Das Königtum Christi und die Aporien der römischen Kirche


Pius XII.

Von Vigi­li­us*

Die Argumentation der Piusbruderschaft

Die FSSPX hat in einem lesens­wer­ten Text vom 4. Febru­ar 2026 die römi­sche Behaup­tung zurück­ge­wie­sen, die ange­kün­dig­ten uner­laub­ten Bischofs­wei­hen bil­de­ten einen schis­ma­ti­schen Vor­gang.1 Die­se Zurück­wei­sung hat der Gene­ral­obe­re der Bru­der­schaft, Davi­de Pagli­a­ra­ni, sei­nem aktu­el­len Schrei­ben an Prä­fekt Fernán­dez ange­hängt. Pagli­a­ra­ni begrün­det den nicht-schis­ma­ti­schen Cha­rak­ter der uner­laub­ten Bischofs­wei­hen damit, dass er unter Refe­renz auf die vor­kon­zi­lia­ren Bestim­mun­gen der bischöf­li­chen Juris­dik­ti­on zur Gel­tung bringt, dass die FSSPX-Bischö­fe ja blo­ße Weih­bi­schö­fe sei­en und sich kei­ne Juris­dik­ti­ons­ge­walt anmaß­ten, wel­che Anma­ßung auch nach Pagli­a­ra­nis Ein­schät­zung ein schis­ma­ti­scher Akt wäre. Die­se Argu­men­ta­ti­on hängt kon­sti­tu­tiv an der Auf­fas­sung, dass die bischöf­li­che Juris­dik­ti­on nicht durch den Wei­he­akt sel­ber, son­dern nur durch einen päpst­li­chen Ver­lei­hungs­akt ver­mit­telt wird. Nach die­ser Auf­fas­sung besitzt allein der Papst die Juris­dik­ti­ons­ge­walt, an der er den Bischö­fen Anteil gewährt. Die Bischö­fe ver­hal­ten sich in die­ser Syste­ma­tik auf ana­lo­ge Wei­se zum Papst wie die Prie­ster zu den Bischö­fen oder die Weih­bi­schö­fe zu den Orts­or­di­na­ri­en. Folg­lich kon­sti­tu­iert die Wei­he als sol­che im Bischof ledig­lich die Kom­pe­tenz, Prie­ster zu wei­hen und die Fir­mung zu spen­den, wel­che Kom­pe­tenz­über­tra­gung, auch wenn sie vom Papst nicht erlaubt wur­de, noch nicht schis­ma­pro­duk­tiv sein kann – weil sich hier ja kei­ne Bischö­fe eta­blie­ren, die gewis­ser­ma­ßen onto­lo­gi­sche Revo­lu­tio­nä­re gegen den Sou­ve­rän wären. Dass auch die FSSPX nicht dar­an zwei­felt, dass die Wei­he schis­ma­pro­duk­tiv wäre, wenn die Juris­dik­ti­ons­ge­walt bereits durch die Wei­he sel­ber kon­sti­tu­iert wür­de, kommt also daher, dass die FSSPX den von Pius IX. for­mu­lier­ten Juris­dik­ti­ons­pri­mat des Pap­stes, und zwar prä­zi­se in des­sen Selbst­ver­ständ­nis, akzeptiert.

Es mag zunächst irri­tie­rend wir­ken, dass Rom die uner­laub­ten Bischofs­wei­hen für eine Infra­ge­stel­lung des päpst­li­chen Pri­ma­tes erklärt, die FSSPX aber davon redet, dass gera­de sie das „gött­li­che Recht“ des Pap­stes ver­tei­digt, die bischöf­li­che Juris­dik­ti­on zu ver­lei­hen, und genau des­we­gen den Vor­wurf zurück­weist, die Juris­dik­ti­ons­ge­walt des Pap­stes durch die Bischofs­wei­hen zu bedro­hen. Die­se Aus­sa­gen bewe­gen sich jedoch auf unter­schied­li­chen Ebe­nen; sie sind aus unver­ein­ba­ren Syste­ma­ti­ken her­aus for­mu­liert. Man muß jeweils schau­en, in wel­chem Bezugs­sy­stem man argumentiert.

Der Hin­weis auf die unter­schied­li­chen Bezugs­sy­ste­me führt nun direkt zum ent­schei­den­den syste­ma­ti­schen Sach­ver­halt. Denn die von der Bru­der­schaft rekla­mier­te Posi­ti­on wider­strei­tet der Leh­re des II. Vati­can­ums und dem aktu­el­len, unter dem Ein­fluß des letz­ten Kon­zils ste­hen­den Kir­chen­recht, das von Papst Johan­nes Paul II. pro­mul­giert wor­den ist. In der dog­ma­ti­schen Kon­sti­tu­ti­on „Lumen gen­ti­um“ lehrt das Kon­zil näm­lich, dass die Juris­dik­ti­ons­ge­walt nicht erst durch einen von der Wei­he ver­schie­de­nen Wil­lens­akt des Pap­stes, son­dern grund­le­gend bereits durch den sakra­men­ta­len Akt sel­ber ver­mit­telt wird. Aus der Per­spek­ti­ve des Kon­zils müs­sen die uner­laub­ten Bischofs­wei­hen des­halb als aus sich selbst her­aus schis­ma­ti­sche Akte beur­teilt wer­den. Das heißt nichts gerin­ge­res als: Es gibt in der Juris­dik­ti­ons- und Wei­he­fra­ge eine Zäsur in der kirch­li­chen Dok­trin. Wäh­rend die FSSPX die­se Zäsur gegen das gött­li­che Recht selbst gerich­tet sieht, hal­te ich die theo­lo­gi­sche Rück­bin­dung der Juris­dik­ti­ons­ge­walt in das Sakra­ment indes für unver­zicht­bar. Ich betrach­te sie sogar als einen ledig­lich not­wen­di­gen Schritt auf dem viel län­ge­ren Weg zu einer umfas­sen­den Restau­ra­ti­on des sakra­men­ta­len Prin­zips und des Wei­he­am­tes, den das Kon­zil kei­nes­wegs zu Ende gegan­gen ist.

In gewis­ser Wei­se hat das II. Vati­ca­num durch sei­ne feh­len­de Kon­se­quenz die Apo­rien, in die die Kir­che sich ver­wickelt hat, sogar ver­schärft. Denn es hat die berech­tig­te Reinte­gra­ti­on der Juris­dik­ti­ons­ge­walt in das Sakra­ment nur unver­mit­telt neben die wei­ter­hin völ­lig unan­ge­ta­ste­te Leh­re vom uni­ver­sa­len Juris­dik­ti­ons­pri­mat des Pap­stes gestellt. Hier zeigt sich die FSSPX mit ihrer alten Auf­fas­sung zumin­dest par­ti­ell kon­se­quen­ter. Und sie erkennt, dass die letzt­kon­zi­lia­re Kon­struk­ti­on inkon­si­stent ist. Denn die Fra­ge ist doch unab­weis­bar, was die sakra­men­tal grun­dier­te Juris­dik­ti­ons­ge­walt des Bischofs bedeu­ten soll, wenn gleich­zei­tig der Papst der allei­ni­ge Regent der Kir­che ist, der in allen Din­gen das unmit­tel­ba­re Durch­griffs­recht besitzt und über jeden Bischof unan­fecht­bar befeh­ligt. Die FSSPX sieht zutref­fend, dass unter der Vor­aus­set­zung, dass die Wei­he bereits die Juris­dik­ti­ons­ge­walt im eigent­li­chen Sin­ne ver­leiht, die vom aktu­el­len Kir­chen­recht um der Auf­recht­erhal­tung des I. Vati­can­ums wil­len gewähl­te Bestim­mung der Not­wen­dig­keit eines wei­te­ren päpst­li­chen Ein­griffs, der die sub­stan­ti­ell exi­stie­ren­de Juris­dik­ti­ons­ge­walt gewis­ser­ma­ßen aktu­iert und aller­erst zu einer kon­kret aus­ge­üb­ten macht, „künst­lich“ ist. Mit die­ser Distink­ti­on wird die tat­säch­li­che Unver­mit­tel­bar­keit einer aus der Wei­he selbst stam­men­den bischöf­li­chen Juris­dik­ti­on und der nach wie vor unan­ge­ta­ste­ten päpst­li­chen pote­stas juris­dic­tion­is nur überdeckt.

