„Eppur si muove!“ „Und sie bewegt sich doch!“ – also die Erde, die sich um die Sonne bzw. um ihre eigene Achse bewegt. Und damit ist die Geschichte für gewöhnlich erzählt. Hier der mutige Galileo Galilei, der Mann der Wissenschaft, der angesichts der kirchlichen Inquisition unbeugsam an der Wahrheit festhält. Dort die finstere Kirche, die sich gegen die moderne Wissenschaft stemmt und einen genialen Forscher zum Widerruf zwingt. Es ist eine wunderbare Geschichte. Nur ist sie historisch erheblich komplizierter und damit letztlich ganz anders.
Und gerade deshalb lohnt es sich, den Fall Galileo Galilei noch einmal anzusehen – nicht mit den Augen des 19., 20. oder 21. Jahrhunderts, sondern mit den Augen des Jahres 1616 beziehungsweise 1633. Denn dann erscheint plötzlich etwas, das in der großen antikirchlichen Galileo-Erzählung beinahe vollständig verschwunden ist (ein Schelm, wer Böses dabei denkt):
Galileo besaß eine Theorie. Aber er besaß nicht den Beweis, den man damals von ihm verlangte.
Die entscheidende Frage
Die entscheidende Frage an Galileo war kein Vorwurf, weil er seine Theorie vertrat. Die entscheidende Frage war: Wo ist der Beweis für diese Theorie? Und diese Frage ist nicht abwegig, sondern selbstverständlicher wissenschaftlicher Standard gegenüber jeder Theorie der empirischen Wissenschaft.
Galileo war einer der bedeutendsten Naturforscher seiner Zeit. Seine astronomischen Beobachtungen mit dem Fernrohr veränderten das Bild vom Kosmos. Das kopernikanische System war wissenschaftlich höchst fruchtbar und sollte sich schließlich als die richtige Beschreibung unseres Sonnensystems erweisen.
Aber genau hier liegt die Falle der rückblickenden Betrachtung.
Wir wissen heute, was Galileo damals noch nicht wissen konnte. Heute erscheint uns die Bewegung der Erde selbstverständlich. Im 17. Jahrhundert aber war die Frage nach der tatsächlichen Bewegung der Erde eine wissenschaftliche Streitfrage.
Der hochgebildete Kardinal Robert Bellarmin verlangte deshalb etwas, das eigentlich vollkommen unspektakulär klingt. Er verlangte von Galileo Galilei, seine Behauptung zu beweisen.
Die Forderung an den großen Naturwissenschaftler war nicht: „Du darfst niemals darüber nachdenken“ oder: „Es ist vorgeschrieben, daß die Erde stillsteht“ und schon gar nicht: „Die Wissenschaft ist verboten“. Das sind Räuberpistolen späterer Verzerrungen der Ereignisse. Die Forderung lautete schlicht und einfach: Beweise es.
Kurzum: Wenn du behauptest, die Erde bewege sich tatsächlich, dann mußt du diese Behauptung auch wissenschaftlich beweisen können. Doch genau diesen Beweis konnte Galileo nicht liefern.
Der Punkt, den die Legende verschweigt
Galileo versuchte, seine Position mit Argumenten zu verteidigen. Unter anderem führte er die Gezeiten an. Doch seine Erklärung der Gezeiten war falsch. Die Gezeiten sind nicht – wie Galileo meinte – der entscheidende Beweis für die Bewegung der Erde um die Sonne.
Seine Überzeugung war also der wissenschaftlichen Entwicklung voraus. Aber Überzeugung ist noch kein Beweis. Und hier zeigt sich die eigentliche Ironie des Falles: Galileo hatte recht – aber er konnte zu seiner Zeit noch nicht beweisen, was er behauptete.
Der direkte experimentelle Nachweis der Erdrotation wurde erst viel später möglich. 1851 führte Léon Foucault in Paris sein berühmtes Pendel vor. Das Experiment machte die Rotation der Erde unmittelbar anschaulich und lieferte einen direkten physikalischen Nachweis ihrer täglichen Drehung.
Das ist mehr als eine historische Fußnote. Es zeigt, wie vorsichtig man mit dem Begriff „Beweis“ umgehen muß.
Die Kirche verlangte von Galileo, was jede wissenschaftliche Institution von ihm verlangen würde, etwas, was Galileo aber schlicht noch nicht hatte.
