Erdogans ethnischer und religiöser Säuberungsplan: Mossul ohne Christen, Jesiden, Schiiten …

(Bag­dad) Ein christ­li­cher Abge­ord­ne­ter des Irak warnt davor, daß die tür­ki­sche Ein­mi­schung in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten des Irak zu einem „regio­na­len Krieg“ füh­ren kann. Das gel­te beson­ders für den eth­ni­schen und reli­giö­sen Säu­be­rungs­plan des tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Erdogan.
„In der schii­ti­schen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit des Iraks gärt es. Es droht eine Volks­mo­bi­li­sie­rung, die die Unter­stüt­zung durch den Iran fin­den wür­de“, so Yona­dam Kan­na, der Vor­sit­zen­de des Assy­ri­an Demo­cra­tic Move­ment (Demo­kra­ti­sche Assy­ri­sche Bewe­gung). Kan­na ist Abge­ord­ne­ter zum Ira­ki­schen Par­la­ment und Mit­glied des Par­la­ments­aus­schus­ses für Arbeit und Sozia­les.

Die mas­si­ve tür­ki­sche Ein­mi­schung im Irak sei nicht nur ein „Pro­blem für den Irak, son­dern für die gesam­te inter­na­tio­na­le Gemein­schaft“.

Erdogans Plan zur ethnischen und religiösen Säuberung von Mossul

Der fron­ta­le Zusam­men­stoß der ver­gan­ge­nen Tage zwi­schen dem Irak und der Tür­kei droht eine explo­si­ve Dimen­si­on anzu­neh­men. Die ira­ki­sche Regie­rung zitier­te den tür­ki­schen Bot­schaf­ter zu sich. Glei­ches tat die Tür­kei mit dem ira­ki­schen Bot­schaf­ter.

Die Kri­se wur­de durch eine Erklä­rung des tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Recep Erdogan aus­ge­löst, der die tür­ki­sche Teil­nah­me an der Offen­si­ve gegen die Dschi­ha­di­sten des Isla­mi­schen Staa­tes (IS) um Mos­sul ankün­dig­te und gleich­zei­tig sei­ne Vor­stel­lun­gen von der eth­ni­schen, reli­giö­sen und poli­ti­schen Zukunft Mos­suls vor­stell­te. Laut Erdogan soll­ten in Mos­sul, der zweit­größ­ten Stadt des Irak, nach Kriegs­en­de nur mehr „sun­ni­ti­sche Ara­ber, Kur­den und Turk­me­nen“ leben. Die Ange­hö­ri­gen ande­rer Reli­gio­nen, Kon­fes­sio­nen und Eth­ni­en sol­len umge­sie­delt bzw. ihnen die Rück­kehr ver­wehrt wer­den.

Der Plan gilt in Bag­dad als offe­ne Kriegs­er­klä­rung gegen die Ein­heit des ira­ki­schen Staa­tes mit sei­nen ver­schie­de­nen Reli­gio­nen, Eth­ni­en und Spra­chen. Erdogan for­dert eine „eth­ni­sche und reli­giö­se Säu­be­rung“, so Kan­na. Er erklä­re den Isla­mi­schen Staat (IS) zu bekämp­fen und wol­le im Grun­de genau das­sel­be wie die Dschi­ha­di­sten. Ob Isla­mi­scher Staat (IS) oder Erdogan, für die Chri­sten in Mos­sul ist kein Platz, „dabei sind wir Chri­sten die älte­ste Gemein­schaft in der Stadt“. Der chaldä­isch-katho­li­sche Patri­arch Lou­is Rapha­el I. Sako stammt aus Mos­sul genau­so wie vie­le ande­re ira­ki­sche Per­sön­lich­kei­ten. Ihre Rea­li­tät soll laut IS und Erdogan aus­ge­löscht wer­den. Was für die Chri­sten gilt, soll auch für die Schii­ten gel­ten, die nach Erdogan die Stadt eben­falls auf­zu­ge­ben hät­ten.

Sturm der Empörung

Erdogans Wor­te lösten im gan­zen Irak einen Sturm der Empö­rung aus. Die Chri­sten sind nur mehr eine klei­ne Min­der­heit und haben man­gels Unter­stüt­zung durch die christ­li­che Welt kaum Gewicht. Die Schii­ten aber machen 60 Pro­zent der ira­ki­schen Bevöl­ke­rung aus. Sie betrach­ten die Erklä­rung des Tür­ken und Sun­ni­ten Erdogan als Kriegs­an­kün­di­gung.