Die systemische Ausdifferenzierung der Ämter Christi

Aller­dings ist die­se Unver­mit­telt­heit heu­ri­stisch pro­duk­tiv. Denn sie indi­ziert die Schwie­rig­keit, das Papst­tum, wie es im I. Vati­ca­num for­mel­le Gestalt gewon­nen hat, in den Sakra­men­tal­kos­mos der katho­li­schen Kir­che zu inte­grie­ren. Und in die­sem kapi­ta­len Pro­blem reflek­tie­ren sich brenn­punkt­ar­tig sämt­li­che unge­lö­sten Fra­gen des Wei­he­amts­dis­kur­ses. Die Wur­zel all die­ser Pro­ble­me besteht in der von der Kir­che auf der Ebe­ne der kirch­li­chen Ämter seit lan­gem vor­ge­nom­me­nen syste­mi­schen Aus­dif­fe­ren­zie­rung der drei Ämter Chri­sti, das heißt sei­nes Hohepriester‑, König- und Leh­rer­seins. Die­se Ämter Chri­sti müs­sen sich in der theo­lo­gi­schen Bestim­mung des kirch­li­chen Amtes abbil­den, aber sie bil­den sich hier mei­nes Erach­tens nicht in der kor­rek­ten Anord­nungs­lo­gik ab. Und das ist äußerst folgenreich.

Um den Pro­blem­zu­sam­men­hang vor sich zu brin­gen, ist es hilf­reich, erneut bei der Posi­ti­on anzu­set­zen, die die FSSPX zur Gel­tung bringt. Die FSSPX stellt näm­lich im Kon­text ihrer Kri­tik am II. Vati­ca­num Fra­gen, die die­sen Pro­blem­zu­sam­men­hang offen­le­gen: „In der Tat: Wenn die Juris­dik­ti­ons­ge­walt durch die Wei­he ver­lie­hen wür­de, wie könn­te es dann sein, dass ein gewähl­ter Papst, der noch nicht zum Bischof geweiht wur­de, bereits im Augen­blick der Annah­me sei­ner Wahl nach gött­li­chem Recht die Fül­le der Juris­dik­ti­ons­ge­walt sowie die Unfehl­bar­keit besitzt?“ Die FSSPX refe­ren­ziert hier auf die prin­zi­pi­ell noch immer gül­ti­ge juri­sti­sche Bestim­mung, dass für den Besitz des Papst­am­tes exklu­siv drei Bedin­gun­gen erfüllt sein müs­sen: Es muß eine recht­mä­ßi­ge Wahl sein, die Wahl muß vom Gewähl­ten frei ange­nom­men wer­den und der Gewähl­te muß ein getauf­ter katho­li­scher Mann – also nicht ein­mal ein Prie­ster oder Dia­kon – sein. Das aktu­el­le Kir­chen­recht fügt frei­lich im Kanon 332 § 1 noch die Vor­schrift ein, dass ein noch nicht zum Bischof geweih­ter Mann, der zum Papst gewählt wur­de und die Wahl ange­nom­men hat, unver­züg­lich zum Bischof geweiht wer­den muß. Das ist eine Reve­renz an das II. Vati­ca­num. Der Kanon ist aber unklar for­mu­liert und wird unter den Kir­chen­recht­lern ent­spre­chend kon­tro­vers debat­tiert. Die­se Unklar­heit indi­ziert jedoch – ana­log zum Dilem­ma der bei­den Juris­dik­tio­nen – nur das Dilem­ma, dass zwei Bestim­mun­gen zusam­men­ge­bun­den wer­den sol­len, die sich nicht orga­nisch inein­an­der fügen: Das Papst­amt ist an sich selbst kein Wei­he­amt; es besteht in einer uni­ver­sal aus­grei­fen­den pote­stas abso­lu­ta, die sich von der – immer auf eine bestimm­te Diö­ze­se und Gemein­de bezo­ge­nen – Juris­dik­ti­ons­ge­walt des Wei­he­am­tes dem Wesen nach unter­schei­det. Der Ver­such der sakra­men­ta­len Ein­he­gung die­ses Papst­am­tes durch das neue Kir­chen­recht kaschiert nur die­se Wesens­dif­fe­renz bzw. den Umstand, dass in der fak­tisch nach wie vor domi­nan­ten Papst­kon­zep­ti­on der noch nicht geweih­te Mann ab dem Zeit­punkt sei­ner Wahl­an­nah­me schon Papst ist und die ple­ni­tu­do pote­sta­tis besitzt. Streng genom­men könn­te die­ser zum Papst Gewähl­te die genann­te Wei­he­be­stim­mung mit sofor­ti­ger Wir­kung aus dem Kir­chen­recht auch wie­der tilgen.

Die Pius­bru­der­schaft ver­weist in die­sem Kon­text auch noch auf den struk­tu­rell iden­ti­schen Vor­gang bei der Wahl eines wie­der­um mög­lich­wei­se noch gar nicht zum Kle­ri­ker­stand gehö­ren­den Man­nes zum Diö­ze­san­bi­schof und fragt wie­der­um: „Der­sel­ben Logik fol­gend: Wenn es die Wei­he wäre, die die Juris­dik­ti­on ver­leiht, so hät­ten resi­die­ren­de Bischö­fe, die zwar ernannt, aber noch nicht geweiht sind, kei­ner­lei Juris­dik­ti­ons­ge­walt und kein Recht, in einem Kon­zil zu sit­zen – obwohl sie doch bereits als wah­re Hir­ten an der Spit­ze ihrer Diö­ze­se ste­hen. Tat­säch­lich besit­zen sie bei­de Vor­rech­te bereits vor ihrer Bischofsweihe.“

Bringt man die­se von der FSSPX zutref­fend beschrie­be­ne Sepa­ra­ti­on von Lei­tungs- und Lehr­amt einer­seits und Prie­ster­tum ande­rer­seits wirk­lich vor sich, reibt man sich ungläu­big die Augen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Pagli­a­ra­ni zurei­chend über die ekkle­sio­lo­gi­sche Unge­heu­er­lich­keit die­ser Kon­zep­ti­on auf­ge­klärt hat, die es für mög­lich erach­tet, dass ein Laie als Papst der kirch­li­che Sou­ve­rän und damit auch der Gebie­ter über alle Prie­ster (bzw. Weih­bi­schö­fe) sein kann, denen er die kirch­li­che Leh­re unfehl­bar zu dekre­tie­ren und, wenn er mag, gnä­di­ger­wei­se bis auf Wider­ruf auch Anteil an sei­ner abso­lu­ten Juris­dik­ti­ons­ge­walt zu gewäh­ren ver­mag. Damit könn­te der Laie auf dem Papst­thron natür­lich auch – allein wegen sei­ner ple­ni­tu­do pote­sta­tis – die Diö­ze­se von Rom lei­ten und, wie die Kir­che das schon prak­ti­ziert hat, die sakra­men­ta­len Hand­lun­gen von Weih­bi­schö­fen ohne Juris­dik­ti­on vor­neh­men las­sen. Er könn­te über­haupt auf resi­die­ren­de Bischö­fe ver­zich­ten und aus prag­ma­ti­schen Grün­den nur noch Weih­bi­schö­fe beschäftigen.