Bellarmin war kein Feind der Wissenschaft
Und nun kommt jener Teil der Geschichte, der im kollektiven Gedächtnis beinahe vollständig ausgelöscht worden ist.
Kardinal Roberto Bellarmin mit der römischen Inquistion war keineswegs der naive Vertreter einer primitiven Weltanschauung, als er er von vielen kirchenfeindlichen, aber wenig gebildeten Eiferern dargestellt wird. Er war einer der bedeutendsten Theologen seiner Zeit und mit den wissenschaftlichen Fragen des Zeitalters sehr gut vertraut.
Seine Haltung war wesentlich differenzierter, als es die spätere Karikatur vermuten läßt. Das heliozentrische Modell konnte als mathematische Hypothese diskutiert werden. Das war kein Problem. Der Vorwurf der wissenschaftsfeindlichen Kirche fällt damit schon wie ein Kartenhaus zusammen.
Was Kardinal Bellarmin nicht akzeptieren wollte, war, eine wissenschaftlich noch nicht endgültig bewiesene Theorie als erwiesene physische Wirklichkeit auszugeben. Genau das aber tat Galileo.
Das ist keine Feindschaft gegenüber der Wissenschaft, sondern das genaue Gegenteil. Es ist eine Forderung nach wissenschaftlicher Redlichkeit. Denn was wäre Wissenschaft, wenn jede zumindest plausible Theorie sofort zur unumstößlichen Wahrheit erklärt werden dürfte?
Dann kam der „Dialog“
Das Problem entstand, weil Galileo es rechthaberisch dabei nicht bewenden ließ. Er sollte zwar rechthaben, aber eben erst über 200 Jahre später. 1632 erschien sein Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo („Dialog über die zwei hauptsächlichen Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische“). Das Werk durfte sogar erscheinen. Die kirchliche Genehmigung für die Drucklegung wurde erteilt. Auch hier ist also keine finstere, wissenschaftsfeindliche Kirche zu erkennen.
Und dennoch eskalierte die Angelegenheit. Warum war dem so?
Weil Galileo nicht einfach eine mathematische Hypothese diskutierte. Er vertrat zunehmend die physische Wahrheit des kopernikanischen Systems – obwohl der von seinen Gegnern geforderte entscheidende Beweis fehlte. Hinzu kamen persönliche und politische Spannungen.
Die Figur des Simplicio, die im Dialog die traditionelle Position vertrat, wurde von Zeitgenossen als Spott über die gegnerische Auffassung und sogar als Angriff auf Papst Urban VIII. verstanden. Damit war der Streit endgültig aus dem rein wissenschaftlichen Bereich herausgetreten. 1633 wurde Galileo vor das Heilige Offizium geladen.
Provoziert hatte dies aber nicht eine repressive Kirche oder ihr angeblich so finsterer Arm, die römische Inquisition, sondern Galileo.
Man könnte es wissenschaftliche Kühnheit nennen. Man könnte es aber auch beim Namen nennen: Hybris. Denn Galileo wußte, daß ihm der entscheidende Beweis fehlte – und trat dennoch mit einer Gewißheit auf, als besäße er ihn. Nicht seine Überzeugung war das Problem, sondern seine Weigerung, zwischen dem, was er für wahr hielt, und dem, was er bereits beweisen konnte, die notwendige Grenze zu ziehen.
Galileo irrte nicht notwendig in seiner These – er überschätzte aber seine Beweise. Darin lag seine Hybris.
Der Prozeß war real – der Mythos ist es ebenfalls
Nun ging es hart auf hart: Entweder Galileo lieferte den Beweis – oder er mußte widerrufen. Da er nicht widerrief, wurde er verurteilt und verlor seine Freiheit.
Allerdings verbrachte er, anders als oft behauptet, keinen Tag im Gefängnis. Während des Verfahrens vor der Inquisition lebte er in einem römischen Palast und anschließend in einer Villa am Rande von Florenz. Ihm wurde ein luxuriöser Hausarrest zugewiesen. Damit soll der gravierende Freiheitsentzug nicht heruntergespielt werden, aber falsche Behauptungen ausgeräumt werden.
Das Verfahren war ein schwerwiegender Eingriff, nicht in die wissenschaftliche Forschung, sondern in seine persönliche Autonomie.
