Von James Bascom*
Nur wenige Katholiken haben noch nie von der Erscheinung Unserer Lieben Frau in Lourdes in Frankreich vor der heiligen Bernadette Soubirous im Jahre 1858 gehört. Am berühmtesten sind die Tausende von Wundern, die sich dort durch die wunderbare Quelle ereignet haben, welche die Gottesmutter in der Grotte von Massabielle am Rande des Dorfes hervorsprudeln ließ.
Es ist vielleicht jene Marienerscheinung, die die Güte, Barmherzigkeit und Liebe der Gottesmutter gegenüber den Menschen auf besonders eindrucksvolle und greifbare Weise zum Ausdruck bringt. Selbst heute, in einem Zeitalter des Unglaubens und der Apostasie, gehört Lourdes zu den beliebtesten Wallfahrtsorten der Welt. Jedes Jahr reisen zwischen vier und sechs Millionen Pilger in die Stadt am Fuße der Pyrenäen, um Heilung oder geistliche Gnaden zu erlangen. Auch heute noch geschehen dort Jahr für Jahr Wunder.
Manchem mag es ungewöhnlich erscheinen, daß die Muttergottes an einem so abgelegenen und unbekannten Ort wie Lourdes erschienen ist. Tatsächlich gibt es in Frankreich nur wenige Orte, die weiter von Paris entfernt liegen. Warum erschien Unsere Liebe Frau nicht in der Hauptstadt, wie bei ihrer Erscheinung vor der heiligen Katharina Labouré im Jahre 1830? Gott hat freilich Gründe, die das menschliche Verständnis übersteigen. „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“ (Jesaias 55,8).
Wie sich herausstellt, waren die Erscheinungen der Gottesmutter im Jahre 1858 nicht die ersten Wunder, die sich dort ereigneten. Mehr als 1.200 Jahre bevor Unsere Liebe Frau in der Grotte am Ufer des Flusses Gave erschien, wirkte sie dort bereits ein anderes Wunder, an dem ein Kaiser, eine bedeutende Schlacht und die Bekehrung eines Muslims beteiligt waren.
Die Geschichte spielt im achten Jahrhundert. Damals war nahezu ganz Spanien, mit Ausnahme keiner Gebiete im gebirgigen Norden, insbesondere des späteren Königreichs Asturien, vom muslimischen Kalifat der Umayyaden erobert worden. Im Jahre 719 überschritten die Muslime – damals gewöhnlich Sarazenen genannt – die Pyrenäen und fielen in Frankreich ein. Die Eroberung umfaßte große Teile Südfrankreichs vom Mittelmeer bis hinauf nach Tours, nur etwa 240 Kilometer südlich von Paris. Ihr Vormarsch wurde im Jahre 732 aufgehalten, als ein katholisches Heer unter Führung des fränkischen Heerführers Karl Martell sie in der Schlacht von Tours besiegte. Trotz dieser Niederlage behielten die Muslime noch weitere siebzig Jahre die Herrschaft über Südfrankreich.
Eine der von den Sarazenen besetzten Städte war Lourdes. Von ihren Stützpunkten in Spanien aus unternahmen sie Raubzüge nach Frankreich, töteten Christen, plünderten deren Besitz und verschleppten Männer, Frauen und Kinder, um sie als Sklaven zu verkaufen.
Im Jahre 768 wurde Karl, der Enkel Karl Martells, König der Franken. Karl I., besser bekannt als Karl der Große, war einer der bedeutendsten Heerführer der europäischen Geschichte. Nachdem sein Reich viele Jahre unter muslimischen Angriffen gelitten hatte, beschloß er, der Bedrohung an der Südgrenze seines Reiches endgültig ein Ende zu bereiten und die Sarazenen über die Pyrenäen nach Spanien zurückzudrängen.
An der Spitze eines großen Heeres zog er nach Süden und erreichte die Stadt Tarbes in der Gascogne. Von dort aus beherrschte sein Heer mehrere wichtige Verkehrswege der Region und rückte auf das nahegelegene Lourdes vor.
Lourdes war eine strategisch wichtige Stadt in der Nähe einer der alten römischen Straßen zwischen Aquitanien und Spanien. Die Römer hatten ihre Bedeutung erkannt, dort ein steinernes Castellum errichtet und die Siedlung Oppidum Novum genannt. Als die Sarazenen die Gegend eroberten, besetzten sie die Festung, bauten sie weiter aus und stationierten dort eine Garnison, um christliche Heere am Durchzug zu hindern.
Die Festung liegt auf einem steil aufragenden Felsen im Zentrum der Stadt. Von dort aus überblickt man die Stadt, das Tal, den Fluß Gave sowie die Gebirgspässe der Pyrenäen in Richtung Spanien.
Karl der Große erkannte sofort die Bedeutung dieser Stellung. Er konnte Spanien nicht angreifen, solange eine derart wichtige Festung in den Händen der Sarazenen blieb.
Sein Ruf als großer Eroberer war ihm vorausgeeilt, und viele Orte ergaben sich ohne oder mit nur geringem Widerstand. Oppidum Novum jedoch wurde von einem starken und kampferprobten sarazenischen Stammesfürsten namens Mirat verteidigt. Die Größe und Lage der Burg machten einen Sturmangriff aussichtslos, weshalb Karl beschloß, die Verteidiger auszuhungern. Nach Monaten der Belagerung gingen den Sarazenen allmählich die Lebensmittelvorräte aus.
Karl entsandte seinen Gesandten und Berater, den Bischof Turpin von Anicium (heute Le Puy-en-Velay). Der Überlieferung zufolge flog während der Verhandlungen ein Adler über die Burg und ließ einen großen Fisch direkt vor Mirats Füßen fallen. Mirat schickte den Fisch zu Karl dem Großen, um vorzutäuschen, daß er noch über reichliche Vorräte verfüge.
Entmutigt wollte Karl die Belagerung bereits aufheben, als Bischof Turpin, von einer besonderen Gnade bewegt, beschloß, selbst mit Mirat zu verhandeln. Er schlug ihm vor, seine Waffen nicht Karl dem Großen, sondern der Königin des Himmels an ihrem Heiligtum in Anicium (Le Puy-en-Velay) zu übergeben.
Mirat willigte ein. Er ließ sich taufen und nahm den christlichen Namen Lorus an, von dem sich nach der Überlieferung der Name Lourdes ableitet. Später wurde er Vasall Karls des Großen und blieb sein Leben lang ein eifriger Verehrer der Gottesmutter.
Das Stadtwappen von Lourdes zeigt einen Schild mit einer Burg, über der ein Adler mit einem Fisch im Schnabel schwebt.
Nach diesem Sieg zogen Karl der Große und seine Paladine weiter, um Spanien zu befreien – eine Geschichte, die im berühmten „Rolandslied“ so eindrucksvoll geschildert wird. Weder Karl der Große, der mächtige Kaiser, noch Mirat, der bekehrte Muslim, konnten ahnen, welche Pläne die göttliche Vorsehung fast 1.200 Jahre später mit der kleinen Stadt in den Pyrenäen haben würde.
*James Bascom ist ein Vertreter des US-amerikanischen Zweiges der internationalen Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum. Er publiziert vor allem zu Fatima, Zeitkritik, Bildungspolitik und gesellschaftspolitiscvhe und religiösen Fragen. Diesen Beitrag veröffentlichte er auf der Internetseite von TFP USA.
Bild: Wikicommons
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