Der Papst und der Antichrist

Peter Thiels Ausführungen bei First Things

"Der Papst und der Antichrist". Peter Thiel veröffentlichte einige seiner Überlegung in einem Aufsatz für First Things.
"Der Papst und der Antichrist". Peter Thiel veröffentlichte einige seiner Überlegung in einem Aufsatz für First Things.

Peter Thiel, ein deutsch-ame­ri­ka­ni­scher Unter­neh­mer, Inve­stor und Mit­grün­der von PayPal sowie Palan­tir Tech­no­lo­gies, war auch einer der ersten Inve­sto­ren bei Face­book und zählt zu den ein­fluß­reich­sten Per­sön­lich­kei­ten der Tech­no­lo­gie- und Start-up-Bran­che. Bekannt ist er für sei­ne Inve­sti­tio­nen, sei­ne Bücher und sei­ne teils kon­tro­ver­sen poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Posi­tio­nen. In den ver­gan­ge­nen Mona­ten hielt er in ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten und Städ­ten Vor­trä­ge über den Anti­chri­sten. Der genaue Wort­laut sei­ner Aus­füh­run­gen ist nur indi­rekt über­lie­fert. Don Cur­zio Nito­glia berich­te­te über Thies Auf­tritt in Rom und José Arturo Quar­ra­ci­no über jenen in Bue­nos Aires.
Nun ver­öf­fent­lich­te Thiel zusam­men mit Sam Wol­fe eine Stel­lung­nah­me bei First Things, das bie­tet die Mög­lich­keit zu einem direk­ten Zugang zu sei­nen Ideen, wes­halb wir sei­ne Aus­füh­run­gen doku­men­tie­ren, denn nur so sind Ana­ly­se und eine even­tu­el­le Dis­kus­si­on mög­lich.
Der Ver­öf­fent­li­chung ist nicht zu ent­neh­men, ob und in wel­chem Maße ihre Inhal­te mit den Aus­füh­run­gen in der genann­ten Vor­trags­rei­he über­ein­stim­men.
First Things ist eine 1990 gegrün­de­te US-ame­ri­ka­ni­sche Zeit­schrift für Reli­gi­on, Phi­lo­so­phie, Kul­tur und Poli­tik. Sie ver­steht sich als Forum für eine reli­gi­ös fun­dier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit gesell­schaft­li­chen Fra­gen und zählt zu den ein­fluß­reich­sten kon­ser­va­ti­ven Publi­ka­tio­nen in den USA. Her­aus­ge­ge­ben wird sie vom Insti­tu­te on Reli­gi­on and Public Life mit Sitz in New York. Ihr Grün­der Richard John Neu­haus war ein luthe­ri­scher Pastor, der zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tier­te und katho­li­scher Prie­ster wur­de. Bei First Things brach­te er katho­li­sche, evan­ge­li­sche und ortho­do­xe Autoren zusam­men. Die Publi­ka­ti­on ist kon­fes­si­ons­über­grei­fend mit star­ker katho­li­scher Prä­gung.
Zunächst hieß es aus ver­schie­de­nen Quel­len Thiel sei Katho­lik, tat­säch­lich aber wuchs der in Frank­furt am Main gebo­re­ne Thiel in einem evan­ge­li­kal gepräg­ten luthe­ri­schen Umfeld auf.

Der Papst und der Antichrist

Von Peter Thiel und Sam Wolfe

Ich habe kürz­lich in Rom einen Vor­trag über den Anti­chri­sten gehal­ten. Der Anti­christ inter­es­siert mich aus meh­re­ren Grün­den – vor allem des­halb, weil kaum noch jemand über ihn spricht. Wäh­rend des größ­ten Teils der christ­li­chen Geschich­te hät­te gera­de die­ses Schwei­gen als deut­li­ches Zei­chen sei­nes bevor­ste­hen­den Erschei­nens gegol­ten (2 Petr 3,3–4). Ich ging davon aus, dass die Kir­che mei­ne Vor­trä­ge schlicht igno­rie­ren wür­de. Ich bin kein Katho­lik, ich sprach nicht öffent­lich, und das The­ma lag nach mei­nem Emp­fin­den weit, sehr weit außer­halb des­sen, was heu­te als gesell­schaft­lich akzep­ta­bel gilt.

Die­se Erwar­tung erfüll­te sich nicht. Die Schar von Papa­raz­zi vor dem – angeb­lich gehei­men – Ver­an­stal­tungs­ort ließ ver­mu­ten, dass mei­ne Vor­trä­ge weni­ger pri­vat waren, als ich gehofft hat­te. Nach dem ersten Vor­trag teil­te mir mein Team mit, dass die ita­lie­ni­sche Pres­se beträcht­li­ches Inter­es­se zeig­te. Ein Prie­ster, der den Vor­trag nicht ein­mal besucht hat­te, frag­te öffent­lich, ob man mich wegen Häre­sie auf dem Schei­ter­hau­fen ver­bren­nen sol­le – wenn auch wegen einer poli­ti­schen „Häre­sie gegen den libe­ra­len Konsens“.

