Leo XIV. verteidigt das Konzil und die Liturgiereform – gegen restaurative Engführung

Verschärfung des Richtungsstreits in der Kirche


Mit auf­fäl­li­ger Klar­heit ver­tei­dig­te Papst Leo XIV. in sei­ner heu­ti­gen Kate­che­se im Rah­men der Gene­ral­au­di­enz die kon­zi­lia­ren Neue­rung – und sand­te damit zugleich ein deut­li­ches Signal in die seit Jahr­zehn­ten schwe­len­de Aus­ein­an­der­set­zung um Lit­ur­gie, Tra­di­ti­on und das Erbe des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils.

Der neue Papst sprach dabei nicht im Ton kir­chen­po­li­ti­scher Kampf­an­sa­gen. Doch in der Sache ließ er kei­nen Zwei­fel: Die nach­kon­zi­lia­re Lit­ur­gie­re­form betrach­tet er nicht als histo­ri­schen Irr­tum, son­dern als legi­ti­me Frucht kirch­li­cher Ent­wick­lung. Er gebrauch­te nicht die Wort­wahl sei­nes Vor­gän­gers Fran­zis­kus von „irrever­si­blen Pro­zes­sen“, woll­te aber offen­bar das glei­che sagen, daß die Lit­ur­gie­re­form „unum­kehr­bar“ sei.

Bereits seit Janu­ar ent­fal­tet Leo XIV. in einer umfang­rei­chen Kate­che­se­rei­he sei­ne pro­gram­ma­ti­sche Deu­tung des Kon­zils. Im Mit­tel­punkt ste­hen Tex­te wie Lumen gen­ti­um, Dei Ver­bum und nun zuneh­mend auch Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um. Der Papst bezeich­net das Kon­zil aus­drück­lich als „Leit­stern für die Kir­che heute“.

Damit zeich­net sich immer deut­li­cher ab: Das Pon­ti­fi­kat Leos XIV. ver­steht sich als kon­zils­ori­en­tier­tes Reform­pon­ti­fi­kat in Kon­ti­nui­tät zu den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten – aller­dings mit stär­ke­rem theo­lo­gi­schen Pro­fil und grö­ße­rer intel­lek­tu­el­ler Geschlos­sen­heit als unter sei­nem Vor­gän­ger Franziskus.

Im Zen­trum sei­ner heu­ti­gen Aus­sa­gen steht die Lit­ur­gie. Leo XIV. beton­te auf dem Peters­platz, daß es dem Kon­zil nicht bloß um äuße­re Refor­men oder prag­ma­ti­sche Anpas­sun­gen gegan­gen sei. Viel­mehr habe die Kir­che das „Geheim­nis Chri­sti“ tie­fer erschlie­ßen wol­len. Die Lit­ur­gie sei nicht Selbst­zweck und auch kein ästhe­ti­sches Muse­ums­stück, son­dern Ort der leben­di­gen Begeg­nung mit Christus.

Damit wider­spricht der Papst indi­rekt der tra­di­tio­nalsver­bun­de­nen Les­art, die das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil mit einem lit­ur­gi­schen Bruch, dem Ver­lust des Lateins als Kir­chen­spra­che oder einer „Pro­te­stan­ti­sie­rung“ der Mes­se iden­ti­fi­ziert. Offi­zi­el­le katho­li­sche Medi­en deu­ten die Aus­sa­gen Leos XIV. dahin­ge­hend, daß der regie­ren­de Papst an jene „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ anknüp­fe, die Papst Bene­dikt XVI. for­mu­lier­te: Das Kon­zil sei nicht als Bruch mit der Tra­di­ti­on zu ver­ste­hen, son­dern als orga­ni­sche Wei­ter­ent­wick­lung inner­halb der­sel­ben Kir­che. Aller­dings scheint das der­zei­ti­ge Kir­chen­ober­haupt pro­gram­ma­tisch und intel­lek­tu­ell weit ent­fernt von sei­nem deut­schen Vor­vor­gän­ger. In dem ersten Jahr sei­nes Pon­ti­fi­kats setz­te Leo XIV. kei­nen erkenn­ba­ren ver­söhn­li­chen Gestus gegen­über der Tra­di­ti­on, wie ihn hin­ge­gen Bene­dikt XVI. setz­te. Auch mach­te Leo XIV. die repres­si­ven Maß­nah­men sei­nes Vor­gän­gers Fran­zis­kus gegen den über­lie­fer­ten Ritus bis­her nicht rück­gän­gig, wes­halb jeder Ver­such, ihn in einem Atem­zug mit Bene­dikt XVI. zu nen­nen, mehr wie das Werk von Jubel­per­sern erscheint.

Denn genau hier beginnt der eigent­li­che Konflikt.

Denn wäh­rend Bene­dikt XVI. mit sei­nem Motu pro­prio Sum­morum Pon­ti­fi­cum von 2007 den Katho­li­ken, die dem über­lie­fer­ten Ritus ver­bun­den sind, weit ent­ge­gen­kam und die tra­di­tio­nel­le Mes­se fak­tisch reha­bi­li­tier­te, setz­te Leo XIV. bis­her kei­ner­lei ver­gleich­ba­re Akzen­te. Sein Ver­ständ­nis oder Inter­es­se an einer lit­ur­gi­schen „Koexi­stenz“ scheint weni­ger aus­ge­prägt. Die Teil­nah­me der Gläu­bi­gen – inner­lich wie äußer­lich – am Novus Ordo Mis­sae steht im Zen­trum sei­ner Aus­füh­run­gen. Die­se par­ti­ci­pa­tio actuo­sa trieb im ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr­hun­dert aller­lei Blü­ten, die als hor­ror mis­sae sum­miert wer­den können.

Will Leo XIV. die­se „akti­ve Teil­nah­me“ noch ver­stär­ken? Wo seit län­ge­rem das Bon­mot kur­siert, im deut­schen Sprach­raum befin­de sich beim Novus Ordo Mis­sae bis­wei­len mehr Volk im Altar­raum als im Kir­chen­schiff. Ins­ge­samt wer­fe das Tum­meln im Pres­by­te­ri­um, so Kri­ti­ker, Fra­gen nach dem Kir­chen- und Mess­ver­ständ­nis auf.

Die Schwer­punkt­set­zung Leos XVI. ist kei­nes­wegs zufäl­lig. Denn die Lit­ur­gie­fra­ge ist längst zum sicht­bar­sten Sym­bol der nach­kon­zi­lia­ren Kir­che gewor­den, und als sol­ches auch von tie­fe­ren kirch­li­chen Konflikten.

Beson­ders seit dem Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des von Papst Fran­zis­kus im Jahr 2021 haben sich die Fron­ten ver­här­tet. Die Fei­er der über­lie­fer­ten Mes­se wur­de damals welt­weit erheb­lich ein­ge­schränkt. Ihr wur­de weit­ge­hend die Rechts­grund­la­ge ent­zo­gen. Wür­de Tra­di­tio­nis cus­to­des kon­se­quent exe­ku­tiert, wür­de der über­lie­fer­te Ritus abge­würgt. Rom begrün­de­te dies mit wach­sen­der Kir­chen­spal­tung und einer zuneh­men­den Instru­men­ta­li­sie­rung der alten Lit­ur­gie gegen das Kon­zil selbst, also mit kir­chen­po­li­ti­schen Argu­men­te, die Sub­stanz und Wesen der über­lie­fer­ten Mes­se nicht betref­fen. Bekannt­lich mach­te Fran­zis­kus der Tra­di­ti­on den Vor­wurf, aus „ideo­lo­gi­schen“ Moti­ven zu han­deln. Die­ser Ideo­lo­gie­vor­wurf traf in Wirk­lich­keit den argen­ti­ni­schen Papst weit mehr. Unklar ist, ob ihm dies selbst bewußt war und er daher gezielt die Flucht nach vor­ne antrat und als erster „Hal­tet den Dieb!“ rief.

Vor allem in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und in Frank­reich lösten die Maß­nah­men mas­si­ve Pro­te­ste aus. Die Zahl jener Katho­li­ken, die den Novus Ordo nicht sel­ten als defi­zi­tär oder gar theo­lo­gisch pro­ble­ma­tisch betrach­ten, wächts kon­ti­nu­ier­lich. Nicht nur das: Die Tra­di­ti­on ist auch zu einem Magnet der Kon­ver­sio­nen gewor­den. Die Zahl der Kon­ver­ti­ten unter den tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Gläu­bi­gen wächst deutlich.

Ins­ge­samt beru­fen sich tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Krei­se selbst häu­fig auf die Lit­ur­gie­kon­sti­tu­ti­on Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um. Ihr Argu­ment lau­tet: Die tat­säch­li­che Lit­ur­gie­re­form der Jah­re nach 1965 sei weit über die Vor­ga­ben des Kon­zils hin­aus­ge­gan­gen. Das Kon­zil habe zwar eine behut­sa­me Reform gewollt, nicht jedoch eine weit­ge­hen­de Neu­schöp­fung lit­ur­gi­scher Formen.

