„Heilige Maschinen“ und digitale Prozessionen

Die neue Religion im Vormarsch

Von Cri­sti­na Siccardi*

Auch die Reli­gio­nen unter­wer­fen sich inzwi­schen der Robo­tik und der soge­nann­ten Künst­li­chen Intel­li­genz. Dabei han­delt es sich – streng genom­men – gar nicht um Intel­li­genz, son­dern um einen Rechen­be­schleu­ni­ger, der in der Infor­ma­tik tref­fend als „sto­cha­sti­scher Papa­gei“ (sto­cha­stic par­rot) bezeich­net wird. Sol­che Syste­me ent­wickeln weder Gedan­ken noch Begrif­fe. Sie erzeu­gen Ant­wor­ten, indem sie Wör­ter auf der Grund­la­ge pro­ba­bi­li­sti­scher Berech­nun­gen und sta­ti­sti­scher Muster zusam­men­set­zen, die sie aus den Daten gelernt haben, wel­che Men­schen mit ihrer eige­nen Intel­li­genz ein­ge­speist haben.

Die­se „Papa­gei­en-Robo­tik“ hat bereits im Bud­dhis­mus Ein­zug gehal­ten, ins­be­son­de­re in Süd­ko­rea und Japan. Dort set­zen Tem­pel inzwi­schen Robo­ter-Mön­che ein, die bei Ritua­len assi­stie­ren, Fra­gen beant­wor­ten und das Inter­es­se am Bud­dhis­mus neu bele­ben sol­len. Gabi heißt der Android, der am 6. Mai die­ses Jah­res in Seo­ul wäh­rend einer Man­tra-Zere­mo­nie vom Jogye-Orden, der größ­ten bud­dhi­sti­schen Gemein­schaft Süd­ko­re­as, zum Mönch „ordi­niert“ wur­de. In Japan ent­stand der Bud­dha­roid, ein Robo­ter-Mönch, der spi­ri­tu­el­le Ori­en­tie­rung bie­ten und über die gro­ßen Fra­gen des mensch­li­chen Daseins spre­chen soll. In Chi­na wie­der­um wird der klei­ne Robo­ter-Mönch Xia­ner ein­ge­setzt, der bud­dhi­sti­sche Hym­nen sin­gen und inter­ak­tiv reli­giö­se Fra­gen beant­wor­ten kann.

Ist das ein Spiel, eine Ver­höh­nung, eine Pos­se – oder schlicht Wahnsinn?

Man­che ver­su­chen inzwi­schen auch, die­se „Papa­gei­en“ im katho­li­schen Bereich ein­zu­set­zen. So geschah es am 8. Juli im Orts­teil Bos­co der Gemein­de San Gio­van­ni a Piro in der Pro­vinz Saler­no wäh­rend des Festi­vals Micro­C­os­mi. Dort wur­de die „Machi­na Sacra“ prä­sen­tiert, ein Pro­jekt des Musi­kers Max Magal­di und von Matteo Mandelli.

Es han­delt sich um die erste digi­ta­le Pro­zes­si­on Ita­li­ens. Das „Ritu­al“ begann mit einem Schrift­zug auf einem Bild­schirm­bild „auf der Suche nach dem Licht“. Anschlie­ßend ver­band ein QR-Code die Smart­phones der Teil­neh­mer mit der Instal­la­ti­on. Ein System auf der Grund­la­ge eines „sto­cha­sti­schen Papa­geis“ koor­di­nier­te sie dar­auf­hin zu einer Lita­nei aus syn­the­ti­schen Stim­men und Klän­gen, wäh­rend die Bild­schir­me die Rol­le der tra­di­tio­nel­len Pro­zes­si­ons­lich­ter über­nah­men. Die­ses als „Kunst­werk“ bezeich­ne­te Pro­dukt wur­de in der Cap­pel­la del Car­mi­ne in Bos­co instal­liert und blieb dort bis zum 12. Juli.

Wer eine sol­che vir­tu­el­le Pro­zes­si­on betrach­tet: Erlebt er damit eine Pro­zes­si­on im eigent­li­chen Sinn? Kei­nes­wegs. Es han­delt sich um eine digi­ta­li­sier­te Fan­ta­sie, um etwas, das für die See­le letzt­lich nicht existiert.

Den­noch bezeich­ne­te die Tages­zei­tung der ita­lie­ni­schen Bischö­fe Avve­ni­re in ihrer Aus­ga­be vom 11. Juli unter der Über­schrift „Machi­na Sacra – Was lehrt uns die erste von KI geführ­te digi­ta­le Pro­zes­si­on?“ die Initia­ti­ve als lehr­reich. Die Tech­no­lo­gie sei, so das Blatt, „nach einem gegen­sei­ti­gen Zuhö­ren“ in die Gemein­schaft ein­ge­führt wor­den – als „klei­ne prak­ti­sche Übung einer päd­ago­gi­schen Allianz“.