Viel­leicht soll­te Pagli­a­ra­ni wei­ter­hin dar­über nach­den­ken, dass er mit der von ihm noch immer ver­tre­te­nen Tren­nung von Juris­dik­ti­ons­ge­walt und Wei­he, die bemer­kens­wer­ter­wei­se auch Papst Berg­o­glio um der Ermäch­ti­gung der Frau­en wil­len so ent­schie­den befür­wor­tet hat, selbst den Revo­lu­tio­nä­ren des Syn­oda­len Weges die Hand reicht. Wenn Juris­dik­ti­on und Leh­re der­art vom Prie­ster­tum sepa­riert wer­den, wäre schließ­lich auch nicht mehr ein­zu­se­hen, war­um nicht eine Frau Päp­stin wer­den kön­nen soll­te. Die strick­jacken­be­wehr­te Signo­ra Bram­bil­la zum Bei­spiel. Die Beschrän­kung auf das Mann­sein ist näm­lich nur begründ­bar im Blick auf den Sacer­dos, in dem sich Chri­stus sel­ber sakra­men­tal reprä­sen­tiert. Und da sich auch die Zöli­bats­not­wen­dig­keit nur für den Sacer­dos theo­lo­gisch aus­wei­sen läßt, könn­te die Päp­stin durch­aus ver­hei­ra­tet sein – und ihren Gat­ten sowie ihre Kin­der zu Kar­di­nä­len machen, denn auch das Kar­di­na­lat ist in der alten Kon­struk­ti­on nicht wesens­not­wen­dig an das Wei­he­amt gebun­den. Ana­log zum Kanon 332 tref­fen wir hier zwar wie­der­um auf die aktu­el­le kir­chen­recht­li­che Bestim­mung, dass Kar­di­nä­le „wenig­stens die Prie­ster­wei­he emp­fan­gen haben müs­sen“ (Kanon 351 § 1). Das neue Kir­chen­recht will auch das Kar­di­na­lat in den Raum des Sakra­men­tes zurück­bin­den. Das Ansin­nen ist ehren­wert, aber erneut fehlt die­ser Bestim­mung im Rah­men der in der neu­zeit­li­chen Papst­kon­struk­ti­on kul­mi­nie­ren­den syste­mi­schen Ämterse­pa­ra­ti­on die zwin­gen­de Begrün­dungs­mög­lich­keit; sie ist in Wahr­heit nur eine kon­tin­gen­te Regel. Auch hier gilt struk­tu­rell das, was die FSSPX im Blick auf ernann­te, aber noch nicht geweih­te Bischö­fe zur Gel­tung gebracht hat. Noch unter Leo XIII. war der berühm­te Theo­dol­fo Mer­tel ein Kar­di­nal, der nie­mals die Prie­ster­wei­he emp­fan­gen hat. Obwohl er zwei Mona­te nach sei­ner Kar­di­nals­er­nen­nung noch zum Dia­kon geweiht wur­de, war er bis zum Ein­tritt in den Kle­ri­ker­stand doch schon Kar­di­nal und hät­te einen neu­en Papst mit­wäh­len kön­nen. Die kirch­li­che Lin­ke bezieht sich gern auf die Cau­sa Mer­tel, wie sie über­haupt die grund­stür­zen­den Poten­tia­le der syste­mi­schen Ämter­aus­dif­fe­ren­zie­rung erkannt hat. Die Ver­hält­nis­se sind oft dia­lek­tisch ver­wickelt. Es gibt Ideen, die enden, ohne dass jemals jemand dar­an gedacht hät­te, in der Kata­stro­phe, viel­leicht gar im aggres­si­ven Gegen­teil ihrer Intention.

All die­sen mög­li­chen Kurio­si­tä­ten wol­len Lumen Gen­ti­um und das neue Kir­chen­recht durch die Refe­renz auf das Wei­he­sa­kra­ment einen Rie­gel vor­schie­ben. Aber Kon­zil und Kir­chen­recht kön­nen ihre berech­tig­te Inten­ti­on im Hori­zont des noch immer herr­schen­den Papst­be­griffs, der von der syste­mi­schen Ämterse­pa­ra­ti­on lebt, nicht kon­si­stent begrün­den. Kon­si­stent wür­de dies erst im Kon­text einer radi­ka­len Ver­än­de­rung der gesam­ten Papst­kon­struk­ti­on und der Über­ho­lung der für die­se Kon­struk­ti­on grund­le­gen­den Anord­nungs­lo­gik der Ämter Chri­sti mög­lich sein.

Der Hohepriester ist der König – nicht umgekehrt

Die Leh­re von den Ämtern Chri­sti, das heißt von Chri­stus als Hohe­prie­ster, König und Pro­phet geht in der Sache auf das Neue Testa­ment zurück, fin­det sich in expli­zi­ter Form das erste Mal bei Justin dem Mär­ty­rer und durch­zieht sodann in mit­un­ter wech­seln­den Ter­mi­no­lo­gien (der König gilt auch als der Hir­te, wie der Pro­phet als der Leh­rer gilt) die gesam­te Theo­lo­gie­ge­schich­te. Sie ist, wie schon ange­deu­tet, für die katho­li­sche Kir­che vor allem unter der Rück­sicht der Theo­lo­gie des sakra­men­ta­len Ordo sowie für die Bestim­mung des Papst­am­tes von zen­tra­ler Rele­vanz. Im Fol­gen­den geht es mir um die inne­re Ver­knüp­fung der chri­sto­lo­gi­schen und ekkle­sio­lo­gi­schen Ämter­leh­re sowie deren Ver­bin­dung mit dem sakra­men­ta­len Wesen der Kir­che selber.

Dass die Kir­che wesen­haft sakra­men­tal ist, bedeu­tet, dass sie die ewi­ge Ver­ei­ni­gung Chri­sti mit den Aus­er­wähl­ten des Vaters ist, die durch die Ver­mitt­lung des Hei­li­gen Gei­stes kon­sti­tu­iert wird. Eben die­se Ver­ei­ni­gung ist der cor­pus Chri­sti mysti­cum. Des­we­gen kann das letz­te Kon­zil die Kir­che auch als Grundsa­kra­ment ver­ste­hen, das nach Lumen Gen­ti­um „Zei­chen und Werk­zeug für die innig­ste Ver­ei­ni­gung mit Gott“ ist. Aber die­ser instru­men­tel­le Aspekt ist dar­in begrün­det, dass die Kir­che die Rea­li­tät des Hei­les sel­ber ist, sofern das Heil nur dar­in bestehen kann, mit Chri­stus über­na­tür­lich ver­bun­den zu sein. „Über­na­tür­lich“ und „mystisch“ wird die­se Ver­ei­ni­gung genannt, weil sie alle uns zur Ver­fü­gung ste­hen­den phi­lo­so­phi­schen Kate­go­rien tran­szen­diert – sie ist als die in der gra­tia sanc­ti­fi­cans gege­be­ne „Theo­sis“ des Men­schen unend­lich mehr als eine bloß mora­li­sche Ver­bin­dung und bil­det doch kei­ne sym­bio­ti­sche Ver­schmel­zung, in der die onto­lo­gi­sche Dif­fe­renz der Ver­ei­nig­ten auf­ge­löst würde.

Zur prä­zi­sen Bestim­mung die­ser Ver­ei­ni­gung gehört es nun, dass Chri­stus sel­ber in der Ver­mitt­lung des Hei­li­gen Gei­stes sein in Got­tes Ewig­keit ein­ge­bor­ge­nes Gol­go­tha-Opfer auf den Altä­ren der Kir­che ver­ge­gen­wär­tigt, damit die Gläu­bi­gen sein Opfer frei mit­voll­zie­hen, das heißt: auch sel­ber dem Vater als ihr Sühn‑, Bitt- und Lob­op­fer dar­brin­gen kön­nen und so in den Hin­ga­be­akt Chri­sti an den Vater inte­griert wer­den. Sei­ne iko­ni­sche Dar­stel­lung fin­det die­ser Vor­gang des kirch­li­chen Mit-opferns des Opfers Chri­sti in der bibli­schen Erzäh­lung, dass Maria den Kreuz­weg ihres Soh­nes beglei­tet und in der Ein­heit mit Chri­stus des­sen Opfer dem Vater mit­op­fert, um unter dem Kreuz vom Gekreu­zig­ten sel­ber dem Apo­stel Johan­nes zur Mut­ter gege­ben zu wer­den (Joh 19, 25f). In die­sem Vor­gang ist die aus dem Opfer Chri­sti ent­sprin­gen­de über­na­tür­li­che Ver­wandt­schaft der Gläu­bi­gen im mysti­schen Lei­be Chri­sti sym­bo­li­siert. So ist die Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Opfers Chri­sti und unse­re Inte­gra­ti­on in die­ses Opfer der ent­schei­den­de Seins­grund, ja das Sein der Kir­che. „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vie­len, alle, die an dem einen Bro­te teil­ha­ben“ (1 Kor 10,17). So wer­den wir alle zu „Glie­dern jenes Lei­bes“ (vgl. 1 Kor 12,27). Die Mes­se als die zeit­li­che Ver­ge­gen­wär­ti­gung des einen ewi­gen Opfer­ak­tes Chri­sti ist die Defi­ni­ti­ons­mit­te der Kir­che.2 Das Zen­trum der Kir­che ist kei­ne Ver­wal­tungs­be­hör­de, kein Lehr­stuhl, auch kei­ne Kan­zel, son­dern der Altar.