Aber aus diesem realen Vorgang wurde später etwas viel Größeres gemacht. Die Kirchengegner des 18. und 19. Jahrhunderts entdeckten im Fall Galileo eine geradezu ideale Gründungsgeschichte für ihr eigenes Weltbild: Hier der freie Geist. Dort die Kirche. Hier die Wissenschaft. Dort der Glaube. Hier die Wahrheit. Dort die Macht.
Das war die perfekte Dramaturgie. Und sie funktionierte. Bis heute.
Doch wahrer wird sie dadurch nicht.
Der unsichtbare Triumph des „Eppur si muove“
Nichts verkörpert diese nachträgliche Umdeutung besser als die berühmten Worte:
„Eppur si muove.“
„Und sie bewegt sich doch.“
Was für eine Szene! Der alte Wissenschaftler kniet vor dem Inquisitionstribunal nieder, widerruft gezwungenermaßen seine Überzeugung – und erhebt sich anschließend mit jenem berühmten Satz gegen seine Richter.
Der einzelne Mensch gegen die Institution. Die Wahrheit gegen die Macht. Die Wissenschaft gegen die Religion.
Die Sache hat jedoch einen kleinen Haken: Es gibt dafür keinen zeitgenössischen Beleg, daß Galileo einen solchen Satz je sagte, oder auch nur, daß sich das Szenario auch nur annähernd so abspielte.
Was ein Drehbuchautor in einen Hollywoodfilm schreibt, wird dadurch nicht zur realen Geschichte. Es setzt nur ein oft falsches Bild in den Köpfen der Menschen fest – wie auch im konkreten Fall.
Die Galileo in den Mund gelegte Aussage taucht erst über hundert Jahre nach Galileos Tod in der Überlieferung auf; insbesondere Giuseppe Baretti popularisierte sie 1757. Und genau das ist bezeichnend.
Die berühmteste Szene des Galileo-Prozesses ist wahrscheinlich gar nicht geschehen und der berühmteste Satz wurde nie gesprochen.
Aber sie wurden viel später erzählt, weil sie ins Konzept kirchenfeindlicher Kreise paßten. Dann wurden sie wiederholt. Dann wurden sie gedruckt. Dann wurden sie dramatisiert. Dann wurden sie zum Symbol. Und schließlich wurde aus dem Symbol vermeintliche Geschichte.
So funktioniert ein historischer Mythos
Das eigentlich Interessante am Fall Galileo ist deshalb nicht nur das, was 1633 geschah. Das scheint die meisten Leute interessanterweise gar nicht zu interessieren, jedenfalls nicht die Anhänger des Mythos. Warum nicht? Weil sie schon glauben, alles zu wissen. Ein Paradox: Was wirklich geschah, interessiert nicht, weil im Kopf die Sache bereits abgespeichert ist, allerdings falsch.
Ein komplizierter Konflikt zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, fehlenden Beweisen, theologischer Bibelauslegung, kirchlicher Autorität, persönlichen Spannungen und den politischen Verhältnissen des 17. Jahrhunderts wurde nachträglich auf eine einzige Formel reduziert:
„Die Kirche bekämpfte die Wissenschaft.“
Das ist die große Vereinfachung. Die unredliche Vereinfachung, denn es ging nicht so sehr um Galileo, sondern darum, seinen Fall für den aktuellen Kampf gegen die Kirche mißbrauchen zu können. Aus „Die Kirche bekämpfte die Wissenschaft“ wurde: „Die Kirche bekämpft die Wissenschaft“. Sie sei also ein Feind der Wissenschaft, ein finsterer Geselle, der darum bekämpft werden müsse, um der Wissenschaft Freiheit zu verschaffen. Wir sprechen vom späten 18. und 19. Jahrhundert. Aber auch im 20. Jahrhundert fanden sich noch ausreichend Apologeten dieses konstruierten Mythos.
Und so wurde die falsche Darstellung des Falles Galilei über Generationen hinweg in das kulturelle Gedächtnis eingeimpft.
Der Galileo-Fall wurde damit zu einem Gründungsmythos der modernen Vorstellung, Wissenschaft und katholischer Glaube stünden notwendig in einem feindlichen Verhältnis. Wissenschaftshistorische Arbeiten haben inzwischen ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Galileo-Legende zu einem der konstitutiven Mythen der Moderne geworden ist und daß Mißverständnisse über den tatsächlichen Verlauf des Konflikts bis heute fortwirken.
