Falsche Anschuldigungen, verbrannte Häuser, fehlende Gerechtigkeit


Das christliche Ehepaar Shahzad Masih und Shama Bibi wurde 2014 von fanatischen Moslems bei lebendigem Leib verbrannt. Die Täter kamen ungeschoren davon. Der Oberste Gerichtshof erklärte, keine Verurteilung vornehmen zu können, da die Staatsanwaltschaft zu schlampig gearbeitet habe.
Das christliche Ehepaar Shahzad Masih und Shama Bibi wurde 2014 von fanatischen Moslems bei lebendigem Leib verbrannt. Die Täter kamen ungeschoren davon. Der Oberste Gerichtshof erklärte, keine Verurteilung vornehmen zu können, da die Staatsanwaltschaft zu schlampig gearbeitet habe.

Von der angeb­li­chen Got­tes­lä­ste­rung zur Hetz­jagd: In Paki­stan genügt oft ein Gerücht, um das Leben eines Men­schen zu zer­stö­ren. Selbst staat­li­che Stel­len räu­men inzwi­schen ein, daß vie­le Blas­phe­mie­vor­wür­fe erfun­den sind. Doch die Täter von Gewalt gegen Chri­sten blei­ben meist unbehelligt.

Karat­schi hät­te erneut Schau­platz einer Kata­stro­phe wer­den kön­nen. Wie­der stand eine christ­li­che Fami­lie am Rand einer Lynch­ju­stiz, wie­der droh­te eine auf­ge­hetz­te Men­ge, im Namen des Blas­phe­mie­vor­wurfs über Leben und Tod zu entscheiden.

Am 9. Juli wur­de in der Qaza­fi Colo­ny im Stadt­teil Bal­dia Town eine Koran­sei­te ver­brannt und zusam­men mit einem Foto des Chri­sten Aze­em Javaid und sei­ner Mut­ter sowie einer Kopie eines Aus­weis­do­ku­ments an einen mus­li­mi­schen Händ­ler geschickt. Die Bot­schaft war klar: eine Tat mit Visi­sten­kar­te. Der Christ Javaid soll­te als angeb­li­cher Got­tes­lä­ste­rer iden­ti­fi­ziert und der Men­ge aus­ge­lie­fert werden. 

Obwohl das Ansin­nen durch­sich­tig war, ver­sam­mel­ten sich hun­der­te Mus­li­me dar­auf­hin vor sei­nem Haus. Die Poli­zei, die ein­schrei­ten woll­te, wur­de zunächst mit Stei­nen und Stöcken ange­grif­fen. Erst der Ein­satz wei­te­rer Sicher­heits­kräf­te konn­te ver­hin­dern, daß sich die Sze­ne wie­der­hol­te, die Paki­stan bereits mehr­fach erschüt­tert hat: ein ent­fes­sel­ter isla­mi­scher Mob, bren­nen­de Häu­ser und Chri­sten auf der Flucht.

Meh­re­re christ­li­che Fami­li­en in Bal­dia Town harr­ten ein­ge­schlos­sen in ihren Häu­sern aus und fürch­te­ten um ihr Leben. Men­schen­rechts­an­walt Asif Basti­an erklär­te, das schnel­le Ein­grei­fen der Behör­den habe eine grö­ße­re Tra­gö­die verhindert.

Doch der Fall zeigt ein tie­fer lie­gen­des Pro­blem: Der Blas­phe­mie­pa­ra­graph ist in Paki­stan längst nicht nur ein Gesetz, son­dern ein Instru­ment, das von ein­zel­nen Per­so­nen miß­braucht wer­den kann, um per­sön­li­che Feind­schaf­ten, wirt­schaft­li­che Kon­flik­te oder pri­va­te Rache auszutragen.

Das Blas­phe­mie­ge­setz mit sei­ner ein­sei­ti­gen Begün­sti­gung des Islam wur­de erst 1986 unter Gene­ral Muham­mad Zia-ul-Haq im Zuge der von ihm betrie­be­nen Isla­mi­sie­rung ein­ge­führt. Wie vie­le Unschul­di­ge die­sem Gesetz seit­her zum Opfer gefal­len sind, ist nicht bekannt. Ein Bericht nennt für 2024 etwa 767 Per­so­nen, die wegen Blas­phe­mie­vor­wür­fen im Gefäng­nis saßen. 

