Das verschwiegene „Nein“ der Slowenen zur Sterbehilfe

Ein Sieg der Kultur des Lebens gegen die Kultur des Todes


In einer Volksabstimmung haben die Slowenen "Nein" zum Selbstmord-Gesetz gesagt, das eine linke Parlamentsmehrheit beschlossen hatte
In einer Volksabstimmung haben die Slowenen "Nein" zum Selbstmord-Gesetz gesagt, das eine linke Parlamentsmehrheit beschlossen hatte

Von Giu­sep­pe Brienza*

Am 23. Novem­ber, am Rudolf-Mai­ster-Tag, einem Fei­er­tag, der sym­bo­lisch für die Ver­tei­di­gung der Sou­ve­rä­ni­tät und der natio­na­len Iden­ti­tät steht, hat die Mehr­heit der slo­we­ni­schen Bür­ger gegen das vom Par­la­ment zuvor ver­ab­schie­de­te Gesetz über die Ster­be­hil­fe (assi­stier­te Selbst­tö­tung) gestimmt. Die Nein-Stim­men erreich­ten 53,44 Pro­zent (369.513), die Ja-Stim­men 46,56 Pro­zent (321.937). Um das Gesetz aus­zu­he­beln, war ein Quo­rum von min­de­stens 20 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten erfor­der­lich sowie natür­lich eine Mehr­heit der Nein-Stim­men. Bei­de Zie­le wur­den mühe­los erreicht. Nun ist die Sache erle­digt, und um die Debat­te wie­der­zu­er­öff­nen, wer­den Jah­re oder viel­leicht Jahr­zehn­te ver­ge­hen müssen.

In der Kam­pa­gne für das „Nein“ konn­ten die Mit­te-rechts-Par­tei­en nicht nur auf die Unter­stüt­zung der katho­li­schen Kir­che zäh­len, son­dern auch auf jene der mei­sten Ortho­do­xen (2,4 Pro­zent, zumeist Ser­ben), Mus­li­me (2,5 Pro­zent, zumeist Bos­nia­ken), Pro­te­stan­ten (ein Pro­zent) und Juden (klei­ne Gemein­de), zu denen sich geschlos­sen auch die Ärz­te und das Gesund­heits­per­so­nal gesell­ten. Die­se beton­ten, gestützt von ihren jewei­li­gen Berufs­ver­bän­den, daß die Ster­be­hil­fe völ­lig im Wider­spruch zum Hip­po­kra­ti­schen Eid steht.

„Wir freu­en uns, daß sich das Bewußt­sein durch­ge­setzt hat, daß jedes Men­schen­le­ben wert­voll und unan­tast­bar ist und daß wir uns bemü­hen müs­sen, es als höch­sten Wert zu schüt­zen, unab­hän­gig von den Umstän­den“, kom­men­tier­te der Bischof von Novo Mesto (Rudolfs­werth), Msgr. Andrej Saje, Vor­sit­zen­der der Slo­we­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, der in einer Erklä­rung das Ergeb­nis des Refe­ren­dums „mit Dank­bar­keit“ aufnahm.

Die slo­we­ni­schen Wäh­ler haben beschlos­sen, das vom slo­we­ni­schen Par­la­ment im Juli ver­ab­schie­de­te Gesetz über das „Lebens­en­de“ abzu­leh­nen, das einem voll­jäh­ri­gen, ein­wil­li­gungs­fä­hi­gen Pati­en­ten das Recht ein­ge­räumt hät­te, sich im Fall „uner­träg­li­chen“ Lei­dens auf­grund einer „unheil­ba­ren Krank­heit oder ande­rer schwer­wie­gen­der dau­er­haf­ter Gesund­heits­pro­ble­me“ (nach Bestä­ti­gung durch zwei Ärz­te und einer Bera­tungs­pha­se) selbst zu töten.

„Die Refe­ren­dums­kam­pa­gne hat uns geeint“, erklär­te Msgr. Saje. „In den Gemein­den und Pfar­rei­en haben wir die Bedeu­tung exi­sten­ti­el­ler Fra­gen wie Krank­heit, Leid, Kran­ken­pfle­ge und Tod wie­der­ent­deckt. Es war wert­voll, gemein­sam und ver­eint in der Ver­tei­di­gung des Lebens zu han­deln.“ Von nun an jedoch, so der Bischof abschlie­ßend, „müs­sen wir uns mehr dar­um bemü­hen, qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Pal­lia­tiv­pfle­ge zu ent­wickeln und zugäng­lich zu machen“, um Men­schen am Lebens­en­de ver­ant­wort­lich und mensch­lich zu begleiten.

