Von der angeblichen Gotteslästerung zur Hetzjagd: In Pakistan genügt oft ein Gerücht, um das Leben eines Menschen zu zerstören. Selbst staatliche Stellen räumen inzwischen ein, daß viele Blasphemievorwürfe erfunden sind. Doch die Täter von Gewalt gegen Christen bleiben meist unbehelligt.
Karatschi hätte erneut Schauplatz einer Katastrophe werden können. Wieder stand eine christliche Familie am Rand einer Lynchjustiz, wieder drohte eine aufgehetzte Menge, im Namen des Blasphemievorwurfs über Leben und Tod zu entscheiden.
Am 9. Juli wurde in der Qazafi Colony im Stadtteil Baldia Town eine Koranseite verbrannt und zusammen mit einem Foto des Christen Azeem Javaid und seiner Mutter sowie einer Kopie eines Ausweisdokuments an einen muslimischen Händler geschickt. Die Botschaft war klar: eine Tat mit Visistenkarte. Der Christ Javaid sollte als angeblicher Gotteslästerer identifiziert und der Menge ausgeliefert werden.
Obwohl das Ansinnen durchsichtig war, versammelten sich hunderte Muslime daraufhin vor seinem Haus. Die Polizei, die einschreiten wollte, wurde zunächst mit Steinen und Stöcken angegriffen. Erst der Einsatz weiterer Sicherheitskräfte konnte verhindern, daß sich die Szene wiederholte, die Pakistan bereits mehrfach erschüttert hat: ein entfesselter islamischer Mob, brennende Häuser und Christen auf der Flucht.
Mehrere christliche Familien in Baldia Town harrten eingeschlossen in ihren Häusern aus und fürchteten um ihr Leben. Menschenrechtsanwalt Asif Bastian erklärte, das schnelle Eingreifen der Behörden habe eine größere Tragödie verhindert.
Doch der Fall zeigt ein tiefer liegendes Problem: Der Blasphemieparagraph ist in Pakistan längst nicht nur ein Gesetz, sondern ein Instrument, das von einzelnen Personen mißbraucht werden kann, um persönliche Feindschaften, wirtschaftliche Konflikte oder private Rache auszutragen.
Das Blasphemiegesetz mit seiner einseitigen Begünstigung des Islam wurde erst 1986 unter General Muhammad Zia-ul-Haq im Zuge der von ihm betriebenen Islamisierung eingeführt. Wie viele Unschuldige diesem Gesetz seither zum Opfer gefallen sind, ist nicht bekannt. Ein Bericht nennt für 2024 etwa 767 Personen, die wegen Blasphemievorwürfen im Gefängnis saßen.
Laut dem Center for Research and Security Studies wurden bis Mai 2024 mindestens 104 Menschen nach Blasphemievorwürfen außergerichtlich getötet – also durch fanatisierte Mobs und nicht aufgrund eines gerichtlichen Verfahrens. Das Gesetz selbst sieht nicht nur Gefängnisstrafen, sondern in schweren Fällen auch die Todesstrafe vor. Allerdings wurde bisher noch kein Todesurteil aufgrund des Blasphemiegesetzes vollstreckt. Der Fall Asia Bibi erregte vor einigen Jahren weltweites Aufsehen. Nach langwierigen Verhandlungen wurde ihr schließlich die Ausreise nach Kanada erlaubt.
Eine Quelle aus dem Umfeld der Familie Javaid wies darauf hin, daß es keinerlei religiöse Auseinandersetzungen gegeben habe. Vielmehr habe es finanzielle Streitigkeiten gegeben. Die Konstruktion des Vorwurfs sei zudem absurd: Warum sollte ein Christ ein heiliges Buch schänden und anschließend Beweise mit seinem eigenen Bild an einen Ort schicken, an dem er sofort identifiziert werden kann?
Selbst das pakistanische Parlament erkennt den Mißbrauch.
Daß solche Zweifel berechtigt sind, bestätigt inzwischen auch eine staatliche Untersuchung. Die Menschenrechtskommission des pakistanischen Senats analysierte 333 Blasphemiefälle aus den vergangenen fünf Jahren. Das Ergebnis: Die große Mehrheit der Anschuldigungen sei unbegründet und häufig durch persönliche Konflikte motiviert.
„Wir haben gesehen, daß Menschen Blasphemievorwürfe als Waffe gegen andere einsetzen“, erklärte die Vorsitzende der Kommission, Samina Mumtaz Zehri.
Es ist ein bemerkenswertes Eingeständnis. Denn seit Jahrzehnten weisen Menschenrechtsorganisationen und kirchliche Vertreter auf den Mißbrauch des Gesetzes hin. Dennoch wagt die politische Führung keine grundlegende Reform. Der Grund liegt in der Angst vor islamistischen Gruppen, die jede Änderung als Angriff auf den Islam darstellen.