Ich erwäh­ne dies weder aus Selbst­ge­fäl­lig­keit noch aus Selbst­mit­leid. Viel­mehr hat es in mir ein grö­ße­res Ver­ständ­nis für Papst Bene­dikt XVI. geweckt. Las­sen Sie mich erklä­ren, warum.

Ich war nicht nach Rom gekom­men, um katho­li­scher zu sein als der Papst. Wohl aber hoff­te ich – selbst als Pro­te­stant –, katho­li­scher zu sein als der durch­schnitt­li­che Katho­lik. Um die­se Hür­de zu neh­men, so erklär­te ich in mei­nen Vor­trä­gen, genügt es, Papst Bene­dikt nicht nur dann zuzu­hö­ren, wenn er ex cathe­dra sprach, son­dern auch dann, wenn er sot­to voce, mit lei­ser Stim­me, sprach. Wer genau hin­hört, ver­nimmt zunächst ein Flü­stern und schließ­lich einen Ruf: Die Welt geht ihrem Ende zu.

Bene­dikt war über­zeugt, dass er in der End­zeit lebte.

Die­se Behaup­tung über­rascht uns, weil Bene­dikt erst in den letz­ten Jah­ren sei­nes Lebens offen über die­ses The­ma sprach – zu einem Zeit­punkt, als er bereits auf das Papst­amt ver­zich­tet hat­te, sei­ne Ver­bün­de­ten aus der Füh­rung des Vati­kans ver­drängt wor­den waren und ihm kaum noch jemand zuhör­te. War­um er so lan­ge schwieg, wer­den wir nie erfahren.

Viel­leicht befürch­te­te er, sei­ne Auto­ri­tät zu gefähr­den, die auf sei­ner außer­ge­wöhn­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Repu­ta­ti­on beruh­te. Und kaum etwas wirkt in aka­de­mi­schen Krei­sen weni­ger respek­ta­bel als Welt­un­ter­gangs­pre­dig­ten. Wohl­wol­lend betrach­tet, könn­te Bene­dikt geglaubt haben, sei­ne apo­ka­lyp­ti­schen War­nun­gen könn­ten sich als selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­un­gen erwei­sen, die Gläu­bi­gen ver­stö­ren und sie von der Kir­che entfremden.

Iro­ni­scher­wei­se hät­te gera­de eine offe­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit unse­rer apo­ka­lyp­ti­schen Gegen­wart bei jun­gen Men­schen den stärk­sten Wider­hall gefun­den. Sie erken­nen und fürch­ten die exi­sten­zi­el­len Gefah­ren des Kli­ma­wan­dels, der künst­li­chen Intel­li­genz, des demo­gra­phi­schen Zusam­men­bruchs und der Atomwaffen.

Bene­dikt hät­te der jun­gen Gene­ra­ti­on die Eigen­art der bibli­schen Apo­ka­lyp­se ver­mit­teln kön­nen – ein­schließ­lich jenes tota­li­tä­ren Zustands von „Frie­den und Sicher­heit“, der ihr vor­aus­geht. Eine sol­che Aus­ein­an­der­set­zung hät­te zugleich Grün­de zur Hoff­nung eröff­net, wäh­rend wir den Mut suchen, uns nicht erschrecken zu las­sen: „Fürch­tet euch nicht!“ (Mt 24,6).

Kaum jemand wäre bes­ser geeig­net gewe­sen als Bene­dikt, ein sol­ches Gespräch zu führen.

Nun müs­sen wir ohne ihn auskommen.

Es steht mir nicht zu, der Kir­che zu sagen, wel­che Stun­de geschla­gen hat. Das hat Bene­dikt bereits selbst getan – wie die­ser Essay, den ich gemein­sam mit mei­nem Freund Sam Wol­fe ver­fasst habe, zu zei­gen versucht.

Mei­ne beschei­de­ne Hoff­nung ist, dass ande­re dort erfolg­reich sein mögen, wo Bene­dikt schei­ter­te, näm­lich bei der Beant­wor­tung der Fra­ge: Wie kön­nen wir ange­sichts der Stun­de der Fin­ster­nis den Glau­ben an die Zukunft wiedergewinnen?

Die Escha­to­lo­gie fas­zi­nier­te den jun­gen Joseph Ratz­in­ger zutiefst. Bis­wei­len tarnt sich Auto­bio­gra­phie als Bio­gra­phie – eine Regel, die man im Hin­ter­kopf behal­ten soll­te, wenn man Ratz­in­gers 1957 erschie­ne­ne Schrift „Die Geschichts­theo­lo­gie des hei­li­gen Bona­ven­tura“ liest, sei­ne Habi­li­ta­ti­ons­schrift, mit der er sich für eine Pro­fes­sur im deut­schen Uni­ver­si­täts­sy­stem qualifizierte.