Das Opfer Chri­sti ist das Deduk­ti­ons­prin­zip des Gan­zen, weil es die Defi­ni­ti­ons­mit­te des inkar­nier­ten Logos sel­ber ist. Chri­sti zen­tra­le Bestim­mung ist das Sein als Sacer­dos. Das ist von alles ent­schei­den­der Rele­vanz. Signi­fi­kan­ter­wei­se wird Chri­stus gleich zu Beginn sei­nes öffent­li­chen Wir­kens von Johan­nes dem Täu­fer als die­ser Sacer­dos iden­ti­fi­ziert, des­sen Gott dar­ge­brach­te Opfer­ga­be er sel­ber ist: „Seht das Lamm Got­tes, das die Sün­de der Welt hin­weg­nimmt.“ (Joh 1,29) Die theo­lo­gi­sche Bedeu­tung die­ses Hin­wei­ses liegt dar­in, dass die „Ämter Chri­sti“, von denen die kirch­li­che Tra­di­ti­on spre­chen wird, nicht ein­fach neben­ein­an­der lie­gen, so dass sie auf­ge­teilt wer­den könn­ten. Chri­sti Leh­rer- und Hir­te- bzw. König­sein erge­ben sich aus sei­nem onto­lo­gi­schen Grund­cha­rak­ter, der Hohe­prie­ster, also der sich auf Gol­go­tha dem Vater Auf­op­fern­de zu sein. Jesus Chri­stus ist logisch pri­mär der, als wel­chen Johan­nes ihn ursprüng­lich bezeichnet.

Der Grund ist ein tri­ni­täts­theo­lo­gi­scher. Zunächst zum Leh­rer­sein, das der Kate­go­rie des Logos ent­spricht. Der ewi­ge Chri­stus ist des­we­gen der Logos, der Selbst­aus­druck und die Selbst­of­fen­ba­rung des Vaters, weil er der Sohn ist. Es war mei­nes Erach­tens ein fol­gen­rei­cher Feh­ler, dass Augu­sti­nus in sei­ner Tri­ni­täts­theo­lo­gie die zwei­te gött­li­che Per­son vor­züg­lich intel­lek­tu­ell, näm­lich von den inne­ren Funk­ti­ons­ge­set­zen des mensch­li­chen Gei­stes her als den not­wen­di­gen Selbst­aus­druck des einen Got­tes ver­steht, der sich nur mit­tels die­ser Selbst­ob­jek­ti­vie­rung in sei­nem eige­nen Logos als der eine Gott weiß. Der Ansatz muß jedoch ein per­son­theo­re­ti­scher sein, denn das gött­li­che Wesen ist der Selbst­voll­zug der Lie­be und nicht der einer sich selbst objek­ti­vie­ren­den Ver­nunft, die, dar­in zieht Hegel die augu­sti­ni­sche Linie kon­se­quent aus, die reli­giö­se Got­tes­re­de nur als Chif­fre für die Logik des sich selbst wis­sen­den Gei­stes rekon­stru­ie­ren kann. Des­we­gen muß zur Gel­tung gebracht wer­den, dass der Sohn als sol­cher der Logos ist – und nicht umge­kehrt. Es ist die Sohn­schaft des Soh­nes, die die Väter­lich­keit des Vaters sowohl kon­sti­tu­iert als auch offen­bar macht und damit den Sohn zum Logos des Vaters und als die­sen Logos wie­der­um zum genui­nen Leh­rer der Wahr­heit des Vaters macht. Der Sohn sagt als Sohn: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ (Joh 14,9) Das heißt: Als der­je­ni­ge, der sich vom Vater rest­los emp­fängt und an den Vater zurück­gibt, läßt er den Vater erschei­nen, des­sen Wesen völ­li­ge Selbst­ga­be ist. Die gött­li­chen Per­so­nen sind ihre Bezie­hun­gen, sie sind „rela­tio­nes sub­si­sten­tes“, so dass die erste Per­son der Gott­heit sie sel­ber ist als ihre Selbst­ver­schen­kung an den Sohn, das heißt sie ist Vater. Und die zwei­te gött­li­che Per­son ist sie sel­ber als die­je­ni­ge, die sich vom Vater emp­fängt und an ihn zurück­gibt, das heißt, sie ist der Sohn. Die drit­te Per­son der Gott­heit ist die, die die Bezie­hung von Vater und Sohn sel­ber noch ein­mal als Per­son dar­stellt und ewig ver­mit­telt – und des­we­gen auf der Erlö­sungs­ebe­ne uns in der Gestalt der sakra­men­ta­len Kir­che in die Bezie­hung von Vater und Sohn integriert.

Die­se Inte­gra­ti­on ermög­licht der Hei­li­ge Geist grund­le­gend dadurch, dass er den Sohn nach dem Wil­len des Vaters Mensch wer­den läßt und ihn zum Kreuz führt. Genau in die­ser Hin­ga­be des Soh­nes an den Wil­len des Vaters, das heißt: in sei­nem Sacer­dos- und Opfer­sein, ver­wirk­licht der Sohn als mensch­ge­wor­de­ner sein ewi­ges Wesen, der sich an den Vater rest­los Hin­ge­ben­de zu sein. Und dar­in ist er der im Fleisch erschei­nen­de Logos des Vaters, der uns ent­hüllt, wer Gott ist. „Vie­le Pro­phe­ten und Gerech­te haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gese­hen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Mt 13,17) Das bezieht sich auf den den Vater offen­ba­ren­den Opfer­akt des Soh­nes, der zugleich das Wesen des Soh­nes sel­ber offen­bart und daher die Offen­ba­rung der tri­ni­ta­ri­schen Struk­tur der Gott­heit ist. Ange­sichts der Opfe­rung sagt der römi­sche Haupt­mann: „Wahr­haf­tig, die­ser Men­schen war Got­tes Sohn.“ (Mk 15,39) Wenn daher Pau­lus im unmit­tel­ba­ren Kon­text der Kreu­zes­re­de sagt, „wir ver­kün­di­gen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gese­hen und kein Ohr gehört hat, was kei­nem Men­schen in den Sinn gekom­men ist: das Gro­ße, das Gott denen berei­tet hat, die ihn lie­ben“ (1 Kor 2,9), dann ist die­ses Gro­ße die Auf­nah­me des Men­schen in die Bezie­hung von Vater und Sohn im Hei­li­gen Geist, wel­che Auf­nah­me der Sohn durch sein Opfer erwirkt. In eben die­sem Gesche­hen ent­birgt der Hei­li­ge Geist „die Tie­fen Got­tes“ (1 Kor 2,1).

