Einige Studien über den Satanismus (4. Teil)

Luziferianismus


Eini­ge Stu­di­en über den Sata­nis­mus (1. Teil)
Eini­ge Stu­di­en über den Sata­nis­mus (2. Teil)
Eini­ge Stu­di­en über den Sata­nis­mus (3. Teil)

Von Pater Pao­lo M. Siano*

5. Ein Buch von Per Faxneld und Johan Nilsson: „Satanism. A Reader“ (2023)

Im Jah­re 2023 ver­öf­fent­lich­te die Oxford Uni­ver­si­ty Press das Buch „Sata­nism. A Rea­der“ („Sata­nis­mus. Ein Lese­buch“), eine Samm­lung von zwan­zig Auf­sät­zen über den Sata­nis­mus mit einem Gesamt­um­fang von 351 Sei­ten, her­aus­ge­ge­ben von den schwe­di­schen Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lern Per Fax­neld und Johan Nils­son. Fax­neld ist uns bereits begeg­net: In einem frü­he­ren Teil die­ser Stu­die habe ich sein Buch „Sata­nic Femi­nism: Luci­fer as the Libera­tor of Woman in Nine­te­enth-Cen­tu­ry Cul­tu­re“ („Sata­ni­scher Femi­nis­mus: Luzi­fer als Befrei­er der Frau in der Kul­tur des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts“) unter­sucht (sie­he hier).

Fax­neld und Nils­son ver­tre­ten erneut The­sen, die ich bereits im zwei­ten und drit­ten Teil die­ser Stu­die dar­ge­stellt und kri­ti­siert habe.

Im fol­gen­den möch­te ich auf eini­ge der Bei­trä­ge ein­ge­hen, die in dem von Fax­neld und Nils­son her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­band ent­hal­ten sind.

5.1. Der „explizite“, „öffentliche“ Satanismus: ein Produkt der Säkularisierung …

In der Ein­lei­tung („Intro­duc­tion“, S. 1–23) ver­tre­ten die bei­den schwe­di­schen Gelehr­ten die Auf­fas­sung, der Sata­nis­mus sei ein Phä­no­men, das bereits zu Beginn des Chri­sten­tums erfun­den wor­den sei, als die Kir­chen­vä­ter („Church Fathers“) an phan­ta­sti­sche Erzäh­lun­gen über Teu­fels­an­be­ter und maka­bre Ritua­le geglaubt hät­ten (vgl. S. 1).

Die­ser The­se stim­me ich selbst­ver­ständ­lich nicht zu. Zutref­fend und bemer­kens­wert erscheint mir hin­ge­gen fol­gen­de Beob­ach­tung der bei­den schwe­di­schen For­scher: Der Sata­nis­mus, ver­stan­den als „offe­ne“ Iden­ti­tät bezie­hungs­wei­se als offe­nes Phä­no­men, also als etwas Offen­kun­di­ges oder Aus­drück­li­ches, konn­te erst in dem Maße in Erschei­nung tre­ten, wie die welt­li­che Macht der Chri­sten­heit geschwächt wur­de; der Sata­nis­mus ist ein unmit­tel­ba­res Pro­dukt der Säku­la­ri­sie­rung, wel­che die Bin­dun­gen zwi­schen Staat und Gesell­schaft einer­seits sowie Kir­che und Reli­gi­on ande­rer­seits löst:

„Natu­ral­ly, Sata­nism as an open iden­ti­ty only beca­me pos­si­ble in a time when Christianity’s hold on legal systems and social norms had wea­k­en­ed. In that sen­se, Sata­nism is a direct pro­duct of secu­la­rizati­on (under­s­tood pri­ma­ri­ly as the seve­ring of ties bet­ween state/​public sphe­re and reli­gi­on).“ („Selbst­ver­ständ­lich wur­de der Sata­nis­mus als offe­ne Iden­ti­tät erst in einer Zeit mög­lich, in der der Ein­fluß des Chri­sten­tums auf die Rechts­sy­ste­me und die gesell­schaft­li­chen Nor­men geschwun­den war. In die­sem Sin­ne ist der Sata­nis­mus ein unmit­tel­ba­res Pro­dukt der Säku­la­ri­sie­rung, ver­stan­den vor allem als Lösung der Ver­bin­dun­gen zwi­schen Staat bezie­hungs­wei­se öffent­li­cher Sphä­re und Reli­gi­on.“) (S. 5)

