Vor einigen Tagen hinterließ eine zur Piusbruderschaft gehörenden Leserin, die sich in aller Bescheidenheit mit dem Namen „Isabel de Castilla“ meldete, einige Kommentare, in denen sie ihre Freude nicht nur über die Bischofsweihen zum Ausdruck brachte, sondern auch darüber, daß – wie sie sagte – nun die falschen Vertreter der Tradition an der Reihe seien, also jene, die zwar die überlieferte Messe verteidigen, aber nicht Teil der Priesterbruderschaft St. Pius X. sind, sondern den sogenannten Ecclesia-Dei-Gemeinschaften nahestehen oder den Rom treuen traditionellen Bewegungen angehören, wie beispielsweise den Wallfahrten „Unsere Liebe Frau der Christenheit“. Wir alle – denn ich gehöre auch zu dieser Gruppe – würden von dem modernistischen Rom hinweggefegt und vielleicht ebenfalls exkommuniziert werden.
Ich möchte klarstellen, daß die innere Freude, die diese Prophezeiung bei der Kommentatorin hervorgerufen hat, ihre persönliche Angelegenheit ist; keineswegs glaube ich, daß dies der Geist ist, der die Mehrheit der Gläubigen der FSSPX beseelt. Dafür gibt es einen sehr einfachen Grund: Der Kampf von Erzbischof Lefebvre bestand darin, daß die traditionelle Messe von jedem Priester gefeiert werden können sollte und nicht nur von den Priestern seines eigenen Instituts.
Es ist durchaus möglich, daß Frau Isabel recht hat. Diese Ansicht stammt nicht nur von ihr; auch einige innerhalb unserer eigenen Reihen befürchten dasselbe. Ich hingegen vertrete eine andere Meinung, erkenne aber an, daß wir in diesem Bereich keine Gewißheiten haben. Genau deshalb können wir nur Vermutungen anstellen, also Annahmen, die sich aus Anhaltspunkten ergeben, die nicht ausreichen, um Gewißheit zu erlangen. Und genau das werde ich in diesem Artikel tun: eine Vermutung formulieren, wobei ich mir bewußt bin, daß es sich dabei um Schlußfolgerungen aus Indizien handelt. Ich verfüge über bestimmte Daten, aber die daraus gezogene Folgerung geht über das hinaus, was diese Daten allein garantieren können. Kurz gesagt: Ich kann mich irren.
In diesem Fall ist es entscheidend zu wissen, wer die Entscheidungen treffen wird – und das ist Papst Leo. Während Franziskus unberechenbar war, weil es seiner Persönlichkeit entsprach, durch sein Verhalten und seine Entscheidungen zu überraschen, ist Leo anders und wesentlich vorhersehbarer. Er weist drei grundlegende Eigenschaften auf: Er ist ein US-Amerikaner aus dem Mittleren Westen, er ist (oder war) ein Angehöriger eines Bettelordens und er ist Kirchenrechtler.
Robert Francis Prevost wurde in Chicago geboren und ausgebildet, im Herzen eines US-amerikanischen Katholizismus mit stark institutioneller Prägung: gut organisierte Pfarreien, Schulen und Diözesen mit einer soliden Verwaltungsstruktur. Die Kultur des Mittleren Westens – im Gegensatz zu jener der Küstenregionen, die wechselhafter und ausdrucksstärker ist – neigt zu Pragmatismus, Zurückhaltung, Mißtrauen gegenüber großartigen Gesten und einer sehr hohen Wertschätzung institutioneller Effizienz sowie des „richtigen Erledigens der Dinge“ anstelle spektakulärer Auftritte. Dies erklärt seinen bisherigen Regierungsstil: vorsichtig, wenig geneigt zu spontanen Erklärungen, mit Vorliebe für institutionelle Kanäle (Konsistorien, Audienzen, Dikasterien) statt für medienwirksame Ankündigungen. Es handelt sich um ein Profil, das durch Verfahren verwaltet und nicht durch persönliche Charisma-Herrschaft geprägt ist, wie dies bei Bergoglio der Fall war.
Daher verstehen sich auch die aufschlußreichen Worte, die er vor einem Monat bei einer seiner gelegentlichen Pressekonferenzen beim Verlassen von Castel Gandolfo äußerte, als er nach den Bischofsweihen gefragt wurde: „Wir müssen weitermachen“. Mit anderen Worten: Wenn die Piusbruderschaft gegen den Willen des Papstes Bischöfe weihen will, dann soll sie es tun. Wir werden weitergehen. Die Angelegenheit ist abgeschlossen und während seines Pontifikats zumindest beendet – so abgeschlossen, wie auch die Reform des Vikariats abgeschlossen wurde.
