Pontifikate und die „Zeiten“

"Heiligkeit, bewegen Sie uns mit einem Lehramt, das uns die Hoffnung auf das ewige Leben zurückgibt"


Der ehemalige Präsident der Vatikanbank, der Finanzethiker Ettore Gotti Tedeschi, wendet sich mit einem offenen Brief an Papst Leo XIV.
Der ehemalige Präsident der Vatikanbank, der Finanzethiker Ettore Gotti Tedeschi, wendet sich mit einem offenen Brief an Papst Leo XIV.

Von Etto­re Got­ti Tedeschi*

Ich hege die Hoff­nung, daß Papst Leo XIV. die Welt mit einem geist­li­chen Lehr­amt für die­se Zeit zu bewe­gen ver­mag … viel­leicht sogar als vor­ran­gig gegen­über dem „Syn­oda­lis­mus“. Doch dies ist kei­ne Anre­gung, son­dern ein per­sön­li­cher Traum.

Ich geste­he, daß ich seit eini­ger Zeit begon­nen habe, Angst zu emp­fin­den. Angst vor dem, was gesche­hen wird, wenn wir nicht bald wie­der aner­ken­nen, daß die Emp­feh­lun­gen der Pasto­ral­kon­sti­tu­ti­on über die Kir­che in der Welt von heu­te – Gau­di­um et Spes (Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil) – wesent­lich sind. Sie lehrt, daß die Abkehr vom Glau­bens­le­ben „den Men­schen ver­min­dert“, da sie ihn dar­an hin­dert, zu sei­ner eige­nen Fül­le zu gelan­gen. Ist uns das wirk­lich entgangen?

Nach den Erfah­run­gen, die die gesam­te Welt in den ver­gan­ge­nen fünf­zig Jah­ren gemacht hat, und ange­sichts der erziel­ten Ergeb­nis­se, ist dies mei­nes Erach­tens die Schlüs­sel­re­fle­xi­on, die ein Lehr­amt lei­sten müß­te. Viel­leicht beglei­tet von eini­gen Mah­nun­gen, die jene Über­zeu­gung rela­ti­vie­ren, wir sei­en „ohne­hin alle geret­tet“ allein durch die Ver­dien­ste des Herrn – und nicht auch durch die unse­ren. Die­se Über­zeu­gung, zusam­men mit der Erkennt­nis, daß das Böse zu tun offen­bar mehr ein­bringt als das Gute, und da wir ja bereits alle geret­tet sei­en, kann die Fra­ge ver­stär­ken: War­um soll­ten wir über­haupt noch das Gute tun?

Doch damit nicht genug. Das Risi­ko eines Ver­falls des mensch­li­chen Ver­hal­tens, bis hin zu jener heu­te erreich­ten „mora­li­schen Indif­fe­renz“, beun­ru­higt inzwi­schen sogar die glo­ba­le Macht. Wir soll­ten uns daher nicht wun­dern, wenn uns eines Tages eine Lösung in Form einer „Moral–KI“ oder eines „tech­no­lo­gi­schen Glau­bens“ – wie man es bereits nennt – auf­ge­zwun­gen wür­de, als Ant­wort auf das offen­kun­di­ge Bedürf­nis nach „mora­li­schem“ Ver­hal­ten. Ein wei­te­rer Reset also, dies­mal ein end­gül­ti­ger?
Des­halb ist es not­wen­dig, das Lehr­amt auszuüben.

Jede Epo­che bedarf eines eige­nen Lehramts.

In jeder histo­ri­schen Epo­che erwar­te­te man von der mora­li­schen Auto­ri­tät stets eine lehr­amt­li­che Ori­en­tie­rung, die „in der Zeit“ war – also nicht abstrakt –, zugleich aber auch „über der Zeit“ stand, da sie auf ewi­ge Wahr­hei­ten ver­wies. Wenn jedoch „in der Zeit sein“ für man­che bedeu­tet, sich auf das „Rea­le“ zu bezie­hen, so soll­ten sie beden­ken, daß die­ses „Rea­le“ vom Men­schen gemacht ist – mit all sei­nen Gren­zen und Schwä­chen, um das Wort „Sün­de“ gar nicht erst zu bemü­hen, o weh …
Wie kann also das Rea­le zum Bezugs­punkt der Pasto­ral werden?

Wir erle­ben heu­te die Fol­gen des Schei­terns jener nie­mals ein­ge­lö­sten Ver­spre­chen einer „neu­en mensch­li­chen Ord­nung“, her­vor­ge­bracht durch einen schlecht geführ­ten Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zeß. Zugleich erle­ben wir aber auch die Fol­gen eines Lehr­amts, das sich auf die zu lösen­den Effek­te kon­zen­trier­te und nicht auf deren zu erken­nen­de Ursa­chen (im ari­sto­te­li­schen und tho­mi­sti­schen Sinn). Die Effek­te erwie­sen sich als ent­täu­schend, wäh­rend sich die Ursa­chen wei­ter verschärften.