Nach der Ver­ab­schie­dung des Geset­zes über die Hil­fe beim frei­wil­li­gen Lebens­en­de (ZPPKŽ) durch die Natio­nal­ver­samm­lung am 18. Juli 2025 gab sich die Lebens­rechts­be­we­gung nicht geschla­gen. Sie orga­ni­sier­te ein Pro­mo­to­ren­ko­mi­tee, das in weni­gen Wochen mehr als 40.000 Unter­schrif­ten für die Ein­lei­tung der Volks­ab­stim­mung sam­mel­te und so das Gesetz blockier­te. Und es ist nicht das erste Mal, daß das slo­we­ni­sche Volk auf die Untä­tig­keit sei­ner poli­ti­schen Ver­tre­ter reagiert: Bereits im Dezem­ber 2015 hat­te es per Volks­ent­scheid das im März des­sel­ben Jah­res ver­ab­schie­de­te Gesetz abge­lehnt, das Homo-Paa­re der natür­li­chen Fami­lie gleich­ge­stellt hätte.

Unter den Befür­wor­tern des Refe­ren­dums gegen das Ster­be­hil­fe-Gesetz – gestützt auf Umfra­gen, die wie üblich einen siche­ren Sieg des „Ja“ pro­gno­sti­zier­ten – war die gesam­te pro­gres­si­ve Regie­rung unter Pre­mier­mi­ni­ster Robert Golob (im Amt seit 1. Juni 2022), dem Vor­sit­zen­den der grü­nen Par­tei Z.Dej, die in Bewe­gung Frei­heit (Giban­je Svo­bo­da, GS) umbe­nannt wur­de. Die GS hält seit 2022 die rela­ti­ve Mehr­heit im Par­la­ment, nach­dem sie bei den letz­ten Wah­len 41 der ins­ge­samt 90 Sit­ze errun­gen hat­te und eine Regie­rung dank der Koali­ti­on mit den Sozi­al­de­mo­kra­ten und der neo­kom­mu­ni­stisch-öko­so­zia­li­sti­schen Par­tei Die Lin­ke bil­den konnte.

Sie­ger des Urnen­gangs vom 23. Novem­ber ist die sou­ve­rä­ni­sti­sche Rech­te des ehe­ma­li­gen Mini­ster­prä­si­den­ten Janez Janša, der am Vor­abend der Volks­ab­stim­mung das „Gesetz über die Ver­gif­tung von Alten und Kran­ken“ als zyni­sche „Lösung für ein geschei­ter­tes öffent­li­ches Gesund­heits­sy­stem“ bezeich­net hat­te. Sein Auf­ruf: „Am Sonn­tag sind wir GEGEN die Kul­tur des Todes der Linken.“

Nach Ansicht von Dr. Mate­ja Lop­uh, Direk­to­rin des Zen­trums für inter­dis­zi­pli­nä­re Schmerz­the­ra­pie und Pal­lia­tiv­pfle­ge des All­ge­mei­nen Kran­ken­hau­ses von Jese­nice und natio­na­le Koor­di­na­to­rin für die Ent­wick­lung der Pal­lia­tiv­pfle­ge in der Repu­blik Slo­we­ni­en beim Gesund­heits­mi­ni­ste­ri­um, war das im Juli ver­ab­schie­de­te Gesetz nicht nur „schlecht geschrie­ben“, son­dern hät­te den Men­schen auch nicht so „gehol­fen“, wie es sich die Autoren gewünscht hät­ten (vgl. „Zdrav­ni­ca Mate­ja Lop­uh: ‘Zakon je slabo napi­san in lju­dem ne bo poma­gal tako, kot si želi­jo.’“, Inter­view von Andre­ja Barat, Iskre­ni, 16.11.2025).