Vor der Prä­sen­ta­ti­on hät­ten die Künst­ler in der Casa Orte­ga – dem ehe­ma­li­gen Wohn­haus des aus dem fran­quisti­schen Spa­ni­en ver­bann­ten Malers José Orte­ga – gelebt und die­ses Haus für Gesprä­che mit der Dorf­ge­mein­schaft geöff­net, dar­un­ter auch mit der Pfar­rei und dem Frem­den­ver­kehrs­ver­ein. Gemein­sam habe man über den Sinn des Wer­kes und über die Bezie­hung zwi­schen Tech­nik und Spi­ri­tua­li­tät nach­ge­dacht. All dies, so Avve­ni­re, ste­he in Ein­klang mit der Enzy­kli­ka Magni­fi­ca Huma­ni­tas von Papst Leo XIV., die Fami­li­en, Schu­len, christ­li­che Gemein­schaf­ten und öffent­li­che Insti­tu­tio­nen zu einem „erneu­er­ten Bünd­nis“ aufrufe.

Doch es gibt Werk­zeu­ge und Metho­den, die sich nicht in den Dienst der Spi­ri­tua­li­tät stel­len las­sen. Geschieht dies den­noch, führt es letzt­lich zur Zer­stö­rung eben die­ser Spi­ri­tua­li­tät und des reli­giö­sen Glau­bens. Es ist drin­gend not­wen­dig, die gei­sti­ge Ord­nung wie­der­her­zu­stel­len, denn Libe­ra­lis­mus und Rela­ti­vis­mus, ver­mischt mit Pro­gres­sis­mus, Szi­en­tis­mus und Tech­no­lo­gis­mus, schei­nen vie­len zu Kopf gestie­gen zu sein.

Wer Mit­tel ein­setzt, die die nor­ma­le, tra­di­tio­nel­le Fröm­mig­keit ver­fäl­schen und in die Irre füh­ren, ent­leert damit – in die­sem Fall – den eigent­li­chen Sinn einer Pro­zes­si­on. Tat­säch­lich begeg­net uns hier eine ande­re Form der „Andacht“: eine pro­fa­ne und gera­de­zu zwang­haf­te Ver­eh­rung der Künst­li­chen Intel­li­genz. Im Mit­tel­punkt ste­hen die „Künst­ler“ die­ses Pro­dukts namens Machi­na Sacra. An die Stel­le hei­li­ger Bil­der tritt ein Bild­schirm; anstel­le von Ker­zen hal­ten die „Gläu­bi­gen“ leuch­ten­de Smart­phones in den Hän­den – wie bei einem Popkonzert.

Erneut steht nicht Chri­stus, nicht die Got­tes­mut­ter und auch nicht die Hei­li­gen im Mit­tel­punkt, son­dern die Gemein­schaft selbst – ganz ähn­lich wie es heu­te bei vie­len Eucha­ri­stie­fei­ern geschieht, die immer weni­ger als Hei­li­ge Mes­sen ver­stan­den wer­den, in denen das Opfer Jesu Chri­sti auf dem Altar gegen­wär­tig gesetzt wird, son­dern viel­mehr als gemein­schaft­li­che Ritua­le, in denen die ver­sam­mel­te Grup­pe die Haupt­rol­le spielt.

Man über­nimmt die tra­di­tio­nel­len Begrif­fe, füllt sie jedoch mit sub­jek­ti­ven und anthro­po­zen­tri­schen Bedeu­tun­gen, die mit dem Über­na­tür­li­chen und der katho­li­schen Sakra­li­tät nichts mehr gemein haben.

Gera­de des­halb muß die Wahr­heit immer wie­der aus­ge­spro­chen wer­den. Andern­falls sor­gen mephi­sto­phe­li­sche Täu­schun­gen dafür, daß sie in Ver­ges­sen­heit gerät.

In der katho­li­schen Fröm­mig­keit ist die Pro­zes­si­on ein fei­er­li­cher reli­giö­ser Zug von Kle­rus und Gläu­bi­gen, der geord­net vor­an­schrei­tet und dabei – je nach Anlaß – Gebe­te, Rosen­krän­ze, Psal­men oder Lita­nei­en spricht und geist­li­che Lie­der singt. Sie ist kei­ne Para­de, son­dern ein öffent­li­cher Got­tes­dienst, ein öffent­li­ches Zeug­nis des Glau­bens außer­halb von Kir­chen und Häu­sern. Ihr Ziel ist es, Gott zu ver­herr­li­chen, Gna­den zu erfle­hen, dem Him­mel zu dan­ken oder Süh­ne für die Sün­den zu leisten.

Theo­lo­gisch gilt die Pro­zes­si­on als sicht­ba­res Zei­chen der pil­gern­den Kir­che, die auf ihrer irdi­schen Wan­der­schaft gemein­sam dem folgt, wor­an sie ver­nünf­ti­ger­wei­se und im Glau­ben fest­hält, und deren Ziel das himm­li­sche Vater­land ist.

