Allein den Betern – Folge 5

Entweltlichung und das rechte Verhältnis zur Welt

"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.
"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.

Das Buch des öster­rei­chi­schen Prie­sters Don Micha­el Gurt­ner „Allein den Betern“ wird in Fol­gen ver­öf­fent­licht. Die bereits ver­öf­fent­lich­ten Fol­gen fin­den sie hier:

Von Don Micha­el Gurtner*

1.2 Der Kern der Krise – Vertiefung

Die­ser Ruf ist gewiß berech­tigt und not­wen­dig, soll­te aber vor­sichts­hal­ber durch die War­nung ergänzt wer­den, bei aller zu erstre­ben­der Ent­welt­li­chung vor­sich­tig zu sein, mit dem ange­mes­se­nen Bedacht vor­zu­ge­hen und das Kind nicht mit dem Bade aus­zu­schüt­ten, d. h. nicht von einer extre­men Ver­welt­li­chung in das gegen­tei­li­ge Extrem einer radi­ka­len Welt­feind­se­lig­keit zu ver­fal­len. Es geht um das Wie­der­fin­den des ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen rech­ten Gleich­ge­wich­tes zwi­schen Geist­li­chem und Welt­li­chem, nicht um die blin­de Ver­ban­nung all des­sen, was nach Welt rie­chen könn­te. Die Kir­che hat das Welt­li­che nie ein­fach ver­wor­fen, wie es man­che urkirch­li­chen Sek­ten taten, son­dern immer zu unter­schei­den gewußt, was es zu ver­wer­fen galt und was auf­ge­nom­men wer­den und zum Nut­zen der Kir­che gewan­delt wer­den konn­te. So hat sie bei­spiels­wei­se die kai­ser­li­chen Insi­gni­en nicht ein­fach als „welt­li­chen Plun­der und Tand“ ver­ur­teilt und ver­ächt­lich weg­ge­wor­fen, son­dern sie hat es in ihrer Weis­heit gewußt, das Gute in ihnen zu sehen, sie zu „katho­li­sie­ren“ und sich selbst für die Lit­ur­gie und ihre eige­ne Kir­chen­kul­tur (auch in Berei­chen wie Kunst, Kir­chen­bau, kirch­li­chen Umgangs­for­men etc.) zunut­ze zu machen.

Es bedürf­te heu­te eines erneu­ten sol­chen Pro­zes­ses: einer nüch­ter­nen, genau­en und objek­ti­ven Exami­na­ti­on des­sen, was aus der Kir­che an Welt­li­chem aus­zu­wei­sen ist, weil es nicht mit die­ser kom­pa­ti­bel ist, und des­sen, was auf der ande­ren Sei­te in ihr Bestand haben und sie sich für ihren Auf­trag dien­lich machen kann.

Um auch dies wie­der an einem Bei­spiel zu ver­an­schau­li­chen: Das alt­grie­chi­sche Wort für Evan­ge­li­um, εὐαγγέλιον, bzw. latei­nisch Evan­ge­li­um, wel­ches oft mit „gute Bot­schaft“ wie­der­ge­ge­ben wird, war ein Wort, wel­ches eine stark pro­fa­ne Bedeu­tung hat­te. Der römi­sche Kai­ser ver­wen­de­te die­ses Wort im All­ge­mei­nen für sämt­li­che sei­ner Bot­schaf­ten, auch wenn deren Inhalt kei­nes­wegs „gut“ war, und im Spe­zi­el­len für mili­tä­ri­sche Sie­ges­nach­rich­ten, wel­che unter der Über­schrift „Evan­ge­li­um“ liefen.

Frei­lich war die­ses Wort kei­ne römi­sche Erfin­dung, son­dern es läßt sich bei­spiels­wei­se bereits im Alten Testa­ment nach­wei­sen, aller­dings war des­sen Gebrauch zur Zeit, als die Evan­ge­li­en ent­stan­den, stark pro­fan-kai­ser­lich-mili­tä­risch geprägt. Der römi­sche Kai­ser umgab sich zudem auch ger­ne mit dem Nim­bus des Reli­giö­sen, wodurch der Begriff „Evan­ge­li­um“ erst recht suspekt und ver­mei­dens­wert hät­te erschei­nen kön­nen. Doch die jun­ge Kir­che optier­te anders: Sie über­nahm die­ses pro­fa­ne Wort mit stark heid­ni­schem und kai­ser­kul­ti­schem Cha­rak­ter, gab ihm aber eine neue, ganz spe­zi­el­le Bedeu­tung. Des­halb geht die Bedeu­tung unse­res Begrif­fes „Evan­ge­li­um“ weit über jene von „gute Bot­schaft“ hin­aus, denn die­ser Begriff sagt: Nicht der Kai­ser, und damit nicht die Welt, hat die gute Bot­schaft, son­dern die­se ist in Wahr­heit in Chri­stus, dem gött­li­chen Wort, dem Logos, zu finden.