5.2. Eliphas Lévi und Lucifer

In dem Auf­satz „Eli­phas Lévi, La Bible de la liber­té“ („Eli­phas Lévi, Die Bibel der Frei­heit“, 1841, S. 24–40) zeigt Pro­fes­sor Juli­an Stru­be, daß Alphon­se-Lou­is Con­stant (bes­ser bekannt als Eli­phas Lévi, fran­zö­si­scher Sozia­list und Okkul­tist) in sei­ner „Bible de la liber­té“ „Luci­fer“ als Befrei­er der Frau und als aus dem Para­dies ver­trie­be­nen Mär­ty­rer preist (vgl. S. 30).

Nach Con­stant ist Gott zugleich männ­lich und weib­lich (vgl. S. 32, Anm. 34).

In sei­nem „Testa­ment de la liber­té“ („Testa­ment der Frei­heit“) stellt Con­stant Luci­fer als Erlö­ser der Mensch­heit dar, der zunächst durch Lei­den sich selbst erlö­sen müs­se (vgl. S. 32).

Spä­ter spricht Con­stant bezie­hungs­wei­se Eli­phas Lévi in sei­nem Werk „Dog­me et rituel de la hau­te magie“ („Dog­ma und Ritu­al der hohen Magie“) vom „Bapho­met“, einer andro­gy­nen Gestalt, die das uni­ver­sa­le Gleich­ge­wicht der Gegen­sät­ze sym­bo­li­sie­re (vgl. S. 35f).

In dem Buch „La clef des grands mystères“ („Der Schlüs­sel zu den gro­ßen Myste­ri­en“, 1861) zitiert Con­stant bezie­hungs­wei­se Lévi zahl­rei­che Stel­len aus sei­ner frü­he­ren „Bible de la liber­té“ und preist erneut „Luci­fer“ als rebel­li­schen und revo­lu­tio­nä­ren Hel­den, als Engel des Lich­tes und der Frei­heit sowie als Vater der Intel­li­genz (vgl. S. 35).

Zwi­schen 2016 und 2024 lehr­te Stru­be an den Uni­ver­si­tä­ten Amster­dam, Hei­del­berg, Ham­burg, Har­vard und Wien; seit 2024 lehrt er an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen.

5.3. Albert Pike 33° und der gnostische Luzifer [von Eliphas Lévi]

Fre­d­rik Gre­go­ri­us, Dozent an der Uni­ver­si­tät Lin­kö­ping (Schwe­den), stellt in dem Auf­satz „Albert Pike, Morals and Dog­ma of the Anci­ent and Accept­ed Scot­tish Rite of Free­ma­son­ry“ („Albert Pike, Moral und Dog­ma des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus der Frei­mau­re­rei“, 1871, S. 62–68) zwar den Ver­such an, nach­zu­wei­sen, daß der bekann­te Frei­mau­rer Albert Pike 33° weder luci­fe­ria­nisch noch sata­ni­stisch gewe­sen sei, muß jedoch zugleich ein­räu­men, daß Pike in sei­nem Werk „Morals and Dog­ma“ in der Nach­fol­ge von Eli­phas Lévi eine Auf­wer­tung sowohl Luzi­fers (vgl. S. 63, 65f) als auch des Bapho­met (vgl. S. 65) vor­nimmt und zudem zwi­schen Luzi­fer und Satan unter­schei­det (S. 66).

Zu Albert Pike – Eli­phas Lévi – Luzi­fer habe ich bereits im drit­ten Teil die­ser Stu­die geschrie­ben (vgl. Abschnitt 4.8.1.).

