlangt von ihnen Treue im täglichen Leben und die Demut, das eigene Urteil zu prüfen. Denn gerade dann irrt dieses Urteil besonders leicht, wenn es sich selbst für die letzte Zuflucht der Wahrheit hält.
*Ľubomír Urbančok ist Priester der Erzdiözese Tyrnau. Er studierte Physik an der Karls-Universität in Prag, Philosophie an der Comenius-Universität in Preßburg sowie Theologie an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom. Er wirkte nach der Priesterweihe in der Pfarrei Komorn und anschließend als Sekretär des Erzbischofs von Tyrnau. Derzeit studiert er Dogmatik am Angelicum in Rom. Er ist Kaplan der Vereinigung für den überlieferten Römischen Ritus in der Slowakei und betreibt die Internetseite oteclubomir.sk.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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