Ähn­li­ches kön­nen wir bei­spiels­wei­se von der Dal­ma­tik, dem lit­ur­gi­schen Ober­ge­wand der Dia­ko­ne, sagen. Die­ses war ursprüng­lich ein aus Dal­ma­ti­en kom­men­des Gewand, wel­ches dann auch von den höher­ge­stell­ten römi­schen Bür­gern als nobles Klei­dungs­stück getra­gen wur­de und daher ein pro­fa­nes römi­sches Klei­dungs­stück dar­stell­te. Spä­ter benutz­ten es auch die (ost-)römischen Kai­ser. Die Kir­che hat schon recht bald, etwa im 2. Jahr­hun­dert, die­ses römi­sche Edel- und Kai­ser­ge­wand als lit­ur­gi­sches Gewand für ihre „Die­ner“, die Dia­ko­ne, über­nom­men. Die damit ver­bun­de­ne Aus­sa­ge war: Der kirch­li­che Dienst der Dia­ko­ne ist erha­ben, vor­nehm, nobel und edel.

Ähn­lich geschah es mit vie­len ande­ren lit­ur­gi­schen und nicht­lit­ur­gi­schen Gewän­dern, Gebräu­chen und Ver­hal­tens­wei­sen, wel­che so auch ein beson­de­res Ver­hält­nis der Kir­che zum Pro­fa­nen mar­kie­ren. Es wird nicht in Bausch und Bogen abge­lehnt und ver­teu­felt, son­dern geprüft, und was gut ist, wird über­nom­men und mit einer beson­de­ren christ­li­chen Aus­sa­ge oder Bot­schaft ver­se­hen. Die­ser letz­te Punkt ist dabei ent­schei­dend: Nie wäre es der Kir­che dabei in den Sinn gekom­men, sich durch pro­fa­ne Anlei­hen ver­welt­li­chen und an die Welt anpas­sen zu wol­len. Die Rich­tung war viel eher umge­kehrt: Das Welt­li­che wur­de in die Dien­ste des Sakra­len genom­men. Es ver­dräng­te die­ses nicht, son­dern unter­stütz­te es und wur­de so selbst in einer gewis­sen Wei­se „gehei­ligt“.

Wir kön­nen dar­in ein Modell eines gesun­den und aus­ge­wo­ge­nen Ver­hält­nis­ses der Kir­che zur Welt sehen, das uns abhan­den­ge­kom­men ist. Heu­te ist es viel­mehr so, daß die Welt nicht mehr durch die Kir­che beein­flußt ist bzw. sich von die­sem Ein­fluß eman­zi­piert hat und daher im wört­li­chen Sin­ne gott­los gewor­den ist. Und genau die­se Art von einer gott­lo­sen Welt neh­men wir unver­än­dert und unge­hei­ligt in die Kir­che auf, wodurch die­se selbst ver­welt­licht, bis von ihr irgend­wann nichts als ein staat­li­cher Wohl­fahrts­kon­zern übrig­blei­ben wird.

Die­se Ten­denz ist dabei an der soge­nann­ten „Basis“ unge­mein stär­ker und akzen­tu­ier­ter fest­zu­stel­len als auf höhe­ren Ebe­nen, auch wenn sie dort eben­falls nicht fehlt. Dies ist wohl dar­auf zurück­zu­füh­ren, daß die Öff­nung der Kir­che auf die Welt hin und die damit ver­bun­de­ne Annah­me welt­li­chen Den­kens plötz­lich eine unge­heu­re Eigen­dy­na­mik ent­wickelt hat, mit wel­cher man am Anfang ver­mut­lich nicht gerech­net hat­te. Als zeit­li­cher Anfang wird oft das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil genannt. Das ist sicher nicht voll­kom­men falsch, aller­dings darf dar­über nicht ver­ges­sen wer­den, daß auch die­ses wie­der­um sei­ne eige­ne Geschich­te hat­te. Die oft­mals kom­pro­miß­haf­ten For­mu­lie­run­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils haben teil­wei­se einen Spalt geöff­net, der als wah­rer Bruch ende­te. Viel­fach ist man weit über alles hin­aus­ge­gan­gen, was ursprüng­lich gedacht war, begon­nen bei der Lit­ur­gie über die Öku­me­ne bis hin zur Lei­tung der Kir­che auf ihren ver­schie­de­nen Ebe­nen. Die Ver­welt­li­chung im Den­ken und Han­deln im Inne­ren der Kir­che hat zu der ein­gangs kon­sta­tier­ten Glau­bens­kri­se als der eigent­li­chen Grund- und Kern­kri­se geführt, wel­che gleich­sam die „Mut­ter“ der ver­schie­de­nen mor­pho­lo­gi­schen Aus­for­mun­gen ist.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Allein den Betern, Selbst­ver­lag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.


Bild: Giu­sep­pe Nar­di (SS. Tri­ni­tà dei Pel­le­g­ri­ni, Rom/​bearbeitet)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*