Kuba kündigt Freilassung von 51 politischen Gefangenen an

Der sozialistische Insel-Staat steht unter Druck


Kuba, größer als die neuen Bundesländer zusammen, erlebt durch den Wegfall Venezuelas und verstärkten US-Druck eine schwere Krise, die das Ende des Castro-Regimes einläuten könnte
Kuba, größer als die neuen Bundesländer zusammen, erlebt durch den Wegfall Venezuelas und verstärkten US-Druck eine schwere Krise, die das Ende des Castro-Regimes einläuten könnte

Fidel Castros Nach­fol­ger, die kom­mu­ni­sti­sche Regie­rung Kubas, haben über­ra­schend ange­kün­digt, in den kom­men­den Tagen 51 Gefan­ge­ne aus der Haft zu ent­las­sen. In einer am Abend des 12. März ver­öf­fent­lich­ten Erklä­rung des Außen­mi­ni­ste­ri­ums in Havan­na heißt es, die­se Ent­schei­dung erfol­ge „im Geist des guten Wil­lens“ und im Rah­men der „engen Bezie­hun­gen“ zwi­schen dem kuba­ni­schen Staat und dem Vati­kan. Die Maß­nah­me fal­le zudem zeit­lich mit der bevor­ste­hen­den Kar­wo­che und dem Oster­fest zusam­men. Offi­zi­ell han­delt es sich um Gefan­ge­ne, die einen „signi­fi­kan­ten Teil ihrer Stra­fe ver­büßt“ hät­ten und im Gefäng­nis durch „gutes Ver­hal­ten“ auf­ge­fal­len sei­en. Ob sich auch christ­li­che Dis­si­den­ten dar­un­ter befin­den, ist der­zeit nicht bekannt.

Die For­mu­lie­rung der Erklä­rung folgt der bekann­ten Rhe­to­rik der kuba­ni­schen Füh­rung. Die Regie­rung betont dar­in, daß es sich um eine sou­ve­rä­ne Ent­schei­dung inner­halb des eige­nen Rechts­sy­stems han­de­le. Zugleich ver­weist sie auf eine angeb­lich lan­ge „huma­ni­tä­re Tra­di­ti­on der Revo­lu­ti­on“: Seit 2010 sei­en dem­nach fast 10.000 Häft­lin­ge begna­digt wor­den, in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren wei­te­re rund 10.000 durch unter­schied­li­che juri­sti­sche Maß­nah­men aus der Haft ent­las­sen wor­den. Kri­ti­ker wei­sen jedoch seit Jah­ren dar­auf hin, daß unter die­sen Zah­len nur ein klei­ner Teil tat­säch­li­che poli­ti­sche Gefan­ge­ne sind, wäh­rend ein Groß­teil gewöhn­li­che Straf­ge­fan­ge­ne betrifft.

Daß die jet­zi­ge Ankün­di­gung den­noch poli­ti­sche Bedeu­tung besitzt, hängt vor allem mit zwei Fak­to­ren zusam­men: mit der diplo­ma­ti­schen Rol­le des Vati­kans und mit dem wach­sen­den Druck aus den USA. Bereits weni­ge Tage zuvor hat­te Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin öffent­lich bestä­tigt, daß Gesprä­che zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der kuba­ni­schen Regie­rung statt­ge­fun­den hät­ten. Man habe sich mit dem Außen­mi­ni­ster Havan­nas getrof­fen und „die not­wen­di­gen Schrit­te unter­nom­men, immer mit Blick auf eine dia­lo­gi­sche Lösung der bestehen­den Pro­ble­me“, erklär­te Paro­lin gegen­über Medi­en des Vati­kans. Auch wenn der Kar­di­nal kei­ne Details nann­te, gilt als sicher, daß die­se Kon­tak­te mit der nun ange­kün­dig­ten Frei­las­sung von Gefan­ge­nen zusammenhängen.