Die Fach­ärz­tin, die seit einem Jahr­zehnt gemein­sam mit ihrem Team unheil­bar kran­ke Pati­en­ten in ihrem häus­li­chen Umfeld umfas­send betreut, gab nach einer „Woche in den Nie­der­lan­den, in der ich die Sui­zid­as­si­stenz aus näch­ster Nähe beob­ach­tet habe“, mit benei­dens­wert intel­lek­tu­el­ler Ehr­lich­keit zu: „Mir ist jeder Zwei­fel genom­men wor­den, daß die assi­stier­te Selbst­tö­tung eine gute Idee sein könn­te.“ Im Klar­text: Ich habe kei­ner­lei Zwei­fel mehr dar­an, daß Ster­be­hil­fe kei­ne gute Idee ist. Lop­uh wei­ter: „Die Men­schen ersticken oft, es ist nicht wie das Ein­schla­fen im Mär­chen von ‚Dorn­rös­chen‘. In der Pra­xis ist es über­haupt kein schö­ner Tod.

Slo­we­ni­en ist aus einem hal­ben Jahr­hun­dert rea­len Sozia­lis­mus (1945 bis 1991) her­vor­ge­gan­gen – es war eine sozia­li­sti­sche Repu­blik inner­halb Titos Jugo­sla­wi­ens. Slo­we­ni­en war die erste der jugo­sla­wi­schen Repu­bli­ken, die ein­sei­tig ihre Unab­hän­gig­keit erklär­te und nach einem kur­zen bewaff­ne­ten Kon­flikt, der als „Zehn-Tage-Krieg“ bekannt wur­de, die Los­lö­sung von Titos Föde­ra­ti­on voll­zog. 2004 trat es dann den wich­tig­sten euro-atlan­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen bei, von der NATO bis zur EU.

Die slo­we­ni­sche Bevöl­ke­rung hat sich seit meh­re­ren Jah­ren bei etwa zwei Mil­lio­nen sta­bi­li­siert und altert – im Ein­klang mit dem euro­päi­schen Trend – zuneh­mend, wobei sie gleich­zei­tig in jenen demo­gra­phi­schen „Win­ter“ fällt, der im gesam­ten Westen zu beob­ach­ten ist. Nur die über­wie­gend aus den benach­bar­ten Repu­bli­ken des ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en stam­men­de Migra­ti­on ermög­licht es der Repu­blik, den nega­ti­ven Gebur­ten­trend auszugleichen.

*Giu­sep­pe Bri­en­za, Jour­na­list, und Publi­zist, Stu­di­um der Poli­tik­wis­sen­schaf­ten an der Sapi­en­za in Rom, schreibt für Fides Catho­li­ca, Il Borg­he­se, Cor­ri­spon­den­za Roma­na, Il Cor­rie­re del Sud, Autor meh­re­rer Bücher u. a. In der Rei­he „St. Peters­bur­ger Aben­de heu­te“:. „56 kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Pfei­le“ (2021), Vor­schlä­ge, Autoren, Ideen und Schlach­ten gegen geg­ne­ri­sche Kul­tu­ren (2025), aber auch Bio­gra­phien über Evi­ta Perón, Nel­son Man­de­la und ande­re mehr.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

1 Kommentar

  1. „Am 23. Novem­ber, am Rudolf-Mai­ster-Tag, einem Fei­er­tag, der sym­bo­lisch für die Ver­tei­di­gung der Sou­ve­rä­ni­tät und der natio­na­len Iden­ti­tät steht“

    Vor allem steht die­ser Tag für den Ver­rat eines hohen k. u. k. Offi­ziers, der sich der Gegen­sei­te anschloß und wei­te Tei­le der Stei­er­mark dem neu­en SHS-Staat ein­füg­te. Volks­ab­stim­mun­gen wur­den in Mar­burg, Cil­li und den ande­ren Städ­ten nicht durch­ge­führt. Da man in Kärn­ten sah, daß die Sie­ger­mäch­te kei­nen Fin­ger rüh­ren wür­den, griff man zur Selbst­hil­fe („Abwehr­kampf“, die­ser wur­de zwar mili­tä­risch nicht gewon­nen, erzwang aber die Volksabstimmung).

    Bei aller Sym­pa­thie für das selb­stän­di­ge, post­kom­mu­ni­sti­sche Slo­we­ni­en, aber den Rudolf-Mai­ster-Tag soll­te man ggf. überdenken.

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