Chaldäische Kirche wählt neuen Patriarchen

Zeit der existentiellen Bedrängnis


Der neue Patriarch Paul III. Nona von Bagdad, der mit Rom unierten Chaldäer.
Der neue Patriarch Paul III. Nona von Bagdad, der mit Rom unierten Chaldäer.

Die mit Rom unier­te chaldä­isch-katho­li­sche Kir­che wähl­te ein neu­es Ober­haupt: Die Syn­ode der Bischö­fe bestimm­te Erz­bi­schof Emil Shi­moun Nona zum Patri­ar­chen. Er nahm den Namen Mar Paul Nona III. an. Die Ent­schei­dung fiel nach Bera­tun­gen im Vati­kan, wo die Syn­oda­len im Rah­men ihres Wahl­pro­zes­ses auch mit Papst Leo XIV. zusammentrafen.

Wie das chaldäi­sche Patri­ar­chat am gest­ri­gen Sonn­tag mit­teil­te, wur­de „Sei­ne Exzel­lenz Bischof Emil Shi­moun Nona zum Patri­ar­chen der chaldäi­schen Kir­che gewählt“. Bereits am Frei­tag hat­te sich die Syn­ode der chaldä­isch-katho­li­schen Bischö­fe mit dem Papst in Rom getrof­fen – ein Schritt, der inte­gra­ler Bestand­teil der Bera­tun­gen zur Wahl eines neu­en Kir­chen­ober­haup­tes war.

Nachfolge nach überraschendem Rücktritt

Die Neu­wahl wur­de durch den uner­war­te­ten Rück­tritt des lang­jäh­ri­gen Patri­ar­chen Lou­is Rapha­el Sako not­wen­dig. Die­ser hat­te im ver­gan­ge­nen Monat bekannt­ge­ge­ben, daß Papst Leo XIV. sei­nen Amts­ver­zicht ange­nom­men habe. Damit ende­te eine Amts­zeit, die von tief­grei­fen­den poli­ti­schen Umbrü­chen und mas­si­ven Bela­stun­gen für die chaldäi­sche Kir­che geprägt war. Lou­is Rapha­el war seit 2013 Ober­haupt der chaldäi­schen Chri­sten an Euphrat und Tigris.

Der neue Patri­arch ist 58 Jah­re alt und gilt als pro­fi­lier­ter Kir­chen­mann mit inter­na­tio­na­ler Erfah­rung. Als Erz­bi­schof von Mos­sul lei­te­te Nona eine der histo­risch bedeu­tend­sten christ­li­chen Diö­ze­sen des Irak – bis zur Erobe­rung der Stadt durch die sun­ni­ti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Isla­mi­scher Staat (IS) im Jahr 2014. Die­se zwang ihn wie die gesam­te christ­li­che Bevöl­ke­rung zur Flucht ins Exil.

In der Fol­ge berief ihn Papst Fran­zis­kus an die Spit­ze der chaldäi­schen Gläu­bi­gen in Austra­li­en und Neu­see­land. Zuletzt stand Nona der Diö­ze­se Syd­ney vor. Er wird als visio­nä­rer Füh­rer mit brei­ter pasto­ra­ler Erfah­rung beschrie­ben und genießt ins­be­son­de­re unter den Gläu­bi­gen der welt­wei­ten Dia­spo­ra hohes Ansehen.

Die­se Dia­spo­ra wird auf rund eine Mil­li­on Gläu­bi­ge geschätzt – eine Zahl, die die dra­ma­ti­sche Ver­schie­bung des kirch­li­chen Lebens­rau­mes widerspiegelt.

Allein für Austra­li­en und Neu­see­land nen­nen jüng­ste Zah­len 35.000 Chaldä­er, die – wie die gro­ße Tei­le der welt­wei­ten Dia­spo­ra – seit den US-ame­ri­ka­ni­schen Inter­ven­tio­nen mit den Golf­krie­gen der 1990er Jah­re ange­wach­sen sind. Seit­her gab es drei gro­ße Flucht- und Abwan­de­rungs­be­we­gun­gen der Chri­sten aus ihrer Hei­mat: durch den soge­nann­ten Zwei­ten Golf­krieg 1991, durch den Irak­krieg 2003 und den IS-Krieg ab 2013.

