Nach dem traditionellen Mittagsgebet des Angelus verurteilte Papst Leo XIV. am gestrigen Sonntag mit ungewöhnlicher Deutlichkeit die anhaltenden Kriege der Gegenwart. In seinen abschließenden Worten richtete er den Blick insbesondere auf den Nahen Osten, bezog aber auch andere Konfliktregionen ausdrücklich mit ein. Mit sichtbarer Betroffenheit sprach er von der Unmöglichkeit, angesichts des Leids unzähliger unschuldiger Menschen zu schweigen. Das, was die Opfer erlitten, „verletze die ganze Menschheit“. Die durch Krieg verursachten Toten und das menschliche Leid bezeichnete er als „Skandal für die gesamte Menschheitsfamilie“ und zugleich als „Schrei zu Gott“.
Der Papst verband diese Diagnose mit einem erneuten eindringlichen Appell: Die Gläubigen sollten im Gebet nicht nachlassen, damit die Kampfhandlungen ein Ende finden und Wege zum Frieden eröffnet werden. Voraussetzung dafür seien echter Dialog und die Achtung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen. Damit knüpfte er an die klassische katholische Friedenslehre an, die Gewalt nicht nur politisch, sondern auch moralisch als Scheitern menschlicher Verantwortung deutet.
Die Worte des Papstes fallen in eine Phase wachsender Spannungen im Nahen Osten, die inzwischen auch das religiöse Leben vor Ort unmittelbar betreffen. Besonders sichtbar wird dies an der Grabeskirche in Jerusalem, einem der bedeutendsten Heiligtümer der Christenheit. Die dort ansässige Kustodie des Heiligen Landes wurde von den israelischen Behörden gezwungen, den Zugang zur Grabeskirche „aus Sicherheitsgründen“ für Gläubige zu schließen.
Wie aus einer offiziellen Erklärung hervorgeht, bedeutet diese Maßnahme, so versichern die Franziskaner, keine Unterbrechung des liturgischen Lebens. Die Nachfolger des heiligen Franz von Assisi setzen ihre Gebete, Prozessionen und Gottesdienste ununterbrochen fort – Tag und Nacht, entsprechend den Regelungen des sogenannten Status quo, der die Zuständigkeiten der christlichen Konfessionen an den Heiligen Stätten regelt. Selbst unter eingeschränkten Bedingungen bleibt die Grabeskirche somit ein Ort kontinuierlicher Fürbitte. Die Gläubigen sind aber schon bald einen Monat lang ausgesperrt. Die Kustodie habe keine Möglichkeit die behördliche Anweisung zu umgehen.
Die Gebete in den Heiligen Stätten der Franziskaner werden ausdrücklich „im Namen der ganzen Kirche und zum Wohl der gesamten Menschheit“ dargebracht, heißt es in der Erklärung weiter. Damit werde die lokale religiöse Praxis in einen universalen Horizont gestellt: Die Grabeskirche ist ein geistlicher Brennpunkt, an dem sich Hoffnung, Klage und Friedenssehnsucht bündeln.
Ungewiß bleibt indes, wie sich die Lage in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln wird. Insbesondere mit Blick auf die Feierlichkeiten der Karwoche und von Ostern sind derzeit keine verläßlichen Prognosen möglich. Die Kustodie steht in engem Austausch mit den Behörden und den anderen Kirchen, die gemeinsam für die Verwaltung des Heiligtums verantwortlich sind. Die Behören wollen Entscheidungen erst treffen, wenn die Sicherheitslage dies zulasse.
Die Verbindung zwischen den Worten des Papstes und der Situation in Jerusalem ist offensichtlich: Während in Rom der moralische Maßstab formuliert wird, zeigt sich im Heiligen Land die konkrete Realität eines Konflikts, der selbst die ältesten und bedeutendsten Stätten der Christenheit nicht verschont. Gebet und Diplomatie, so betonen sowohl der Papst als auch die Verantwortlichen der Kustodie vor Ort, seien die zentralen Wege, um eine Eskalation zu überwinden und eine gerechte, dauerhafte Friedensordnung zu ermöglichen.
Unterdessen ist die Grabeskirche länger geschlossen als je zuvor. Die Kustodie kennt keine Zeit, in welcher der Zugang zur Grabeskirche von der Staatsmacht so lange verwehrt wurde. Offenbar fürchtet das israelische Inneministerium ein Attentat jüdischer Extremisten.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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