Vatikanische Vermittlungsversuche für Maduro – und ihr Scheitern

Parolin, Rußland, Washington und die dramatischen Konsequenzen eines weltpolitischen Ausnahmefalls


Venezuelas Staatspräsident Nicolás Maduro bei seinem Staatsbesuch im Juni 2013 bei Papst Franziskus im Vatikan
Venezuelas Staatspräsident Nicolás Maduro bei seinem Staatsbesuch im Juni 2013 bei Papst Franziskus im Vatikan

Die dra­ma­ti­sche Ent­füh­rung des vene­zo­la­ni­schen Prä­si­den­ten Nicolás Madu­ro Anfang Janu­ar 2026 durch US‑Spezialkräfte hat nicht nur die poli­ti­sche Welt­büh­ne erschüt­tert, son­dern auch inter­ne diplo­ma­ti­sche Manö­ver inter­na­tio­na­ler Akteu­re ans Licht gebracht, die bis­lang weit­ge­hend unbe­kannt waren. Vor­weg: Die USA spre­chen von „Fest­nah­me“, aller­dings agier­ten die US-Spe­zi­al­kräf­te in einem frem­den Staat unter Ver­let­zung des gel­ten­den Rechts. Wie die Washing­ton Post am 9. Janu­ar 2026 ent­hüll­te, war der Hei­li­ge Stuhl bis zuletzt aktiv bemüht, eine Eska­la­ti­on und eine mili­tä­ri­sche Gefan­gen­nah­me zu ver­hin­dern – auch durch einen kon­kre­ten Ver­mitt­lungs­ver­such von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Parolin.

Eilgespräche am Heiligen Abend

Nach Anga­ben der Washing­ton Post berief Kar­di­nal Paro­lin am 24. Dezem­ber 2025 – ohne media­le Vor­ankün­di­gung – ein außer­ge­wöhn­li­ches Tref­fen mit dem US‑Botschafter beim Hei­li­gen Stuhl, Bri­an Bur­ch, ein. Ziel war es, Klar­heit über die Absich­ten der USA gegen­über Vene­zue­la zu erhal­ten, gera­de ange­sichts wach­sen­der inter­na­tio­na­ler Span­nun­gen. Paro­lin habe gefragt, ob sich Washing­ton aus­schließ­lich gegen den Dro­gen­han­del rich­ten wol­le oder ob ein Regime­wech­sel ange­strebt wer­de. Dabei habe der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär, so die US-Zei­tung, ein­ge­räumt, daß Madu­ro gehen müs­se. Gleich­zei­tig such­te der Chef­di­plo­mat des Pap­stes nach einem Aus­weg für den vene­zo­la­ni­schen Prä­si­den­ten, um Gewalt zu ver­mei­den. Kar­di­nal Paro­lin habe mehr­fach ver­sucht, Zugang zum US‑Außenminister Mar­co Rubio zu erhal­ten, und dabei auf ein Ange­bot Ruß­lands ver­wie­sen, das Madu­ro Asyl gewäh­ren woll­te. Die Zei­tung zitiert eine mit dem Vor­gang ver­trau­te Quel­le: „Was ihm ange­bo­ten wur­de, war zu gehen und sein Geld genie­ßen zu kön­nen. Teil davon war, daß Putin sei­ne Sicher­heit garan­tie­ren wür­de.“ Nicht nur nach dem ira­ni­schen und ukrai­ni­schen Kon­flikt zählt Ruß­land auch in Latein­ame­ri­ka zu einem gewich­ti­gen Akteur, zumal Vene­zue­la Mos­kaus wich­tig­ster Ver­bün­de­ter in der Regi­on war: Über Jah­re kauf­te Cara­cas mili­tä­ri­sche Aus­rü­stung, erhielt Kre­di­te und koope­rier­te im Ener­gie­sek­tor, was Washing­ton beargwöhnte.