Im Zen­trum die­ser Kri­tik steht bis heu­te Anni­ba­le Bug­nini, der als Haupt­ar­chi­tekt der Lit­ur­gie­re­form gilt. Kon­ser­va­ti­ve Autoren wer­fen Bug­nini vor, die Reform in Rich­tung lit­ur­gi­scher Ver­ein­fa­chung und pasto­ra­ler Funk­tio­na­li­sie­rung vor­an­ge­trie­ben zu haben, samt deut­li­chen Ent­leh­nun­gen aus dem Pro­te­stan­tis­mus. Tat­säch­lich äußer­te auch Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger, der spä­te­re Papst Bene­dikt XVI., wie­der­holt Kri­tik an bestimm­ten Ent­wick­lun­gen der Nach­kon­zils­zeit. Sei­ne berühm­te Kla­ge über eine „gemach­te Lit­ur­gie“ steht bis heu­te im Raum, ohne daß Rom die Fra­ge auf den Prüft­stand gestellt hätte.

Aller­dings muß die Beru­fung auf Bene­dikt XVI. selek­tiv blei­ben. Denn trotz aller Kri­tik bestritt Ratz­in­ger nie­mals die Gül­tig­keit oder Legi­ti­mi­tät des neu­en Meß­buchs. Viel­mehr bemüh­te er sich vor einem Bewußt­sein des Bruchs zu war­nen, egal von wel­cher Seite.

Sei­ne bis­he­ri­gen Gesten gegen­über tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Gemein­schaf­ten blie­ben beschei­den. Ver­tre­ter der Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus wur­den im Vati­kan emp­fan­gen, zudem gewähr­te er Kar­di­nal Bur­ke ein­ma­lig im Peters­dom im über­lie­fer­ten Ritus zu zele­brie­ren. Mehr ist bis­her nicht gesche­hen. Das Joch von Tra­di­tio­nis cus­to­des lastet unver­än­dert auf der Kir­che. Leo XIV. mach­te zugleich deut­lich, daß eine grund­sätz­li­che Revi­si­on der Lit­ur­gie­re­form für ihn offen­bar nicht zur Debat­te steht. Der Prüf­stand für das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, sei­ne Doku­men­te und die Lit­ur­gie­re­form, den Kri­ti­ker für längst über­fäl­lig hal­ten, dürf­te unter Leo XIV. nicht statt­fin­den. Dem Novus-Ordo-Kle­rus wur­de wie­der­holt vor­ge­wor­fen, das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil und sei­ne Fol­gen zum ein­zi­gen wirk­li­chen Tabu erho­ben zu haben. 

Der Kon­flikt reicht ohne­hin tie­fer als die Fra­ge nach Latein oder Volks­spra­che, Hoch­al­tar oder Volks­al­tar, Gre­go­ria­nik oder moder­nem Lied­gut. Im Kern geht es um das Selbst­ver­ständ­nis der Kir­che, letzt­lich um die Ekkle­sio­lo­gie selbst.

Leo XIV. emp­fing bis­lang kei­ne tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Gläu­bi­gen. Sie wür­den ihm wohl die Fra­ge vor­le­gen, wie lan­ge man noch so tun wol­le, als hät­ten der Ver­lust lit­ur­gi­scher Ehr­furcht, die Bana­li­sie­rung des Hei­li­gen, anthro­po­zen­tri­sche Got­tes­dienst­for­men und die weit­hin ver­flach­te Sakral­kul­tur nichts mit den kon­zi­lia­ren und vor allem nach­kon­zi­lia­ren Ent­wick­lun­gen zu tun.

Zwi­schen den Tex­ten von Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um und der lit­ur­gi­schen Wirk­lich­keit vie­ler west­li­cher Gemein­den klafft heu­te eine erheb­li­che Lücke. Wie aus­ge­prägt ist noch das Bewußt­sein für die Hei­li­ge Mes­se als Opfer? Wie leben­dig die Aus­rich­tung auf die Anbe­tung Got­tes? Immer­hin ver­zich­te­te Leo XIV. in sei­ner heu­ti­gen Anspra­che auf jenen lit­ur­gi­schen Funk­tio­na­lis­mus, der die 1970er Jah­re weit­hin prägte.

Leo XIV. steht damit vor ent­schei­den­den Prüf­stei­nen sei­nes Pontifikats.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati​can​.va (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*