Fre­d­rik Gre­go­ri­us räumt hin­sicht­lich der Prä­senz von Gno­sis und Luzi­fer in den Schrif­ten Pikes („Morals and Dog­ma“) ein:

„[…] it is at times pos­si­ble to see a type of Gno­stic under­to­ne in his wri­tin­gs […]“ („[…] mit­un­ter ist in sei­nen Schrif­ten eine Art gno­sti­scher Unter­ton erkenn­bar […]“) (S. 66);

„[…] it could be argued that the­re is a ten­den­cy in the book that can be regard­ed as Gno­stic in the sen­se that it por­trays the God of the Old Testa­ment as the crea­tor, but also as a lower form of exi­stence. Luci­fer, despi­te at times being ambi­va­lent, seems to be a sym­bol of liber­ty and enligh­ten­ment“ („[…] es lie­ße sich argu­men­tie­ren, daß in dem Buch eine Ten­denz vor­han­den ist, die als gno­stisch betrach­tet wer­den kann, inso­fern der Gott des Alten Testa­ments als Schöp­fer, aber zugleich als eine nied­ri­ge­re Seins­form dar­ge­stellt wird. Luzi­fer scheint, trotz sei­ner gele­gent­li­chen Ambi­va­lenz, ein Sym­bol der Frei­heit und der Erleuch­tung zu sein“) (S. 66).

Gre­go­ri­us bemerkt fer­ner, daß sich luci­fe­ria­ni­sche oder sata­ni­sti­sche Grup­pen zur Recht­fer­ti­gung ihrer Glau­bens­über­zeu­gun­gen auf Schrif­ten Albert Pikes beru­fen, wobei er jedoch zugleich betont, daß die­se Grup­pen die ent­spre­chen­den Pas­sa­gen aus ihrem Zusam­men­hang her­aus­rei­ßen (vgl. S. 67).

Es ver­steht sich, daß Gre­go­ri­us mit der Ver­tei­di­gung Pikes 33° zugleich die Frei­mau­re­rei ver­tei­digt, vor allem den Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus.

Gleich­wohl gesteht Gre­go­ri­us selbst aus­drück­lich zu, daß es in „Morals and Dog­ma“ Pas­sa­gen geben kann, in denen Luzi­fer in einem gno­sti­schen Sin­ne auf­ge­wer­tet wird.

Wie ich bereits im Jah­re 2012 in mei­nem Werk „Un manua­le per cono­sce­re la Massoneria“ („Ein Hand­buch der Frei­mau­re­rei“) (S. 211f) geschrie­ben habe, exi­stiert zudem ein wei­te­rer bedeu­ten­der, jedoch kaum bekann­ter oder zitier­ter Text, der Albert Pike zuge­schrie­ben wer­den kann. Es han­delt sich um den Ein­wei­hungs- bezie­hungs­wei­se Wei­he­text der ritu­el­len Kam­mer des 30. Gra­des des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus, in dem Luzi­fer als Mor­gen­stern, Engel des Lichts und der Frei­heit geprie­sen wird.

Der Ver­fas­ser die­ses frei­mau­re­ri­schen Ritu­al­tex­tes (ich hal­te es für wahr­schein­lich, daß es sich tat­säch­lich um Pike 33° han­delt) greift die­se Lob­prei­sun­gen Luzi­fers aus dem bereits genann­ten Werk Eli­phas Lévis „La clef des grands mystères“ auf. Zusam­men­fas­send läßt sich sagen: Albert Pike 33° schätz­te den Luzi­fer Eli­phas Lévis, kei­nes­wegs jedoch den katho­li­schen Gott der Dogmatik.