Wir hör­ten – und hören noch immer – Lösungs­vor­schlä­ge, die auf den Wech­sel von Instru­men­ten und Struk­tu­ren abzie­len, statt auf die Ver­än­de­rung der Her­zen der Men­schen, wie Bene­dikt XVI. es lehr­te. Auch hier­in blieb er ungehört.

Ein kur­zer Hin­weis auf Kir­che und Wirt­schaft kann zur Klä­rung beitragen.

Bis vor etwa zwan­zig Jah­ren soll­te und woll­te sich die Kir­che nicht mit Wirt­schaft befas­sen, son­dern viel­mehr aus­schließ­lich mit Moral – selbst­ver­ständ­lich mit per­sön­li­cher Moral. Dann jedoch, vor bald drei­zehn Jah­ren, schien sich die Kir­che (auf merk­wür­di­ge Wei­se) fast aus­schließ­lich mit Wirt­schaft zu beschäf­ti­gen – und zugleich auf ver­wir­ren­de Wei­se mit Moral. Mit­un­ter schien es sogar, als wol­le sie nicht kor­ri­gie­rend ein­grei­fen, son­dern viel­mehr die auf Effek­te statt auf Ursa­chen aus­ge­rich­te­ten Ent­schei­dun­gen zur Bewäl­ti­gung wirt­schaft­li­cher Kri­sen unterstützen.

Nach mei­nem per­sön­li­chen Ein­druck führ­te dies letzt­lich auch zu einer all­ge­mei­nen Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem mora­li­schen The­ma. Und Gleich­gül­tig­keit kann womög­lich noch schlim­mer sein als Atheismus.

Die Her­aus­for­de­run­gen für Papst Leo XIV.

Die Her­aus­for­de­run­gen, denen sich Papst Leo stel­len muß, sind daher groß und von ent­schei­den­der Bedeu­tung für unse­re gesam­te Zivi­li­sa­ti­on, die auf Ori­en­tie­rung war­tet. Kürz­lich hat ein mäch­ti­ger Akteur der Welt ein­ge­räumt, daß man ohne Wer­te nicht regie­ren kann. Doch bereits zuvor hat­te Bene­dikt XVI. in Cari­tas in Veri­ta­te die Aus­wir­kun­gen des Nihi­lis­mus auf das mensch­li­che Ver­hal­ten erklärt – in sei­ner Logik wie in sei­nen Konsequenzen.

Der Mensch ohne Wer­te ver­liert die Kon­trol­le über die hoch­ent­wickel­ten Instru­men­te, die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen, wel­che sich dadurch eine eige­ne mora­li­sche Auto­no­mie aneig­nen. Kön­nen sie das?

Ich träu­me davon, daß Papst Leo uns bald mit einem Lehr­amt über die­se Refe­renz­wer­te, die nicht ver­han­del­ba­ren, bewegt – begin­nend viel­leicht mit der Hei­lig­keit des mensch­li­chen Lebens (ein wenig hei­li­ger als die Erde …), und zugleich die prak­ti­schen, rea­len Kon­se­quen­zen der „Indif­fe­renz“ gegen­über die­sem Wert aufzeigt.

Heu­te scheint nur noch ein ein­zi­ges Dog­ma akzep­tiert zu sein: die Unmög­lich­keit, Wahr­heit zu erken­nen. Gera­de des­halb ist jetzt der Moment für die mora­li­sche Auto­ri­tät gekom­men, den Men­schen zu erklä­ren, daß mensch­li­che Idea­le nur durch das Stre­ben nach gött­li­chen Idea­len ver­wirk­licht wer­den kön­nen. Was könn­te die mora­li­sche Auto­ri­tät heu­te sonst tun ange­sichts einer Welt, die leer ist an Wer­ten und Idea­len, ent­täuscht, des­il­lu­sio­niert, ohne Sinn für das Leben, wenn nicht die Unent­behr­lich­keit der Ein­heit von Glau­ben und Wer­ken zu verkünden?

Schluß­fol­ge­rung

Die soge­nann­ten Zei­ten des gegen­wär­ti­gen Pon­ti­fi­kats unter­schei­den sich voll­stän­dig von den vor­her­ge­hen­den: Sie ste­hen im Zei­chen des Endes des geschei­ter­ten Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­ses, des Wan­dels der welt­wei­ten Füh­rung und des Zusam­men­bruchs des mora­li­schen Sinns. Die­se Zei­ten ver­lan­gen nach einem neu­en, „bewe­gen­den“ Lehr­amt, das nur ein hei­li­ger Papst geben kann.

Hei­lig­keit, bewe­gen Sie uns mit einem Lehr­amt, das uns die Hoff­nung auf das ewi­ge Leben zurück­gibt. Dann wer­den „auch die Alten wie­der träu­men“, wie in der Pro­phe­zei­ung Joëls (Apg 2,17).

*Etto­re Got­ti Tede­schi, Finanz­ethi­ker, von 2009–2012 Prä­si­dent der Vatik­an­bank IOR

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati​can​.va (Screen­shot)

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