Die Fakten sind bekannt, man kann sie aber nicht oft genug wiederholen, um an ihnen exemplarisch das Pontifikat von Franziskus zu dokumentieren, aber auch darauf zu beharren, daß es eine Lösung braucht und der Zeitpunkt durch den Papstwechsel gerade richtig ist. Wir dokumentieren daher die Stellungnahme von Julio Loredo von der Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum.
Traditionis custodes: Der Skandal und die Chance
Von Julio Loredo*
In der vergangenen Woche ist in Rom eine mediale Bombe geplatzt. Die Vatikanexpertin Diane Montagna hat amtliche Dokumente veröffentlicht, die belegen, daß das Motu Proprio Traditionis custodes von Papst Franziskus – jenes Schreiben, das die traditionelle Messe stark einschränkte – auf einer Unwahrheit beruht. Damit steht die Kirchenleitung vor einem ernsten Dilemma: Wird man an dem Irrtum festhalten oder den Versuch unternehmen, ihn zu korrigieren?
Sicher wissen Sie es bereits: In der vergangenen Woche brach in Rom ein regelrechter Mediensturm los. Die bekannte Vatikanjournalistin Diane Montagna machte Schreiben der Glaubenskongregation öffentlich, die nachweisen, daß das Motu Proprio Traditionis custodes – das die sogenannte Alte Messe bis hin zu deren Verbot einschränkte – auf einer Falschaussage basiert. Der Direktor des vatikanischen Presseamtes Matteo Bruni bestritt die Echtheit der von Montagna vorgelegten Dokumente nicht. Er erklärte lediglich: „Es gibt noch andere.“ Damit steht der Vatikan nun vor einer entscheidenden Frage: Wird man an diesem Mißverständnis festhalten oder sich um eine Berichtigung bemühen?
Erlauben Sie mir, Ihr Gedächtnis kurz aufzufrischen: Sie erinnern sich vermutlich an das Motu Proprio Traditionis custodes von Papst Franziskus aus dem Jahre 2021. Mit diesem Dokument schlug Papst Bergoglio einen radikal anderen Kurs ein als seine beiden Vorgänger. Papst Johannes Paul II. hatte 1988 mit dem Motu Proprio Ecclesia Dei festgestellt, daß die sogenannte Vetus-Ordo-Messe – also die überlieferte Form der römischen Liturgie – niemals abgeschafft worden war und daher legitim zelebriert werden dürfe. 2007 ging Papst Benedikt XVI. mit dem Motu Proprio Summorum Pontificum einen Schritt weiter: Er stellte die Zelebration dieser liturgischen Form ausdrücklich unter seinen Schutz und erlaubte ihre freie Ausübung. Papst Franziskus hingegen begegnete diesem Ritus mit offener Ablehnung und unternahm alles, um ihn einzuschränken – bis hin zum Versuch, ihn vollständig zu unterdrücken. Damit delegitimierte er de facto die Linie seiner beiden Vorgänger.
Bei der Veröffentlichung von Traditionis custodes begründete Franziskus sein Vorgehen damit, daß die Mehrheit der weltweit befragten Bischöfe der traditionellen Liturgie ablehnend gegenüberstehe und sich über deren Ausbreitung besorgt zeige. In dem Begleitbrief erklärte er, ich zitiere: „Die Konsultation der Bischöfe hat eine Situation zutage gefördert, die mich beunruhigt und betrübt und mich von der Notwendigkeit eines Eingreifens überzeugt hat.“ Und weiter: „Ich sehe mich gezwungen, unter dem Druck der Bitten der Bischöfe zu handeln.“
Nun aber ist eine gänzlich andere Wahrheit ans Licht gekommen – nämlich das genaue Gegenteil dessen, was Papst Franziskus behauptet hatte. Die von Diane Montagna veröffentlichten amtlichen Dokumente belegen eindeutig, daß die Mehrheit der Bischöfe weltweit eine Rücknahme des Summorum Pontificum als schädlich für die Kirche betrachtete. Montagna schreibt, diese Dokumente „widersprechen direkt der Begründung, die zur Einführung von Traditionis custodes angegeben wurde, und werfen ernste Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit auf“. Laut der Journalistin äußerte sich die Mehrheit der Bischöfe zufrieden mit dem Motu Proprio von Papst Benedikt.
