Die Frage des Zweiten Vatikanischen Konzils

Unfähig geworden, sich als das Salz der Erde darzubieten


Papst Leo XIV. leitet seit Mai 2025 die Kirche
Papst Leo XIV. leitet seit Mai 2025 die Kirche

Von Aure­lio Porfiri*

Vor eini­gen Tagen sprach Papst Leo XIV. in einer Ant­wort auf Fra­gen von Jour­na­li­sten die bevor­ste­hen­den Bischofs­wei­hen der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. an. Selbst­ver­ständ­lich erklär­te er, daß ihn die­se Wei­hen betrüb­ten, da sie der Ein­heit der Kir­che eine Wun­de zufüg­ten. Sodann führ­te er hin­sicht­lich der Grün­de für die Tren­nung von der Bru­der­schaft aus:

„Gewiß ist die Spal­tung unter den Chri­sten ein schmerz­li­cher Punkt. Doch sie wei­gern sich, gewis­se grund­le­gen­de Ele­men­te der Kir­che anzu­neh­men, ange­fan­gen bei meh­re­ren Punk­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils. Wenn sie die­se Ent­schei­dung tref­fen, bedau­re ich das. Aber wir müs­sen voranschreiten.“

Die­se Aus­sa­ge erscheint mir inter­es­sant, bedürf­te jedoch einer nähe­ren Prä­zi­sie­rung. In sei­ner Ant­wort läßt der Papst erken­nen, daß gewis­se Punk­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zu den grund­le­gen­den Ele­men­ten der Kir­che gehö­ren, wel­che von der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. zurück­ge­wie­sen wer­den. Es wäre inter­es­sant zu erfah­ren, wel­che wei­te­ren Ele­men­te er dabei im Auge hat. Tat­säch­lich glau­be ich, daß die grund­le­gen­de Fra­ge gera­de die des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils ist, eine Fra­ge, die nicht nur die tra­di­tio­na­li­sti­sche Welt betrifft, son­dern die gesam­te Kirche.

Trotz der Absich­ten der Kon­zils­vä­ter erle­ben wir heu­te eine bedau­er­li­che Ver­här­tung um gewis­se Posi­tio­nen, die sich zwar mit Wor­ten auf den „Geist des Kon­zils“ beru­fen, ihm in Wirk­lich­keit jedoch nicht ent­spre­chen. Beson­ders deut­lich zeigt sich dies in der Lit­ur­gie, die inzwi­schen einem auf Klip­pen auf­ge­lau­fe­nen Schiff gleicht und nicht mehr imstan­de ist, den ursprüng­li­chen Schwung der Lit­ur­gie­re­form wie­der­zu­ge­win­nen. Die­se Reform war von Ideen und Denk­strö­mun­gen inspi­riert, die die Kir­che bereits seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts beweg­ten (man den­ke an Soles­mes) und nicht erst seit dem Beginn des 20. Jahr­hun­derts mit dem Bene­dik­ti­ner Lam­bert Beauduin.

Ich glau­be, daß die Annah­me des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils nicht nur ein Pro­blem der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. ist, son­dern in noch weit ver­hee­ren­de­rer Wei­se inner­halb des vor­herr­schen­den Katho­li­zis­mus. Dort haben sich nicht weni­ge des Kon­zils bedient, um Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen, die mit dem Kon­zil selbst nichts zu tun hatten.

Wenn es ein Pro­blem mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil und sei­ner Her­me­neu­tik gibt, dann ist die­ses inner­halb der vor­herr­schen­den Kir­che gewiß weit dring­li­cher als in den Vor­be­hal­ten, die von klar umris­se­nen Grup­pen sowohl auf der rech­ten als auch auf der lin­ken Sei­te geäu­ßert wer­den. Die Fra­ge der Lit­ur­gie ist nur ein Bei­spiel für die­se Kri­se. Wenn die refor­mier­te Lit­ur­gie jene ist, die wir in all­zu vie­len unse­rer Pfar­rei­en erle­ben, wie soll­te man dann die empör­te Ableh­nung man­cher nicht ver­ste­hen? Sie stellt nur noch ein blas­ses Abbild der Lit­ur­gie in ihrem eigent­li­chen und authen­tisch­sten Wesen dar. Jene Gegen­wart, von der der Die­ner Got­tes Divo Bar­sot­ti in sei­nen zahl­rei­chen Schrif­ten so oft gespro­chen hat, ist dort kaum mehr wahrnehmbar.

Der Hei­li­ge Vater tut gut dar­an, eine Aus­söh­nung mit der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. anzu­stre­ben. Und ich hof­fe, daß er die­sel­be Ent­schlos­sen­heit zei­gen wird, um eine Kir­che zu wecken, die geist­lich ein­ge­schla­fen zu sein scheint und nahe­zu unfä­hig gewor­den ist, sich als das Salz der Erde darzubieten.

*Aure­lio Porf­iri ist Kom­po­nist, Chor­lei­ter, Musik­erzie­her und Buch­au­tor. Sein schrift­stel­le­ri­sches Werk umfaßt 30 Bücher und mehr als 600 Arti­kel, die in ver­schie­de­nen Län­dern und zahl­rei­chen Medi­en ver­öf­fent­licht wur­den. Die­sen Text ver­faß­te er für die tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne fran­zö­si­sche Inter­net­sei­te Le Salon Beige.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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