Kardinal Nzapalainga entmachtet

Neue Kirchenprovinz und ein Koadjutor


Kardinal Dieudonné Nzapalainga, Erzbischof von Bangui, wurde von Papst Leo XIV. entmachtet. Das Erzbistum wurde geteilt und ein Koadjutor ernannt.
Kardinal Dieudonné Nzapalainga, Erzbischof von Bangui, wurde von Papst Leo XIV. entmachtet. Das Erzbistum wurde geteilt und ein Koadjutor ernannt.

Die jüng­sten Ent­schei­dun­gen aus dem Vati­kan zur katho­li­schen Orts­kir­che in der Zen­tral­afri­ka­ni­sche Repu­blik mar­kie­ren einen tief­grei­fen­den Ein­schnitt – sowohl struk­tu­rell als auch per­so­nell. Im Zen­trum steht dabei der ein­fluß­rei­che Kar­di­nal Dieu­don­né Nza­pa­lain­ga, der seit Jah­ren als Gesicht der Kir­che im kri­sen­ge­präg­ten Land gilt.

Neuordnung der Kirchenstruktur

Wie aus dem Tages­bul­le­tin des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes vom 25. April 2026 her­vor­geht, errich­te­te Papst Leo XIV. die neue Kir­chen­pro­vinz Ber­bé­ra­ti. Zum Metro­po­li­ten wur­de der bis­he­ri­ge Bischof Den­nis Kofi Agbe­n­yad­zi ernannt. Die neue Kir­chen­pro­vinz umfaßt meh­re­re Diö­ze­sen, die bis­lang alle der Erz­diö­ze­se Ban­gui unterstanden.

Damit ver­liert Ban­gui – und damit indi­rekt Kar­di­nal Nza­pa­lain­ga – einen erheb­li­chen Teil sei­nes bis­he­ri­gen Ein­flus­ses. Bis­lang waren sämt­li­che acht Diö­ze­sen des Lan­des der Haupt­stadt unter­stellt; nun wird die­se zen­tra­le Stel­lung fak­tisch hal­biert. Kir­chen­recht­lich bedeu­tet die Errich­tung einer neu­en Kir­chen­pro­vinz eine Dezen­tra­li­sie­rung von Lei­tungs­ge­walt und Einfluß.

Ein Koadjutor als Signal

Noch bemer­kens­wer­ter ist jedoch die zwei­te Ent­schei­dung: die Ernen­nung eines Koad­ju­tors für Ban­gui. Mit Joseph Same­di wird ein ver­gleichs­wei­se jun­ger Jesu­it (54) an die Sei­te des erst 59jährigen Kar­di­nals gestellt. Ein Koad­ju­tor ist nicht bloß ein Hel­fer, son­dern ein desi­gnier­ter Nach­fol­ger mit weit­rei­chen­den Voll­mach­ten – oft ein deut­li­ches Signal aus Rom, daß ein Über­gang vor­be­rei­tet wird.

Da die Amts­fä­hig­keit von Kar­di­nal Nza­pa­lain­ga nicht aus gesund­heit­li­chen Grün­den beein­träch­tigt ist, bedeu­tet die Ernen­nung eines Koad­ju­tors sei­ne fak­ti­sche Entmachtung.

In einem beglei­ten­den Schrei­ben betont Papst Leo XIV. die Not­wen­dig­keit einer „erneu­er­ten pasto­ra­len Füh­rung im Geist der Trans­pa­renz und der kirch­li­chen Ein­heit“. Wört­lich heißt es: „Die Sen­dung der Kir­che ver­langt heu­te in beson­de­rer Wei­se Hir­ten, die in Demut, Rechen­schaft und brü­der­li­cher Zusam­men­ar­beit wirken.“

Und wei­ter:
„Wo Span­nun­gen das Zeug­nis der Kir­che ver­dun­keln, ist es Auf­ga­be des Apo­sto­li­schen Stuhls, Wege der Klä­rung und Erneue­rung zu eröffnen.“

Sol­che For­mu­lie­run­gen gel­ten in vati­ka­ni­schen Krei­sen als unge­wöhn­lich deutlich.