5.4. Die Gegensätze Luzifer und Satan … und das „reale Geheimnis“ des 32. Grades?

Wir keh­ren zurück zu dem Buch von Per Fax­neld und Johan Nils­son, „Sata­nism. A Rea­der“. In dem Auf­satz „Léo Taxil, Le Pal­la­di­um régé­né­ré et lib­re“ („Léo Taxil, Das rege­ne­rier­te und freie Pal­la­di­um“, 1895, S. 93–100) weist Ruben van Lui­jk – den wir bereits im drit­ten Teil die­ser Stu­die ken­nen­ge­lernt haben – auf einen wich­ti­gen Sach­ver­halt hin: Eli­phas Lévi ver­tritt eine grund­le­gen­de Unter­schei­dung („a fun­da­men­tal distinc­tion“) zwi­schen Luzi­fer [dem Licht] und Satan [der Fin­ster­nis], eine Unter­schei­dung, die auch von Madame Blava­ts­ky über­nom­men wird (vgl. S. 97).

Lei­der heben van Lui­jk und ande­re Autoren (Fax­neld, van Lui­jk usw.), die bei Oxford Uni­ver­si­ty Press publi­zie­ren, nicht aus­rei­chend her­vor, daß es genü­gend Hin­wei­se dar­auf gibt, daß Albert Pike die­se Leh­re der Unter­schei­dung zwi­schen Luzi­fer und Satan eben­falls aus Eli­phas Lévi über­nom­men hat.

Zudem berück­sich­ti­gen die­se Autoren nicht das „rea­le Geheim­nis“ des 32. Gra­des des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus (wie es gera­de Pike in „Morals and Dog­ma“ dar­legt), näm­lich das Gesetz (oder die Waa­ge) der uni­ver­sa­len Gegen­sät­ze in ihrer Ein­heit und Not­wen­dig­keit, dem­zu­fol­ge die Gegen­sät­ze not­wen­dig sind: Gut und Böse, Licht und Fin­ster­nis, Männ­lich und Weib­lich usw.

Es ist nicht schwer zu erken­nen, daß in die­sem Gesetz – und die­ser Gno­sis – auch Gott [das Gute] und Satan [das Böse], Luzi­fer [der gno­sti­sche Gott des Lichts] und Adon­ai [der jüdisch-christ­li­che Gott], Luzi­fer [Licht] und Satan [Fin­ster­nis] ihren Platz haben können.

5.5. Ben Kadosh und die Einheit der Gegensätze: Luzifer, die Finsternis, die das Licht trägt …

Eben­falls inter­es­sant ist der Auf­satz von Johann Nils­son „Ben Kado­sh (aka Carl Wil­liam Han­sen), Den ny mor­gens gry (1906)“ („Ben Kado­sh (auch Carl Wil­liam Han­sen), Der neue Mor­gen däm­mert (1906)“, 1906, S. 122–130). Über den Fall des Frei­mau­rers Ben Kado­sh habe ich bereits im vor­her­ge­hen­den Teil die­ser Stu­die geschrieben.

Nils­son gibt eini­ge Pas­sa­gen aus dem däni­schen Werk des Frei­mau­rers Ben Kadosh/​Hansen „Den ny mor­gens gry“, das ins Eng­li­sche als „The Dawn of the New Mor­ning“ („Der Anbruch des neu­en Mor­gens“) über­setzt wur­de, wie­der (vgl. Nils­son, a. a. O., S. 131–134).

Ben Kado­sh behaup­tet, daß die Frei­mau­re­rei Magie prak­ti­zie­re (vgl. S. 132). Er preist „Luci­fer“ als die Fin­ster­nis, die das Licht trägt, als erha­be­ne Ener­gie und gött­li­che Maje­stät (vgl. S. 133).