Laut dem Cen­ter for Rese­arch and Secu­ri­ty Stu­dies wur­den bis Mai 2024 min­de­stens 104 Men­schen nach Blas­phe­mie­vor­wür­fen außer­ge­richt­lich getö­tet – also durch fana­ti­sier­te Mobs und nicht auf­grund eines gericht­li­chen Ver­fah­rens. Das Gesetz selbst sieht nicht nur Gefäng­nis­stra­fen, son­dern in schwe­ren Fäl­len auch die Todes­stra­fe vor. Aller­dings wur­de bis­her noch kein Todes­ur­teil auf­grund des Blas­phe­mie­ge­set­zes voll­streckt. Der Fall Asia Bibi erreg­te vor eini­gen Jah­ren welt­wei­tes Auf­se­hen. Nach lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen wur­de ihr schließ­lich die Aus­rei­se nach Kana­da erlaubt.

Eine Quel­le aus dem Umfeld der Fami­lie Javaid wies dar­auf hin, daß es kei­ner­lei reli­giö­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen gege­ben habe. Viel­mehr habe es finan­zi­el­le Strei­tig­kei­ten gege­ben. Die Kon­struk­ti­on des Vor­wurfs sei zudem absurd: War­um soll­te ein Christ ein hei­li­ges Buch schän­den und anschlie­ßend Bewei­se mit sei­nem eige­nen Bild an einen Ort schicken, an dem er sofort iden­ti­fi­ziert wer­den kann?

Selbst das paki­sta­ni­sche Par­la­ment erkennt den Mißbrauch.

Daß sol­che Zwei­fel berech­tigt sind, bestä­tigt inzwi­schen auch eine staat­li­che Unter­su­chung. Die Men­schen­rechts­kom­mis­si­on des paki­sta­ni­schen Senats ana­ly­sier­te 333 Blas­phe­mie­fäl­le aus den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren. Das Ergeb­nis: Die gro­ße Mehr­heit der Anschul­di­gun­gen sei unbe­grün­det und häu­fig durch per­sön­li­che Kon­flik­te motiviert.

„Wir haben gese­hen, daß Men­schen Blas­phe­mie­vor­wür­fe als Waf­fe gegen ande­re ein­set­zen“, erklär­te die Vor­sit­zen­de der Kom­mis­si­on, Sami­na Mum­taz Zehri.

Es ist ein bemer­kens­wer­tes Ein­ge­ständ­nis. Denn seit Jahr­zehn­ten wei­sen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen und kirch­li­che Ver­tre­ter auf den Miß­brauch des Geset­zes hin. Den­noch wagt die poli­ti­sche Füh­rung kei­ne grund­le­gen­de Reform. Der Grund liegt in der Angst vor isla­mi­sti­schen Grup­pen, die jede Ände­rung als Angriff auf den Islam darstellen. 

Der Ver­such, das Blas­phe­mie­ge­setz zu refor­mie­ren, koste­te den isla­mi­schen Gou­ver­neur des Pun­jab, Sal­man Taseer, und den christ­li­chen Min­der­hei­ten­mi­ni­ster Shah­baz Bhat­ti das Leben: Bei­de wur­den 2011 von isla­mi­schen Extre­mi­sten ermor­det, nach­dem sie sich für eine Ände­rung bzw. eine Ein­schrän­kung des Geset­zes ein­ge­setzt hat­ten. Für Shah­baz Bhat­ti, der sein Glau­bens­zeug­nis als Testa­ment ver­faß­te, ist das Selig­spre­chungs­ver­fah­ren im Gange.

Das Gesetz ist eine Quel­le von Angst, Unge­rech­tig­keit und Gewalt.

Christen besonders gefährdet

Zwar sind vie­le der Beschul­dig­ten Mus­li­me, doch die reli­giö­sen Min­der­hei­ten sind über­pro­por­tio­nal betrof­fen. Obwohl sie ledig­lich 3,5 Pro­zent der paki­sta­ni­schen Bevöl­ke­rung bil­den, machen sie nahe­zu die Hälf­te der­je­ni­gen aus, die wegen Blas­phe­mie­vor­wür­fen beschul­digt werden.

Die Zah­len sind alar­mie­rend: Seit Ein­füh­rung der heu­ti­gen Blas­phe­mie­ge­setz­ge­bung wur­den tau­sen­de Men­schen beschul­digt. Immer mehr Men­schen lan­den jah­re­lang im Gefäng­nis, oft ohne rechts­kräf­ti­ges Urteil. Man­che ster­ben dort, bevor ihr Fall über­haupt ent­schie­den wird.