Damit kom­me ich zu Chri­stus als Rex. Weil Chri­stus in sei­ner Gott­heit und Mensch­heit der sich dem Vater zurück­schen­ken­de Sohn ist, ist im Johan­nes­evan­ge­li­um das Kreuz Chri­sti als der Thron Chri­sti dar­ge­stellt. Indem Chri­stus den Weg der Selbst­op­fe­rung gegan­gen ist und dar­in Got­tes über­na­tür­li­che Herr­schaft über die Krea­tur begrün­det hat, ist er der Herr­scher der Leben­den und Toten – als wel­chen ihn der Vater durch die Auf­er­ste­hung bestä­tigt. Dem ent­spricht, dass in der Gehei­men Offen­ba­rung aus dem Opfer- bzw. Hohe­prie­ster­prin­zip alle wei­te­ren chri­sto­lo­gi­schen Hoheits­at­tri­bu­te abge­lei­tet wer­den: Es ist „das Lamm, das geschlach­tet wur­de“, das wür­dig ist, als sol­ches „Ehre, Herr­lich­keit und Lob“ zu emp­fan­gen (Off 5,12). Und im 17. Kapi­tel kün­digt die Gehei­me Offen­ba­rung den gro­ßen Krieg der gott­wid­ri­gen Mäch­te gegen das Lamm an und ver­kün­det zugleich, dass „das Lamm sie besie­gen wird. Denn es ist der Herr der Her­ren und der König der Köni­ge. Bei ihm sind die Beru­fe­nen, Aus­er­wähl­ten und Treu­en.“ (Off 17, 14) Das Lamm ist der Rex – nicht umgekehrt.

Wenn das Lamm als der Rex ver­stan­den wird, wird dadurch der Begriff der Herr­schaft auf eine beson­de­re Wei­se bestimmt. Die Herr­schaft des Lam­mes ist näm­lich kei­ne eige­ne Rea­li­tät neben dem Opfer, was bedeu­tet, dass sie auch nicht ein­fach nur als dann für sich sei­en­des Resul­tat durch die­ses Opfer ver­mit­telt ist. Das Opfer Chri­sti ist viel­mehr sel­ber, als sol­ches, die Herr­schaft Got­tes über die Welt; in ihm wird die Gott­heit Got­tes der Welt gegen­über und damit die Wahr­heit der Welt sel­ber zur Gel­tung gebracht. Not­wen­dig ist die­ses Opfer, weil die Wahr­heit der Welt durch die Sün­de negiert wird, in der sich das end­li­che Par­ti­ku­la­re als ein Par­ti­ku­la­res zum All­ge­mei­nen erhe­ben, also Gott sein will. Die in der Selb­st­ab­so­lut­set­zung des End­li­chen bestehen­de Nega­ti­on der Wahr­heit ist das Wesen des Bösen, des­sen Auf­lö­sung sich nur im Tod Chri­sti ereig­nen kann. Im Blick auf sein Opfer, in dem sich die Hin­wen­dung der Welt in deren Wahr­heit ereig­net, spricht der Sohn zum Vater: „Ich habe dich auf der Erde ver­herr­licht und das Werk zu Ende geführt, das du mir auf­ge­tra­gen hast.“ (Joh 17, 4)

Die Wahr­heit des end­li­chen Seins kann nur im Opfer Chri­sti rea­li­siert wer­den, weil es das Opfer der inkar­nier­ten zwei­ten Per­son der Gott­heit ist, die ihren mensch­li­chen Leib dem gött­li­chen Vater dar­bringt. Der Vater ist der Schöp­fer der Welt, die er bereits in Chri­stus her­vor­bringt. In sei­ner Mensch­wer­dung macht Chri­stus nun die in ihm her­vor­ge­brach­te Welt zu sei­ner eige­nen Wirk­lich­keit. Des­we­gen wird Chri­stus in der Tra­di­ti­on, etwa von Tho­mas von Aquin, als die „sum­ma crea­tu­ra“ beschrie­ben. Wenn daher der inkar­nier­te Sohn sich selbst in sei­nem Leib opfert, ereig­net sich, um mit Hegel zu reden, das „Fort- und Über­ge­hen des End­li­chen über­haupt in das Gött­li­che“, das „Abschei­den und Ver­las­sen des Unmit­tel­ba­ren“ oder die „Erhe­bung, Refle­xi­on, das Über­ge­hen vom Unmit­tel­ba­ren, Sinn­li­chen, Ein­zel­nen“ in des­sen „Grund und Quel­le“. Sei­nem Begriff nach unter­schei­det sich das Opfer des inkar­nier­ten gött­li­chen Soh­nes von allen son­sti­gen Opfern kate­go­ri­al. Kei­ne krea­tür­li­che Per­son könn­te die­sen Opfer­akt set­zen. Nur das Opfer Chri­sti kann das voll­kom­me­ne und end­gül­ti­ge Opfer sein.

Als das ver­klär­te Opfer­lamm wird Chri­stus nach der Gehei­men Offen­ba­rung die Lebens­mit­te des „neu­en Him­mels und der neu­en Erde“ sein. Der himm­li­sche Kul­tus, als wel­chen die Gehei­me Offen­ba­rung den Voll­endungs­zu­stand beschreibt, ist als der Kul­tus des geschlach­te­ten Lam­mes das Kon­sti­tu­ti­ons­prin­zip der neu­en Krea­tur. Und es ist, wie oben schon gesagt, genau die­ser himm­li­sche Kul­tus, in dem das zeit­li­che Gol­go­tha-Gesche­hen ewig auf­be­wahrt ist, der in den beschei­de­nen sym­bo­li­schen For­men zunächst des Abend­mah­les und sodann der Lit­ur­gie der noch pil­gern­den Kir­che gegen­wär­tig wird. Sub­stan­ti­ell sind Gol­go­tha, das Abend­mahl, der himm­li­sche Kul­tus und die Mes­se der eine und iden­ti­sche Selbst­voll­zug des sich selbst opfern­den Hohe­prie­sters in sei­nem unge­teil­ten, Zeit und Ewig­keit umspan­nen­den cor­pus mysticum.

Schon der bibli­sche Befund wider­strei­tet der in der Theo­lo­gie durch­aus ver­brei­te­ten Auf­fas­sung, dass „das prie­ster­li­che Amt dem könig­li­chen dient, inso­fern es ihm sei­ne Früch­te zur Ver­fü­gung stellt und durch sei­ne stets fort­ge­setz­te Wirk­sam­keit die Aus­übung des könig­li­chen Amtes unter­stützt. So gibt das könig­li­che Amt … dem Prie­ster­amt … (sei­ne) Voll­endung.“3 Hier wird das König­tum zur defi­nie­ren­den Leit­grö­ße, auf die letzt­lich alles bezo­gen wird, auch wenn das Prie­ster­amt in mitt­le­ri­scher Hin­sicht als das wich­tig­ste gilt. Dem­ge­gen­über muß zur Gel­tung gebracht wer­den, dass das Lei­tungs- und Lehr­amt Chri­sti inne­re Dimen­sio­nen sei­nes ewi­gen Prie­ster­tums sind. Das Prie­ster­tum ist das alles bestim­men­de und in sich ver­sam­meln­de Prinzip.

Der kirchliche Sacerdos als Hirte und Lehrer

Die Kir­che ist, eben weil sie der sakra­men­ta­le cor­pus Chri­sti mysti­cum mit dem Altar als des­sen Mit­tel­punkt ist, wesen­haft eine prie­ster­li­che Kir­che. Denn im Prie­ster­tum han­delt Chri­stus als der allei­ni­ge Hohe­prie­ster sel­ber, um sein dem Vater dar­ge­brach­tes Opfer auch zu unse­rem, das heißt auch zu unse­rer eige­nen Opfer­hand­lung wer­den zu las­sen. Des­we­gen ist es für die­sen Vor­gang wesens­kon­sti­tu­tiv, dass der Prie­ster als die sakra­men­ta­le Selbst­re­prä­sen­ta­ti­on Chri­sti nicht Chri­stus sel­ber ist, denn der Prie­ster muß ja eben­so stell­ver­tre­tend auf der Sei­te der Men­schen ste­hen, damit das Opfer Chri­sti zur Opfer­hand­lung der Kir­che und damit zum Opfer des Prie­sters sel­ber als gläu­bi­gem und eben­falls erlö­sungs­be­dürf­ti­gem Men­schen wer­den kann. So ist der Prie­ster der wah­re „Alter Chri­stus“, der eigent­li­che vica­ri­us Chri­sti, und han­delt doch im Namen der Kir­che als eigen­stän­dig koope­rie­ren­des Sub­jekt, so dass sowohl Chri­stus sel­ber im Prie­ster als auch der kirch­li­che Prie­ster als ein sol­cher, mit­hin die Kir­che im Prie­ster die Gläu­bi­gen auf­for­dern: „Ora­te fra­tres, ut meum ac vestrum sacri­fi­ci­um accep­ta­bi­le fiat apud Deum Patrem omnipotentem.“

Die kirch­li­che Koope­ra­ti­on mit Chri­stus bedeu­tet, dass das Opfer Chri­sti kein magi­scher Erlö­sungs­vor­gang ist. Es ist inso­fern voll­stän­dig ver­nünf­tig, als es den Men­schen als Frei­heits- und Ver­ant­wor­tungs­sub­jekt inte­grie­ren will. Der Mensch muß sich in der frei­en Ver­bin­dung mit dem Opfer Chri­sti auch wil­lent­lich Gott über­las­sen. Das, was Luther als Werk­ge­rech­tig­keit dis­kre­di­tier­te, ist in Wahr­heit die gött­li­che Aner­ken­nung der Frei­heit der Krea­tur, die auch auf der über­na­tür­li­chen Ebe­ne nie dis­pen­siert wird. Und das ist die Sphä­re des Kul­tus, den Hegel in der Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie zu Recht in der inne­ren Ver­bin­dung der Dimen­sio­nen des got­tes­dienst­li­chen Ritus und der see­li­schen Erhe­bung des Men­schen zu Gott beschreibt. Die Reli­gi­on ist die­ses in den genann­ten bei­den Dimen­sio­nen sich rea­li­sie­ren­de „Fort- und Über­ge­hen“ des End­li­chen als des schein­bar Ersten und Unmit­tel­ba­ren in das Gött­li­che, das hier als das wahr­haft Erste und Unmit­tel­ba­re und als die inne­re Wahr­heit des End­li­chen sel­ber begrif­fen wird. Mit ande­ren Wor­ten: Eben­so­we­nig wie die Reli­gi­on die Wahr­heit des Seins bloß abbil­det, son­dern rea­li­siert, betreibt sie den Kul­tus als einen Voll­zug neben ande­ren Voll­zü­gen. Sie ist in ihrem Wesen gar nichts ande­res als das Opfern sel­ber, und zwar in ihrer voll­kom­me­nen Gestalt als das Opfern des Opfers Chri­sti und als Inte­gra­ti­on in die­ses Opfer, in dem sich das prä­zi­se Zu-Grun­de-Gehen des End­li­chen und die umfas­sen­de Herr­schaft Got­tes ereignet.

Weil das sich auf den Altä­ren ver­ge­gen­wär­ti­gen­de Opfer durch den Prie­ster voll­zo­gen wird, ist der Prie­ster die zen­tra­le Gestalt in der kirch­li­chen Archi­tek­tur. Bereits beim Mess­op­fer han­delt der Prie­ster nicht ein­fach „in per­so­na Chri­sti“, son­dern „in per­so­na Chri­sti capi­tis“. Mit die­ser Kom­pe­tenz hängt es wesen­haft zusam­men, dass er auch der Lei­ter und Leh­rer der Kir­che sein muß, die nur durch die­ses Opfer über­haupt exi­stiert. Dem Prie­ster kom­men die­se Funk­tio­nen zu, weil er der Sacer­dos ist und Chri­stus sei­ne eige­ne Ämter­an­ord­nung im kirch­li­chen Sacer­dos reprä­sen­tiert. Die Begrif­fe des Lei­tens und Leh­rens müs­sen des­we­gen auch vom Altar und damit vom Ritus her bestimmt wer­den. Das Lei­ten ist inner­halb des Lei­bes Chri­sti nicht pri­mär eine poli­ti­sche, son­dern eine reli­giö­se Dimen­si­on, näm­lich wesen­haft myst­ago­gi­sches Han­deln, die Hin­füh­rung der Gläu­bi­gen in das Myste­ri­um des sich ver­ge­gen­wär­ti­gen­den Opfers und die wirk­sa­me Ver­tei­di­gungs­mög­lich­keit die­ses Myste­ri­ums gegen des­sen Infra­ge­stel­lung. Und das Leh­ren als Selbst­ver­kün­di­gung Chri­sti bezieht sich im Kern auf die Expli­ka­ti­on des Myste­ri­ums des Gekreu­zig­ten, wel­ches Myste­ri­um die Selbst­ver­ge­gen­wär­ti­gung des Opfers auf den kirch­li­chen Altä­ren wesent­lich impli­ziert. Die Aus­sa­ge des Korin­ther­briefs ist für den theo­lo­gi­schen Begriff der kirch­li­chen Leh­re maß­geb­lich: „Als ich zu euch kam, Brü­der, kam ich nicht, um glän­zen­de Reden oder gelehr­te Weis­heit vor­zu­tra­gen, son­dern um euch das Zeug­nis Got­tes zu ver­kün­di­gen. Denn ich hat­te mich ent­schlos­sen, bei euch nichts zu wis­sen außer Jesus Chri­stus, und zwar als den Gekreu­zig­ten.“ (1 Kor 2, 1f)

Das ist also die Kon­klu­si­on: Weil Chri­stus der ewi­ge Sacer­dos und als sol­cher der Herr der begna­de­ten Schöp­fung ist, kann es auch in der Kir­che nur eine im Sacer­dos-Sein grün­den­de Lei­tungs- und Lehr­ge­walt geben. Des­we­gen ist Joseph Ratz­in­gers schon früh getrof­fe­ne Aus­sa­ge, dass die Tren­nung von Wei­he- und Hir­ten­ge­walt „schlech­ter­dings unzu­läs­sig“ sei, unbe­dingt zustim­mungs­wür­dig. Denn bei die­ser Tren­nung der Gewal­ten wird „die eine ins Magi­sche, die ande­re ins Pro­fa­ne abge­drängt: Das Sakra­ment wird nur mehr ritu­ell und nicht als Auf­trag zur Lei­tung der Kir­che durch Wort und Lit­ur­gie gefaßt; das Lei­ten umge­kehrt wird als rein poli­tisch-admi­ni­stra­ti­ves Geschäft gese­hen.“4 Die theo­lo­gi­sche Sozio­lo­gie der Kir­che kennt also, und zwar aus chri­sto­lo­gi­schen Grün­den, nur zwei ursprüng­li­che, aus­ein­an­der unab­leit­ba­re Per­so­nen­grup­pen, näm­lich die Prie­ster und die­je­ni­gen, die zum λαός, zum gläu­bi­gen Volk, gehören.

