Von Aurelio Porfiri*
Vor einigen Tagen sprach Papst Leo XIV. in einer Antwort auf Fragen von Journalisten die bevorstehenden Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. an. Selbstverständlich erklärte er, daß ihn diese Weihen betrübten, da sie der Einheit der Kirche eine Wunde zufügten. Sodann führte er hinsichtlich der Gründe für die Trennung von der Bruderschaft aus:
„Gewiß ist die Spaltung unter den Christen ein schmerzlicher Punkt. Doch sie weigern sich, gewisse grundlegende Elemente der Kirche anzunehmen, angefangen bei mehreren Punkten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wenn sie diese Entscheidung treffen, bedaure ich das. Aber wir müssen voranschreiten.“
Diese Aussage erscheint mir interessant, bedürfte jedoch einer näheren Präzisierung. In seiner Antwort läßt der Papst erkennen, daß gewisse Punkte des Zweiten Vatikanischen Konzils zu den grundlegenden Elementen der Kirche gehören, welche von der Priesterbruderschaft St. Pius X. zurückgewiesen werden. Es wäre interessant zu erfahren, welche weiteren Elemente er dabei im Auge hat. Tatsächlich glaube ich, daß die grundlegende Frage gerade die des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, eine Frage, die nicht nur die traditionalistische Welt betrifft, sondern die gesamte Kirche.
Trotz der Absichten der Konzilsväter erleben wir heute eine bedauerliche Verhärtung um gewisse Positionen, die sich zwar mit Worten auf den „Geist des Konzils“ berufen, ihm in Wirklichkeit jedoch nicht entsprechen. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Liturgie, die inzwischen einem auf Klippen aufgelaufenen Schiff gleicht und nicht mehr imstande ist, den ursprünglichen Schwung der Liturgiereform wiederzugewinnen. Diese Reform war von Ideen und Denkströmungen inspiriert, die die Kirche bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bewegten (man denke an Solesmes) und nicht erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Benediktiner Lambert Beauduin.
Ich glaube, daß die Annahme des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht nur ein Problem der Priesterbruderschaft St. Pius X. ist, sondern in noch weit verheerenderer Weise innerhalb des vorherrschenden Katholizismus. Dort haben sich nicht wenige des Konzils bedient, um Vorstellungen durchzusetzen, die mit dem Konzil selbst nichts zu tun hatten.
Wenn es ein Problem mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seiner Hermeneutik gibt, dann ist dieses innerhalb der vorherrschenden Kirche gewiß weit dringlicher als in den Vorbehalten, die von klar umrissenen Gruppen sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite geäußert werden. Die Frage der Liturgie ist nur ein Beispiel für diese Krise. Wenn die reformierte Liturgie jene ist, die wir in allzu vielen unserer Pfarreien erleben, wie sollte man dann die empörte Ablehnung mancher nicht verstehen? Sie stellt nur noch ein blasses Abbild der Liturgie in ihrem eigentlichen und authentischsten Wesen dar. Jene Gegenwart, von der der Diener Gottes Divo Barsotti in seinen zahlreichen Schriften so oft gesprochen hat, ist dort kaum mehr wahrnehmbar.
Der Heilige Vater tut gut daran, eine Aussöhnung mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. anzustreben. Und ich hoffe, daß er dieselbe Entschlossenheit zeigen wird, um eine Kirche zu wecken, die geistlich eingeschlafen zu sein scheint und nahezu unfähig geworden ist, sich als das Salz der Erde darzubieten.
*Aurelio Porfiri ist Komponist, Chorleiter, Musikerzieher und Buchautor. Sein schriftstellerisches Werk umfaßt 30 Bücher und mehr als 600 Artikel, die in verschiedenen Ländern und zahlreichen Medien veröffentlicht wurden. Diesen Text verfaßte er für die traditionsverbundene französische Internetseite Le Salon Beige.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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