Ein geplatzter Plan – und die militärische Eskalation

Trotz die­ser diplo­ma­ti­schen Manö­ver kam es am 3. Janu­ar 2026 zur groß ange­leg­ten US‑Militäroperation Abso­lu­te Resol­ve, bei der Madu­ro und sei­ne Frau ent­führt und nach New York gebracht wur­den, um sich dort wegen Dro­gen­han­del und ande­ren schwe­ren Vor­wür­fen vor einem US-Gericht zu ver­ant­wor­ten. Berich­ten zufol­ge kamen bei dem Angriff etwa 75 Men­schen ums Leben – dar­un­ter Sicher­heits­kräf­te Vene­zue­las, wahr­schein­lich auch kuba­ni­sche Sicher­heits­kräf­te und Zivi­li­sten. Inter­na­tio­na­le Rechts­exper­ten wie Pro­fes­sor Marc Wel­ler (Chat­ham Hou­se) argu­men­tie­ren, daß eine sol­che mili­tä­ri­sche Gefan­gen­nah­me ohne Man­dat des UN‑Sicherheitsrats klar gegen das Völ­ker­recht ver­stößt und als Ver­let­zung der vene­zo­la­ni­schen Sou­ve­rä­ni­tät zu wer­ten ist.

Vatikanische Reaktion zwischen Diplomatie und Distanz

Auf die Ent­hül­lun­gen der Washing­ton Post reagier­te der Vati­kan zöger­lich. Das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt beklag­te, daß ver­trau­li­che Gesprächs­in­hal­te unge­nau wie­der­ge­ge­ben wor­den sei­en – eine defen­si­ve Hal­tung. Tat­säch­lich zeich­net das Bild des Hei­li­gen Stuhls einen Akteur, der immer wie­der auf Dia­log und Gewalt­ver­mei­dung setz­te: Papst Leo XIV. hat­te im Novem­ber 2025 vor einer mili­tä­ri­schen Lösung gewarnt und erklärt: „Ich glau­be, daß Gewalt nie­mals zum Sieg führt. Der Schlüs­sel ist, den Dia­log zu suchen.“

Maduro vor US‑Gericht – Forderung nach internationaler Rechtmäßigkeit

In New York plä­dier­te Madu­ro bei sei­ner ersten Anhö­rung am 5. Janu­ar 2026 auf nicht schul­dig und beton­te, er sei unschul­dig und „ein anstän­di­ger Mann, Prä­si­dent sei­nes Lan­des“. Sei­ne Ver­tei­di­gung kün­dig­te an, die Recht­mä­ßig­keit der „Fest­nah­me“ anzu­fech­ten – mit dem Argu­ment, ein amtie­ren­der Staats­chef genie­ße Immu­ni­tät und dür­fe nicht auf frem­dem Staats­ge­biet fest­ge­hal­ten und ange­klagt wer­den. Madu­ros Ehe­frau Cilia Flo­res, eben­falls ange­klagt, plä­dier­te eben­falls auf nicht schuldig.

Katholische Stimmen im venezolanischen Kontext

Die Orts­kir­che mel­de­te sich zu Wort. Nach der Eska­la­ti­on rie­fen vene­zo­la­ni­sche Bischö­fe zu Frie­den, Ein­heit und Gebet auf und warn­ten vor wei­te­rer Gewalt durch para­mi­li­tä­ri­sche Grup­pie­run­gen, die in der Kri­se wei­ter­hin aktiv sind. Ver­tre­ter der Kir­che beton­ten, daß die katho­li­sche Gemein­schaft eine zen­tra­le Rol­le bei der Sta­bi­li­sie­rung des Lan­des spie­len müsse.

Die Ent­hül­lun­gen über vati­ka­ni­sche Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen im Vor­feld der US‑Militäroperation gegen Madu­ro zei­gen eine Welt­po­li­tik im Aus­nah­me­zu­stand: Ein Papst­tum, das Ver­mitt­ler sein will, trifft auf poli­ti­sche Akteu­re, die auf mili­tä­ri­sche Stär­ke und Gewalt set­zen und tra­di­tio­nel­le Prin­zi­pi­en des Völ­ker­rechts und der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät mißachten.

Die Ent­hül­lun­gen zei­gen, daß es schon Wochen vor der Mili­tär­ope­ra­ti­on hin­ter den Kulis­sen akti­ve diplo­ma­ti­sche Bemü­hun­gen gab, in die meh­re­re glo­ba­le Akteu­re ein­ge­bun­den waren. Es ist aus­ge­schlos­sen, daß die sozia­li­sti­sche Staats­füh­rung Vene­zue­las kei­ne Kennt­nis davon hatte. 

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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