Konflikte und Vorwürfe im Hintergrund

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat­ten sich Berich­te über Span­nun­gen zwi­schen der Erz­diö­ze­se Ban­gui und der Apo­sto­li­schen Nun­tia­tur gehäuft. Loka­le Medi­en und ein­zel­ne Jour­na­li­sten erho­ben schwe­re Vor­wür­fe gegen Kar­di­nal Nza­pa­lain­ga, dar­un­ter finan­zi­el­le Unre­gel­mä­ßig­kei­ten, Nepo­tis­mus und pro­ble­ma­ti­sche Ver­bin­dun­gen zu kir­chen­na­hen NGOs.

Bri­sant ist zudem, daß Kar­di­nal Robert Sarah, ehe­ma­li­ger Prä­fekt der römi­schen Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on, Anfang 2026 nach Ban­gui rei­ste, um Vor­wür­fe zu prü­fen. Sei­ne Ergeb­nis­se sol­len direkt nach Rom berich­tet wor­den sein.

Wäh­rend der Kar­wo­che 2026 for­der­te der Vati­kan offen­bar den Rück­tritt Kar­di­nal Nza­pa­lain­gas – ein Schritt, den die­ser ver­wei­ger­te. Statt­des­sen rich­te­te er ein per­sön­li­ches Schrei­ben an den Papst. Auch gegen die geplan­te Ernen­nung eines Weih­bi­schofs hat­te er sich zuvor gestellt.

Vom Friedensstifter zum Krisenfall?

Dabei galt Kar­di­nal Nza­pa­lain­ga lan­ge als Hoff­nungs­trä­ger. 2012 hat­te ihn Papst Bene­dikt XVI. zum Erz­bi­schof von Ban­gui ernannt. Papst Fran­zis­kus kre­ierte ihn 2016 zum Kar­di­nal und berief ihn 2020 zum Mit­glied des Päpst­li­chen Rates für den Inter­re­li­giö­sen Dia­log. Inter­na­tio­nal bekannt wur­de er durch sein Enga­ge­ment im inter­re­li­giö­sen Dia­log wäh­rend des Bür­ger­kriegs. Gemein­sam mit mus­li­mi­schen und evan­ge­li­schen Füh­rern initi­ier­te er die Pla­te­for­me des Con­fes­si­ons Reli­gieu­ses (Platt­form der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten), die wesent­lich zur Dees­ka­la­ti­on beitrug.

Gera­de die­ser Kon­trast – zwi­schen frü­he­rem Frie­dens­en­ga­ge­ment und aktu­el­len Kon­flik­ten – ver­stärkt die Auf­merk­sam­keit für die jüng­sten Entscheidungen.

Positionen zu kirchlichen Fragen

In theo­lo­gi­schen und kir­chen­po­li­ti­schen Debat­ten wur­de Kar­di­nal Nza­pa­lain­ga bis­lang eher dem mode­ra­ten, pasto­ral ori­en­tier­ten Lager zuge­rech­net. Er unter­stütz­te wie­der­holt den inter­re­li­giö­sen Dia­log und beton­te sozia­le Gerech­tig­keit sowie Ver­söh­nung. Zu kon­tro­ver­sen Fra­gen wie der Seg­nung von Homo-Paa­re oder struk­tu­rel­len Refor­men der Kir­che äußer­te er sich öffent­lich zurück­hal­tend, ten­dier­te jedoch eher zur Linie von Papst Fran­zis­kus, die stär­ker auf pasto­ra­le Öff­nung und loka­le Lösun­gen setzt.

Gleich­zei­tig galt er nie als kla­rer Refor­mer im euro­päi­schen Sinn, son­dern als Ver­tre­ter eines afri­ka­ni­schen Katho­li­zis­mus, der gesell­schaft­li­che Sta­bi­li­tät und reli­giö­se Iden­ti­tät betont.

Die Kom­bi­na­ti­on aus struk­tu­rel­ler Schwä­chung und per­so­nel­ler Dop­pel­spit­ze im Erz­bis­tum Ban­gui deu­tet auf einen tie­fen Ver­trau­ens­ver­lust hin. Auch wenn Rom offi­zi­ell von „pasto­ra­ler Erneue­rung“ spricht, ist der Schritt fak­tisch eine kla­re Ein­schrän­kung der Auto­ri­tät eines der bekann­te­sten afri­ka­ni­schen Kardinäle.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL