Das Buch des österreichischen Priesters Don Michael Gurtner „Allein den Betern“ wird in Folgen veröffentlicht. Die bereits veröffentlichten Folgen finden sie hier:
Von Don Michael Gurtner*
1.2 Der Kern der Krise – Vertiefung
Dieser Ruf ist gewiß berechtigt und notwendig, sollte aber vorsichtshalber durch die Warnung ergänzt werden, bei aller zu erstrebender Entweltlichung vorsichtig zu sein, mit dem angemessenen Bedacht vorzugehen und das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, d. h. nicht von einer extremen Verweltlichung in das gegenteilige Extrem einer radikalen Weltfeindseligkeit zu verfallen. Es geht um das Wiederfinden des verlorengegangenen rechten Gleichgewichtes zwischen Geistlichem und Weltlichem, nicht um die blinde Verbannung all dessen, was nach Welt riechen könnte. Die Kirche hat das Weltliche nie einfach verworfen, wie es manche urkirchlichen Sekten taten, sondern immer zu unterscheiden gewußt, was es zu verwerfen galt und was aufgenommen werden und zum Nutzen der Kirche gewandelt werden konnte. So hat sie beispielsweise die kaiserlichen Insignien nicht einfach als „weltlichen Plunder und Tand“ verurteilt und verächtlich weggeworfen, sondern sie hat es in ihrer Weisheit gewußt, das Gute in ihnen zu sehen, sie zu „katholisieren“ und sich selbst für die Liturgie und ihre eigene Kirchenkultur (auch in Bereichen wie Kunst, Kirchenbau, kirchlichen Umgangsformen etc.) zunutze zu machen.
Es bedürfte heute eines erneuten solchen Prozesses: einer nüchternen, genauen und objektiven Examination dessen, was aus der Kirche an Weltlichem auszuweisen ist, weil es nicht mit dieser kompatibel ist, und dessen, was auf der anderen Seite in ihr Bestand haben und sie sich für ihren Auftrag dienlich machen kann.
Um auch dies wieder an einem Beispiel zu veranschaulichen: Das altgriechische Wort für Evangelium, εὐαγγέλιον, bzw. lateinisch Evangelium, welches oft mit „gute Botschaft“ wiedergegeben wird, war ein Wort, welches eine stark profane Bedeutung hatte. Der römische Kaiser verwendete dieses Wort im Allgemeinen für sämtliche seiner Botschaften, auch wenn deren Inhalt keineswegs „gut“ war, und im Speziellen für militärische Siegesnachrichten, welche unter der Überschrift „Evangelium“ liefen.
Freilich war dieses Wort keine römische Erfindung, sondern es läßt sich beispielsweise bereits im Alten Testament nachweisen, allerdings war dessen Gebrauch zur Zeit, als die Evangelien entstanden, stark profan-kaiserlich-militärisch geprägt. Der römische Kaiser umgab sich zudem auch gerne mit dem Nimbus des Religiösen, wodurch der Begriff „Evangelium“ erst recht suspekt und vermeidenswert hätte erscheinen können. Doch die junge Kirche optierte anders: Sie übernahm dieses profane Wort mit stark heidnischem und kaiserkultischem Charakter, gab ihm aber eine neue, ganz spezielle Bedeutung. Deshalb geht die Bedeutung unseres Begriffes „Evangelium“ weit über jene von „gute Botschaft“ hinaus, denn dieser Begriff sagt: Nicht der Kaiser, und damit nicht die Welt, hat die gute Botschaft, sondern diese ist in Wahrheit in Christus, dem göttlichen Wort, dem Logos, zu finden.