Zugleich hei­ligt die Pro­zes­si­on den Raum, durch den sie zieht – im Gegen­satz zu man­chen obszö­nen und blas­phe­mi­schen Demon­stra­tio­nen, die einem Ort gleich­sam den Fluch auf­prä­gen. Doch die mei­sten Hir­ten unse­rer Zeit spre­chen dar­über kaum noch. Man­che hal­ten sol­che Aus­sa­gen für über­holt oder naiv, ande­re schä­men sich ihrer; vie­le ken­nen sie nicht ein­mal mehr. Den­noch muß die Wahr­heit aus­ge­spro­chen wer­den: In Glau­bens­din­gen ist die Unwis­sen­heit ein gro­ßer Ver­bün­de­ter des Teufels.

Je nach ihrem Zweck unter­schei­det die Kir­che ver­schie­de­ne Arten von Pro­zes­sio­nen. Es gibt Bitt- oder Buß­pro­zes­sio­nen, mit denen Unheil, Seu­chen oder ande­re Kata­stro­phen abge­wen­det, Regen erbe­ten, das Ende eines Krie­ges oder gött­li­cher Schutz erfleht wer­den. Dane­ben ste­hen Tri­umph- oder Fest­pro­zes­sio­nen, die fei­er­lich die Glau­bens­ge­heim­nis­se bege­hen, etwa an Fron­leich­nam oder bei Mari­en- und Hei­li­gen­pro­zes­sio­nen. Schließ­lich gibt es lit­ur­gi­sche Pro­zes­sio­nen, die inte­gra­ler Bestand­teil eines Ritus sind, bei­spiels­wei­se der Ein­zug vor einer fei­er­li­chen Hei­li­gen Mes­se oder die Lich­ter­pro­zes­si­on am Fest der Dar­stel­lung des Herrn (Mariä Lichtmeß).

Abschlie­ßend sei dar­an erin­nert, daß die Pro­zes­si­on ein ern­stes reli­giö­ses Gesche­hen ist. Wer dar­an teil­nimmt, betei­ligt sich bewußt an einem hei­li­gen Akt, des­sen Früch­te jede ein­zel­ne See­le errei­chen und der – wie die Kir­chen­ge­schich­te viel­fach zeigt – bis­wei­len sogar das Leben gan­zer Gemein­schaf­ten verändert.

Als im Jah­re 1656 in Cava de‘ Tir­re­ni eine ver­hee­ren­de Pest wüte­te, wur­de die Stadt vom Mon­te Castel­lo aus mit dem Aller­hei­lig­sten Sakra­ment geseg­net; die Epi­de­mie kam auf wun­der­ba­re Wei­se zum Still­stand. In Mon­te­ro­ni di Lec­ce trug die Bevöl­ke­rung 1867 das Kru­zi­fix in fei­er­li­cher Pro­zes­si­on durch den Ort, um die Aus­brei­tung der Cho­le­ra auf­zu­hal­ten – und tat­säch­lich erlosch die Seu­che. Wäh­rend der schwe­ren Pest in Turin im Jah­re 1613 orga­ni­sier­te der seli­ge Seba­stia­no Val­frè gemein­sam mit sei­nen Mit­brü­dern des Ora­to­ri­ums eine fei­er­li­che Pro­zes­si­on mit dem Aller­hei­lig­sten; von die­sem Zeit­punkt an ver­lor die Epi­de­mie zuneh­mend an Stär­ke. Und schließ­lich sei an Papst Gre­gor den Gro­ßen erin­nert, der wäh­rend der Pest in Rom im Jah­re 590 die berühm­te Pro­zes­si­on mit der Iko­ne Salus Popu­li Roma­ni anführ­te. Die Seu­che ende­te, und auf dem Mau­so­le­um Hadri­ans erschien ein Engel – daher trägt die Engels­burg bis heu­te ihren Namen.

„Wird jedoch der Men­schen­sohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glau­ben fin­den?“ (Lk 18,8).

Der­zeit jeden­falls wird den See­len all­zu oft ver­dor­be­ne Früch­te gereicht.

*Cri­sti­na Sic­car­di, Histo­ri­ke­rin und Publi­zi­stin, zu ihren jüng­sten Buch­pu­bli­ka­tio­nen gehö­ren „L’inverno del­la Chie­sa dopo il Con­ci­lio Vati­ca­no II“ (Der Win­ter der Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Ver­än­de­run­gen und Ursa­chen, 2013); „San Pio X“ („Der hei­li­ge Pius X. Das Leben des Pap­stes, der die Kir­che geord­net und erneu­ert hat“, 2014), „San Fran­ces­co“ („Hei­li­ger Fran­zis­kus. Eine der am mei­sten ver­zerr­ten Gestal­ten der Geschich­te“, 2019), „Quella mes­sa così mar­to­ria­ta e per­se­gui­ta­ta, eppur così viva!“ „Die­se so geschla­ge­ne und ver­folg­te und den­noch so leben­di­ge Mes­se“ zusam­men mit P. Davi­de Pagli­a­ra­ni, 2021), „San­ta Chia­ra sen­za fil­tri“ („Die hei­li­ge Kla­ra unge­fil­tert. Ihre Wor­te, ihre Hand­lun­gen, ihr Blick“, 2024), 

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana 

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