Der Vati­kan spielt seit Jahr­zehn­ten eine beson­de­re Rol­le in der kuba­ni­schen Poli­tik. Als mora­li­sche Auto­ri­tät und zugleich als diplo­ma­ti­scher Akteur unter­hält der Hei­li­ge Stuhl sta­bi­le Bezie­hun­gen sowohl zum kom­mu­ni­sti­schen Regime in Havan­na als auch zu den USA. Bereits in der Ver­gan­gen­heit hat­te der Vati­kan mehr­fach als Ver­mitt­ler gewirkt, etwa bei grö­ße­ren Frei­las­sungs­ak­tio­nen poli­ti­scher Gefan­ge­ner oder bei Annä­he­rungs­ver­su­chen zwi­schen Kuba und den USA. Die jet­zi­ge Initia­ti­ve paßt somit in eine lan­ge Tra­di­ti­on dis­kre­ter kirch­li­cher Diplomatie.

Druck aus den USA: „Cuba will fall“

Die Ankün­di­gung der kuba­ni­schen Regie­rung fällt in eine Pha­se unge­wöhn­lich star­ken poli­ti­schen Drucks aus Washing­ton. US-Prä­si­dent Donald Trump ver­schärf­te in den ver­gan­ge­nen Wochen sei­ne Poli­tik gegen­über Havan­na deut­lich. Gemeint ist ein „Regime Chan­ge“, ein Kon­zept, das in den Amts­zei­ten der US-Prä­si­den­ten Clin­ton und Bush jun. von soge­nann­ten Neo­cons (einer poli­ti­schen Rich­tung, die eine aggres­si­ve Geo­po­li­tik pro­pa­giert, aber trotz der irre­füh­ren­den Bezeich­nung in kei­nem Zusam­men­hang mit kon­ser­va­ti­ven Posi­tio­nen oder Denk­schu­len steht) in den all­ge­mei­nen öffent­li­chen Dis­kurs ein­ge­bracht wur­de. In Reden und Inter­views ließ Trump kei­nen Zwei­fel dar­an, daß sei­ne Regie­rung einen grund­le­gen­den poli­ti­schen Wan­del auf der Insel anstrebt. In die­sem Zusam­men­hang erklär­te Trump sinn­ge­mäß, daß „auch Kuba fal­len wer­de“, womit er offen das Ende des kom­mu­ni­sti­schen Systems in Havan­na in Aus­sicht stellte.

Die Regie­rung in Washing­ton ver­folgt die­ses Ziel vor allem über wirt­schaft­li­chen Druck. Kuba unter­liegt seit Ende der 1950er Jah­ren Han­dels­sank­tio­nen. In den ver­gan­ge­nen Wochen haben die USA Maß­nah­men ergrif­fen, die von Beob­ach­tern fak­tisch als ein Öl-Embar­go gegen Kuba beschrie­ben wer­den. Der Insel­staat ver­fügt zwar über eige­nes Erd­öl, ist aber tech­nisch nicht in der Lage, es in aus­rei­chen­der Men­ge zu för­dern und zu raf­fi­nie­ren. Da die USA Vene­zue­la als Kubas Ver­bün­de­ten und Öl-Lie­fe­ran­ten aus­schal­te­te, steht das Castro-Regime vor einem Dilem­ma. Tan­ker­lie­fe­run­gen an die Insel ste­hen unter beson­de­rer US-Beob­ach­tung, und Unter­neh­men oder Staa­ten, die Treib­stoff lie­fern, müs­sen mit Sank­tio­nen rech­nen. Für Kuba, des­sen Ener­gie­ver­sor­gung seit Jah­ren von Impor­ten abhängt, hat die­se Poli­tik dra­ma­ti­sche Fol­gen. In vie­len Regio­nen der Insel kommt es inzwi­schen zu täg­li­chen Strom­ab­schal­tun­gen, die Wirt­schaft lei­det unter Treib­stoff­man­gel, und selbst grund­le­gen­de Dienst­lei­stun­gen wer­den zuneh­mend beein­träch­tigt. Vor allem auch die Lebens­qua­li­tät lei­det, wenn Kühl­schrank, Tele­fon, Inter­net, Kli­ma­an­la­ge, Elek­tro­her­de nicht funktionieren.