Dar­in schreibt er:

„Bona­ven­turas Geschichts­theo­lo­gie stellt den Ver­such dar, zu einem rech­ten Ver­ständ­nis der Escha­to­lo­gie zu gelan­gen. […] Die Geschichts­theo­lo­gie bil­det kei­nes­wegs einen iso­lier­ten Bereich sei­nes Den­kens. Viel­mehr steht sie in Zusam­men­hang mit den grund­le­gen­den phi­lo­so­phi­schen und theo­lo­gi­schen Ent­schei­dun­gen, die sei­ne Betei­li­gung an den erbit­ter­ten Kon­tro­ver­sen der 1260er- und 1270er-Jah­re bestimmten.“

Ratz­in­ger grub die­se mit­tel­al­ter­li­chen Kon­tro­ver­sen aus, weil er über­zeugt war, dass „es nicht schwer sein dürf­te, ihre Anwen­dung auf die Gegen­wart her­aus­zu­ar­bei­ten“ – selbst sie­ben Jahr­hun­der­te spä­ter. „Gera­de im gegen­wär­ti­gen Augen­blick“, füg­te er hin­zu, „hat die Theo­lo­gie allen Grund, mit ihrer eige­nen Geschich­te in Ver­bin­dung zu bleiben.“

Wel­che Anwen­dun­gen und wel­che Grün­de er mein­te, ließ er jedoch unaus­ge­spro­chen. Denn, so erklär­te er, „die Auf­ga­be des Histo­ri­kers besteht dar­in, sei­ne For­schungs­er­geb­nis­se dar­zu­stel­len und nichts dar­über hin­aus. […] Bis­wei­len hat mich die­se Beschrän­kung belastet.“

So sehr sie auch durch die­se Selbst­be­schrän­kung ein­ge­engt sein mag – Ratz­in­gers Dar­stel­lung Bona­ven­turas begrün­de­te sei­nen Ruf als außer­ge­wöhn­li­cher Gelehr­ter. Es gelingt ihm, die dich­te Gedan­ken­welt des mit­tel­al­ter­li­chen Fran­zis­ka­ners für den moder­nen Leser ver­ständ­lich zu machen.

Beim Lesen ent­steht immer wie­der der Ein­druck, Ratz­in­ger ste­he kurz davor, Fra­gen zu ent­schei­den, wel­che die Kir­che über Jahr­hun­der­te hin­weg ver­nach­läs­sigt hat – Fra­gen, die bis in den geheim­nis­vol­len Kern des Chri­sten­tums rei­chen. Im Mit­tel­punkt steht jenes Pro­blem, dem Ratz­in­ger den letz­ten Abschnitt sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift wid­me­te: Wie und wann wird die Welt enden?

Die apo­ka­lyp­ti­schen Pro­phe­zei­un­gen des Abtes Joa­chim von Fio­re aus dem 12. Jahr­hun­dert hat­ten die Kir­che tief gespal­ten. Joa­chim ver­stand die Geschich­te als Spie­gel­bild des drei­fal­ti­gen Got­tes und ver­kün­de­te, der Anti­christ – der letz­te Welt­herr­scher – wer­de bald das drit­te Zeit­al­ter ein­lei­ten. Sei­ne Anhän­ger leg­ten sich sogar auf das Jahr 1260 fest.

Joa­chim sag­te außer­dem vor­aus, dass die­ser Anti­christ Papst wer­den würde.

Bona­ven­tura wider­sprach den Joa­ch­imi­ten, indem er ihre Gewiss­heit über Tag und Stun­de des Erschei­nens des Anti­chri­sten zurück­wies. Zugleich wider­stand er aber auch der ent­ge­gen­ge­setz­ten Ver­su­chung: der erkennt­nis­theo­re­ti­schen Beschei­den­heit sei­nes ari­sto­te­li­schen Gegen­spie­lers Tho­mas von Aquin. Für Tho­mas konn­te „weder ein lan­ger noch ein kur­zer Zeit­raum bestimmt wer­den, inner­halb des­sen das Ende der Welt zu erwar­ten wäre“; nach Ratz­in­gers Urteil tritt bei ihm dadurch „das escha­to­lo­gi­sche Bewusst­sein in den Hintergrund“.

Noch schär­fer wand­te sich Bona­ven­tura gegen den aver­roisti­schen Ari­sto­te­lis­mus, der maß­geb­lich zur Wie­der­ent­deckung des Ari­sto­te­les im Westen bei­getra­gen hat­te und die Ewig­keit der Welt, die Not­wen­dig­keit des Schick­sals sowie die Ein­heit des Intel­lekts lehrte.

Bona­ven­tura bezeich­ne­te die­se drei The­sen als das die „666“ aus der Offen­ba­rung des Johan­nes (13,18).

Ratz­in­ger bemerkt dazu, dass Bona­ven­tura ins­be­son­de­re die erste die­ser Leh­ren – die Vor­stel­lung, die Zeit daue­re ewig fort und die Geschich­te kom­me nie­mals zu einem Ende – als die „Urhä­re­sie und das eigent­li­che Wesen des apo­ka­lyp­ti­schen Unge­heu­ers“ betrachtete.

In die­ser gro­ßen Aus­ein­an­der­set­zung stellt sich Ratz­in­ger ein­deu­tig auf die Sei­te Bonaventuras.