Zweitausend Jahre christlicher Präsenz

Die gegen­wär­ti­ge Kri­se erhält ihr vol­les Gewicht erst im Lich­te der außer­ge­wöhn­li­chen histo­ri­schen Tie­fe des Chri­sten­tums in Meso­po­ta­mi­en. Die Ursprün­ge der Kir­che in die­ser Regi­on rei­chen bis in die apo­sto­li­sche Zeit zurück, ins­be­son­de­re auf die Mis­si­on des Apo­stels Tho­mas und sei­ner Schü­ler Addai und Mari. Bereits im 2. Jahr­hun­dert bestan­den gefe­stig­te christ­li­che Gemein­den im Gebiet des heu­ti­gen Irak.

Unter dem poli­ti­schen Ein­fluß des anti-byzan­ti­nisch aus­ge­rich­te­ten Per­ser­rei­ches ent­wickel­te sich die Kir­che des Ostens zu einer eigen­stän­di­gen, schis­ma­ti­schen, aber mis­sio­na­risch weit­hin aus­strah­len­den Grö­ße, die nicht nur Meso­po­ta­mi­en präg­te, son­dern bis nach Per­si­en, Indi­en, Zen­tral­asi­en und sogar nach Chi­na wirkte. 

Zen­tren wie Seleu­kia-Kte­si­phon und spä­ter Mos­sul und die Nini­ve-Ebe­ne wur­den zu Trä­gern einer hoch­ent­wickel­ten christ­li­chen Kul­tur in syri­scher Sprache.

Über vie­le Jahr­hun­der­te hin­weg stell­ten Chri­sten in wei­ten Tei­len Nord­me­so­po­ta­mi­ens eine tra­gen­de, viel­fach sogar domi­nie­ren­de Bevöl­ke­rungs­schicht. Klö­ster, Schu­len und Bischofs­sit­ze zeug­ten von einer kon­ti­nu­ier­li­chen kirch­li­chen Orga­ni­sa­ti­on, die selbst unter wech­seln­den isla­mi­schen Herr­schaf­ten fortbestand.

Dramatischer Rückgang der Christen im Irak

Die Wahl des neu­en Patri­ar­chen erfolg­te vor dem Hin­ter­grund eines histo­risch bei­spiel­lo­sen demo­gra­phi­schen Ein­bruchs. Nach Anga­ben, die der chaldäi­sche Erz­bi­schof von Erbil, Bas­har War­da, gegen­über The New Regi­on mach­te, ist die Zahl der Chri­sten im Irak von über 1,5 Mil­lio­nen im Jahr 2003 auf etwa 300.000 gesun­ken. Tat­säch­lich dürf­te die rea­le Zahl noch dar­un­ter lie­gen. Vor den bewaff­ne­ten Kon­flik­ten lag der Chri­sten­an­teil im Irak am Beginn des 21. Jahr­hun­derts noch bei sechs Pro­zent der Bevöl­ke­rung, wäh­rend er heu­te bei unter einem Pro­zent liegt.

Histo­risch betrach­tet war das gesam­te Gebiet des heu­ti­gen Irak um das Jahr 1000, trotz der schon lan­gen mus­li­mi­schen Herr­schaft, wahr­schein­lich noch mehr­heit­lich christ­lich, Nord­me­so­po­ta­mi­en auf alle Fäl­le. Die Städ­te wie Bag­dad waren gemischt, aber mit sehr hohem christ­li­chem Anteil.

