Das Interview „Wir brauchen eine Bewegung für Europa“, erschienen in der Osterausgabe der Wochenzeitung Junge Freiheit (JF), geführt von Moritz Schwarz, ist als programmatischer Appell von Weihbischof Athanasius Schneider angelegt. In dichter Folge entfaltet Msgr. Schneider darin eine umfassende kulturkritische Diagnose Europas, die er mit einem dezidierten Aufruf verbindet.
Ausgangspunkt ist seine Forderung nach einer grundlegenden gesellschaftlichen Mobilisierung. Wörtlich ruft er zu „einer neuen Bewegung in Kultur, Politik und öffentlichem Leben, um unsere europäischen Werte zu stärken“, auf. Daß er diesen Appell ausdrücklich mit Ostern verbindet, ist kein Zufall, sondern programmatisch gemeint: „Gerade Ostern sollte uns daran erinnern, daß unser Europa auf dem Christentum errichtet wurde.“ Das zentrale christliche Fest steht für die Auferstehung Jesu Christi, „mit dem Triumph über den Tod und mit der Erlösung der Welt“, und damit für das Fundament, auf dem nicht nur die Kirche, sondern „auf ihr wiederum Europa“ ruht. Diese Prägung sei, so Msgr. Schneider, nicht bloß religiös zu verstehen, sondern „in umfassender Hinsicht“.
Im weiteren Verlauf entwickelt der Sohn von Rußlanddeutschen diese These historisch und kulturgeschichtlich. „Alle europäischen Werte leiten sich letztlich aus dem Christentum ab, auch die, die wir heute als weltlich betrachten“, erklärt er. Als Beispiele nennt er die Idee der individuellen Freiheit ebenso wie die Bildungsinstitutionen Europas. Klöster hätten „den Schatz des antiken Wissens bewahrt“, Universitäten wurden „ebenfalls von der Kirche eingeführt“. Das Krankenhauswesen geht direkt auf christliche Ursprünge zurück, ebenso wie Elemente des modernen Prozeßrechts, etwa die Idee von Beweisführung und Verteidigung. All dies zeige, „wie tiefgreifend das Christentum unsere europäische Kultur geprägt hat“.
Von dieser historischen Herleitung schlägt Msgr. Schneider den Bogen zur Gegenwart, die er als krisenhaft beschreibt. Wer „kritisch auf die Gesellschaft blickt“, erkenne heute „das Bestreben, den Einfluß des Christentums zu leugnen und zurückzudrängen“. Als treibende Kraft sieht er eine „linke Ideologie“, die „letztlich vom Marxismus herstammt“. Diese arbeite, so seine Kritik, mit einer moralischen Simplifizierung: „Was links ist, sei per se gut, und was rechts ist, per se schlecht“. Zugleich betont er, daß auch rechte Strömungen historisch Unrecht hervorgebracht hätten – entscheidend sei für ihn die Verteidigung der europäischen Werte „gegen alle, die sie zu verdrängen suchen, ganz gleich aus welcher Richtung“.
Besonders scharf fällt seine Kritik an der von ihm so bezeichneten „woken Ideologie“ aus. Diese greife zentrale Grundlagen wie Vernunft, Familie oder Naturrecht an und versuche, Menschen „halt- und orientierungslos zu machen“. Wer widerspreche, werde zum Feind erklärt, „der ausgemerzt werden muß“. An dieser Stelle zieht Msgr. Schneider eine direkte Parallele zu seinen eigenen Erfahrungen in der Sowjetunion. Dort seien Andersdenkende als „Volksfeinde“ gebrandmarkt worden – heute erkenne er ähnliche Muster im Begriff „Hate Speech“: „Sehen Sie, wie frappierend ähnlich das ist?“ Daraus leitet er die Dringlichkeit seines Aufrufs ab: Es gehe um einen historischen Moment, in dem „neokommunistische Kräfte dabei sind, diese [die wirklichen, aus dem Christentum herrührenden Werte Europas] zu zerstören“. Deshalb müsse eine breite Bewegung entstehen, „die die Gesellschaft erfaßt und zum Widerstand gegen diese Zerstörung anleitet“.
Ein zentrales Feld dieser Auseinandersetzung sieht Msgr. Schneider in der Frage von Ehe und Familie. Den Begriff „traditionelle Ehe“ weist er zurück: „Es gibt keine traditionelle, sondern nur ‚die‘ Ehe, die natürliche Ehe.“ Diese sei kein kulturelles Konstrukt, sondern „ein Faktum, eine Evidenz des gesunden Menschenverstandes“ und von Gott geschaffen. Als Verbindung von Mann und Frau bilde sie das Fundament von Gesellschaft und Zivilisation: „Darauf haben wir unsere Zivilisation gebaut“. Ihre Schwächung führe dazu, daß junge Menschen „keinen Halt mehr“ hätten und dadurch anfälliger für ideologische Einflüsse würden.
Neben ideologischen Gefahren warnt Schneider auch vor einer entmenschlichenden Moderne. In der „Massengesellschaft“ drohe der Mensch „als Stück oder Sache betrachtet zu werden“, insbesondere in technisierten Bereichen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen. Dort fehle oft die „wahre menschliche Wärme“, die Teil des christlichen Erbes ist.
Einen breiten Raum nimmt seine Kritik an der Bundesrepublik Deutschland ein – sowohl an den Medien als auch an der Kirche dieses Staates. Die öffentlich-rechtlichen Medien erinnerten ihn „mehr und mehr an die Staatsmedien in der Sowjetunion“, insbesondere in ihrer Loyalität gegenüber der Regierung. Noch schärfer urteilt er über die katholische Kirche in der BRD: Diese sei „völlig gleichgeschaltet … mit dem Zeitgeist“ und habe „das eigentlich Christliche und Katholische verraten“. In zugespitzter Form spricht er davon, sie sei „zur feigen – ich betone: zur feigen! – Kollaborateurin der linken Ideologie geworden“. Diese Entwicklung werde, so seine Prognose, als „große Schande“ in die Geschichte eingehen.
Zustimmung äußert Schneider hingegen zu Äußerungen von Papst Leo XIV., der vor einer „Orwell“-artigen Sprache gewarnt habe. Dies bestärke ihn in seinem Aufruf, „eine Allianz zur Rettung der Freiheit Europas zu bilden“.
Sehr kritisch äußerte sich der Bischof auch zur Migration. Diese beschreibt Msgr. Schneider nicht primär als Folge von Krisen, sondern als gezielte Strategie: als „eine orchestrierte politische Aktion“ mit dem Ziel, „die abendländische Identität … zu verdrängen“. Migration sei „auch ein Instrument zur Unterwanderung Europas und zur Marginalisierung des Christentums“. Damit verbunden sieht er das Projekt, eine neue „woke Kultur“ und eine veränderte Bevölkerungsstruktur zu schaffen.
Trotz der Schärfe seiner Diagnose endet Msgr. Schneider keineswegs resignativ, sondern mit einem Aufruf zur Hoffnung und zum Handeln. Der Christ schöpfe Zuversicht aus der Osterbotschaft selbst. Die zentrale Forderung von Bischof Schneider ist dabei eindeutig: Europa müsse sich seiner christlichen Wurzeln bewußt werden und aktiv werden, denn „wir müssen … eine neue Bewegung schaffen … um Europa zu retten“.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: JF (Screenshot)
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