Die letzte Versuchung Amerikas

Das Evangelium zwischen zivilem Gebrauch und politischem Mißbrauch


In den USA zeigt die Staatsführung gerade ein irritierendes Christus-Bild
In den USA zeigt die Staatsführung gerade ein irritierendes Christus-Bild

300 dena­ri ist eine neue Rubrik des tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Blogs Mes­sa in Lati­no, der sich dem Bereich Wirt­schaft wid­met, „einem Bereich, mit dem man sich tra­di­tio­nell im katho­li­schen Kon­text weni­ger befaßt“. Hier der jüng­ste Bei­trag von Rober­to Manzi:

Im Jah­re 1925 ver­öf­fent­lich­te Bruce Bar­ton ein Buch, das sich bes­ser ver­kauf­te als Heming­way und Fitz­ge­rald. Es trug den Titel „The Man Nobo­dy Knows“, und die The­se war ein­fach, unver­blümt, ame­ri­ka­nisch: Jesus von Naza­reth war der erste gro­ße Mana­ger der Geschich­te. Er wähl­te fähi­ge Mit­ar­bei­ter aus, kom­mu­ni­zier­te wir­kungs­voll und bau­te eine Orga­ni­sa­ti­on auf, die zwei­tau­send Jah­re über­dau­ern soll­te. Kurz gesagt: ein Unter­neh­mer. Ein ergeb­nis­ori­en­tier­ter Führer.

Bar­ton war der Sohn eine kon­gre­ga­tio­na­li­sti­schen Pre­di­gers (Puri­ta­ner). Hun­dert Jah­re spä­ter erscheint die­ses Buch erst­mals auf Ita­lie­nisch (Edi­zio­ni Impri­me­re; eine deut­sche Über­set­zung liegt bis heu­te nicht vor) – und dies zu einem Zeit­punkt, da die von ihm auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge dring­li­cher ist denn je: Von wel­chem Chri­stus spre­chen die USA?

Denn US-meri­ka­ni­sche Chri­stus­bil­der gibt es min­de­stens zwei. Und sie ähneln sich nicht.

Das erste ist jenes von Bar­ton: edel in sei­ner Ver­zer­rung, bei­na­he rüh­rend in sei­nem anthro­po­lo­gi­schen Opti­mis­mus. Es ist der Chri­stus, der zur Gram­ma­tik des Han­delns wird, der das Evan­ge­li­um in mora­li­sche Ener­gie ver­wan­delt, der die Selig­prei­sun­gen wie ein Hand­buch der Füh­rung liest. In die­sem Ansatz steckt etwas zutiefst Pro­te­stan­ti­sches. Und, man muß es zuge­ben, auch etwas auf­rich­tig Tugend­haf­tes. Die USA, die Kran­ken­häu­ser, Uni­ver­si­tä­ten und phil­an­thro­pi­sche Orga­ni­sa­tio­nen errich­ten, näh­ren sich aus die­ser Vor­stel­lung. Micha­el Novak, der bei­de Sei­ten des Atlan­tiks gut kann­te und ein intel­lek­tu­el­ler Brücken­bau­er zwi­schen bei­den Sei­ten war, sah dar­in eine authen­ti­sche Form der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung: den Markt als Schu­le der Tugend, das Unter­neh­men als Beru­fung. Es ist nicht die katho­li­sche Tra­di­ti­on, aber es ist eine Tra­di­ti­on. Sie hat ihre eige­ne inne­re Logik.

Der zwei­te Chri­stus ist etwas ande­res. Es ist jener, den Trump mit dem „gerech­ten Krieg“ beschwo­ren hat, oder als er auf Truth ein KI-gene­rier­tes Bild ver­öf­fent­lich­te, das ihn mit Zügen zeig­te, die an Jesus erin­ner­ten. Das Bild wur­de nach einer Wel­le der Kri­tik wie­der gelöscht, doch der Impuls war bezeich­nend. Es ist der Chri­stus der nach­träg­li­chen Legi­ti­ma­ti­on, der Chri­stus, der her­bei­ge­ru­fen wird, um zu seg­nen, was bereits ent­schie­den wor­den ist. Ein Chri­stus, der kein Leh­rer ist, dem man nach­ei­fert, son­dern ein Sie­gel, das man unter ein bereits vom Men­schen ver­faß­tes Dos­sier setzt.