5.6. Madame de Naglowska und die Einheit der Gegensätze: Satan dienen, um Gott zu dienen …

In bezug auf den Auf­satz „Maria de Nag­lows­ka, La Lumiè­re du sexe (1932) and ‘Sata­nis­me mas­cu­lin, Sata­nis­me fémi­nin’ (1933)“ („Maria de Nag­lows­ka, Das Licht des Geschlechts und ‚männ­li­cher Sata­nis­mus, weib­li­cher Sata­nis­mus‘“) (S. 135–147) von Hans Tho­mas Hakl und Miche­le Olzi läßt sich die sata­ni­sche Gno­sis der bekann­ten rus­si­schen Eso­te­ri­ke­rin Madame de Nag­lows­ka wie folgt zusammenfassen:

Gott erzeugt die Gegen­sät­ze und ent­hält sie zugleich in sich selbst; Gott erzeugt Wahr­heit und Irr­tum; auch Satan ist inner­halb die­ser Logik der Gegen­sät­ze not­wen­dig; die Ver­nunft ist Satan; Gott ver­neint sich selbst im dia­lek­ti­schen Pro­zeß der Schöp­fung; der Ein­ge­weih­te, der am dia­lek­ti­schen Pro­zeß teil­neh­men will, muß Satan die­nen, um schließ­lich Gott zu die­nen – und dies sei die gehei­me Leh­re der König­li­chen Kunst.

Fer­ner wird nach Madame de Nag­lows­ka Satan mit Sexua­li­tät und ins­be­son­de­re mit weib­li­cher Sexua­li­tät ver­bun­den (vgl. S. 141), Satan ist männ­lich und weib­lich (vgl. S. 144) und zugleich eine weib­li­che Kraft, eine gött­li­che Mut­ter (vgl. S. 145).

5.7. Der „Dragon Rouge“ erklärt sich nicht als satanistisch, preist jedoch Luzifer und praktiziert Schwarze Magie

In dem Auf­satz „Tho­mas Karls­son (Dra­gon Rouge), Kab­ba­la, kliffot och den goe­tis­ka magin (2004)“ („Tho­mas Karls­son (Dra­gon Rouge), Kab­ba­la, Qli­photh und die goe­ti­sche Magie“, S. 306–313) behan­delt der schwe­di­sche Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Fre­d­rik Gre­go­ri­us erneut den Orden Dra­gon Rouge („Roter Dra­che“), einen magi­schen Orden, der 1989 von dem damals noch sehr jun­gen Tho­mas Karls­son (geb. 1972) gegrün­det wur­de. Karls­son arbei­te­te sei­ner­zeit in der bekann­te­sten „New Age“-Buchhandlung Stock­holms, „Vat­tu­man­nen“ („Der Was­ser­mann“), und war mit einer Grup­pe von Per­so­nen in Kon­takt gekom­men, die sich mit tifo­ni­scher und jesi­di­scher Magie beschäf­tig­ten („a group of peo­p­le who were invol­ved in ‘Typho­ni­an and Yezi­di magic’“) und in Göte­borg tätig waren (vgl. S. 306).

Der Dra­gon Rouge betrach­tet sich als magi­schen Orden und nicht als sata­ni­sti­sche Orga­ni­sa­ti­on. Gleich­wohl erklä­ren sei­ne Mit­glie­der, die „Left-hand Path“ („Lin­ke-Hand-Pfad“) und die „Black Magic“ („Schwar­ze Magie“) zu prak­ti­zie­ren. Der „Lin­ke-Hand-Pfad“ zielt auf Selbst­ver­gött­li­chung ab und stellt einen anti­no­mi­sti­schen, trans­gres­si­ven Weg dar.

Der Dra­gon Rouge preist sowohl Luzi­fer als auch Satan (vgl. S. 310f). Nach Auf­fas­sung des Ordens ist Luzi­fer die licht- und weis­heits­brin­gen­de Schlan­ge der Gene­sis (vgl. S. 311f).

Gre­go­ri­us ist der Ansicht, daß der Dra­gon Rouge zwar kein sata­ni­sti­scher Orden sei, gleich­wohl aber jener Denk­lo­gik zuzu­rech­nen ist, aus der der moder­ne Sata­nis­mus her­vor­ge­gan­gen ist, näm­lich der expli­zi­te und öffent­li­che Sata­nis­mus (vgl. S. 312).