Die ira­ki­sche Regie­rung for­der­te Erdogan auf, „unver­züg­lich“ die tür­ki­schen Trup­pen aus dem Nord­irak zurück­zu­zie­hen, wohin sie unter dem Vor­wand der IS-Bekämp­fung vor­ge­sto­ßen waren. Daß die tür­ki­schen Trup­pen von Anfang an mehr gegen die Kur­den gekämpft haben, als gegen den IS, wur­de von Washing­ton und der übri­gen „Inter­na­tio­na­len Koali­ti­on“ zur Bekämp­fung des IS still­schwei­gend gedul­det.

Inzwi­schen geht Erdogan soweit, bereits eine Nach­kriegs­ord­nung nach tür­ki­schen Inter­es­sen zu defi­nie­ren mit dem Ziel, den Nord­irak eth­nisch und reli­gi­ös umzu­ge­stal­ten. In Bag­dad geht die Rede, daß Erdogan über den Nord­irak ein tür­ki­sches Pro­tek­to­rat errich­ten wol­le, um die Kur­den­fra­ge durch mili­tä­ri­sche Unter­drückung kon­trol­lie­ren zu kön­nen.

Türkischer Ministerpräsident: Türkische Truppen bleiben im Irak, egal was irakische Irak sagt

Der tür­ki­sche Mini­ster­prä­si­dent Bina­li Yil­di­rim ant­wor­te­te der ira­ki­schen Regie­rung, daß die tür­ki­schen Trup­pen im Nord­irak „blei­ben, unab­hän­gig davon, was die Regie­rung in Bag­adad sagt“.

Iraks Mini­ster­prä­si­dent Hai­der al-Aba­di sag­te dar­auf, daß die Anwe­sen­heit tür­ki­scher Trup­pen im Nord­irak die Vor­aus­set­zung bil­den, daß es zu einem „regio­na­len Kon­flikt“ kom­men könn­te. Der Irak for­der­te gestern eine Dring­lich­keits­sit­zung des Welt­si­cher­heits­ra­tes und kün­dig­te an, die „finan­zi­el­len und wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen“ mit der Tür­kei „zu über­den­ken“.

Yona­dam Kan­na sag­te gegen­über Asia­news, daß „seit Jah­ren“ tür­ki­sche Trup­pen unter dem Stich­wort „peace­kee­ping“ auf ira­ki­schen Ter­ri­to­ri­um ste­hen, beson­ders in Kur­di­stan. Das sei mög­lich, so Kan­na, „weil die USA damit ein­ver­stan­den sind“. Inzwi­schen sei aus dem tür­ki­schen Peace­kee­ping aber offe­ne Aggres­si­on gewor­den, so der christ­li­che Abge­ord­ne­te.

Türkische Truppen wenige Dutzend Kilometer vor Mossul

Die tür­ki­schen Trup­pen ste­hen weni­ge Dut­zend Kilo­me­ter vor Mos­sul.

„Anka­ra bean­sprucht eine füh­ren­de Rol­le bei der Befrei­ung der Stadt vom IS. Anka­ra will dafür aber die Nach­kriegs­ord­nung in unse­rem Land bestim­men. Sie beab­sich­ti­gen damit fak­tisch von Befrei­ern zu Erobe­rern zu wer­den.“

„Man kann nur hof­fen, daß die tür­ki­sche Diplo­ma­tie die heik­le Situa­ti­on ver­steht und Druck auf die eige­ne Regie­rung aus­übt, von ihren Neu­ord­nungs­plä­nen abzu­rücken. Sie kom­pli­zie­ren nicht nur den Kampf gegen den IS, son­dern machen ihn gera­de­zu absurd.“

Der christ­li­che Abge­ord­ne­te bekräf­tig­te das Nein der ira­ki­schen Chri­sten und des gesam­ten Irak zu den tür­ki­schen Plä­ne einer „eth­ni­sche und reli­giö­sen Säu­be­rung“ in Mos­sul.

„Die gesam­te Geschich­te der Stadt ist vn einem Zusam­men­le­ben ver­schie­de­ner Kul­tu­ren und Reli­gio­nen geprägt. Es ist die Geschich­te der Chri­sten, der Schii­ten, der Jesi­den und ande­ren Min­der­hei­ten. Es ist auch die Geschich­te der Sun­ni­ten, aber nicht nur der Sun­ni­ten. Die Ein­heit in der Viel­falt, wie Patri­arch Sako gesagt hat, ist für uns ein Wert.“

Wenn die Tür­kei nicht ein­lenkt, droht bereits die näch­ste Eska­la­ti­ons­stu­fe durch ein Ein­grei­fen des Irans, der sei­nen schii­ti­schen Glau­bens­ge­nos­sen im Irak gegen die sun­ni­ti­sche Tür­kei zu Hil­fe kom­men wird.

„Ich hof­fe, daß die­ser Kon­flikt fried­lich auf diplo­ma­ti­scher Ebe­ne gelöst wer­den kann, ohne Gewalt und ohne Pan­zer“, so Kan­na.

Text: Andre­as Becker
Bild: Asia­news