Anfang des 20. Jahr­hun­derts nahm der Anteil der Chri­sten im Gebiet des heu­ti­gen Irak infol­ge schwe­rer Ver­fol­gun­gen im Osma­ni­schen Reich zu, da zahl­rei­che christ­li­che Grup­pen aus Ana­to­li­en – ins­be­son­de­re aus Ost­ana­to­li­en – vor Gewalt, Mas­sa­kern und Ver­trei­bun­gen nach Meso­po­ta­mi­en flo­hen. Für die dama­li­ge Zeit wird der Anteil der Chri­sten im Gebiet des heu­ti­gen Irak auf etwa 20 bis 25 Pro­zent geschätzt. Bevor die USA ihren dama­li­gen Ver­bün­de­ten Sad­dam Hus­sein im Ersten Golf­krieg (1980–1988) den Iran angrei­fen lie­ßen, war der Chri­sten­an­teil bei etwa zehn Prozent.

Die Grün­de für den star­ken Rück­gang des Chri­sten­an­teils zwi­schen 1920 und 1980 sind viel­schich­tig. Zunächst war der Anteil durch die genann­ten Ver­fol­gungs- und Flucht­be­we­gun­gen im Zuge des Ersten Welt­kriegs und sei­ner unmit­tel­ba­ren Fol­gen gewis­ser­ma­ßen „künst­lich“ erhöht wor­den, da zahl­rei­che Chri­sten aus Ana­to­li­en in das Gebiet des heu­ti­gen Irak (Meso­po­ta­mi­en) geflo­hen waren.

Die Fol­gen des Ersten Welt­kriegs waren tief­grei­fend: die Auf­lö­sung des Osma­ni­schen Rei­ches und damit tra­di­tio­nel­ler histo­ri­scher Räu­me sowie die Zer­stö­rung gewach­se­ner sozia­ler Struk­tu­ren. In der anschlie­ßen­den bri­ti­schen Man­dats­zeit wur­den die­se länd­lich gepräg­ten, gemein­schafts­stüt­zen­den Struk­tu­ren nicht sta­bi­li­siert, wäh­rend die geför­der­ten Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­se zugleich zur Ero­si­on tra­di­tio­nel­ler Lebens­for­men bei­tru­gen. Der sich spä­ter durch­set­zen­de ara­bi­sche Natio­na­lis­mus för­der­te zusätz­lich eine star­ke Urba­ni­sie­rung und staat­li­che Zentralisierung.

Vie­le der nach Meso­po­ta­mi­en geflüch­te­ten ana­to­li­schen Chri­sten ver­lie­ßen den Irak zudem in meh­re­ren Aus­wan­de­rungs­wel­len wei­ter in Rich­tung Liba­non, Syri­en und – ins­be­son­de­re nach dem Zwei­ten Welt­krieg – nach Nord- und Süd­ame­ri­ka sowie spä­ter auch nach Europa.

Die bei­den Welt­krie­ge und die anschlie­ßen­den poli­ti­schen Umbrü­che führ­ten zu erheb­li­chen ter­ri­to­ria­len, poli­ti­schen und sozia­len Ver­än­de­run­gen, schu­fen aber kei­ne dau­er­haf­te Rechts­si­cher­heit für die christ­li­che Min­der­heit. Weder die bri­ti­sche Man­dats­ver­wal­tung noch die spä­te­ren natio­na­li­sti­schen Regime stell­ten eine sta­bi­le Schutz­ord­nung für kon­fes­sio­nel­le Min­der­hei­ten bereit, da der auf­kom­men­de ara­bi­sche Natio­na­lis­mus – aus dem auch die Baath-Ideo­lo­gie und damit indi­rekt das poli­ti­sche Umfeld Sad­dam Hus­s­eins her­vor­gin­gen – die Bevöl­ke­rung pri­mär nach staat­lich-natio­na­len Kate­go­rien und nicht nach reli­giö­ser Zuge­hö­rig­keit definierte.

Noch im 20. Jahr­hun­dert bil­de­ten Chri­sten eine bedeu­ten­de und kul­tu­rell prä­gen­de Min­der­heit im Irak; in ein­zel­nen Regio­nen wie der Nini­ve-Ebe­ne hiel­ten sie sich als kom­pak­te Sied­lungs­ge­bie­te mit eige­ner kirch­li­cher und gesell­schaft­li­cher Infrastruktur.

