Von Roberto de Mattei*
Im Frühjahr des Jahres 430 zogen Scharen von Flüchtlingen über die Straßen, die nach Hippo führten. Sie kamen aus Mauretanien und Numidien und führten mit sich, was sie aus den Verwüstungen noch hatten retten können. Hinter ihnen rückten die Vandalen unter Geiserich vor, die im Jahr zuvor gemeinsam mit Gruppen von Alanen und anderen germanischen Völkern von Spanien nach Afrika übergesetzt waren.
Dörfer wurden niedergebrannt, das Land geplündert, Kirchen geschändet. Possidius, Bischof von Calama und späterer Biograph des heiligen Augustinus, berichtet, daß Priester, Mönche und gottgeweihte Jungfrauen in alle Richtungen flohen; einige wurden getötet, andere in die Sklaverei verschleppt. Von den vielen Städten Afrikas leisteten nur noch Karthago, Cirta und Hippo Widerstand (Possidius, Vita Augustini, Kap. XXVIII–XXXI).
Auch der Feldherr Bonifatius, comes Africae, hatte in Hippo Zuflucht gefunden. Er befehligte die verbliebenen römischen Streitkräfte sowie Kontingente verbündeter Goten. Nachdem er in die Machtkämpfe verwickelt worden war, die den Hof von Ravenna zerrissen, hatte er sich mit Galla Placidia, der Regentin für den jungen Valentinian III., ausgesöhnt. Er hatte sich den Vandalen in einer offenen Feldschlacht entgegengestellt, war jedoch geschlagen worden und hatte sich hinter die Mauern der Bischofsstadt zurückziehen müssen.
Dort erwartete ihn Augustinus, inzwischen fünfundsiebzig Jahre alt. Der Bischof hatte gerade sein großes Werk Der Gottesstaat vollendet, noch bevor die Vandalen die Straße von Gibraltar überquerten. Doch die Gedanken dieses Buches schienen nun vor seinen Augen Gestalt anzunehmen. Nachdem Augustinus über die Plünderung Roms im Jahre 410 nachgesonnen hatte, mußte er nun den Untergang des römischen Afrikas miterleben – jenes Landes, in dem er geboren worden war und dem er sein ganzes Leben als Bischof gewidmet hatte.
Der heilige Augustinus wußte, daß die Krise des Römischen Reiches auf dessen religiöse und sittliche Verderbnis zurückzuführen war und daß die Barbaren das Werkzeug der göttlichen Strafe waren. Doch diese Erkenntnis veranlaßte ihn keineswegs dazu, den Barbaren die Tore Hippos zu öffnen. Die Pflicht der Römer bestand darin, sich gegen den Feind zu verteidigen, der sie angriff. Genau dies hatte er einige Jahre zuvor Bonifatius erklärt, als er ihm darlegte, daß der Soldatenberuf mit der Heiligkeit des Lebens vereinbar sei. David war ein Krieger gewesen; der Hauptmann des Evangeliums und Cornelius hatten unter Waffen gedient. Die Mönche kämpften durch ihr Gebet gegen die unsichtbaren Feinde; der Feldherr kämpfte gegen die Barbaren, die sichtbaren Feinde des christlichen Volkes.
„Der Friede muß das Ziel deines Willens sein“, hatte er ihm geschrieben; „der Krieg darf nur aus Notwendigkeit geführt werden, damit Gott durch ihn die Menschen von der Notwendigkeit des Krieges befreie und sie im Frieden bewahre“ (Epistula 189 an Bonifatius).
Das Verhältnis zwischen dem Bischof und dem Feldherrn war allerdings nicht ohne Spannungen. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Bonifatius daran gedacht, der Welt den Rücken zu kehren und sich in ein Kloster zurückzuziehen. Augustinus und Alypius hatten ihn davon abgebracht: Seine Aufgabe bestand darin, in der Armee zu bleiben, um die Kirche zu schützen und den Christen ein „ruhiges und stilles Leben in aller Frömmigkeit und Würde“ zu ermöglichen.
Doch der Feldherr hatte sich in die Machtkämpfe hineinziehen lassen. Im Jahre 427 richtete Augustinus einen scharfen Brief an ihn. Er erinnerte ihn an seine früheren Versprechen, tadelte ihn wegen seines weltlichen Ehrgeizes und fragte ihn, wie es möglich sei, daß die barbarischen Völker Afrika ungestraft verwüsteten, obwohl er über eine so große Autorität und ein mächtiges Heer verfügte. Augustinus erkannte zwar an, daß die Sünden der Menschen die Ursache jener Katastrophen waren; zugleich aber ermahnte er Bonifatius, nicht selbst zu einem ungerechten Werkzeug der göttlichen Strafe zu werden (Epistula 220 an Bonifatius).