5.8. Der Luziferianismus als Einbeziehung der Gegensätze von Licht und Finsternis [erneut die Vereinigung der Gegensätze]

Von gro­ßem Inter­es­se ist fer­ner der Auf­satz „Micha­el W. Ford (The Order of Phos­pho­rus, etc.), The Bible of the Adver­sa­ry (2007)“ („Micha­el W. Ford (Der Orden des Phos­pho­ros usw.), Die Bibel des Wider­sa­chers“) der schwe­di­schen Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­le­rin Oli­via Cej­van (S. 317–326), wel­che die Schrif­ten und Akti­vi­tä­ten des Ame­ri­ka­ners Micha­el W. Ford untersucht.

Ford ist ein Ver­tre­ter des „Left-hand Path“ („Lin­ken-Hand-Pfa­des“) sowie der „Luci­fe­ri­an Witch­craft Tra­di­ti­on“ („Luzi­fe­ria­ni­schen Hexen­tra­di­ti­on“). Er ist Grün­der des Order of Phos­pho­rus (TOPH) („Ordens des Phos­pho­ros“, d. h. Luzi­fers) sowie einer der füh­ren­den Köp­fe der Assem­bly of Light Bea­rers (ALB) („Ver­samm­lung der Licht­trä­ger“ bezie­hungs­wei­se der Luzi­fer­trä­ger), die frü­her unter dem Namen Grea­ter Church of Luci­fer (TGCL) („Grö­ße­re Kir­che Luzi­fers“) bekannt war (vgl. S. 317).

Ford ver­tritt die Auf­fas­sung, daß der „Luci­fe­ria­nism“ („Luzi­fe­ria­nis­mus“) über den Dua­li­tä­ten ste­he („abo­ve dua­li­ties“, S. 318) und Licht wie Fin­ster­nis glei­cher­ma­ßen einschließe:

„[…] Ford’s Luci­fe­ria­nism is inclu­si­ve, ope­ra­ting with both light and dark­ness.“ („[…] Fords Luzi­fe­ria­nis­mus ist ein­schlie­ßend und wirkt sowohl mit Licht als auch mit Fin­ster­nis“, S. 318.)

Nach Ford soll ein Luzi­fe­ria­ner nach Aus­ge­wo­gen­heit streben:

„It is often repea­ted that a Luci­fe­ri­an should stri­ve for balan­ce.“ („Es wird häu­fig wie­der­holt, daß ein Luzi­fe­ria­ner nach Gleich­ge­wicht stre­ben soll“, S. 318.)

Fer­ner ver­tritt Ford die Ansicht, daß es kei­ne Wei­ße Magie gebe; es exi­stie­re ledig­lich Schwar­ze Magie, wel­che die Magie der Ver­wand­lung sei und sich aller Zwecke und aller Mit­tel bedie­nen kön­ne (vgl. S. 318, Anm. 12).

Nach Oli­via Cej­van erin­nert der Eklek­ti­zis­mus, der den Luzi­fe­ria­nis­mus Micha­el W. Fords kenn­zeich­net, an jene Ver­bin­dung und Syn­the­se ver­schie­de­ner eso­te­ri­scher Strö­mun­gen, wie sie sich bei­spiels­wei­se bei der Her­me­tic Order of the Gol­den Dawn („Her­me­ti­scher Orden der Gol­de­nen Mor­gen­rö­te“) fin­det (vgl. S. 319).

Wei­ter­hin stellt Cej­van fest, daß eini­ge magi­sche Ritua­le Micha­el W. Fords den Ritua­len der genann­ten Gol­den Dawn ähneln (vgl. S. 324).

Cej­van zitiert den schwe­di­schen Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler und Frei­mau­rer Hen­rik Bog­dan, dem zufol­ge die Gol­den Dawn frei­mau­re­ri­sche Ritua­le über­nom­men und neu inter­pre­tiert habe. Dar­über hin­aus hät­ten die moder­nen west­li­chen Ein­wei­hungs­ri­tua­le im all­ge­mei­nen ihre geschicht­li­chen Wur­zeln in der Freimaurerei:

„modern Western ritu­als of initia­ti­on typi­cal­ly have their histo­ri­cal roots in Free­ma­son­ry“ („moder­ne west­li­che Ein­wei­hungs­ri­tua­le haben typi­scher­wei­se ihre geschicht­li­chen Wur­zeln in der Frei­mau­re­rei“, vgl. S. 324).