Der Zusam­men­bruch setz­te sich schritt­wei­se fort: zunächst durch poli­ti­sche Insta­bi­li­tät und inter­na­tio­na­le Sank­tio­nen, dann in dra­ma­ti­scher Wei­se nach dem Jahr 2003 und schließ­lich beschleu­nigt durch die bru­ta­le Offen­si­ve des soge­nann­ten Isla­mi­schen Staa­tes (IS), der teils als Reak­ti­on auf die angel­säch­si­schen Inter­ven­tio­nen im Nahen Osten ent­stand (zu denen auch die Grün­dung des Staa­tes Isra­el gehört) und teils sogar als Instru­ment geo­po­li­ti­scher west­li­cher Inter­es­sen fun­gier­te, wei­te Tei­le der ange­stamm­ten Sied­lungs­ge­bie­te der Chri­sten ver­wü­ste­te und entvölkerte.

Anders aus­ge­drückt: Das gerin­ge bri­ti­sche Inter­es­se an den ein­hei­mi­schen christ­li­chen Gemein­schaf­ten des Nahen Ostens setz­te sich in der geo­po­li­ti­schen Pra­xis der USA als struk­tu­rell ähn­li­che Prio­ri­tä­ten­set­zung fort. Die christ­li­chen Gemein­schaf­ten im Irak waren für die angel­säch­si­schen Mäch­te in ihrer Irak­po­li­tik der ver­gan­ge­nen rund hun­dert Jah­re kein eigen­stän­di­ger stra­te­gi­scher Ziel- oder Schutzparameter.

Sie waren in der Logik groß­macht­po­li­ti­scher Inter­es­sen kein ent­schei­den­der Fak­tor, kurz­um: Die Chri­sten im Nahen Osten sind „nicht system­re­le­vant“. Noch ein­mal anders aus­ge­drückt: Je stär­ker die angel­säch­si­schen Inter­ven­tio­nen im Nahen Osten aus­fie­len, desto deut­li­cher ging die ein­hei­mi­sche christ­li­che Prä­senz in der Regi­on zurück.

Pole­misch for­mu­liert: Die Angel­sach­sen haben in hun­dert Jah­ren geschafft, was die Mus­li­me in 1400 Jah­ren nicht geschafft haben – die christ­li­che Prä­senz fast aus­zu­lö­schen. Natür­lich nicht direkt, son­dern als „Kol­la­te­ral­scha­den“ ihrer Interessenspolitik.

Zwischen Restpräsenz und globaler Zerstreuung

Die Wahl von Patri­arch Nona steht somit im Zei­chen einer dop­pel­ten Her­aus­for­de­rung: Einer­seits geht es um das Über­le­ben der ver­blie­be­nen christ­li­chen Gemein­schaft im Irak, ande­rer­seits um die geist­li­che Füh­rung einer rasch wach­sen­den und welt­weit ver­streu­ten Diaspora.

Zum Patri­ar­chen wur­de ein Kir­chen­mann gewählt, der sowohl die Zer­stö­rung der ange­stamm­ten Hei­mat als auch den Auf­bau kirch­li­cher Struk­tu­ren im Aus­land aus eige­ner Erfah­rung kennt.

Doch die Aus­gangs­la­ge bleibt pre­kär: Die Rück­kehr vie­ler Ver­trie­be­ner ist unge­wiß, die Sicher­heits­la­ge fra­gil, und der demo­gra­phi­sche Ader­laß hält an.

So steht die mit Rom unier­te chaldäi­sche Kir­che heu­te an einem histo­ri­schen Wen­de­punkt: zwi­schen der Erin­ne­rung an nahe­zu zwei Jahr­tau­sen­de unun­ter­bro­che­ner, teils blü­hen­der und prä­gen­der christ­li­cher Prä­senz im Zwei­strom­land und der rea­len Gefahr ihres Ver­schwin­dens aus eben jener Regi­on, in der sie einst zu den älte­sten und leben­dig­sten Aus­drucks­for­men des Chri­sten­tums gehörte.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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