Der Versuch, das Blasphemiegesetz zu reformieren, kostete den islamischen Gouverneur des Punjab, Salman Taseer, und den christlichen Minderheitenminister Shahbaz Bhatti das Leben: Beide wurden 2011 von islamischen Extremisten ermordet, nachdem sie sich für eine Änderung bzw. eine Einschränkung des Gesetzes eingesetzt hatten. Für Shahbaz Bhatti, der sein Glaubenszeugnis als Testament verfaßte, ist das Seligsprechungsverfahren im Gange.
Das Gesetz ist eine Quelle von Angst, Ungerechtigkeit und Gewalt.
Christen besonders gefährdet
Zwar sind viele der Beschuldigten Muslime, doch die religiösen Minderheiten sind überproportional betroffen. Obwohl sie lediglich 3,5 Prozent der pakistanischen Bevölkerung bilden, machen sie nahezu die Hälfte derjenigen aus, die wegen Blasphemievorwürfen beschuldigt werden.
Die Zahlen sind alarmierend: Seit Einführung der heutigen Blasphemiegesetzgebung wurden tausende Menschen beschuldigt. Immer mehr Menschen landen jahrelang im Gefängnis, oft ohne rechtskräftiges Urteil. Manche sterben dort, bevor ihr Fall überhaupt entschieden wird.
Zu den jüngsten Opfern gehört Amir Peter, ein 61jähriger Christ mit Demenz. Er starb im Gefängnis von Lahore, wo er wegen eines falschen Blasphemievorwurfs auf seinen Prozeß wartete. Aktivisten berichten, er sei während seiner Haft unter Druck gesetzt und mißhandelt worden, um ein Geständnis abzulegen.
Auch Dennis Albert verbrachte mehr als zwei Jahre im Gefängnis, bevor er von falschen Vorwürfen freigesprochen wurde. Der blinde katholische Christ Nadeem Masih mußte zehn Monate Haft ertragen, bevor auch sein Verfahren mit einem Freispruch endete.
Jaranwala: Die Erinnerung an den Mob von 2023
Die Angst der Christen in Pakistan ist nicht unbegründet. Noch frisch ist die Erinnerung an die Ausschreitungen von Jaranwala im August 2023.
Damals verbreiteten sich ebenfalls Vorwürfe der Blasphemie. Eine aufgehetzte islamische Menge griff christliche Viertel an, zerstörte und plünderte Kirchen und setzte zahlreiche Häuser von Christen in Brand. Familien mußten fliehen, während Sicherheitskräfte Mühe hatten, die Gewalt einzudämmen.
Der Angriff von Jaranwala wurde international verurteilt – doch für viele Christen blieb die entscheidende Frage unbeantwortet: Warum konnten solche Gewaltexzesse überhaupt geschehen?
Shahzad und Shama: Ein Symbol fehlender Gerechtigkeit
Der wohl erschütterndste Fall der vergangenen Jahre ist der Mord an Shahzad Masih und Shama Bibi, seiner Ehefrau.
2014 wurden die beiden Christen aufgrund eines falschen Blasphemievorwurfs von einer muslimischen Menschenmenge mißhandelt und lebendig in einem Ziegelofen verbrannt. Die Tat löste weltweit Entsetzen aus.
Doch auch hier blieb die vollständige Gerechtigkeit aus. Der Oberste Gerichtshof Pakistans sprach die angeklagten Muslime später frei, weil die Staatsanwaltschaft das Verfahren so mangelhaft geführt hatte, daß eine Verurteilung nicht möglich gewesen sei.
Für die Angehörigen der Opfer blieb damit eine bittere Botschaft zurück: Selbst ein grausamer Mord im Namen eines falschen Blasphemievorwurfs kann in Pakistan ohne angemessene Konsequenzen bleiben.
Eine Situation, die Angst und Ohnmacht produziert.
Ein Rechtsstaat schützt seine Bürger nicht nur durch Gesetze, sondern auch dadurch, daß Gesetze nicht als Waffen gegen Schwächere verwendet werden können.
In Pakistan ist der Blasphemieparagraph jedoch zu einem Mittel geworden, mit dem Menschen bedroht, enteignet oder getötet werden können. Besonders Christen leben unter einem permanenten Verdacht.
Die Tragödie besteht nicht nur darin, daß falsche Anschuldigungen erhoben werden. Die größere Tragödie besteht darin, daß diejenigen, die solche Anschuldigungen aus Haß oder Eigennutz verbreiten, nur selten zur Verantwortung gezogen werden.
Solange Täter wissen, daß ein Gerücht genügt, um eine christliche Familie um ihren Besitz bringen, sie vertreiben oder gar töten zu können, ohne dafür belangt zu werden, bleibt die Blasphemiegesetzgebung eine offene Wunde Pakistans – und ein Mahnzeichen für die bedrängten Christen des Landes.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: AsiaNews (Screenshot)
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