In die­ser gro­ßen Debat­te folg­te Ratz­in­ger Bona­ven­tura: Dass der genaue Tag und die Stun­de der Wie­der­kunft des Herrn unbe­kannt sind, ist kein Vor­wand, sich nicht mit die­ser Fra­ge zu beschäf­ti­gen. Hin­sicht­lich der Bedeu­tung die­ser Über­le­gun­gen für das zwan­zig­ste Jahr­hun­dert und die nach­fol­gen­den Zei­ten schwieg Ratz­in­ger jedoch.

War­um, erklärt er in einer Fuß­no­te, in der er sei­nen Dok­tor­va­ter Gott­lieb Söhn­gen zitiert:

„Am Bei­spiel Bona­ven­turas sehen wir, wie schwer es ist, den apo­ka­lyp­ti­schen Bil­dern ihre rech­ten Gren­zen zu set­zen. Sie glei­chen einem Was­ser­strom, der über die Ufer tritt und sich nur schwer ein­däm­men lässt. Und trotz aller Bemü­hun­gen, ihre Bild­haf­tig­keit zu mil­dern, behält der apo­ka­lyp­ti­sche Ton die Ober­hand. Selbst ein Mozart kann eine Trom­pe­te nicht ver­ges­sen las­sen, dass sie eine Trom­pe­te ist.“

Mit ande­ren Wor­ten: Man hüte sich davor, Gerüch­te über die Apo­ka­lyp­se zu verbreiten.

Wenn Ratz­in­ger je von der aka­de­mi­schen Escha­to­lo­gie zu den Fra­gen der welt­li­chen Poli­tik und ihrer Bedeu­tung für das Ende der Welt über­ge­gan­gen wäre, hät­te er dies nur mit äußer­ster Zurück­hal­tung getan – so sehr, dass er sogar bei der Erör­te­rung die­ses The­mas nicht sei­ne eige­ne Stim­me erhob, son­dern sei­nen Dok­tor­va­ter zitier­te, der wie­der­um einen ande­ren Theo­lo­gen behandelte.

Phi­lo­so­phie kann den Ein­druck erwecken, hoff­nungs­los weit von poli­ti­scher und natur­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis ent­fernt zu sein. Ratz­in­ger sah das anders.

Für ihn waren Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie kom­ple­men­tä­re Wege, Gott und die Wirk­lich­keit als Gan­zes zu ver­ste­hen – ein­schließ­lich Poli­tik und Wissenschaft.

Von die­sem Ver­ständ­nis aus­ge­hend sprach Ratz­in­ger 1969 in einer Rund­funk­an­spra­che von meh­re­ren „Kri­sen“, die die Kir­che bedrängten.

Der posi­ti­vi­sti­sche Ver­lust der „Fra­ge nach der Exi­stenz Got­tes“ habe eine Ket­te wei­te­rer Kri­sen aus­ge­löst: die „Kri­se der Gegen­wart“, die „Kri­se unse­res Wirk­lich­keits­be­griffs“, die „all­ge­mei­ne Kri­se des Den­kens“ und die „Kri­se der Moderne“.

Die­se Kri­sen des Gei­stes und der See­le wür­den, so sei­ne Vor­her­sa­ge, die Kir­che tief erschüttern:

„Aus der Kri­se von heu­te wird die Kir­che von mor­gen her­vor­ge­hen – eine Kir­che, die vie­les ver­lo­ren haben wird. Sie wird klein wer­den und gleich­sam von Neu­em begin­nen müs­sen. […] Sie wird eine stär­ker geist­li­che Kir­che sein, die kei­nen poli­ti­schen Auf­trag mehr für sich beansprucht.“

Wür­de eine Rück­kehr zur kon­tem­pla­ti­ven, poli­tisch zurück­hal­ten­den Kir­che der ersten Jahr­hun­der­te zugleich eine Rück­kehr zu den mil­lena­ri­sti­schen Erwar­tun­gen bedeu­ten – oder gar deren Erfüllung?

Sowohl Joa­chim von Fio­re als auch Bona­ven­tura glaub­ten dies und sag­ten vor­aus, dass sich die Kir­che in ihren letz­ten Tagen in die Kon­tem­pla­ti­on zurück­zie­hen werde.

Wie schon in sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift über­ließ Ratz­in­ger es jedoch sei­nen Lesern, zu beur­tei­len, wie ernst er selbst die­se Mög­lich­keit nahm.

Ratz­in­gers 1977 ver­öf­fent­lich­tes Werk Escha­to­lo­gie setzt mit dem Hin­weis auf eine wei­te­re „Kri­se“ ein – die „auf­kom­men­de Kri­se der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on“ – und bekräf­tigt die tra­di­tio­nel­le kirch­li­che Escha­to­lo­gie, ein­schließ­lich der Erwar­tung eines künf­ti­gen Anti­chri­sten, des­sen Auf­tre­ten durch bestimm­te erkenn­ba­re Zei­chen ange­kün­digt wird. Den­noch beschäf­tigt sich Escha­to­lo­gie mit den irdi­schen Ange­le­gen­hei­ten kaum stär­ker als sei­ne Stu­die über die Geschichts­theo­lo­gie des hei­li­gen Bona­ven­tura. Zwar weist das Werk den Opti­mis­mus der Befrei­ungs­theo­lo­gie zurück, doch dar­über hin­aus ver­zich­tet es auf poli­ti­sche Stellungnahmen.