Konsequenzen

Zum einen bedeu­tet die­se Ein­sicht, dass es ein syste­mi­sches Pro­blem mit der Zuord­nung von Prie­ster und Bischof gibt. Das Kon­zept der zwei Wei­hen ist theo­lo­gisch nur schwer plau­si­bi­li­sier­bar; ein nicht eo ipso zur Lei­tung und Leh­re bevoll­mäch­tig­ter Prie­ster ist ein höl­zer­nes Eisen. Mit ande­ren Wor­ten: Der Prie­ster ist sei­nem Begriff nach zugleich der Bischof, in dem die drei Ämter Chri­sti in inne­rer Ver­ei­ni­gung rea­li­siert wer­den. Wäh­rend die Ver­selbst­stän­di­gung des Prie­ster­tums gegen­über der Lei­tungs- und Lehr­ge­walt, die den soge­nann­ten „ein­fa­chen Prie­ster“ im Unter­schied zum Bischof pro­du­ziert, ein gra­vie­ren­des theo­lo­gi­sches Pro­blem ist, wirkt sie sich für die Bischö­fe auf der sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen und geist­li­chen Ebe­ne ungün­stig aus. Der Fokus hat sich bei den Bischö­fen fak­tisch auf die admi­ni­stra­ti­ve Lei­tung und, ver­gleichs­wei­se sogar weni­ger akzen­tu­iert, auf die Lehr­ge­walt gelegt. Bischö­fe sind wie Poli­ti­ker oder Kon­zern­chefs zu Macht­ha­bern und Büro­kra­ten gewor­den, und sie tei­len deren Arro­ganz und Eitel­keit. Zu einem Ehe­ju­bi­lä­um mei­ner Eltern schick­te ihnen der Orts­bi­schof als Geschenk nicht etwa eine Iko­ne oder etwas Ver­gleich­ba­res, son­dern ein gro­ßes Foto von sich selbst. Ich erin­ne­re, dass ich als Kind mit mei­ner Groß­mutter einer Mes­se bei­wohn­te, die der Orts­bi­schof zele­brier­te. Anschlie­ßend wur­de von mei­ner Groß­mutter und ihren Schwe­stern die Fra­ge eif­rig dis­ku­tiert, ob der Bischof über­haupt die Mes­se fei­ern dür­fe, die­se Kom­pe­tenz läge doch schließ­lich beim Prie­ster. Ich fin­de die­se Vor­gän­ge signi­fi­kant. In der sach­lich ver­schärf­ten Vari­an­te taucht das ana­log beim Papst wie­der auf: Wenn der neu­ge­wähl­te Papst auf die Log­gia tritt, so jubeln die Mas­sen doch nicht dem neu­en Bischof von Rom, son­dern in vager spi­ri­tu­el­ler Hoff­nung einem gött­li­chen Ora­kel sowie dem abso­lu­ti­sti­schen Mon­ar­chen zu. Ob die­ser Mann Inha­ber des sakra­men­ta­len Wei­he­am­tes oder ein Laie ist, spielt dabei eine völ­lig unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Im Unter­schied zur Bischofs­an­ek­do­te bil­det die­se Papst­ido­la­trie jedoch den von der Kir­che sel­ber kon­stru­ier­ten Sach­ver­halt ab.

Zum ande­ren ergibt sich aus den vor­her­ge­hen­den Erwä­gun­gen, dass der Papst kei­ne nicht-sakra­men­ta­le pote­stas abso­lu­ta besit­zen kann. Weil die ein­zi­ge Macht, die es in der Kir­che geben kann, eine inn­wen­dig auf den Opfer­kult bezo­ge­ne pote­stas sacra ist, müs­sen die Pri­vi­le­gi­en des Petrus­nach­fol­gers orga­nisch mit dem Prie­ster­tum ver­mit­tel­bar sein. Und die­se Ver­mitt­lung ist nur mög­lich, wenn Petrus so begrif­fen wird, wie er in der frü­hen Kir­che begrif­fen wur­de. Der Petrus­pri­mat, der im Neu­en Testa­ment bezeugt ist, läßt sich kei­nes­wegs nur in jenem stark poli­ti­sier­ten, aktiv gesetz­ge­be­ri­schen und lehr­dik­ta­to­ri­schen Para­dig­ma for­mu­lie­ren, wie es sich im Lau­fe des zwei­ten Jahr­tau­sends unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluß des hoch­mit­tel­al­ter­li­chen Papst­theo­re­ti­kers Augu­sti­nus Tri­um­phus her­aus­ge­bil­det und kraft noch­ma­li­ger Ver­stär­kung durch die neu­zeit­li­che abso­lu­ti­sti­sche Staats­me­ta­phy­sik im I. Vati­ca­num mani­fe­stiert hat. Im Übri­gen lehrt bereits Augu­sti­nus Tri­um­phus ganz kon­se­quent, dass auch ein Laie die päpst­li­che pote­stas besit­zen könne.

Wenn es jedoch kei­ne Auto­no­mi­sie­rung gegen­über dem Sacer­dos geben kann, muß die spe­zi­fi­sche pote­stas des römi­schen Bischofs als des Nach­fol­gers Petri in ihrem Grund­zug reak­tiv und struk­tu­rell als eine ver­trag­li­che Dele­ga­ti­on durch die Prie­ster ver­stan­den wer­den, die durch den römi­schen Bischof im Blick auf die Ord­nung der gesam­ten Kir­che ver­mö­gen, was sie je für sich nicht ver­mö­gen. Der römi­sche Bischof wäre dann eine Insti­tu­ti­on prie­ster­li­cher Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, der von der Gemein­schaft der Prie­ster oder dele­gier­ten Prie­stern gewählt und als Bischof von Rom auch wie­der abge­setzt wer­den könn­te, wenn er sel­ber den Erfor­der­nis­sen des petri­ni­schen Amtes nicht genügt. Zu den Oblie­gen­hei­ten des römi­schen Bischofs wür­de wie in der alten Kir­che die letz­te Schieds­ge­richts­bar­keit in strit­ti­gen Lehr­fra­gen sowie die Kon­trol­le dar­über zäh­len, ob die Sacer­do­tes ihrem Amt gerecht und die Lehr­be­schlüs­se der Kon­zi­li­en respek­tiert wer­den. Im Wesens­kern wäre ein sol­cher Papst der Hüter des Kul­tus. Wür­de das Papst­amt als ein Modus der prie­ster­li­chen Selbst­re­gie­rung ver­stan­den, gäbe es auch, und zwar aus inne­ren theo­lo­gi­schen Grün­den, die im jet­zi­gen Para­dig­ma aller­dings fol­ge­rich­ti­ge prin­zi­pi­el­le Mög­lich­keit nicht mehr, dass Kar­di­nä­le Lai­en sein können.

Mei­ner Wahr­neh­mung nach lei­den vie­le Kon­ser­va­ti­ve – gera­de in den tra­di­tio­na­li­sti­schen Krei­sen – bis heu­te an einem durch die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on beding­ten Trau­ma. Die Fas­zi­na­ti­on für die abso­lu­ti­sti­sche Idee des auf der sedia gest­a­to­ria über allen Häup­tern schwe­ben­den und mit der Tia­ra gekrön­ten Papst­kai­sers, der der Fürst aller Für­sten ist, ist eine restau­ra­ti­ve Phan­ta­sie, die die­se Per­so­nen­grup­pe nahe­zu blind macht für die theo­lo­gi­sche Wahr­heit, dass der Mit­tel­punkt der Kir­che nicht der Papst­thron, son­dern der Altar und der wah­re vica­ri­us Chri­sti der das Opfer Chri­sti dar­brin­gen­de Sacer­dos ist. Der Herr aller Her­ren ist schließ­lich das Opfer­lamm als ein sol­ches.

Vor eini­ger Zeit hat Cami­nan­te-Wan­de­rer sei­ne tra­di­tio­na­li­sti­schen Leser zu einer fle­xi­ble­ren Denk­wei­se auf­ge­ru­fen.5 Und sein Blog befasst sich schon vie­le Jah­re ver­dienst­vol­ler­wei­se mit der pro­ble­ma­ti­schen Gestalt des Papst­tums, wie sie sich im zwei­ten Jahr­tau­send her­aus­ge­bil­det hat. „Eck“, einer der Autoren auf Cami­nan­tes Blog, kri­ti­siert zu Recht, dass der neu­zeit­li­che Papst nicht mehr als Bischof von Rom die „letz­te Instanz in kirch­li­chen Glau­bens- und Rechts­strei­tig­kei­ten, der ober­ste Schieds­rich­ter in Aus­ein­an­der­set­zun­gen“ ist, son­dern „ein abso­lu­ter Mon­arch wur­de, der in den Bischö­fen sei­ne Statt­hal­ter sieht, der Sou­ve­rän, des­sen Wil­le Gesetz ist und der nach Belie­ben Ämter, Orts­kir­chen, Lit­ur­gien, Rech­te oder was auch immer abschaf­fen oder aus dem Nichts schaf­fen kann, bis er in der Kir­che ein Pri­vat­gut sieht, des­sen Eigen­tü­mer und Herr über Nut­zung, Ertrag und Miss­brauch er ist.“6 Die theo­lo­gi­sche Wur­zel die­ser Kon­struk­ti­on, die zuin­nerst gegen das sakra­men­ta­le Wesen der Kir­che gerich­tet ist, ist die Miß­ach­tung des theo­lo­gi­schen Begriffs der Macht, also des wah­ren König­tums Chri­sti, wel­che Miß­ach­tung noch aus den Refle­xio­nen des von Hegel soge­nann­ten „abstrak­ten Ver­stan­des“ stammt. An die­ser Miß­ach­tung lei­det die gan­ze latei­ni­sche Kir­che auf viel­fa­chen Ebe­nen – bis dahin, dass die myst­ago­gi­sche Dimen­si­on in der kir­chen­amt­li­chen Rea­li­tät eine sehr viel gerin­ge­re Rol­le spielt als etwa juri­sti­sche Kate­go­ri­sie­run­gen. Die­ser Ver­stand ver­mag den pau­li­ni­schen Grund­ge­dan­ken nicht zu den­ken, dass sich das gött­li­che König­tum als König­tum im Modus der Selbst­auf­op­fe­rung, also in der Ohn­macht des Kreu­zes, und damit, so müs­sen wir hin­zu­fü­gen, eben­falls im sakra­men­ta­len Kul­tus rea­li­siert. Oder um es mit den Wor­ten des gro­ßen evan­ge­li­schen Theo­lo­gen Eber­hard Jün­gel zu sagen: Der har­te Kern der All­macht ist die Lie­be. Ich möch­te den ent­schei­den­den Punkt noch­mals wie­der­ho­len: Das Opfer ist kein blo­ßes Mit­tel zur Erlan­gung oder Bestä­ti­gung der gegen das Opfer prin­zi­pi­ell selbst­stän­dig vor­ge­stell­ten Herr­schaft, son­dern es ist an sich selbst die Herr­schaft Got­tes, der sich im Opfer Chri­sti sei­ne Schöp­fung inte­griert und dar­in ulti­ma­tiv sei­ne Gott­heit, sein Sein als das alles umfas­sen­de All­ge­mei­ne, zur Gel­tung bringt.