Das Entscheidende ist dabei nicht, daß Kirchengegner den Fall kritisch interpretierten. Das dürfen sie selbstverständlich. Das Problem beginnt dort, wo eine gewagte, falsche und teils sogar unredliche Interpretation zur vermeintlichen Tatsache wird.
Der Märtyrer der Wissenschaft ist eine spätere Erfindung
Galileo wurde so ohne sein unmittelbares Zutun zum perfekten Helden. Und die katholische Kirche erhielt die Rolle, die man ihr seitdem immer wieder zuschreibt: die des ewigen Gegenspielers des wissenschaftlichen Fortschritts.
Doch die tatsächliche Geschichte ist widerspenstiger. Kopernikus war Katholik. Wissenschaft wurde in katholischen Universitäten betrieben. Die Kirche diskutierte die neuen astronomischen Modelle.
Und auch Galileo war Katholik, und er durfte problemlos publizieren.
Der Konflikt entzündete sich nicht schlicht an der Frage, ob Wissenschaft erlaubt ist. Er entzündete sich daran, ob eine noch nicht bewiesene wissenschaftliche Theorie als physische Wahrheit behauptet werden durfte und wie sie sich zur damaligen Schriftauslegung verhielt.
Heute wissen wir, daß eine wissenschaftliche Theorie wahr sein kann, noch bevor sie sicher bewiesen werden kann. Daraus läßt sich allerdings keine Faustregel ableiten. Die gebotene Zurückhaltung ist von einer redlichen Wissenschaft gefordert. Da spielte bei Galileo Galilei offensichtlich eine Portion Eitelkeit mit.
Der eigentliche Skandal ist der Mythos, der nachträglich daraus gemacht wurde.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Katholisches.info
Ein wirklich wunderbarer Essay, der mit Narrativen aufräumt, die so falsch und so tief verwurzelt sind, dass man sie längst gemeinhin für authentisch hält.
Es bleibt doch die Frage, warum sich die Kirche überhaupt anmaßte Herrin über die Beurteilung von Naturwissenschaften zu sein. Ein Verbot zu Veröffentlichen ist für einen Wissenschaftler wie ein Gefängnis, schließlich lebt Wissenschaft genau davon Thesen aufzustellen, sie zu beweisen oder sich widerlegen zu lassen. Die Kirche verhinderte diesen Prozess, es war eine weltliche Machtdemonstation. Der Artikel wirkt wie ein Versuch die Vergangenheit zurechtzubiegen.
Übrigens lagen zwischen dem Beweis der Richtigkeit Galileos ud der Rehablititation 1992 liegen auch einige Jahre. Wenn es der kirchliche nur um die Einhaltung wissenschaftlicher Standard gegenangen wäre hätte sie eher ihren Irrtum eingestehen müssen.
P.S: Wie viele theologische Thesen lassen sich im wissenschaftlichen Sinne eigentlich beweisen?
Das wäre dann allerdings wieder ein Blick aus heutiger Sicht auf die Vergangenheit.
Bücher waren damals ein reguliertes Gewerbe. Es gab keine Pressefreiheit. Es brauchte also immer und überall eine staatliche Druckerlaubnis. Zudem gab es eine kirchliche Vorzensur, die prüfte, ob ein Inhalt mit der katholischen Lehre kompatibel war. Diese Vorzensur gab es übrigens auch in protestantischen Staaten. Im Fall Galilei spielt dieser Punkt aber keine Rolle, denn die Inquisition in Florenz erteilte diese Druckgenehmigung. Man muß sich das im Verfahren so vorstellen (konkret im Großherzogtum Toskana): Der Staat hatte die Druckerlaubnis zu erteilen, die örtliche Inquisition wurde um das Imprimatur, also die kirchliche Druckerlaubnis, ersucht, lag diese vor, entschied am Ende eine staatliche Behörde, ob ein Druck genehmigt wurde.
Galileo wurde nicht „rehabiltiert“, denn seine These war falsch. Recht hatte Korpernikus.
Die RKK hat beide publizieren lassen, das nennt man i.ü. Wissenschaftsfreiheit. Und sie hat allgemein die Forschung gefördert.
Galilei hat allerdings in dieser Sache ständig öffentlich und unflätig gegen den damaligen Papst gestänkert, auch deswegen wurde
er vorgeladen. Völlig in Ordnung.
Galilei starb übrigens späterin voller Einheit mit der RKK.
Wo also ist ihr Problem?