Und ich vermute, daß er dasselbe mit der traditionellen Welt tun wird, die in Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl steht. Leo weiß sehr genau, daß er sie – unabhängig von seiner persönlichen Meinung – nicht ausrotten kann. Genau dies war die Lösung, die Bergoglio mit Traditionis custodes anstrebte, und schon kurze Zeit später mußte er feststellen, daß die Dinge dadurch nicht nur nicht gelöst worden waren, sondern daß er vielmehr ein wahres Chaos verursacht hatte. Genau deshalb begann er rasch zurückzurudern, indem er der Priesterbruderschaft St. Petrus weitreichende Ausnahmen gewährte und damit folgerichtig auch den übrigen Ecclesia-Dei-Instituten entgegenkam, und indem er sich weigerte, die Apostolische Konstitution Solutio finalis nach Auschwitz-Art zu unterzeichnen, die ihm Kardinal Roche vorgelegt hatte, wie wir seinerzeit berichtet haben.
Um die Frage, die sich mindestens seit 1988 hinzieht, endgültig abzuschließen, sagte Papst Leo, was er tun werde: Er werde beraten. Und wir wissen, daß er tatsächlich beraten hat, denn dies wurde öffentlich bekannt. Wir haben über dieses Thema gesprochen. Die Lösung wäre ihm zufolge – und er weiß das – eine Rückkehr zur benediktinischen pax liturgica, die durch Traditionis custodes zerbrochen wurde; doch die Eigenschaften seiner Persönlichkeit erlauben es ihm nicht, dieses letzte Dokument einfach aufzuheben.
Keine Institution funktioniert durch ständige Richtungswechsel; ein guter Herrscher weiß Mittel zu finden, die es ihm ermöglichen, Lösungen zu erreichen, ohne auf Extreme zurückzugreifen. Was er tun wird – und das sind nur Vermutungen meinerseits –, wird sein, Schritt für Schritt das waghalsige Konstrukt abzubauen, das Kardinal Roche und sein Sekretär Viola mit Unterstützung weiterer Würdenträger der Kurie im Dikasterium für den Gottesdienst errichtet haben.
Und diese Vermutung ist kein bloßer Wunschtraum; die Tatsachen rechtfertigen sie. Seit Papst Leo sein Amt übernommen hat, gab es Anzeichen dafür, daß er bereit ist, den Diözesanbischöfen größere Freiheit einzuräumen, um auf die legitimen Bitten der Anhänger der Tradition einzugehen, indem er die strengen Beschränkungen des vorherigen Systems lockert. Bedeutende Verantwortungsträger des Vatikans aus Vergangenheit und Gegenwart sind zu derselben Einschätzung gelangt.
„Traditionis custodes ist gescheitert; wir müssen zu Summorum Pontificum zurückkehren“, erklärte Kardinal Gerhard Müller, der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation. „Die Aufrechterhaltung der Verbote ist eine Hilfe für die lefebvrianische Propaganda.“
„Wir müssen Traditionis custodes neu überdenken, insbesondere im Hinblick auf jene Gläubigen, die sich von [der traditionellen Liturgie] angezogen fühlen, ohne die Ideologie der FSSPX zu teilen“, stimmt Kardinal Kurt Koch zu, der Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen.
Kardinal Angelo Bagnasco, emeritierter Erzbischof von Genua, erkennt die pastorale Weisheit darin, die traditionelle Liturgie zu fördern, wie es Summorum erlaubt: „Wenn in diesem Bereich die Unterschiede nicht zu Absolutheiten, Fahnen oder Lagern werden – warum nicht? Das Heil der Seelen ist die Sendung der Kirche.“
Und es sollte nicht überraschen, daß auch Erzbischof Georg Gänswein, der langjährige Sekretär Papst Benedikts, dieselbe Weisheit in Summorum erkennt. „Ich glaube, daß Papst Franziskus einen Fehler gemacht hat, ohne es zu bemerken“, sagte er über Traditionis custodes. Er räumt ein, daß Papst Franziskus die Einheit gesucht, „aber das Gegenteil bewirkt“ habe.
Und wir könnten noch zahlreiche weitere Zeugnisse in dieselbe Richtung hinzufügen, etwa die des Abtes von Solesmes, jene von Kardinal Burke und sogar von Kardinal Höllerich.
*Caminante Wanderer ist ein argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Caminante Wanderer
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