Für die Kir­che heißt das, dass ihre Selbst­po­li­ti­sie­rung zu einem staats­ar­ti­gen Gebil­de und die ent­spre­chen­de abso­lu­ti­sti­sche Sti­li­sie­rung des Pap­stes, der zugleich als Fürst aller Für­sten pro­kla­miert wird, in Wahr­heit eine sie schwä­chen­de Selbst­sä­ku­la­ri­sie­rung dar­stellt. Sie ver­fällt dar­in, um mit Pau­lus zu reden, den „Sche­ma­ta die­ser Welt“ (Röm 12, 2). Ich bin davon über­zeugt, dass ihre ent­schei­den­de geist­li­che Auf­ga­be für die Zukunft dar­in besteht, den Altar als Zen­trum der Kir­che, ja der Welt im Gan­zen, und den Ritus als ihre wah­re Macht neu zu ent­decken. Es ist im Übri­gen auch kein Zufall, dass der von der Herr­schaft im poli­ti­schen Sin­ne beses­se­ne Berg­o­glio für die gött­li­che Herr­schafts­di­men­si­on des Ritus und des Prie­ster­tums über­haupt kein Gespür hat­te. Des­we­gen möch­te ich Rober­to de Mat­tei auch wider­spre­chen, der im Blick auf die Roll­stuhl­in­sze­nie­rung Berg­o­gli­os kurz vor des­sen Tode, bei der sich Jor­ge Berg­o­glio ohne Sou­ta­ne im Pon­cho zeig­te, kri­tisch anmerk­te, Fran­zis­kus habe die Wür­de des Papst­tums miß­ach­tet. Nein, Fran­zis­kus hat hier nur auf zuge­spitz­te Wei­se getan, was er die gesam­te Zeit sei­nes Pon­ti­fi­ka­tes getan hat, näm­lich die Wür­de des Prie­ster­tums zu miß­ach­ten. Der abso­lu­ti­sti­sche Mon­arch, den die Kir­che ja par­tout haben woll­te, braucht schließ­lich kei­ne sakra­len Insi­gni­en zur Absi­che­rung sei­ner Herr­schaft mehr, son­dern nur noch einen Kugel­schrei­ber, um lau­nen­haf­te Geset­ze und Exe­ku­ti­ons­be­feh­le für unwill­fäh­ri­ge Prie­ster zu unter­schrei­ben. Es ver­hält sich prä­zi­se so, wie Eck es beschreibt: „Die Kir­che hat Gott laut­stark um einen Fran­zis­kus gebe­ten, und Gott hat ihn uns zu unse­rer Stra­fe und Züch­ti­gung gewährt, so wie Samu­el das Volk gewarnt hat, als es einen König for­der­te. Nie­mand lacht über Gott, und der All­mäch­ti­ge lacht von oben her­ab. Gott lacht über Ultra­mon­ta­nis­mus und Moder­nis­mus. Das Ergeb­nis die­ses Lachens ist Fran­zis­kus, der Rici­nus, die gro­ße Säu­be­rung Got­tes.“7

Wie Cami­nan­te bin ich des­we­gen der Auf­fas­sung, dass es unum­gäng­lich ist, ein­ge­fah­re­ne Urteils­sche­ma­ta auf den Prüf­stand zu stel­len und das Nar­ra­tiv kri­tisch zu ana­ly­sie­ren, dass die Pius-Päp­ste das ulti­ma­ti­ve Ide­al des Papst­tums dar­stel­len und das neu­zeit­li­che Papst­tum die Ret­tung der Kir­che sei. Gera­de Papst Fran­zis­kus hat uns mit sei­nem auf die Spit­ze getrie­be­nen Macht­an­spruch, mit dem er unter ande­rem die Lai­en­er­mäch­ti­gung und den Säku­la­ris­mus in der Kir­che stark geför­dert hat, gezeigt, wozu ein Papst­tum, das sich vom sakra­men­ta­len Kos­mos abge­löst hat, füh­ren kann. Wir dür­fen Jor­ge Berg­o­glio nie­mals ver­ges­sen. Und so wie das Nar­ra­tiv der kirch­li­chen Ret­tung durch den abso­lu­ten Papst des I. Vati­can­ums von Berg­o­glio – als Geschenk der Vor­se­hung – pul­ve­ri­siert wur­de, gilt es nun kon­se­quent zu sein und eben­falls das lang ein­ge­üb­te Nar­ra­tiv zu über­win­den, die Infra­ge­stel­lung der syste­mi­schen Ämterse­pa­ra­ti­on, die im neu­zeit­li­chen Papst­tum ihre voll­ende­te Gestalt fin­det, sei eo ipso ein links-revo­lu­tio­nä­res, kir­chen­feind­li­ches Pro­jekt. Ich den­ke, dass es sich genau umge­kehrt ver­hal­ten kann.

*Vigi­li­us ist ein deut­scher Phi­lo­soph und Blog­ger auf www​.ein​sprue​che​.sub​stack​.com, wo die­se Ana­ly­se auch erst­ver­öf­fent­licht wurde.

Bild: Ein­sprü­che


1 Wei­he und Juris­dik­ti­on: Unhalt­bar­keit der Ankla­ge des Schis­mas, FSSPX News, 19.02.2026.

2 Vigi­li­us, Vom Zer­fall des Prie­ster­tums (Teil I) – Der Sacer­dos, Ein­sprü­che, 28.11.2024.

3 Die­kamp-Jüs­sen, Katho­li­sche Dog­ma­tik, Mör­len­bach 2012, 575.

4 Joseph Ratz­in­ger, Demo­kra­ti­sie­rung in der Kir­che?, in: Joseph Ratzinger/​Hans Mai­er, Demo­kra­tie in der Kir­che, Lim­burg 1970, 31f.

5 Wan­de­rer, Hacia otra lógi­ca: con Fran­cis­co murió la genera­ción del Con­ci­lio, El Wan­de­rer, 12.05.2025.

6 Wan­de­rer, La Gran Con­fu­sión roma­na: papa­do, patri­ar­ca­do y epis­co­pa­do, El Wan­de­rer, 26.05.2025.

7 Wan­de­rer, Sodo­ma sup­pli­cans. La gran pro­sti­tu­ta con la que for­ni­can los rey­es de la tier­ra (Ap. 17, 1–2), Cami­nan­te Wan­de­rer, 28.12.2023.

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