5.9. Ein „menschlicher“, „altruistischer“, „solidarischer“ Satanismus?

Der letz­te Auf­satz des von Per Fax­neld und Johan Nils­son her­aus­ge­ge­be­nen Ban­des „Sata­nism. A Rea­der“ trägt den Titel „Luci­en Gre­a­ves (The Sata­nic Temp­le), Church of Satan vs. Sata­nic Temp­le (2017)“ („Luci­en Gre­a­ves (Der Sata­ni­sche Tem­pel), Kir­che Satans gegen Sata­ni­schen Tem­pel“) und stammt von Fre­d­rik Gre­go­ri­us und Manon Heden­borg White (S. 333–341).

Letz­te­re ist eben­falls eine schwe­di­sche Eso­te­ris­mus­for­sche­rin. Gre­go­ri­us und Heden­borg White behan­deln den The Sata­nic Temp­le (TST) („Sata­ni­schen Tem­pel“), eine neue­re sata­ni­sti­sche Orga­ni­sa­ti­on, die um das Jahr 2012 von Luci­en Gre­a­ves gegrün­det wur­de, des­sen wirk­li­cher Name Doug Mes­ner lau­tet und der 1976 gebo­ren wur­de (vgl. S. 333).

Der TST tritt offen gegen die poli­ti­sche Rech­te in den USA auf, ins­be­son­de­re gegen Donald Trump, des­sen angeb­lich „theo­cra­tic ten­den­ci­es“ („theo­kra­ti­sche Ten­den­zen“) sowie des­sen ableh­nen­de Hal­tung gegen­über der Abtrei­bung kri­ti­siert wer­den (vgl. S. 336).

Der TST übt auch Kri­tik an der von Anton Szan­dor LaVey gegrün­de­ten Church of Satan („Kir­che Satans“), die aus sei­ner Sicht zu patri­ar­cha­lisch und män­ner­zen­triert sei (vgl. S. 336).

Der TST betrach­tet Satan als Sym­bol der Rebel­li­on, der Frei­heit und der Unab­hän­gig­keit und beruft sich dabei aus­drück­lich auf Schrift­stel­ler und Den­ker wie John Mil­ton, Wil­liam Bla­ke, Lord Byron und Michail Baku­nin (vgl. S. 337).

Wäh­rend die Church of Satan den Nach­druck auf Satan als Sym­bol der irdi­schen Genüs­se legt, hebt der TST Satan als pro­me­t­hei­schen Befrei­er der Unter­drück­ten sowie als femi­ni­sti­sche und anti­pa­tri­ar­cha­li­sche Gestalt her­vor (vgl. S. 338).

Im Unter­schied zur Church of Satan legt der TST gro­ßen Wert auf sozia­les Enga­ge­ment und Soli­da­ri­tät (vgl. S. 338), wäh­rend die „Kir­che Satans“ den poli­ti­schen und sozia­len Akti­vis­mus ablehnt und den TST gera­de des­we­gen kri­ti­siert (vgl. S. 339).

Kurz gesagt prä­sen­tiert sich der TST als eine Form des Sata­nis­mus, die für Altru­is­mus, Soli­da­ri­tät und mensch­li­che Zusam­men­ar­beit ein­tritt (vgl. „Sata­nism. A Rea­der“, a. a. O., S. 342–351).