Zu den jüng­sten Opfern gehört Amir Peter, ein 61jähriger Christ mit Demenz. Er starb im Gefäng­nis von Laho­re, wo er wegen eines fal­schen Blas­phe­mie­vor­wurfs auf sei­nen Pro­zeß war­te­te. Akti­vi­sten berich­ten, er sei wäh­rend sei­ner Haft unter Druck gesetzt und miß­han­delt wor­den, um ein Geständ­nis abzulegen.

Auch Den­nis Albert ver­brach­te mehr als zwei Jah­re im Gefäng­nis, bevor er von fal­schen Vor­wür­fen frei­ge­spro­chen wur­de. Der blin­de katho­li­sche Christ Nade­em Masih muß­te zehn Mona­te Haft ertra­gen, bevor auch sein Ver­fah­ren mit einem Frei­spruch endete.

Jaranwala: Die Erinnerung an den Mob von 2023

Die Angst der Chri­sten in Paki­stan ist nicht unbe­grün­det. Noch frisch ist die Erin­ne­rung an die Aus­schrei­tun­gen von Jar­an­wa­la im August 2023.

Damals ver­brei­te­ten sich eben­falls Vor­wür­fe der Blas­phe­mie. Eine auf­ge­hetz­te isla­mi­sche Men­ge griff christ­li­che Vier­tel an, zer­stör­te und plün­der­te Kir­chen und setz­te zahl­rei­che Häu­ser von Chri­sten in Brand. Fami­li­en muß­ten flie­hen, wäh­rend Sicher­heits­kräf­te Mühe hat­ten, die Gewalt einzudämmen.

Der Angriff von Jar­an­wa­la wur­de inter­na­tio­nal ver­ur­teilt – doch für vie­le Chri­sten blieb die ent­schei­den­de Fra­ge unbe­ant­wor­tet: War­um konn­ten sol­che Gewalt­ex­zes­se über­haupt geschehen?

Shahzad und Shama: Ein Symbol fehlender Gerechtigkeit

Der wohl erschüt­ternd­ste Fall der ver­gan­ge­nen Jah­re ist der Mord an Shahzad Masih und Shama Bibi, sei­ner Ehefrau.

2014 wur­den die bei­den Chri­sten auf­grund eines fal­schen Blas­phe­mie­vor­wurfs von einer mus­li­mi­schen Men­schen­men­ge miß­han­delt und leben­dig in einem Zie­gel­ofen ver­brannt. Die Tat löste welt­weit Ent­set­zen aus.

Doch auch hier blieb die voll­stän­di­ge Gerech­tig­keit aus. Der Ober­ste Gerichts­hof Paki­stans sprach die ange­klag­ten Mus­li­me spä­ter frei, weil die Staats­an­walt­schaft das Ver­fah­ren so man­gel­haft geführt hat­te, daß eine Ver­ur­tei­lung nicht mög­lich gewe­sen sei.

Für die Ange­hö­ri­gen der Opfer blieb damit eine bit­te­re Bot­schaft zurück: Selbst ein grau­sa­mer Mord im Namen eines fal­schen Blas­phe­mie­vor­wurfs kann in Paki­stan ohne ange­mes­se­ne Kon­se­quen­zen bleiben.

Eine Situa­ti­on, die Angst und Ohn­macht produziert.

Ein Rechts­staat schützt sei­ne Bür­ger nicht nur durch Geset­ze, son­dern auch dadurch, daß Geset­ze nicht als Waf­fen gegen Schwä­che­re ver­wen­det wer­den können.

In Paki­stan ist der Blas­phe­mie­pa­ra­graph jedoch zu einem Mit­tel gewor­den, mit dem Men­schen bedroht, ent­eig­net oder getö­tet wer­den kön­nen. Beson­ders Chri­sten leben unter einem per­ma­nen­ten Verdacht.

Die Tra­gö­die besteht nicht nur dar­in, daß fal­sche Anschul­di­gun­gen erho­ben wer­den. Die grö­ße­re Tra­gö­die besteht dar­in, daß die­je­ni­gen, die sol­che Anschul­di­gun­gen aus Haß oder Eigen­nutz ver­brei­ten, nur sel­ten zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen werden.

Solan­ge Täter wis­sen, daß ein Gerücht genügt, um eine christ­li­che Fami­lie um ihren Besitz brin­gen, sie ver­trei­ben oder gar töten zu kön­nen, ohne dafür belangt zu wer­den, bleibt die Blas­phe­mie­ge­setz­ge­bung eine offe­ne Wun­de Paki­stans – und ein Mahn­zei­chen für die bedräng­ten Chri­sten des Landes.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Asia­News (Screen­shot)

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