Nun, vor den Mauern Hippos, mußten diese Worte dem Feldherrn wieder in den Sinn kommen. Die inneren Kämpfe waren beendet; es blieb nur noch, die Stadt zu verteidigen. Draußen zogen Geiserichs Männer den Belagerungsring immer enger; drinnen organisierte Bonifatius den Widerstand, während Augustinus die Bevölkerung durch sein Gebet und seine Gegenwart stärkte.
Der eine verteidigte die Mauern, der andere die Seelen. Es waren zwei verschiedene Kämpfe, doch beide dienten demselben Ziel. Denn der Bischof hatte sich geweigert, seine Herde zu verlassen. Als Bischof Honoratus ihn fragte, ob es ratsam sei, daß die Priester angesichts der Barbaren fliehen sollten, antwortete Augustinus, daß diejenigen, die geistlichen Beistand benötigten, nicht verlassen werden dürften, wenn die Gefahr Hirten und Gläubige gleichermaßen bedrohe:
„Entweder sollen alle gemeinsam an sichere Orte fliehen, oder diejenigen, die bleiben müssen, sollen nicht von denen verlassen werden, die für ihren geistlichen Dienst unerläßlich sind, damit sie gemeinsam leben oder gemeinsam erleiden, was der Vater will“ (Epistula 228, 2–6, an Honoratus).
Im dritten Monat der Belagerung erkrankte Augustinus an Fieber. Eines Tages, als er mit Possidius und den anderen nach Hippo geflüchteten Bischöfen am Tisch saß, vertraute er ihnen sein Gebet an: Er bat Gott, die Stadt zu befreien; sollte der göttliche Wille jedoch ein anderer sein, so möge Gott seine Diener stärken oder ihn wenigstens zu sich nehmen.
In seinen letzten Tagen ließ er die Bußpsalmen abschreiben und die Blätter an den Wänden seines Zimmers aufhängen. Vom Bett aus las er sie und weinte unaufhörlich. Zehn Tage vor seinem Tod bat er darum, allein zu bleiben, abgesehen von den Besuchen der Ärzte und derer, die ihm das Essen brachten. Er starb am 28. August 430, während Hippo im Widerstand ausharrte.
Die Belagerung dauerte fast vierzehn Monate. Schließlich waren die Vandalen gezwungen, sich zurückzuziehen, doch die Rettung war nur vorübergehend. Bonifatius verließ die Stadt, um sich mit den aus dem Osten eingetroffenen Verstärkungen zu vereinigen; Hippo, von seinen Bewohnern verlassen, fiel später in die Hände der Feinde und wurde in Brand gesteckt. Karthago sollte 439 von Geiserich erobert werden. Das römische Afrika war dazu bestimmt, unterzugehen.
Die Lehre, die Augustinus hinterließ, war jedoch keine Lehre der Resignation. Rom war nicht die Stadt Gottes, und kein Reich besitzt die Verheißung der Ewigkeit. Doch gerade weil die irdische Heimat zerbrechlich ist, muß man ihr mit größerer Reinheit der Gesinnung dienen, ohne sie zum Götzen zu machen und ohne sie zu verlassen, selbst dann, wenn sie verloren zu sein scheint.
Auf den Mauern Hippos hielt Bonifatius das Schwert in der Hand, während Augustinus die Psalmen betete. Beide erfüllten unbeirrt ihre Pflicht. Das Reich mochte von den Angreifern hinweggefegt werden; die Treue zu Gott und zu der ihnen anvertrauten Sendung aber durfte niemals wanken.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom. De Mattei ist zudem Autor zahlreicher Standardwerke, Vorsitzender der Stiftung Lepanto für den Erhalt der katholischen Tradition, Schriftleiter des Internetmediums Corrispondenza Romana und der Monatszeitschrift Radici Cristiane. Von 2002 bis 2011 war er Vizepräsident des italienischen Nationalen Forschungsrates (CNR) mit Zuständigkeit für die Geisteswissenschaften. Er veröffentlichte mehr als dreißig Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana / Antonio Cifrondi: Der heilige Augustinus in seinem Arbeitszimmer, 1707–1710
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