Elf Jah­re spä­ter erleb­te ein Publi­kum in Man­hat­tan einen deut­lich weni­ger zurück­hal­ten­den Ratzinger.

Auf Ein­la­dung des Grün­dungs­her­aus­ge­bers der Zeit­schrift First Things, Richard John Neu­haus, hielt er 1988 die Eras­mus Lec­tu­re in New York.

Sei­nen Vor­trag „Die Schrift­aus­le­gung in der Kri­se“ eröff­ne­te er mit einem regel­rech­ten Trompetenstoß:

„In Wla­di­mir Solo­wjows Erzäh­lung vom Anti­christ emp­fiehlt sich der escha­to­lo­gi­sche Feind des Erlö­sers den Gläu­bi­gen unter ande­rem dadurch, dass er an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen zum Dok­tor der Theo­lo­gie pro­mo­viert wur­de und ein exege­ti­sches Werk ver­fasst hat, das als bahn­bre­chend gilt.“

Anschlie­ßend ging Ratz­in­ger zu einer Kri­tik der Exege­ten Mar­tin Dibe­l­i­us und Rudolf Bult­mann über.

Soll­te das Publi­kum den Zusam­men­hang zwi­schen der Kri­se der Bibel­aus­le­gung und einer bevor­ste­hen­den welt­ge­schicht­li­chen, apo­ka­lyp­ti­schen Kri­se erken­nen – und Dibe­l­i­us sowie Bult­mann als Werk­zeu­ge des Anti­chri­sten ver­ste­hen –, muss­te es die­sen Gedan­ken­gang selbst vollziehen.

Ratz­in­ger leg­te noch eine wei­te­re Spur aus: In Dibe­l­i­us’ und Bult­manns auf eine bloß histo­ri­sche Betrach­tung ver­kürz­tem Bild Jesu müs­sen „sämt­li­che apo­ka­lyp­ti­schen, sakra­men­ta­len und mysti­schen Ele­men­te ent­fernt werden“.

Als Bene­dikt Papst wur­de, erwei­ter­te sich der Kreis der Adres­sa­ten sei­ner Andeu­tun­gen erheb­lich: von Kar­di­nä­len und gelehr­ten Theo­lo­gen auf die gesam­te Welt.

Den Anti­chri­sten brach­te Bene­dikt sogar in die Schlag­zei­len der Zei­tun­gen, als er Kar­di­nal Gia­co­mo Bif­fi bat, die Fasten­me­di­ta­tio­nen des Jah­res 2007 für die Lei­tungs­be­ne des Vati­kans zu halten.

Bif­fi hat­te bereits als Erz­bi­schof von Bolo­gna häu­fig über den Anti­chri­sten gespro­chen und wid­me­te auch die­sen ver­trau­li­chen Vor­trag Solo­wjows Dar­stel­lung des Antichristen.

Bene­dikts anschlie­ßen­des Lob ist aufschlussreich:

„Sie haben uns eine außer­or­dent­lich scharf­sin­ni­ge und prä­zi­se Dia­gno­se unse­rer heu­ti­gen Situa­ti­on gege­ben und ins­be­son­de­re gezeigt, dass sich hin­ter vie­len Erschei­nun­gen unse­rer Zeit, die schein­bar weit von Reli­gi­on und Chri­stus ent­fernt sind, eine Fra­ge, eine Erwar­tung und eine Sehn­sucht verbergen.“

Noch im sel­ben Jahr leg­te Bene­dikt wei­te­re Gedan­ken über den Anti­chri­sten gleich­sam einem ande­ren in den Mund – dies­mal in sei­ner Enzy­kli­ka Spe sal­vi („Auf Hoff­nung hin sind wir gerettet“).

Er zitiert dort unge­wöhn­lich apo­ka­lyp­ti­sche Wor­te Imma­nu­el Kants:

„Soll­te das Chri­sten­tum eines Tages nicht mehr der Lie­be wür­dig erschei­nen […], dann wür­de die herr­schen­de Denk­wei­se in Ableh­nung und Geg­ner­schaft zu ihm umschla­gen, und der Anti­christ wür­de – wenn auch nur für kur­ze Zeit – sei­ne Herr­schaft antreten.“

In der­sel­ben Enzy­kli­ka schreibt Benedikt:

„Der Glau­be an Chri­stus war nie nur rück­wärts und nie nur nach oben gerich­tet, son­dern immer auch nach vor­ne, auf die Stun­de der Gerech­tig­keit, die der Herr wie­der­holt ange­kün­digt hat. Gera­de die­ser Blick auf die Zukunft hat dem Chri­sten­tum sei­ne Bedeu­tung für die Gegen­wart gegeben.“

Die­se apo­ka­lyp­ti­schen Aus­brü­che las­sen Bene­dikt bei­na­he wie einen feu­ri­gen Erweckungs­pre­di­ger aus den ame­ri­ka­ni­schen Süd­staa­ten erscheinen.

Obwohl sie sel­ten sind, ist es bemer­kens­wert, dass sie zwi­schen sei­nen sechs­und­sech­zig Büchern und zahl­lo­sen Reden nahe­zu ver­ges­sen wurden.