Die Ereig­nis­se die­ser Tage rund um Leo XIV. sind ein Lehr­buch in zwei Kapi­teln. Im ersten bezeich­ne­te Trump den Papst als „schwach gegen­über Kri­mi­na­li­tät und ver­hee­rend in der Außen­po­li­tik“ und füg­te hin­zu, er wol­le kei­nen Papst, „für den es in Ord­nung ist, daß der Iran Atom­waf­fen besitzt“. Er bean­spruch­te sogar die Wahl des Pap­stes für sich: „Wenn ich nicht im Wei­ßen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vati­kan.“ Und als ob dies nicht genug wäre, beschul­dig­te er den Papst, „die Inter­es­sen der radi­ka­len Lin­ken“ zu ver­tre­ten, statt sich dar­auf zu kon­zen­trie­ren, ein gro­ßer Pon­ti­fex zu sein.

Im zwei­ten Kapi­tel wähl­te Vize­prä­si­dent Van­ce, der erst im Erwach­se­nen­al­ter zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tier­te – was die Sache beson­ders auf­schluß­reich macht –, einen raf­fi­nier­te­ren Ton, der jedoch nicht weni­ger ver­rä­te­risch ist: Er for­der­te den Vati­kan auf, „sich an mora­li­sche Fra­gen zu hal­ten“ und „es dem Prä­si­den­ten der USA zu über­las­sen, die ame­ri­ka­ni­sche Innen­po­li­tik zu bestim­men“. Mit einem impli­zi­ten Zusatz, den jeder, der die katho­li­sche Sozi­al­leh­re stu­diert hat, sofort als absurd erkennt: Krieg sei kei­ne „mora­li­sche Frage“.

Bei­den ant­wor­te­te Leo XIV. mit ent­waff­nen­der Ein­fach­heit: „Ich habe kei­ne Angst vor der Trump-Regie­rung und auch nicht davor, die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums offen zu ver­kün­den.“ Und er füg­te mit der ihm eige­nen Prä­zi­si­on hin­zu: „Ich glau­be nicht, daß man das Evan­ge­li­um in der Wei­se miß­brau­chen darf, wie es eini­ge tun.“

Hier zeigt sich also die Bruch­li­nie: nicht zwi­schen den USA und der Kir­che, son­dern zwi­schen zwei Geschichtstheologien.

Die erste – jene Bar­tons, jene Novaks in ihrer besten Form – glaubt, daß sich christ­li­che Wer­te in mensch­li­chen Insti­tu­tio­nen ver­kör­pern kön­nen, daß das Han­deln in der Welt eine Beru­fung ist, daß Unter­neh­mer­tum und Tugend sich nicht aus­schlie­ßen. Es ist eine Theo­lo­gie, die in vie­len Punk­ten dis­ku­tier­bar ist, aber sie ist ernst­haft. Sie hat Den­ken her­vor­ge­bracht, Insti­tu­tio­nen geschaf­fen und auch hei­li­ge Lai­en hervorgebracht.

Die zwei­te ver­wen­det das christ­li­che Voka­bu­lar als eine Art Immun­sy­stem gegen Kri­tik. Der Ver­weis auf Gott rich­tet das Han­deln nicht aus – er schützt es. Leo XIV. sag­te es in der Frie­dens­vi­gil am 11. April: „Genug mit der Ver­göt­te­rung des eige­nen Ichs und des Gel­des! Genug mit der Zur­schau­stel­lung von Macht!“ Und er ver­ur­teil­te aus­drück­lich jene, die ver­su­chen, „Gott auf ihre Sei­te zu zie­hen, indem sie reli­giö­se Recht­fer­ti­gun­gen für das Töten Unschul­di­ger liefern“.

Bar­ton hat­te zumin­dest die Ehr­lich­keit, ein System zu kon­stru­ie­ren. Er nahm Jesus und mach­te aus ihm eine Idee. Das war eine Über­deh­nung, aber es war kohä­rent. Und vor allem respekt­voll. Was wir heu­te sehen, ist grö­ber: Jesus wird nicht in eine Idee ver­wan­delt, son­dern als Ava­tar benutzt. Man lernt nicht vom Evan­ge­li­um – man ver­steckt sich dahinter.

Bar­tons Buch ist, wie die Edi­zio­ni Impri­me­re schrei­ben, „fas­zi­nie­rend und ver­stö­rend“. Das hat sei­nen Grund. Aber es ist auch lehr­reich: Es zeigt uns den genau­en Moment, in dem die USA den Faden ver­lie­ren. Den Punkt, an dem das Evan­ge­li­um auf­hört, ein rich­ten­des Wort zu sein, und zu einem schmei­cheln­den Spie­gel wird. Und heu­te, hun­dert Jah­re spä­ter, ist die­ser Spie­gel zu einem Touch­screen geworden.

*Rober­to Man­zi pro­mo­vier­te in Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten und ver­fügt über ein Lizen­ti­at in Theologie.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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