Konkret, so Montagna – ich zitiere –, „ignorierte Traditionis custodes einen wichtigen Punkt, der von der Mehrheit der Bischöfe betont wurde: nämlich, daß viele junge Menschen, die sich bekehren, gerade durch diese ältere Form der Liturgie zur katholischen Kirche finden“. Im Gegensatz zu Papst Franziskus, der behauptete, die Spannungen innerhalb der Kirche gingen von traditionell gesinnten Kreisen aus, zeigen die Dokumente der Glaubenskongregation, daß diese Spannungen vielmehr von progressiven Minderheiten herrühren. Die meisten Bischöfe weltweit waren mit der Anwendung von Summorum Pontificum zufrieden.
Der Bericht der Glaubenskongregation warnte ausdrücklich – Zitat:
„Eine Schwächung oder Abschaffung von Summorum Pontificum würde dem kirchlichen Leben schweren Schaden zufügen, da sie Spannungen wieder aufleben ließe, die durch dieses Dokument bereits überwunden worden waren.“ Ein weiterer Punkt aus den Rückmeldungen der Bischöfe: Die Zahl der Priesterberufungen sei gerade unter jungen Menschen, die sich vom alten Ritus angezogen fühlen, gestiegen. Eine Abschaffung der traditionellen Liturgie würde daher viele Priesterseminare leeren. In Übereinstimmung mit den Rückmeldungen der Bischöfe heißt es abschließend im Schreiben der Glaubenskongregation: „Die Bischöfe, die dieser Frage besondere Aufmerksamkeit schenken, erkennen in der alten liturgischen Form einen Schatz der Kirche, der bewahrt und geschützt werden muß. Sie ist ein Gut, um die Einheit mit der Vergangenheit wiederzufinden, um auf einem kohärenten Weg von Entwicklung und Fortschritt voranzuschreiten und um – soweit möglich – den legitimen Anliegen der Gläubigen zu entsprechen.“
All dies wurde von Papst Franziskus nicht nur übergangen, sondern geradezu ins Gegenteil verkehrt, um die Veröffentlichung von Traditionis custodes zu rechtfertigen. Dieses Vorgehen erscheint in diesem Licht nicht nur strategisch schädlich, sondern – man darf es wohl sagen – auch moralisch fragwürdig. Die Beweggründe, die Franziskus zu einem derartigen Handeln bewogen haben könnten, lassen sich nicht mit Sicherheit erkennen, kommentiert der bekannte Kirchenrechtler Pater Gerald Murray. Es entspreche jedoch seinem Stil, Tatsachen zu schaffen und sich anschließend auf loyale Berater zu verlassen, die ihn unabhängig von der Meinung der Bischöfe unterstützen. Pater Murray, ein renommierter amerikanischer Kanonist, fragt:
„Was ist das für eine Synodalität, bei der man die Ergebnisse einer weltweiten Bischofskonsultation einfach unter den Teppich kehrt, wenn sie nicht den Vorstellungen des Papstes entsprechen?“
Dies, so Murray weiter, passe zur sogenannten Hermeneutik der Diskontinuität, wonach alles, was dem Zweiten Vatikanischen Konzil vorausgeht, unabhängig von Legitimität oder Nutzen als Hindernis verworfen werden solle.
Der katholische Intellektuelle Robert Royal, Direktor des bekannten Blogs The Catholic Thing, kommentiert dazu:
„Die von Montagna veröffentlichten Dokumente zeigen – entgegen der Behauptung von Papst Franziskus –, daß das Motu Proprio Summorum Pontificum ein großer Erfolg war. Nicht nur die Gläubigen, sondern auch eine wachsende Zahl von Bischöfen waren sehr zufrieden damit.“
Die entscheidende Frage lautet nun – wie der katholische Journalist Raymond Arroyo formuliert: „Wird Papst Leo XIV. eingreifen, um Gerechtigkeit und Einheit in der Kirche wiederherzustellen?“ Robert Royal meint, dies wäre eine ausgezeichnete Gelegenheit für den Papst, mehr Großherzigkeit gegenüber allen zu zeigen. Auch Antonino Cambria fragt in einem Beitrag für LifesiteNews – Zitat:
„Ist nicht jetzt der Moment gekommen, Traditionis Custodes aufzuheben, da es auf offenkundig falschen Annahmen beruht?“
*Julio Loredo ist Vorsitzender der italienischen Sektion der internationalen Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP) und Autor mehrerer Bücher, darunter eine Widerlegung der „Befreiungstheologie“ (2015) und jüngst zusammen mit José Antonio Ureta die beiden Bestseller: „Eine Büchse der Pandora. Der weltweite synodale Prozeß“ (2023) und „Der Dammbruch. Die Kapitulation von Fiducia Supplicans vor der Homosexuellen-Bewegung“ (2024).
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: AFTP.it