Doch nicht jeder über­hör­te sie.

Der Phi­lo­soph Gior­gio Agam­ben ver­stand Bene­dikt bes­ser als die mei­sten ande­ren. Für ihn war Bene­dikts Rück­tritt selbst eine Vor­her­sa­ge des Endes und zugleich die Erfül­lung sei­ner jahr­zehn­te­lan­gen Beschäf­ti­gung mit dem Theo­lo­gen Tyconius.

In sei­nem 2017 erschie­ne­nen Buch „Das Geheim­nis des Bösen“ weist Agam­ben auf Ratz­in­gers frü­he Bewun­de­rung für Tyco­ni­us‘ Leh­re von der „zwei­ge­teil­ten Kir­che“ hin – einer Kir­che, in der Chri­stus und Anti­christ zugleich gegen­wär­tig sind („fusca sum et deco­ra“ – Hld 1,5), bevor sie sich am Ende der Zei­ten end­gül­tig spaltet.

Als Bene­dikt 2018 von sei­nem Bio­gra­phen Peter See­wald gefragt wur­de, ob Agam­ben recht habe und sein Rück­tritt als „Weck­ruf zu einem escha­to­lo­gi­schen Bewusst­sein“ ver­stan­den wer­den müs­se, wider­sprach der eme­ri­tier­te Papst die­ser Deu­tung nicht.

In unse­rer Geron­to­kra­tie ist acht­zig das neue acht­zehn – das Alter, in dem man sich end­lich wie ein unver­ant­wort­li­cher Erwach­se­ner beneh­men und sagen kann, was man denkt.

Und in sei­ner Alters­mil­de begann Bene­dikt, mit einer Klar­heit zu spre­chen, die er zuvor allen außer sei­nen eng­sten Lesern vor­ent­hal­ten hatte.

In dem­sel­ben Inter­view mit Peter See­wald aus dem Jahr 2018 sag­te er:

„Die moder­ne Gesell­schaft for­mu­liert ein anti­christ­li­ches Glau­bens­be­kennt­nis, und wer sich ihm wider­setzt, wird mit sozia­ler Aus­gren­zung bestraft. Es ist nur natür­lich, die­se gei­sti­ge Macht des Anti­chri­sten zu fürch­ten, und sie bedarf wirk­lich der Hil­fe der Gebe­te einer gan­zen Diö­ze­se und der Welt­kir­che, um ihr zu widerstehen.“

Drei Jah­re zuvor hat­te der slo­wa­ki­sche Poli­ti­ker Vla­dimír Pal­ko völ­lig uner­war­tet einen Brief von Bene­dikt erhal­ten, in dem die­ser sein Buch „Die Löwen kom­men“ lob­te.

Der Brief ent­hielt fol­gen­de Worte:

„Wir sehen, wie die Macht des Anti­chri­sten sich aus­brei­tet, und wir kön­nen nur beten, dass der Herr uns star­ke Hir­ten schenkt, die sei­ne Kir­che in die­ser Stun­de der Not vor der Macht des Bösen verteidigen.“

Jeder, der lan­ge genug über den Anti­chri­sten nach­denkt, iden­ti­fi­ziert irgend­wann einen kon­kre­ten Kandidaten.

Bene­dikt wider­stand jedoch der bil­li­gen Ver­su­chung, sei­nen Ver­däch­ti­gen beim Namen zu nen­nen. Aber er hin­ter­ließ Hinweise.

Eine Mög­lich­keit wäre natür­lich der libe­ra­li­sie­ren­de Papst, der ihm nachfolgte.

Nach Joa­chim von Fio­re wür­de der Anti­christ nach einem tugend­haf­ten Papst das Papst­amt über­neh­men. Meh­re­re Joa­ch­imi­ten hiel­ten Papst Coele­stin V., der wie Bene­dikt im Alter von fünf­und­acht­zig Jah­ren zurück­trat, für die­sen guten Papst und sahen in sei­nem Nach­fol­ger Boni­fa­ti­us VIII. den Antichristen.

Bene­dikt kann­te all dies, als er 2009 – eine Woche nach­dem er über Tyco­ni­us’ Theo­rie der zwei­ge­teil­ten Kir­che gespro­chen hat­te – sein päpst­li­ches Pal­li­um auf das Grab Coelestins legte.

Glaub­te Bene­dikt also, Papst Fran­zis­kus sei der Antichrist?

So ver­füh­re­risch die­se Theo­rie auch sein mag, Bene­dikt ver­däch­tig­te jemand anderen.

Solo­wjows Anti­christ ist ein libe­ra­ler, von Nietz­sche gepräg­ter Theo­lo­ge, der, wie Bene­dikt in sei­ner Eras­mus-Vor­le­sung ange­merkt hat­te, sei­ne Anhän­ger nicht zuletzt durch sei­nen theo­lo­gi­schen Ehren­dok­tor­ti­tel der Uni­ver­si­tät Tübin­gen verführt.