Mein Vorschlag: Wer Fragen wie „warum sich die Kirche überhaupt anmaßte Herrin über die Beurteilung von Naturwissenschaften zu sein.“ stellt, der sollte in sich gehen, oder noch besser: In eine Bilbiothek und mal ein paar Geschichtsbücher lesen. Die Kirche war damals nun einmal die Entität, sorry, Institution, die für „die Wissenschaft“ zuständig war, so wie es heute Die Grünen sind. Muss ich zum Rest noch was sagen? Sie scheinen auch nicht gerade neutral an die Sache heranzugehen, sonst wüssten Sie ja, dass das mit der Geo‑, Helio- und Egozentrik bis heute nicht 100%ig klar gelöst wurde. Sagen wir lieber bildlich „man hat sich außergerichtlich geeinigt“.
„Wie viele theologische Thesen lassen sich im wissenschaftlichen Sinne eigentlich beweisen?“
Gute Frage, aber da Wissenschaft und Religion sich zumindest im Erleben von Leuten wie Ihnen völlig getrennt haben, im starken Gegensatz zu anno dazumal, hinkt der Vergleich von vorne herein, ist ungültig und sichtbar polemisch gemeint. Vorschlag: Entwickeln Sie doch ein Verfahren, um „theologische Thesen“ zu prüfen. Das haben allerdings schon schlauere Köpfe als Sie und ich gemacht und kamen zu erstaunlichen (für Sie) Ergebnissen. Sollte man eigentlich auch kennen: Gödels Gottesbeweis oder der Nachweis, dass „Realität“ erst durch Beobachtung generiert wird (aus den 60ern), zum Beispiel. Die Implikationen haben wie man hört zB bei Albert Einstein für einigen Unmut gesorgt. Seien Sie also gewarnt.
Dann bleibt aber die Frage, ob der Kardinal eigentlich beweisen konnte, dass – wie er ja glaubte, alles um die Erde kreisen würde? Warum muss die Behauptung des heliozentrischen Raums bewiesen, die des geozentrichen aber nicht? Von daher wusste es die Kirche auch nicht besser als Galilei und er hatte damals schon recht – auch wenn der Beweis erst später kam!
Vielen Dank dafür hervorragende Darstellung.
Der Beweis von Galilei war bei günstiger Jupiterposition mit seinem Teleskop gemacht worden. Der wissenschaftliche Anspruch der Reproduzierbarkeit war aus zwei Gründen nicht möglich. Erstens besaß nur Galilei ein Fernrohr ausreichender Auflösung und zweitens musste Jupiter wieder in einer gut zu beobachtbaren Position sein.
Was hatte Galilei beobachtet? Er sah die Mondphasen des Jupiter. Und er sah den Umlauf der Jupitermonde.
Der vielleicht wesentlichste Aspekt war die neue Anschauung. Es löste ein seelische Erschütterung bei den Menschen seiner Zeit aus. Nicht mehr war die Erde der fundamental-statische Boden unter uns. Ab jetzt befanden sich die Menschen auf einen kleinen Sonnentrabanten.
Daraus erklärt sich vielleicht die verzögerte radikale Reaktion Roms. Es musste verhindert werden, dass die Christenheit sich instabil fühlt, weil sie sich auf instabilen Grund befindet. Der seelische Schock der Kirche saß so tief, dass sie ab jetzt von der Wissenschaft getrennte Wege ging. In ihrer wissenschaftlichen Aversion wurde sie später von Darwin, Freud und anderen mit Irrlehren überrollt.
Mit Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen. Sie haben recht, dass der Fall Galilei im populären Gedächtnis stark verzerrt ist. Das „Eppur si muove“ ist nicht belegt, Galilei saß in keinem Kerker, sein Gezeitenargument war falsch, und die Vorstellung eines ewigen Kampfes zwischen Kirche und Wissenschaft wurde wesentlich im 19. Jahrhundert geprägt. Diese Korrekturen sind berechtigt und verdienen Verbreitung.
Gerade weil der Beitrag gegen Vereinfachungen antritt, möchte ich auf einige Punkte hinweisen, die das Bild wieder in eine andere Richtung vereinfachen.
Galilei wurde nicht verurteilt, weil er den Widerruf verweigerte. Am 22. Juni 1633 wurde er wegen „starken Verdachts der Häresie“ verurteilt und musste förmlich abschwören. Die verhängte Haft wurde in Hausarrest umgewandelt. Kardinal Bellarmin war zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast zwölf Jahren tot und am Prozess nicht beteiligt.