Vor die­sem Hin­ter­grund inter­pre­tie­ren vie­le Beob­ach­ter die ange­kün­dig­te Frei­las­sung der 51 Gefan­ge­nen als Ver­such Havan­nas, zumin­dest ein begrenz­tes Signal der Ent­span­nung zu sen­den. Auch inter­na­tio­na­le Medi­en wei­sen dar­auf hin, daß die Maß­nah­me dar­auf abzu­zie­len scheint, den wach­sen­den Druck aus Washing­ton abzu­mil­dern oder zumin­dest den diplo­ma­ti­schen Spiel­raum zu erweitern.

Unklar bleibt bis­lang die Fra­ge, wer genau zu den frei­ge­las­se­nen Gefan­ge­nen gehört. Die kuba­ni­sche Regie­rung ver­öf­fent­lich­te noch kei­ne Namen. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wei­sen dar­auf hin, daß auf der Insel weit über tau­send poli­ti­sche Gefan­ge­ne in Haft sit­zen, vie­le von ihnen seit den lan­des­wei­ten Pro­te­sten des Som­mers 2021. Unter ihnen befin­den sich zahl­rei­che Akti­vi­sten aus christ­li­chen Grup­pen, Mit­glie­der kirch­li­cher Initia­ti­ven und reli­gi­ös moti­vier­te Bürgerrechtler.

Gera­de in die­sem Punkt rich­tet sich der Blick beson­ders auf den Vati­kan. In der Ver­gan­gen­heit ver­such­te die katho­li­sche Kir­che immer wie­der, sich für die Frei­las­sung von Gefan­ge­nen ein­zu­set­zen, die wegen ihres reli­giö­sen oder mora­li­schen Enga­ge­ments ver­folgt wur­den. Dazu gehö­ren etwa christ­li­che Demo­kra­tie­ak­ti­vi­sten, unab­hän­gi­ge katho­li­sche Publi­zi­sten oder auch evan­ge­li­sche Pasto­ren, die sich offen gegen staat­li­che Repres­si­on aus­ge­spro­chen haben. Der Hei­li­ge Stuhl äußer­te sich nicht zu Details.

Für die katho­li­sche Kir­che auf Kuba ist die Situa­ti­on seit lan­gem ambi­va­lent. Einer­seits besitzt sie – anders als vie­le oppo­si­tio­nel­le Grup­pen – einen begrenz­ten Hand­lungs­spiel­raum und kann sozia­le und pasto­ra­le Akti­vi­tä­ten ent­fal­ten. Ande­rer­seits bleibt sie in einem poli­ti­schen System tätig, das unab­hän­gi­ge gesell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen grund­sätz­lich miß­trau­isch betrach­tet und poli­ti­sche Oppo­si­ti­on kaum tole­riert. Gera­de des­halb wird die Kir­che von vie­len Dis­si­den­ten als eine der weni­gen Insti­tu­tio­nen gese­hen, die über­haupt noch als Ver­mitt­le­rin auf­tre­ten kann.

Die jetzt ange­kün­dig­te Frei­las­sung von 51 Gefan­ge­nen kann daher nur ein erster Schritt in einer wesent­lich grö­ße­ren poli­ti­schen Ent­wick­lung sein. Soll­te sich bestä­ti­gen, daß tat­säch­lich poli­ti­sche Häft­lin­ge – mög­li­cher­wei­se auch Chri­sten oder kirch­li­che Akti­vi­sten – unter den Frei­ge­las­se­nen sind, könn­te dies ein erstes Zei­chen einer vor­sich­ti­gen Öff­nung sein. Soll­te sich hin­ge­gen her­aus­stel­len, daß über­wie­gend gewöhn­li­che Straf­ge­fan­ge­ne ent­las­sen wer­den, wür­de die Maß­nah­me ins Lee­re laufen.

Oswal­do Payá, die Sym­bol­fi­gur des christ­lich moti­vier­ten, fried­li­chen Wider­stan­des gegen das Castro-Regime, erlebt die Wen­de nicht mehr. 2010 war er von Castros Scher­gen ent­führt wor­den. 2012 starb er unter umstrit­te­nen Umständen. 

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Pix­a­bay

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