Die­ses letz­te Detail amü­sier­te Bene­dikt. Er wies dar­auf erneut in sei­nem 2007 erschie­ne­nen Buch „Jesus von Naza­reth“ hin – viel­leicht gera­de des­halb, weil er selbst von 1966 bis 1969 in Tübin­gen gelehrt hatte.

Doch wenn wir hier ste­hen blei­ben, ent­geht uns Bene­dikts sub­ti­le­re Absicht.

Hans Küng war ein cha­ris­ma­ti­scher Prie­ster und ein Kol­le­ge Ratz­in­gers in Tübin­gen (wo Küng von 1960 bis 1996 lehrte).

Im Alter von vier­und­drei­ßig Jah­ren war Küng einer der jüng­sten peri­ti – also theo­lo­gi­schen Bera­ter – beim Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil, das vie­le sei­ner Vor­schlä­ge aufnahm.

„Nie wie­der soll­te ein Theo­lo­ge einen sol­chen Ein­fluss besit­zen“, bemerk­te der Vati­kan­ex­per­te Peter Hebblethwaite.

Spä­ter trat Küng für die Ster­be­hil­fe ein, bestritt die päpst­li­che Unfehl­bar­keit, wur­de im Wei­ßen Haus von John F. Ken­ne­dy herz­lich emp­fan­gen, beglei­te­te Tony Blair bei des­sen Kon­ver­si­on zum Katho­li­zis­mus und ver­lor durch Papst Johan­nes Paul II. die kirch­li­che Lehr­erlaub­nis für katho­li­sche Theologie.

Er beein­fluss­te die Kir­che stär­ker als so man­cher Papst.

Küngs reli­gi­ons­über­grei­fen­des Kon­zept eines Welt­ethos bestimm­te die Agen­da des Tref­fens des Par­lia­ment of the World’s Reli­gi­ons von 1993 in Chicago.

Robert Spae­mann, ein katho­li­scher Phi­lo­soph, der über Solo­wjows Geschich­te des Anti­chri­sten Vor­le­sun­gen gehal­ten hat­te und ein enger Freund Bene­dikts war, griff das Kon­zept eines Welt­ethos 1996 in sei­nem Essay „Welt­ethos als Pro­jekt“ scharf an.

„Über allem schweb­te“, schrieb Spae­mann, „der Name eines Tübin­ger Theologieprofessors.“

Wie der Anti­christ, des­sen Schlag­wort „Frie­den und Sicher­heit“ lau­tet (1 Thess 5,3), ziel­te auch Küngs Welt­ethos auf den Weltfrieden:

„Kein Frie­den unter den Natio­nen ohne Frie­den unter den Reli­gio­nen. Kein Frie­den unter den Reli­gio­nen ohne Dia­log zwi­schen den Religionen.“

Eine ähn­li­che Fixie­rung auf Frie­den unter­schei­det Solo­wjows Anti­chri­sten von Chri­stus. „Chri­stus brach­te das Schwert“, sagt der Anti­christ.
„Ich wer­de den Frie­den bringen.“

Er wirft Chri­stus vor, die Mensch­heit durch die Vor­stel­lung von Gut und Böse zu spal­ten und die Erde mit dem Tag des Gerichts zu bedrohen.

Wie Spae­mann fest­stellt, ent­mu­tigt in ähn­li­cher Wei­se „Küngs sanf­te Ver­si­on des Chri­sten­tums“ jeden Gedan­ken an die Endzeit.

„Gewiss“, schreibt Spae­mann, „erwar­te­te Jesus, als er vom Letz­ten Gericht sprach, […] kein befrei­tes Lächeln von sei­nen Zuhörern.“

Und Küng geht noch wei­ter: Er streicht nicht nur die Apo­ka­lyp­se, son­dern auch die War­nung Chri­sti: „Und wenn jene Tage nicht ver­kürzt wür­den, dann wür­de kein Mensch gerettet“.

Mit ande­ren Wor­ten: Küng for­dert uns auf, den Anti­chri­sten und die Gro­ße Drang­sal zu vergessen.

Die­se Welt ist alles, was wir haben, und es liegt an uns, sie zu ret­ten: Kein Über­le­ben ohne Weltethos.

Solo­wjows Anti­christ ver­brei­tet sei­ne Bot­schaft durch ein Best­sel­ler­buch mit dem Titel Der offe­ne Weg zum uni­ver­sa­len Frie­den und Wohl­stand.

Die­ses Werk, so beschreibt Solo­wjow es, „umfass­te alles und löste jedes Pro­blem. Es ver­band eine edle Ach­tung vor alten Tra­di­tio­nen und Sym­bo­len mit einem umfas­sen­den und küh­nen Radi­ka­lis­mus in gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Fra­gen. Es ver­ein­te gren­zen­lo­se Gedan­ken­frei­heit mit tief­ster Wert­schät­zung für alles Mysti­sche. Abso­lu­ter Indi­vi­dua­lis­mus stand neben lei­den­schaft­li­chem Eifer für das Gemein­wohl, und höch­ster Idea­lis­mus in den Grund­sät­zen ver­band sich mühe­los mit voll­kom­me­ner Bestimmt­heit bei den prak­ti­schen Lösun­gen für die Bedürf­nis­se des Lebens.“

Spae­mann beschreibt Küngs Welt­ethos in einer ver­blüf­fend ähn­li­chen Sprache:

„Er hat jeden Ein­wand im Vor­aus durch­dacht. Sein Weg ist der ‚ver­nünf­ti­ge Mit­tel­weg‘: zwi­schen Liber­ti­nis­mus und Lega­lis­mus, zwi­schen Besitz­gier und Besitz­ver­ach­tung, zwi­schen Hedo­nis­mus und Aske­se, zwi­schen sinn­li­cher Lust und Feind­se­lig­keit gegen­über den Sin­nen, zwi­schen Welt­lich­keit und Welt­ver­nei­nung, zwi­schen Ratio­na­lis­mus und Irra­tio­na­lis­mus“ – und so weiter.