Ein zwingender physikalischer Beweis für die Erdbewegung lag damals tatsächlich noch nicht vor, und das tychonische Modell konnte die neuen Beobachtungen weitgehend erklären. Daraus folgte jedoch nicht, dass die Ruhestellung der Erde ihrerseits bewiesen gewesen wäre. Wissenschaftlich wäre es möglich gewesen, die konkurrierenden Modelle weiter zu prüfen. Stattdessen verwarf die Indexkongregation 1616 eine der möglichen Positionen ausdrücklich als „falsch“ und „der Heiligen Schrift gänzlich widersprechend“, und ihre Vertretung wurde schließlich zum Gegenstand eines Inquisitionsverfahrens. Das Urteil von 1633 griff diese Beurteilung wieder auf.
Das Foucault’sche Pendel von 1851 belegt die Erdrotation, nicht den Umlauf um die Sonne. Für diesen verdichteten sich spätestens mit Newtons Principia (1687), der Aberration des Sternenlichts (1729) und schließlich der Sternparallaxe (1838) die theoretischen und empirischen Belege. Die Kirche selbst hob 1757 das allgemeine Verbot heliozentrischer Schriften auf. Galileis Dialogo und andere ausdrücklich indizierte Werke blieben allerdings noch bis 1835 auf dem Index.
Der Fall blieb auch nicht ohne Folgen für die Forschung. Nach der Verurteilung wurde Galilei die Druckerlaubnis für seine Schriften grundsätzlich verweigert, seine Discorsi erschienen deshalb 1638 im protestantischen Leiden.
Papst Johannes Paul II. sprach 1992 ausdrücklich vom Irrtum der damaligen Theologen und bezeichnete Galilei in Fragen der Bibelauslegung sogar als weitsichtiger als seine theologischen Gegner. Das scheint mir eine ehrlichere Grundlage für die Auseinandersetzung als die These, die Inquisition habe es besser gewusst. Man kann den Mythos zurückweisen, ohne die Verantwortung der damaligen kirchlichen Instanzen kleinzureden. Beides gehört zu einem redlichen Umgang mit der Geschichte.
Anstelle von mir erstellter ausführlicher Ausarbeitungen hier nur kurz:
1. Galilei fehlten nicht nur die richtigen Beweise, sondern das von ihm verteidigte Kopernikanische System ist nur näherungsweise richtig (überwiegende Masse der Sonne), und das auch nur in der durch Einsteins Relativitätstheorie aufgehobenen Newtonschen Mechanik. Es ging um ein Scheinproblem der Wissenschaft, und das Ptolemäische und das Kopernikanische System sind gleich berechtigt, so z. B. die Nobelpreisträger Max Born, Max Planck und Werner Heisenberg.
2.Gott sei Dank, hat die Kirche 1992 nicht Galilei recht gegeben, was eine unausrottbare Falschmeldung ist. Dann hätte sie sich mit einer falschen These in die Naturwissenschaft eingemischt (wie es leider heute bei der Klimathematik tatsächlich passiert).
3. Bis zur Zeit Galileis wurde Wissenschaft innerhalb der Kirche betrieben, sie hat sich also nicht „eingemischt“. Unter den vielen Kulturen der Menschheit konnte die Naturwissenschaft offenbar nur in der christlichen entstehen. Etwa erst mit Galilei und Francis Bacon begann die moderne Naturwissenschaft, sich von der Kirche zu emanzipieren.
Es gibt zwei verschiedene Ebenen. Einmal die Frage, ob die Erde tatsächlich das zentrale Juwel für Gottes Schöpfung ist. Wir, die Menschheit als Gegenüber in einem zeitlich begrenzten Universum. Diese Grundposition findet Ausdruck im ptolemäischen Weltbild. Wie ein Vorredner schon sagte, ist das ptolemäische Weltbild keinesfalls aufgehoben. Alles, was die Raumfahrt bisher angestellt hat, lässt sich damit berechnen. Würde ein Beobachter das Sonnensystem von außen betrachten, sieht er sich um die Sonne drehende Planeten. Deshalb beginnt das heliozentrische Weltbild mit der Sonne als ruhendem Pol. Es sind mathematisch betrachtet, die beiden naheliegensten Ansätze.