5.10. Einige Überlegungen

So endet das von den schwe­di­schen Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lern Per Fax­neld und Johan Nils­son her­aus­ge­ge­be­ne Buch über den Sata­nis­mus, ohne wei­te­re abschlie­ßen­de Bemer­kun­gen. Obwohl es sich um eine aka­de­mi­sche Unter­su­chung han­delt, die eine Fül­le sehr inter­es­san­ter Infor­ma­tio­nen ent­hält, bleibt doch ins­ge­samt der Ein­druck zurück, daß es sich um ein Werk han­delt, das dem Sata­nis­mus in der bezie­hungs­wei­se der säku­la­ri­sier­ten und ent­christ­lich­ten Welt wohl­wol­lend gegenübersteht.

Für bemer­kens­wert hal­te ich die Tat­sa­che, daß seit nun­mehr etwa einem Jahr­zehnt – wenn nicht sogar noch län­ger – ein Kreis schwe­di­scher Wis­sen­schaft­ler tätig ist, der sich um die Oxford Uni­ver­si­ty Press sowie um den Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Hen­rik Bog­dan grup­piert, des­sen Zuge­hö­rig­keit zur Schwe­di­schen Frei­mau­re­rei dem brei­te­ren Publi­kum offen­bar nicht son­der­lich bekannt ist.

Es erscheint mir daher legi­tim, die Fra­ge auf­zu­wer­fen, ob die Wis­sen­schaft­ler aus dem „schwe­di­schen Umfeld“, die ich in die­sem und in den vor­an­ge­gan­ge­nen Tei­len mei­ner Unter­su­chung erwähnt habe, aus­schließ­lich aka­de­mi­sche For­scher und Intel­lek­tu­el­le sind oder ob sich unter ihnen auch Per­so­nen befin­den, die selbst irgend­ei­ne Form des Eso­te­ris­mus prak­ti­zie­ren und somit das betrei­ben, was man in der Sozio­lo­gie als „teil­neh­men­de Beob­ach­tung“ bezeichnet.

Was die­se For­scher ver­bin­det, die inzwi­schen mei­nes Erach­tens einen eigent­li­chen „Schwe­di­schen Kreis“ bil­den, scheint mir – teils aus­drück­lich, teils unaus­ge­spro­chen – die Absicht zu sein, die regu­lä­re bezie­hungs­wei­se offi­zi­el­le Frei­mau­re­rei der drei sym­bo­li­schen Gra­de und der Hoch­gra­de gegen jeg­li­chen Vor­wurf oder Ver­dacht von Ver­bin­dun­gen, Berüh­rungs­punk­ten oder Ver­flech­tun­gen mit dem Luzi­fe­ria­nis­mus und/​oder dem Sata­nis­mus (gno­sti­scher, intel­lek­tu­el­ler oder ande­rer Art) zu ver­tei­di­gen bezie­hungs­wei­se zu entlasten.

Es erscheint daher logisch, berech­tigt und sogar gebo­ten, sich zu fra­gen, ob es unter den genann­ten Wis­sen­schaft­lern des „Schwe­di­schen Kreises“

– Per­so­nen gibt, die der Frei­mau­re­rei ange­hö­ren [Bog­dan mit Sicher­heit] und/​oder Mit­glied irgend­ei­ner Grup­pe, Ver­ei­ni­gung oder Gesell­schaft sind, die eine Form von Eso­te­ris­mus, Magie oder ähn­li­chen Prak­ti­ken pflegt;

– und ob sich unter die­sen Wis­sen­schaft­lern, die de fac­to die Frei­mau­re­rei ver­tei­di­gen, nicht auch sol­che befin­den, die per­sön­lich die gno­sti­sche Reha­bi­li­tie­rung bezie­hungs­wei­se Neu­be­wer­tung Luzi­fers als eines Licht, Frei­heit, Unab­hän­gig­keit und Erkennt­nis brin­gen­den Got­tes, Engels oder Sym­bols teilen.

(Fort­set­zung folgt.)

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Durch sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen bringt er den Nach­weis, daß die Frei­mau­re­rei von Anfang an eso­te­ri­sche und gno­sti­sche Ele­men­te ent­hielt, die ihre Unver­ein­bar­keit mit der kirch­li­chen Glau­bens­leh­re begründen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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