Ratz­in­ger sei­ner­seits war von der Über­zeu­gungs­kraft die­ser Argu­men­te so ange­tan, dass er in der Debat­te mit Jür­gen Haber­mas 2004, statt Küng selbst zu wider­le­gen, ledig­lich auf Spae­manns Auf­satz verwies.

Bene­dikts stil­ler Krieg gegen Küng, der in den 1960er-Jah­ren in Tübin­gen begann, bil­det die jüng­ste Front in einem Kampf, der min­de­stens seit den 60er-Jah­ren des 13. Jahr­hun­derts tobt. Auf die­sem Schlacht­feld stan­den einst Solo­wjow und Nietz­sche und vor ihnen Bona­ven­tura und Tho­mas von Aquin; sie strit­ten über Fra­gen, die das Schick­sal der Welt betra­fen. Nichts hät­te Ratz­in­ger und Spae­mann weni­ger über­rascht, als zu erfah­ren, dass der Anti­christ in Gestalt eines aka­de­mi­schen Kol­le­gen wie Küng auf­ge­tre­ten wäre.

Heu­te sind alle drei Män­ner tot, und die Vor­stel­lung, der Anti­christ kön­ne irgend­wo an einer Uni­ver­si­tät sit­zen und vor sich hin schrei­ben, wirkt ver­al­tet und lächer­lich. Nie­mand schreibt oder denkt mit der Fein­heit und Kraft die­ser drei Män­ner, und wenn es jemand täte, wür­de es nie­mand bemer­ken. Bene­dikts Irr­tum, zu glau­ben, dass Ideen stets Gewicht haben wür­den, war viel­leicht der Irr­tum eines Groß­mei­sters – aber ein Irr­tum war es trotz­dem. In sei­nen weni­ger zurück­hal­ten­den letz­ten Jah­ren erkann­te Bene­dikt viel­leicht, dass die Welt sich von jenen aka­de­mi­schen Debat­ten ent­fernt hat­te, auf denen sei­ne Auto­ri­tät und sei­ne Grö­ße beruh­ten; dass nur ein Den­ker der Stil­len Gene­ra­ti­on wie Agam­ben ihm über­haupt nahe­kam; dass die aka­de­mi­sche Welt längst auf­ge­hört hat­te, Ver­bün­de­te wie Spae­mann und Geg­ner wie Küng her­vor­zu­brin­gen; und dass unse­re Welt das Inter­es­se an ihrer Ver­gan­gen­heit und den Glau­ben an ihre Zukunft ver­lo­ren hatte.

Wir kön­nen Bene­dikt, den Aka­de­mi­ker, dafür ent­schul­di­gen, dass er glaub­te, sei­ne Welt wür­de ewig bestehen. Aber für Bene­dikt, den Chri­sten, war dies ein gro­ßer Irr­tum. Pla­ton, Ari­sto­te­les und die ihnen fol­gen­den Phi­lo­so­phen schrie­ben zwi­schen den Zei­len über die blei­ben­den Fra­gen. Sie schrie­ben nicht nur für ihre her­aus­ra­gen­den Zeit­ge­nos­sen, son­dern für Men­schen aller Zei­ten und Orte, die Freu­de am Den­ken haben. Sie bejah­ten die Ewig­keit der Welt und zwei­fel­ten nicht dar­an, dass die Zukunft neue Schü­ler her­vor­brin­gen wür­de – Men­schen mit der gei­sti­gen Fähig­keit und der Zeit, sich der sehr lan­gen, nie­mals ein­fa­chen, aber stets erfreu­li­chen Arbeit der eigent­li­chen phi­lo­so­phi­schen Aus­le­gung zu widmen.

Der Christ aber weiß, dass nichts für immer Bestand hat, denn die­se Welt hat einen Anfang und ein Ende. Die Apo­ka­lyp­se – die Ent­hül­lung aller Geheim­nis­se und das Ende aller Deu­tun­gen – wird letzt­lich kom­men. Es gibt eine Zeit und einen Ort für die Eso­te­rik, deren Gegen­be­griff die Offen­ba­rung ist. Doch nicht, wenn es um das Schick­sal der Welt und unse­rer See­len geht. Denn wenn die Zeit kurz und die Stun­de spät ist: Wer darf dann noch auf Erlö­sung durch phi­lo­so­phi­sches Schwei­gen und Zurück­hal­tung hoffen?

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: First Things (Screen­shot)

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