Ähnliches können wir beispielsweise von der Dalmatik, dem liturgischen Obergewand der Diakone, sagen. Dieses war ursprünglich ein aus Dalmatien kommendes Gewand, welches dann auch von den höhergestellten römischen Bürgern als nobles Kleidungsstück getragen wurde und daher ein profanes römisches Kleidungsstück darstellte. Später benutzten es auch die (ost-)römischen Kaiser. Die Kirche hat schon recht bald, etwa im 2. Jahrhundert, dieses römische Edel- und Kaisergewand als liturgisches Gewand für ihre „Diener“, die Diakone, übernommen. Die damit verbundene Aussage war: Der kirchliche Dienst der Diakone ist erhaben, vornehm, nobel und edel.
Ähnlich geschah es mit vielen anderen liturgischen und nichtliturgischen Gewändern, Gebräuchen und Verhaltensweisen, welche so auch ein besonderes Verhältnis der Kirche zum Profanen markieren. Es wird nicht in Bausch und Bogen abgelehnt und verteufelt, sondern geprüft, und was gut ist, wird übernommen und mit einer besonderen christlichen Aussage oder Botschaft versehen. Dieser letzte Punkt ist dabei entscheidend: Nie wäre es der Kirche dabei in den Sinn gekommen, sich durch profane Anleihen verweltlichen und an die Welt anpassen zu wollen. Die Richtung war viel eher umgekehrt: Das Weltliche wurde in die Dienste des Sakralen genommen. Es verdrängte dieses nicht, sondern unterstützte es und wurde so selbst in einer gewissen Weise „geheiligt“.
Wir können darin ein Modell eines gesunden und ausgewogenen Verhältnisses der Kirche zur Welt sehen, das uns abhandengekommen ist. Heute ist es vielmehr so, daß die Welt nicht mehr durch die Kirche beeinflußt ist bzw. sich von diesem Einfluß emanzipiert hat und daher im wörtlichen Sinne gottlos geworden ist. Und genau diese Art von einer gottlosen Welt nehmen wir unverändert und ungeheiligt in die Kirche auf, wodurch diese selbst verweltlicht, bis von ihr irgendwann nichts als ein staatlicher Wohlfahrtskonzern übrigbleiben wird.
Diese Tendenz ist dabei an der sogenannten „Basis“ ungemein stärker und akzentuierter festzustellen als auf höheren Ebenen, auch wenn sie dort ebenfalls nicht fehlt. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, daß die Öffnung der Kirche auf die Welt hin und die damit verbundene Annahme weltlichen Denkens plötzlich eine ungeheure Eigendynamik entwickelt hat, mit welcher man am Anfang vermutlich nicht gerechnet hatte. Als zeitlicher Anfang wird oft das Zweite Vatikanische Konzil genannt. Das ist sicher nicht vollkommen falsch, allerdings darf darüber nicht vergessen werden, daß auch dieses wiederum seine eigene Geschichte hatte. Die oftmals kompromißhaften Formulierungen des Zweiten Vatikanischen Konzils haben teilweise einen Spalt geöffnet, der als wahrer Bruch endete. Vielfach ist man weit über alles hinausgegangen, was ursprünglich gedacht war, begonnen bei der Liturgie über die Ökumene bis hin zur Leitung der Kirche auf ihren verschiedenen Ebenen. Die Verweltlichung im Denken und Handeln im Inneren der Kirche hat zu der eingangs konstatierten Glaubenskrise als der eigentlichen Grund- und Kernkrise geführt, welche gleichsam die „Mutter“ der verschiedenen morphologischen Ausformungen ist.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen Meßverbots in der Corona-Zeit diesem widerstanden und sich dadurch große Verdienste um das Seelenheil erworben hat. Er ist Autor mehrerer theologischer Bücher. Auf Katholisches.info veröffentlichte er 2023/24 die Reihe „Zur Lage der Kirche“, die auch in Buchform erschienen ist.
Das Buch zur Reihe: Don Michael Gurtner: Allein den Betern, Selbstverlag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.
Bild: Giuseppe Nardi (SS. Trinità dei Pellegrini, Rom/bearbeitet)
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